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25 Jahre „Big Brother“

oder: Wie Reality-Shows das Fernsehen veränderten

Lothar Mikos

Der Reality-TV-Klassiker Big Brother markierte einen Wendepunkt in der globalen Fernsehgeschichte und etablierte zentrale Trends, die bis heute prägend sind. Das Format kombinierte erstmals Elemente verschiedener Genres zu einem hybriden Konzept, setzte Maßstäbe im internationalen Formathandel und entwickelte innovative Strategien für Marketing, Multiplattform-Auswertung und Markenbildung in der Aufmerksamkeitsökonomie. Big Brother wurde damit zum Vorbild für zahlreiche Reality- und Casting-Shows. Die Ausweitung von Sendern, Kanälen und Streamingplattformen führte zu einer Fragmentierung von Angebot und Publikum in einer zunehmend digitalen Medienlandschaft. Der Beitrag zeichnet die wichtigsten Entwicklungen nach und zeigt auf, wie das Format Fernsehen, Zuschauerverhalten und die Wertschöpfungskette der Medien nachhaltig verändert hat.

Online seit 22.07.2025: Link

Bis zum 1. März 2000 war die gemütliche deutsche Fernsehlandschaft noch in Ordnung, doch dann sorgte ein niederländisches Fernsehformat für Aufruhr. Es war die Geburtsstunde von Big Brother, von der Firma Endemol auf die deutschen Bildschirme und weitere Screens gebracht und bis heute nach Angaben der Banijay Group, die die internationalen Rechte an dem Format hält, in 62 Ländern auf der ganzen Welt zu sehen. Begleitet wurde dieser Urknall für Reality-Shows von öffentlichen Diskussionen, die das Ende von Moral und Menschenwürde einerseits und des Privatfernsehens sowieso gekommen sahen – wie auch in „tv diskurs“ berichtet wurde (vgl. Mikos 2000). Heute wird – teils anhaltend – über andere Formate diskutiert, die aber ebenso echte wie vermeintliche moralische Grenzen herausfordern, etwa Germany’s Next Topmodel, das Sommerhaus der Stars oder Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!.

Auch wenn im Jahr 2000 Big Brother keine lange Überlebenszeit prophezeit wurde, existiert das Format immer noch – sowohl in der Originalform mit „normalen Menschen“ als auch mit Prominenten als Promi Big Brother sowie in weiteren Variationen in anderen Ländern. Im Jahr 2025 lief in Deutschland die 15. Staffel, die Prominenten-Version erlebte im Jahr 2024 die 12. Staffel. Allerdings gab es einige Änderungen in der Struktur des Formats.

 

Erstes Beschnuppern der Kandidat:innen | Tag 1 Staffel 1 | Big Brother (Big Brother Deutschland, 30.01.2024)



Nachdem die Show in Deutschland gestartet war, ging sie noch im gleichen Jahr in Belgien, Großbritannien, Italien, Portugal, Schweden, der Schweiz und den USA auf Sendung. Später kamen auch Variationen hinzu, die mehrere Länder vereinten. In Indien gibt es sogar sechs verschiedene Ausgaben in sechs unterschiedlichen indischen Sprachgruppen.
 

Big Brother und die Folgen

An Big Brother lassen sich fünf Entwicklungen im Bereich des Fernsehens aufzeigen, die in den vergangenen 25 Jahren die globale Fernsehlandschaft nachhaltig geprägt haben:

  1. Das Format wurde zum Vorbild für zahlreiche weitere Reality-Shows und Casting-Formate (im Englischen „Talent-Shows“ genannt), die auch zwei Dekaden später aus dem Fernsehen und Streamingplattformen nicht mehr wegzudenken sind (vgl. Chalaby 2016).
  2. Mit diesem Boom an Reality-Shows erreichten die Wachstumsraten des globalen Formathandels zunächst ungeahnte Höhen (vgl. Havens 2006; Mikos 2021, Moran 2009).
  3. Der Handel löste eine neue Dynamik im Erwerb von IP- und Lizenzrechten aus, die zu zahlreichen Firmenübernahmen führte (vgl. Esser 2010).
  4. Big Brother hat bereits 2000 die heute übliche Multiscreen-Auswertung – die Verknüpfung von Fernsehen, Streaming, Social Media und Web-Anwendungen – sowie intensives Marketing, kombiniert mit zahlreichen Merchandising-Produkten, vorweggenommen. Die Wissenschaft bezeichnete dieses Zusammenwachsen von klassischen Massenmedien, Telekommunikation und Tech-Industrie lange Zeit mit dem Begriff der Medienkonvergenz (vgl. Sparviero et al. 2017).
  5. Die Ausweitung des Formathandels und die Dynamik im globalen Fernsehmarkt gingen mit einer Fragmentierung sowohl auf Angebotsseite als auch auf Seiten des Publikums einher.
     

Der Boom an Reality-Shows

Big Brother kann als Prototyp und Mutter aller Reality-Shows gesehen werden. Die Show war eines der ersten sogenannten Hybridformate. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie Elemente verschiedener Genres miteinander verbindet, sodass etwas Neues entsteht. Bei Big Brother waren und sind es Elemente verschiedener anderer Sendeformen, die kombiniert werden: Gameshow, Talkshow, Fernsehserie, Dokumentation. In einer der ersten Publikationen über Big Brother wurde das Format folgendermaßen definiert:

Das Format Big Brother ist eine nach den Darstellungsweisen und der Dramaturgie von Soap Operas inszenierte verhaltens- und persönlichkeitsorientierte Spielshow, die auf der Echtzeit-Inszenierung des Spieles Big Brother basiert. Im Rahmen des Spiels Big Brother finden weitere Spiele, gewissermaßen als Spiele im Spiel statt.“ (Mikos et al. 2000, S. 175)

Der Reiz für das Publikum lag und liegt noch immer in dieser Mischung, aus der sich die Zuschauenden ihre bevorzugten Elemente herausgreifen können.

Außerdem zielte die Show mit der Anlehnung an dokumentarische Konventionen auf die Inszenierung von Authentizität. Der Alltag der Kandidat*innen stand im Zentrum der Erzählung. Damit zog auch ein Element des Unberechenbaren in die Show ein. Für die Zuschauenden war es zudem wichtig, in Gesprächen mit Freund*innen und Familienangehörigen, die „Echtheit“ der Kandidat*innen diskutieren zu können. Gerade in der Rezeption spielt der Diskurs über Authentizität eine große Rolle – dieser Diskurs ist, wenn auch aufgrund anderer Erzählweisen und Gestaltungen, ebenso in der Rezeption von Serien relevant (vgl. Jensen/Jacobsen 2020).
 

Big Brother-Star Zlatko (2000) | SPIEGEL TV (DER SPIEGEL, 16.08.2019)



Hybride Erzählmuster

Das Muster der Hybridität wurde zu einem wesentlichen Merkmal von Reality-Shows. Bei einem Executive Board-Meeting des Leitungsteams von Endemol wies Gary Carter, damals Executive Director of Programme Affairs bei der Firma auf die Ergebnisse der deutschen Big Brother-Studie hin und leitete daraus die fünf goldenen Regeln des Reality-TV: 1) die Bedeutung des Storytelling, mit 2) Geschichten über die persönlichen Beziehungen der Kandidat*innen bzw. Teilnehmer*innen, 3) die auf Personalisierung und Emotionalisierung setzen, 4) die Bedeutung der Erzählerstimme aus dem Off, 5) eine ausgewogene Balance zwischen Narration und Wettbewerb (vgl. Mikos/Prommer 2001). Diese fünf Regeln gelten noch heute für erfolgreiche Reality-TV-Formate.
 

Globaler Fernsehmarkt

Mit dem Verkauf der Lizenzrechte an Big Brother gelang dem niederländischen Unternehmen Endemol der Einstieg in den globalen Fernsehmarkt. Die Show war eines der ersten Formate, das den internationalen Formathandel in neue Dimensionen hob. Für die Produzenten ging es fortan darum, neue Formate so zu gestalten, dass sie auf dem weltweiten Markt verwertbar waren und zu einer globalen Marke werden konnten – oder, wie es der Schweizer Kommunikationswissenschaftler Jean K. Chalaby (2023) ausdrückte: Formate und auch Serien sind Teil einer globalen Wertschöpfungskette für die Inhabenden der IP-Rechte bzw. Urheberrechte in der digitalen Ökonomie. Auch aufgrund dieser Rechte wechselten bei Endemol mehrfach die Besitzverhältnisse.
 

Marketing und Merchandising

Big Brother hat auch das Marketing für Fernsehformate in der Aufmerksamkeitsökonomie (Franck 1998) revolutioniert. In einer vielfältigen Fernsehlandschaft mit zahlreichen Sendern und Kanälen ist es entscheidend, Aufmerksamkeit für neue Formate zu generieren. Heute gelingt das nur noch durch zahlreiche Aktivitäten in sozialen Medien im Verbund mit YouTube und weiteren Streamingportalen wie Twitch. Der Start von Big Brother wurde zudem von einer umfangreichen Marketing- und Werbekampagne begleitet, die On-Air- und Off-Air-Promotion kombinierte – von der Plakat- und Printwerbung über Funkspots bis hin zu Gewinnspielen und zahlreichen Sonderwerbeformen.

Ebenso wichtig für den Erfolg des Formats waren die Lizenzen, die für Merchandising-Artikel vergeben wurden. Neben klassischen Produkten wie T-Shirts, Kaffeetassen und Kuscheldecken mit dem Big Brother-Logo, Zeitschriften und Büchern, PC-Spielen und Videos bzw. später DVDs und Blu-Rays setzte man konsequent auf die Vermarktung im Musikmarkt. So wurde der Titelsong jeder Staffel als Single veröffentlicht und einzelne Kandidat*innen konnten nach ihrem Auszug aus dem Haus ebenfalls Hitsingles landen. Mit dieser Strategie der Vermarktung von Showkandidat*innen auf dem professionellen Musikmarkt war Big Brother unter anderem auch Wegbereiter für den folgenden Boom an Casting- bzw. Talentshows wie Deutschland sucht den Superstar, Popstars und The Voice of Germany. Wer erinnert sich nicht an den Hit „Daylight in Your Eyes“ von den No Angels aus der ersten Popstars-Staffel im Jahr 2001?
 

Erstes Beschnuppern der Kandidat:innen | Tag 1 Staffel 1 | Big Brother (Reality Shows by SAT.1 & Joyn, 12.08.2019)



Auswertung auf mehreren Plattformen

Big Brother war zudem eines der ersten Formate im deutschen Fernsehen, das konsequent auf eine Auswertung über mehrere Plattformen setzte. Von Beginn an waren mehrere Fernsehsender involviert. In der ersten Staffel liefen die Tageszusammenfassungen auf RTL 2, während die Entscheidungsshows auf RTL gesendet wurden und so ein größeres Publikum erreichten. Dadurch konnte auch die Zahl der Teilnehmenden bei den Telefonvotings gesteigert werden, an denen sowohl die Sender als auch Endemol als Produktionsfirma verdienten. Ab der zweiten Staffel kam dann noch die 24-Stunden-Live-Übertragung aus dem Big Brother-Container auf einem digitalen Kanal hinzu – zunächst auf Single-TV, später auf Premiere und in der zehnten Staffel auf Sky. Außerdem konnte man das Geschehen rund um die Uhr im Livestream auf Clipfish verfolgen. In den letzten beiden Staffeln in den Jahren 2024 und 2025 waren die Streamingplattform Joyn sowie die Fernsehsender Sat.1 und Sixx beteiligt.
 

Fragmentierung von Angebot und Publikum

Auch wenn das Fernsehen angesichts der Erfolge von Streamingplattformen und der zunehmenden Nutzung der öffentlich-rechtlichen Mediatheken immer wieder totgesagt wird, ist es nach wie vor lebendig. Das zeigt sich am langlebigen Erfolg von Reality-TV-Formaten wie Big Brother, aber auch an langlaufenden Serien wie Großstadtrevier (37 Staffeln seit 1984) oder Gute Zeiten, Schlechte Zeiten (8.311 Folgen seit 1992 bis zum 11.7.2025) und vielen anderen.

Mit dem Eintritt der Streaminganbieter in den globalen Fernsehmarkt wurden die Produktionen weiter ausgebaut, da diese einen enormen Bedarf an Inhalten mitbrachten. Die Fragmentierung betrifft sowohl die Angebotsseite (Anzahl an Sendungen, Sender und Streamingportale) als auch die Zuschauenden, deren Gesamtzahl nicht zunimmt. Sie teilen ihre Zeit nur anders auf. Während also die Gesamtmenge des Publikums konstant bleibt, verteilen sich immer mehr Sender und Streamer mit immer mehr Filmen, Serien, Shows und Reality-TV auf immer weniger Zuschauende pro Sendung.

So sind sowohl die absoluten Zuschauerzahlen als auch die Marktanteile von Reality-Formaten wie Big Brother von Staffel zu Staffel zurückgegangen: Die Sendungen der 15. Staffel erreichten nur noch etwa 100.000 Zuschauende – verglichen mit bis zu 4,7 Mio. während der ersten Staffel ist das sehr gering. Daher wird es für Sender, Plattformen und Produktionsfirmen immer wichtiger, mit einfallsreichem Marketing die Aufmerksamkeit auf einzelne Formate zu lenken – und dieses Marketing muss in einer Multiscreen-Gesellschaft auf allen verfügbaren Wegen stattfinden, einschließlich der sozialen Medien.
 

Tag 13 in 8 Minuten: P*mmelkruse und Doppel-Exit | Promi Big Brother 2024 (Reality Shows by SAT.1 & Joyn, 20.10.2024)



Schlussbemerkungen

Betrachtet man die Entwicklung des Fernsehens in den letzten 25 Jahren, muss man konstatieren: Big Brother war in vielerlei Hinsicht innovativ – sowohl in Bezug auf das Format und das Genre Reality-TV als auch hinsichtlich des Marketings und der Gestaltung der Wertschöpfungskette. Kaum eine aktuelle Casting- oder Reality-Show kommt heute noch ohne die Verwertung auf mehreren Plattformen und die Verbindung mit anderen Medienformen aus. Das bietet Zuschauenden und Fans die Möglichkeit, „ihr“ Format überall zu finden.
 

Literatur:

Chalaby, J. K.: The Format Age. Television’s Entertainment Revolution. Cambridge und Malden, MA 2016

Chalaby, J. K.: Television in the Streaming Era. The Global Shift. Cambridge u. a 2023

Esser, A.: Formatiertes Fernsehen. Die Bedeutung von Formaten für Fernsehsender und Produktionsmärkte. In: Media Perspektiven 11, 2010, S. 502–514

Franck, G.: Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf. München 1998

Havens, T.: Global Television Marketplace. London 2006

Jensen, P.  M./Jacobsen, U.  C. (Hrsg.): The Global Audiences of Danish Television Drama. Göteborg 2020

Mikos, L.: Aufregung in Medialand oder: Wie Big Brother Politik, Medienaufsicht und Öffentlichkeit in Panik versetzte. In: tv diskurs, 3/2000 (Ausgabe 13), S 36–41

Mikos, L./Feise, P./Herzog, K./Prommer, E./Veihl, V.: Im Auge der Kamera. Das Fernsehereignis Big Brother. Berlin 2000

Mikos, L./Prommer, E.: Präsentation der deutschen Big Brother-Studie bei Endemol in Aalsmeer im September 2001

Mikos, L.: Transnational Television Culture. In: Shawn Shimpach (Hrsg.): The Routledge Companion to Global Television. New York/London 2021, S. 74–83

Moran, A. (Hrsg.): TV Formats Worldwide. Localizing Global Programs. Bristol/Chicago 2009

Sparviero, S./Peil, C./Balbi, G. (Hrsg.): Media Convergence and Deconvergence. Cham 2017