„ADHS ist in den sozialen Medien weniger eine medizinische Kategorie als eine bestimmte Art, Mensch zu sein“
Ihr Buch Alles auf einmal, und zwar jetzt! trägt den Untertitel ADHS: Individuelle Diagnosen, gesellschaftliche Folgen. Was hat Sie dazu bewegt, ADHS nicht nur medizinisch, sondern auch gesellschaftlich zu betrachten?
Ich hatte schon lange in meinem Leben bestimmte Auffälligkeiten, die zu dem passen, was man ADHS nennt. Seit zehn Jahren habe ich nun auch die Diagnose. In den vergangenen Jahren habe ich beobachtet, dass die Debatte rund um ADHS regelrecht explodiert ist und sich sehr viele Menschen darin wiedererkennen. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass eine bestimmte Sichtweise auf Hyperaktivität oder Aufmerksamkeitsschwierigkeiten überwiegt. Sie gießt das Ganze in eine sehr einengende Erzählung, in der ADHS vor allem als etwas sehr Persönliches erscheint – etwas, das manche Menschen eben haben und andere nicht. Ich fand diese Perspektive unvollständig.
Zudem habe ich in meinem Umfeld erlebt, dass immer mehr Menschen auf mich zukamen: „Theo, ich glaube, ich habe das auch. Du bist Psychologe und hast ADHS, können wir mal darüber sprechen? Ich bekomme gerade keinen Diagnostiktermin. Was meinst du: Könnte es das sein?“ Das alles hat mich motiviert, genauer hinzuschauen. Zunächst wurde daraus ein Artikel, am Ende ein ganzes Buch.
Sie sagen, dass sich plötzlich sehr viele angesprochen fühlen, ADHS zu haben oder es zumindest vermuten. Was meinen Sie, wenn Sie von einer „Doppelrolle der Diagnosekriterien“ sprechen?
Mit „Doppelrolle“ meine ich nicht nur ADHS, sondern psychiatrische Diagnosen insgesamt. Denn Diagnosen haben zwei Seiten. Auf der einen Seite können sie helfen, weil sie ein Muster anbieten und Zugang zu bestimmten Hilfsangeboten ermöglichen. In diesem Sinne sind Diagnosen durchaus begehrt – auch, weil sie eine Art Angebot für die eigene Identität darstellen können.
Auf der anderen Seite haben Diagnosen aber gesellschaftliche Folgen: Sie können stigmatisieren und funktionieren zugleich als bürokratisches Kontrollinstrument. Das heißt, ich kann dadurch einen erschwerten Zugang zu Ressourcen bekommen, etwa zur Berufsunfähigkeitsversicherung oder zur Verbeamtung. Zudem besteht die Gefahr der Überwachung: Im Januar 2025 forderte CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann beispielsweise ein Register für psychisch Kranke. Diagnosen können also reale Nachteile und gesellschaftliche Ausgrenzung nach sich ziehen.
Psychiatrische Diagnosen sind daher ambivalent und werden gesellschaftlich von zwei Seiten kritisiert. Die eine Kritik richtet sich gegen Pathologisierung. Ein Gedanke, der aus der klassischen Antipsychiatrie kommt: Menschen würden Diagnosen „übergestülpt“ und damit pathologisiert. Der andere Blickwinkel, der aus meiner Sicht in letzter Zeit stärker wird, ist das Gegenteil: dass bestimmte Gruppen bei der Diagnostik übersehen werden. Für sie ist es oft sehr schwierig, eine Diagnose und damit verbundene Hilfen zu bekommen. Beide Kritiklinien zeigen, wie komplex diese Doppelrolle ist.

Theo Parker: Alles auf einmal, und zwar jetzt! ADHS: Individuelle Diagnose, gesellschaftliche Folgen.
München 2025: C. H. Beck. 236 Seiten, 18,00 Euro (E-Book 15,99 Euro)
Sie beschreiben in Ihrem Buch sehr anschaulich, dass sich die Pathologisierung, also die Frage, wer überhaupt unter eine Diagnose fällt und wer nicht, über die Jahrzehnte verändert hat. Glauben Sie, dass sich der Umgang mit Stigmatisierung je nach Generation verändert hat? Also dass unterschiedliche Generationen anders darauf blicken?
Ja, ich habe das Gefühl, dass es einen Generationenwechsel gibt, auch innerhalb progressiver Bewegungen. Früher richtete sich die Kritik vor allem darauf, dass Menschen Labels übergeholfen bekommen. Damals standen außerdem andere psychiatrische Diagnosen im Vordergrund, etwa psychotische Störungen. Heute geht die Kritik eher in die Richtung, dass es sehr schwierig ist, eine Diagnose zu bekommen, oder dass Symptome nicht ernst genommen werden.
Sie nennen auch den Geschlechtereffekt. Können Sie erläutern, was damit bei ADHS gemeint ist?
Frauen und Mädchen wurden bei ADHS lange Zeit übersehen. Bereits im Schulalter ist es so, dass ein Junge und ein Mädchen mit ähnlicher Symptomatik unterschiedlich bewertet werden. Bei Jungen wird schneller angenommen, dass ADHS vorliegen könnte. Mädchen hören dagegen eher Sätze wie „Reiß dich zusammen“ oder „Benimm dich mal“. Es gibt einen höheren Anpassungsdruck für Mädchen, während Jungen eine größere Verhaltensspanne zugestanden wird. Das führt dazu, dass die Diagnosen im Kindesalter unausgewogen sind. Zurzeit holt sich jedoch eine große Zahl erwachsener Frauen eine Diagnose nach, und bei den Erwachsenendiagnosen nähert sich das Verhältnis zunehmend einem eins zu eins an. Ein möglicher Grund ist, dass sich ADHS-Auffälligkeiten bei Frauen teilweise anders äußern als bei Männern. Das muss nicht so sein, kann aber vorkommen. Oft wird beschrieben, dass bei Frauen das unaufmerksame Erscheinungsbild häufiger im Vordergrund steht, während bei Männern eher Hyperaktivität und Impulsivität auffällt. Dieses Muster findet sich auch bei anderen psychischen Auffälligkeiten: Männer neigen eher zu externalisierendem Verhalten, also zu Symptomen, die sich nach außen richten, etwa Substanzkonsum oder Aggressivität. Frauen zeigen häufiger Symptome, die nach innen gerichtet sind, beispielsweise Depressivität oder Angst. Das hängt auch mit sozialen Erwartungen zusammen, die an Frauen gestellt werden.
Bei Jungen wird schneller angenommen, dass ADHS vorliegen könnte. Mädchen hören dagegen eher Sätze wie „Reiß dich zusammen“ oder „Benimm dich mal“.
Die sozialen Medien bieten einen Raum, in dem Diagnosen oder Symptome geteilt und besprochen werden. Was genau hat Sie veranlasst, diesen Aspekt genauer zu betrachten?
Ich fand spannend, dass die Diagnosezahlen in Deutschland zwar steigen, aber nur moderat. Das sieht man, wenn man sich die offiziellen Diagnosen der Krankenkassen anschaut. In den Medien wirkt es jedoch ganz anders. Auf Social Media, aber auch in Print- und Onlineredaktionen scheint das Thema regelrecht zu explodieren. Es vergeht gefühlt kaum ein Tag, an dem nicht bei „Zeit“ oder „Spiegel“ ein neuer Beitrag über ADHS erscheint.
Für das Buch habe ich mich bei TikTok angemeldet und nach einigen Hashtags gesucht. Ich wurde sofort mit einer großen Menge an Inhalten überschwemmt. Ich hatte den Eindruck, dass hier ein Deutungsangebot entsteht, das weit über die medizinische Kerndiagnostik hinausgeht. ADHS erscheint auf Social Media weniger als medizinische Kategorie, sondern als eine bestimmte Art, Mensch zu sein, sich selbst zu verstehen und die eigene Umwelt zu deuten.
Aus dieser Perspektive kann nahezu alles ein Anzeichen von ADHS sein. Viele Videos tragen Titel wie „Zehn Merkmale, an denen du erkennst, dass du ADHS hast“, und die Beispiele sind oft sehr alltagsnah: Wäscheberge im Zimmer, chronisches Zuspätkommen, verlegte Schlüssel, nächtliche Snackattacken. Das sind Dinge, in denen sich viele wiederfinden. Dadurch entsteht ein großes Identifikationspotenzial. Ich denke, dass dies auch dazu beiträgt, dass die Spezialambulanzen für erwachsene ADHS-Betroffene und psychiatrische Praxen derzeit so überlaufen sind. Viele möchten das nun endlich abklären lassen. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass Schwierigkeiten, die oft strukturell bedingt sind – etwa im Studium, in der Ausbildung oder am Arbeitsplatz – zunehmend durch die „ADHS-Brille“ betrachtet werden. Man sucht die Erklärung dann eher in sich selbst als in äußeren Bedingungen.
Wie ist das zu verstehen?
Viele Menschen haben einen großen Leidensdruck. In meinen Interviews habe ich oft gehört: „Ich habe mich mein Leben lang dumm oder faul gefühlt. Irgendetwas stimmt nicht mit mir.“ Und dann bekommen sie die Diagnose und sagen zum ersten Mal: „Jetzt ergibt alles Sinn. Ich bin gar nicht blöd oder faul, das ist die ADHS.“ Eine Diagnose kann sehr entlastend wirken, weil sie das eigene Verhalten erklärt und den Selbstwert stärkt. Auf der anderen Seite frage ich mich, wie Menschen überhaupt zu dem Schluss kommen, dass mangelnde Leistung automatisch bedeutet, dumm oder faul zu sein, und dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Bei ADHS zeigt sich, wie sehr gesellschaftliche Verhältnisse eine Rolle spielen. Viele der offiziellen Symptome beziehen sich auf Aufgabenbewältigung und Arbeit. Dazu gehört zum Beispiel „schafft es nicht, lästige Pflichten am Arbeitsplatz zu vollenden“ oder „vermeidet oft Aufgaben, die längere geistige Anstrengung erfordern“. Es lohnt sich zu fragen: Welche Aufgaben sind das eigentlich? Und liegt es wirklich daran, dass Menschen ein „anderes Gehirn“ haben oder einen auffälligen Dopaminspiegel? Oder hängt es auch mit den Aufgaben selbst zusammen, die viele schlicht schwer zu bewältigen finden?
Bei Ihrer Recherche auf TikTok sind Ihnen sehr unterschiedliche, oft auch positive Umgangsformen und Deutungsangebote begegnet. Gleichzeitig finden Sie einiges auch problematisch.
Auf TikTok wird einem eine enorme Vielfalt präsentiert. Das reicht von selbstironischen, humorvollen Beiträgen bis hin zu fragwürdigem, teils schockierend schlechtem Trash-Content, in dem Nutzerinnen und Nutzer mit Nahrungsergänzungsmitteln und anderen Produkten geködert werden sollen. Man findet dort also die gesamte Bandbreite. Vieles wirkt auf mich durchaus sympathisch, weil Menschen ihre Schwierigkeiten in humorvolle Formen übersetzen. In den Kommentarspalten entsteht dann Austausch, was ich als eine erfrischende Neuerung empfinde.
Früher lief der Umgang mit psychischen Schwierigkeiten noch eher nach dem klassischen Modell: Man geht zu einer Psychiaterin oder einem Psychiater, zu einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten. Das sind überwiegend Eins-zu-eins-Formate. Natürlich gab es auch Selbsthilfegruppen oder Gruppentherapie, aber die dominierende Vorstellung war dennoch, dass man mit Fachleuten spricht und ansonsten auf sich gestellt ist.
Heute entsteht auf Social Media so etwas wie eine Community: Menschen tauschen sich aus, kommen auf Ideen, die im traditionellen medizinischen Setting kaum vorkommen, und teilen Techniken, die ihnen helfen – oft unabhängig von Medikamenten. Vieles davon ist nicht spezifisch für ADHS, aber der Einfallsreichtum ist bemerkenswert.
Es ist eine interessante Verschiebung der Machtverhältnisse: weg von reinen Fachperspektiven, hin zu Peer-to-Peer-Austausch, in dem sich Betroffene direkt begegnen und voneinander lernen.
Außerdem habe ich den Eindruck, dass ADHS in den sozialen Medien eine neue Bedeutung bekommen hat, die nicht deckungsgleich ist mit dem Verständnis von ADHS im psychiatrischen Versorgungssystem.
Wo geht das aus Ihrer Sicht in eine falsche Richtung?
Es gibt Dinge, die ich persönlich schwierig finde. Auf der einen Seite halte ich es für eine gute Entwicklung, dass Phänomene rund um psychische Gesundheit in den sozialen Medien diskutiert werden. Dadurch stehen die Themen breiteren Schichten zur Verfügung als noch vor einigen Jahrzehnten. Viele Menschen, die früher keinerlei Berührungspunkte hatten, bekommen heute Zugang dazu. Problematisch wird es, wenn dahinter ein Verkaufsangebot steht, etwa für Nahrungsergänzungsmittel oder andere Produkte. Sobald Influencerinnen und Influencer groß werden, möchten sie Produkte verkaufen. Dann sind sie darauf angewiesen, dass das Schlagwort, das sie bedienen – hier ADHS – möglichst viel Aufmerksamkeit erzeugt. Für Nutzende wird es dann oft schwer zu unterscheiden, ob jemand wirklich Hilfe anbieten möchte. Dafür braucht es viel Medienkompetenz.
Sind Ihnen neben der ganzen Lifestyle-Diagnostik auch seriöse Angebote begegnet? Also Personen, die als verlässliche Ansprechpartner:innen auftreten und tatsächlich unterstützen, etwa durch fundierte Informationen oder konkrete Anlaufstellen? Denn das grundsätzliche Problem bleibt ja bestehen: Es ist weiterhin schwierig, zeitnah einen Diagnostiktermin zu bekommen.
Es gibt inzwischen auch Psychologinnen und Psychiaterinnen, die erkannt haben, dass soziale Medien eine gute Möglichkeit bieten, Menschen zu erreichen. Viele Personen, die im psychiatrischen Versorgungssystem kaum berücksichtigt werden oder für die dieses Angebot schwer zugänglich ist, können sich dort austauschen. Deshalb können soziale Medien durchaus eine hilfreiche Informationsquelle sein. Man muss allerdings stark filtern, welche Inhalte hilfreich sein können und welche weniger.
Außerdem habe ich den Eindruck, dass ADHS in den sozialen Medien eine neue Bedeutung bekommen hat, die nicht deckungsgleich ist mit dem Verständnis von ADHS im psychiatrischen Versorgungssystem. Teilweise geht es dort um ganz andere Dinge, und die Diagnose wird, wenn man so will, weiterentwickelt oder um neue Aspekte ergänzt. Das ist auch der Hintergrund für meinen Begriff „Fanfiction“, den ich auf die Diagnose anwende.
Erklären Sie das gern.
Fanfiction ist ursprünglich ein Begriff aus dem Bereich von Roman- oder Filmfan-Kulturen. Fans schreiben zusätzliche Geschichten, die im Original nicht vorkommen. Bei Harry Potter wäre das zum Beispiel eine kleine Romanze zwischen Harry und Draco, die sich jemand ausdenkt und weiterschreibt. Einen ähnlichen Erfindungsreichtum sehe ich im Social-Media-Kosmos rund um psychische Gesundheit. Menschen bekommen gesellschaftlich bestimmte Diagnosen angeboten und machen dann etwas Eigenes daraus. Sie sehen sich nicht nur in den bestehenden Kategorien, sondern nutzen ihre Handlungsspielräume, um diese zu erweitern und neue Aspekte hinzuzufügen. Das finde ich sehr interessant.
Gibt es hier eine Wechselwirkung? Müssen die Diagnosekriterien womöglich überarbeitet werden, weil so viel Input von außen kommt oder geht es eher darum, die bestehenden Kriterien noch deutlicher abzugrenzen?
Ich lese einerseits die wissenschaftlichen Publikationen zum Thema und andererseits das, was in den sozialen Medien passiert. Dabei habe ich den Eindruck, dass erste Begriffe aus der Community in den akademischen Bereich überschwappen. Forschende beginnen sich zunehmend mit Phänomenen zu beschäftigen, die zuerst von Betroffenen selbst beschrieben wurden.
Welche wären das zum Beispiel?
Ein Beispiel ist Stimming, also repetitive Bewegungsmuster, mit dem man sich bei Überreizung wieder herunterregulieren kann – etwa das Kneten der Hände oder Schnalzgeräusche. Diesen Begriff nutzten ursprünglich Menschen mit Autismus, später auch jene mit ADHS – inzwischen gibt es die ersten akademischen Papers, die diese Selbstbeschreibung aufgreifen.
Das Phänomen gehört nicht zu den offiziellen Diagnosekriterien, wird aber im Umfeld der Community intensiv diskutiert . Außerdem tauscht man sich aus über Strategien, um im Alltag besser zurechtzukommen. Ein bekanntes Beispiel ist Body Doubling: Wenn eine schwierige Aufgabe ansteht, holt man sich eine Freundin oder einen Freund oder einfach eine Person dazu, die im Raum anwesend ist. Viele berichten, dass ihnen das enorm hilft, obwohl es nicht aus dem klassischen therapeutischen Kontext stammt.
Auch nach mehreren Jahrzehnten haben Forschende noch keine einzige Besonderheit im Gehirn gefunden, anhand derer man eine ADHS identifizieren könnte.
Neulich bin ich über eine Schlagzeile gestolpert, in der stand, dass Paris Hilton ADHS hat und ihr Zuhause „ADHS-freundlich“ gestaltet habe.
Dazu liefert Paris Hilton gleich eine neue Webserie: „Inclusive by Design“. Ihr ADHS-Coming-out hatte sie mit einem eigenen Song, in dem sie ihre Diagnose als „Superpower“ besingt. ADHS-Symptome wie Konzentrationsschwierigkeiten oder Hyperaktivität bedeuten für jemanden wie Paris Hilton etwas völlig anderes als für eine Person, die nicht über große finanzielle Mittel verfügt. Diese Verklärung zur Superkraft funktioniert deutlich leichter, wenn man das entsprechende Budget hat. Was für reiche und berühmte Menschen wie eine Stärke erscheinen mag, ist für andere ein handfestes Problem.
Insofern halte ich diese romantisierende Darstellung als Besonderheit oder charmantes Gimmick für schwierig. Einerseits ist es sympathisch zu sagen, es sei nicht nur eine Krankheit, sondern auch eine besondere Weise, in der Welt zu sein, und man wolle als andersartig akzeptiert werden. Andererseits gibt es viele Menschen, die manifeste Schwierigkeiten haben, die auf Hilfsangebote angewiesen sind und für die es wichtig ist, mit jemandem zu sprechen, der das professionell einordnen kann.
Da scheint es eine therapeutische Lücke zu geben. Selbst wenn jemand erkennt, dass er professionelle Hilfe bräuchte, verläuft sich das oft im Sande, weil die entsprechenden Angebote im Moment in der benötigten Menge schlicht fehlen.
Absolut. Sie legen den Finger in die Wunde. Manchmal heißt es lapidar: Warum sind die Jugendlichen auf Social Media, warum diagnostizieren sie sich selbst, sollen sie es doch professionell abklären lassen. Oft wartet man allerdings ein oder zwei Jahre, manchmal noch länger, bis man überhaupt einen Termin für eine Diagnostik bekommt. Allein bis dahin kann es hilfreich sein, sich zunächst online auszutauschen. Ich finde es außerdem schwierig, wenn gesagt wird, die jungen Leute würden sich psychische Schwierigkeiten nur einreden. Aus meiner Sicht ist das häufig eine Reaktion darauf, dass die Hilfsangebote sehr unzureichend sind und der Bedarf schlicht nicht gedeckt wird. Viele Menschen haben reale Schwierigkeiten und wünschen sich Zugang zu Unterstützung. Dieses Bedürfnis ist verständlich – ganz unabhängig davon, ob eine Diagnose bereits vorliegt oder nicht.
Wie sollten Medien aus Ihrer Sicht über Neurodiversität berichten? Welche Aspekte sind Ihnen dabei besonders wichtig?
Ich habe den Eindruck, dass medial eine bestimmte Perspektive dominiert: ADHS wird als angeborene Störung des Gehirns dargestellt, die sich von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter zieht. Und was dagegen hilft, seien vor allem Medikamente, während andere Ansätze weniger wirksam seien. Diese klassische medizinische Erzählung hat zwar ihre Berechtigung, ist aus meiner Sicht aber unvollständig. Sie blendet oft aus, warum zurzeit so viele Menschen Schwierigkeiten haben, sich zu fokussieren oder im Büroalltag zurechtzukommen.
Auch die unkritische Übernahme neurobiologischer Forschungsergebnisse finde ich schwierig. Häufig wird so berichtet, als wären einzelne Studien harte Fakten: „Das wurde herausgefunden, das haben Forschende nachgewiesen.“
Dabei fehlt oft die kritische Perspektive. Viele der Erkenntnisse aus der Hirnforschung zu ADHS sind längst nicht so eindeutig, wie es vielleicht den Anschein hat: Auch nach mehreren Jahrzehnten haben Forschende noch keine einzige Besonderheit im Gehirn gefunden, anhand derer man eine ADHS identifizieren könnte. Nach wie vor gibt es keine Biomarker. Deshalb stützt sich die Diagnostik in großen Teilen auf die subjektiven Einschätzungen der Betroffenen und ihres Umfelds.
Ich wünsche mir deshalb mehr kritische Auseinandersetzung statt der schnellen Schlussfolgerung, etwas sei nun ein „Fakt im Gehirn“.
Meinen Sie das mit dem Begriff „Neurotrash“?
Ja, genau. Eine unkritische Übernahme vermeintlicher Forschungsergebnisse, nicht nur in den Medien, sondern auch in der Alltagssprache. Ich höre oft Sätze wie: „Da hat mein Dopamin richtig gekickt“ oder „Da sind meine Spiegelneuronen angesprungen“. Dabei muss man klar sagen: Das sind Dinge, die können wir so direkt gar nicht wahrnehmen. Was ich in mir spüre, sind Gedanken, die auftauchen, oder ein Unwohlsein, vielleicht auch Anspannung. Ich plädiere für eine Sprache, die weniger mechanistisch verkürzt ist und stattdessen stärker an unsere unmittelbaren Empfindungen anknüpft.
ADHS ist eine Begrifflichkeit, ein Raster, mit dem wir über bestimmte Erfahrungen sprechen können. Aber es ist keine Erklärung dafür, warum Menschen unruhig, zerstreut oder impulsiv sind.
Was sollte also bei der Diagnose von ADHS berücksichtigt werden?
Psychiatrische Diagnosen haben oft den Anschein, etwas zu erklären, aber eigentlich tun sie das nicht. Sie beschreiben zunächst lediglich abweichendes Verhalten oder Erleben. Eine psychiatrische Diagnose bedeutet vor allem, dass bestimmte Kriterien geprüft und abgehakt werden: Passt das oder passt es nicht? Häufig wird angenommen, dass hinter einer Störung ein fester, biologischer „Kern“ steckt. Dabei ist es stets ein komplexes Zusammenspiel aus persönlichen, gesellschaftlichen und körperlichen Einflüssen, die psychische Schwierigkeiten ausmacht. Diagnosen sind keine Realität, sondern stets nur eine vorsichtige Annäherung an diese.
Diagnosen können hilfreich sein, weil sie eine gemeinsame Sprache schaffen. Sie können aber auch den Eindruck erwecken, sie selbst seien die Ursache eines Problems. Aus meiner Sicht ist das ein Zirkelschluss. Ein Beispiel: Ich sage „Ich habe ADHS, weil ich unorganisiert bin und Dinge liegen lasse“. Gleichzeitig erkläre ich „Ich lasse Dinge liegen, weil ich ADHS habe“. Da schließt sich der Kreis.
Wichtig ist zu betonen: ADHS ist eine Begrifflichkeit, ein Raster, mit dem wir über bestimmte Erfahrungen sprechen können. Aber es ist keine Erklärung dafür, warum Menschen unruhig, zerstreut oder impulsiv sind. Die Frage nach den Ursachen liegt außerhalb der Diagnose selbst.

Theo Parker (Foto: Carla Schleiffer)
Theo Parker ist Diplom-Psychologe. Er lebt als freier Wissenschaftsjournalist in Berlin. Daneben arbeitet er therapeutisch, zuletzt in der Forensischen Psychiatrie in Brandenburg.

Camilla Graubner (Foto: sh/fsf)
Camilla Graubner ist Redaktionsleiterin von „mediendiskurs“. Sie studierte Soziologie, Psychologie und Kommunikationswissenschaften.

Eva Lütticke (Foto: sh/fsf)
Eva Lütticke studierte Medienwissenschaften (M.A.) an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF. Zurzeit arbeitet sie als Redakteurin bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).