Affektive Medienpraktiken

Emotionen, Körper, Zugehörigkeiten im Reality TV

Margreth Lünenborg, Claudia Töpper, Laura Sūna, Tanja Maier

Wiesbaden 2021: Springer VS
Rezensent/-in: Lothar Mikos

Buchbesprechung

Printausgabe mediendiskurs: 26. Jg., 3/2022 (Ausgabe 101), S. 78-79

Vollständiger Beitrag als:

Affektive Medienpraktiken im Reality-TV

Emotionen spielen im Reality-TV eine große Rolle, sind sie doch Teil der Inszenierung, um die Zuschauer:innen zum Lachen zu bringen oder zu Tränen zu rühren. Die vorliegende Studie der Autorinnen verfolgt einen holistischen Ansatz (vgl. S. 277 ff.), bei dem die Analyse der Produktion mit der Analyse von Sendungen – in diesem Fall Germany’s Next Topmodel –, der Rezeptionsanalyse und der Analyse der Medienaneignung verbunden wird. Für die empirische Umsetzung wurden mehrere Methoden eingesetzt. Das hat sich gelohnt. Die Studie ist nicht nur in ihrem Detailreichtum einzigartig, sondern auch in der theoretischen Fundierung.

Die Untersuchung reiht sich in den „turn to affect“ (S. 276) ein, der bisher vor allem in der Medien- und Filmwissenschaft seinen Ausdruck fand. Nun hat er auch die Kommunikationswissenschaft erreicht. Die Autorinnen berufen sich auf ein Verständnis von Affekten, „das zirkulierende, relationale Beziehungen und Prozesse zwischen Körpern unterschiedlichster Art im Rahmen eines sozial-relationalen Konstitutionsgeschehens erfassen will“ (S. 27). Für diesen relationalen Affektbegriff spielen Emotionsrepertoires eine zentrale Rolle. Damit sind „sowohl individuell erworbene Regeln des emotionalen Ausdrucks als auch kollektive Praktiken und Interaktionsformen“ gemeint (S. 34). Sie können affektive Relationen herstellen, sowohl als Konsonanz wie auch als Dissonanz. Für die Erforschung der affektiven Dimension von Reality-TV ist das Konzept hilfreich: „Mit dem Konzept der Emotionsrepertoires verweisen wir auf genau diesen regulatorischen Charakter: Es beschreibt den performativen Charakter der ‚Aufführung‘ von Emotionen in spezifischen Räumen und sozialen Settings, der durch (kollektive) Regeln geprägt und reguliert wird. Damit erfahren das körperliche Erleben und die damit einhergehenden Subjektivierungseffekte eine Regulation, die als Konventionalisierung und auch als Kommodifizierung gesellschaftlich wirksame Kraft entfalten“ (S. 48). So können dann z. B. in der Analyse von Reality-TV die sogenannten „affizierenden Register“ herausgearbeitet werden, mit denen Zuschauer:innen sinnlich-leiblich beeinflusst werden sowie Verbundenheitsgefühle hervorgerufen werden (vgl. S. 122). Auf diese Weise lässt sich die Inszenierung von Affekten und Emotionsrepertoires herausarbeiten.

In der Untersuchung der Produktion von Reality-TV zeigt sich, dass es den Produzent:innen darum geht, „affektive Muster“ (S. 89) zu inszenieren, um beim Publikum verschiedene „(Affekt‑)Intensitäten“ (S. 90) zu erzeugen. So entsteht in den Sendungen eine „affektive Atmosphäre“ (S. 91). Der gesellschaftlichen Kritik an den Sendungen versuchen die Produzent:innen mit Rechtfertigungsstrategien zu begegnen, indem sie sich bemühen, „authentische Momente im Rahmen der Sendungen herzustellen beziehungsweise zu ermöglichen. Die Produzierenden befassen sich mit der Frage der Authentizität der performativ hergestellten Emotionen der Teilnehmenden, weil diese aus ihrer Sicht wichtig für die Zuschauenden und damit entscheidend für die Einschaltquoten der Sendung sei. Dabei setzen sie Authentizität mit Qualität und finanziellem Erfolg der Sendung gleich“ (S. 94). Es zeigt sich, dass ihnen das gelingt. Die Dramaturgie der Sendungen mit ihrer Inszenierung von Authentizität regt die affektiven Relationen des Publikums an.

Affekte tragen in Kombination mit Diskursen zur Bedeutungskonstruktion der Zuschauer:innen bei. So zeigt sich im Material der Studie, „dass insbesondere 1) die Inszenierung, 2) die Diskurse um Konkurrenz und 3) die Körper- und Schönheitsdiskurse die Zuschauenden affektiv involvieren“ (S. 179). Ferner konnten verschiedene Formen von Vergemeinschaftungen – lokale, translokale und symbolisch globale – festgestellt werden (vgl. S. 184 ff.). Für die Aneignung von Reality-TV können aus den „Affektgemeinschaften“ der Rezeption langfristig „Emotionsgemeinschaften“ entstehen (S. 251), in denen Emotionen performativ hergestellt werden. Die Autorinnen kondensieren „Emotionsgemeinschaften der Zusammengehörigkeit und Freundschaft“ sowie Läster- und Schamgemeinschaften (S. 258). Die Gemeinschaften konstituieren sich „im Kontext von spezifischen medial vermittelten Emotionen“ (S. 270). Hier wirken sich die affizierenden Register der Inszenierung und Dramaturgie der Sendungen aus.

Die vorliegende Studie zu den affektiven Relationen, die im Reality-TV wirksam sind, kann als beispielhaft für qualitative Forschungen in der Medien- und Kommunikationswissenschaft gesehen werden. Die grundlegenden Erkenntnisse zur Affektivität des Reality-TV lassen sich möglicherweise auch auf andere Fernsehgenres übertragen. So ist den Autorinnen eine Grundlagenstudie im besten Sinn gelungen, die dem emotionalen Charakter von Reality-TV umfassend gerecht wird.

Prof. i. R. Dr. Lothar Mikos