Alter(n) und digitale Medien – (wie) geht das zusammen?
Ein mediengeragogisches Plädoyer
Wann ist man „alt“?
Die Schreibweise „Alter(n)“ im Titel macht die Unterscheidung von Alter als Lebensphase und Altern als Prozess deutlich. Das Altern beginnt mit der Geburt, wird aber erst viel später als solches wahrgenommen, wenn physische Veränderungen wie das Schwinden der Kräfte und Abnehmen von Fähigkeiten spürbar werden oder wenn von außen der Stempel „alt“ aufgedrückt wird. Zu unterscheiden ist ein Selbstbild (ab wann, warum und auf welche Weise empfindet man sich selbst als „alt“?) von einem Fremdbild (welche Bilder und Erzählungen vom Alter und von alten Menschen bietet eine Gesellschaft und welchen Status „alter Mensch“ weist sie zu?).
Das Altern beginnt mit der Geburt, …
Entscheidend, so suggeriert ein „modernes“ Altersbild, ist das subjektive Empfinden: „Man ist immer so alt wie man sich fühlt.“ Damit wird Altern zu einem beeinflussbaren Phänomen, für das die Alten selbst Verantwortung übernehmen sollen. „Anti-ag(e)ing“ betrifft nicht mehr nur Medizinprodukte, sondern den Lebensstil insgesamt (vgl. Urban 2019). Digitale Techniken sollen dabei helfen. Der Begriff „Gerotechnologien“ steht für ein breites Feld von Assistenzsystemen, die präventiv, optimierend oder kompensierend gegen zunehmende Defizite des Alters eingesetzt werden können (vgl. dazu Schmidt/Wahl 2019). Technologie und Eigenverantwortlichkeit für die Bewältigung des Alterns sollen Hand in Hand gehen. Das passt zu neoliberalen Vorstellungen einer digitalen Selbstoptimierung für Menschen in allen Lebensaltern. In diesem Beitrag kann darauf nicht im Detail eingegangen werden.
Es gibt keine einheitlich anerkannte Einteilung von Altersgruppen. Man spricht vom dritten Lebensalter für die 60/65- bis 80/85-Jährigen und vom vierten Lebensalter für die ab 80/85-Jährigen, was spätestens ab 85 auch als „hochaltrig“ bezeichnet wird. Eine kalendarische Definition von alten Menschen greift aber zu kurz: Senior*innen sind vielfältig und individuell.
Statistisch sind gut 30 % der Menschen in Deutschland aktuell über 60 Jahre alt (vgl. Statistisches Bundesamt o. J.). Diese Zahl ist in den letzten drei Jahrzehnten aufgrund geringerer Geburtenraten und längerer Lebenserwartungen deutlich angestiegen: 1990 waren 15 % der Bevölkerung über 65 Jahren, 2024 waren es 23 %. Dem stehen etwa 24 % junge Menschen unter 25 Jahren gegenüber (vgl. Statista 2026). Was für ein Bild vom Altern und vom Alter haben diese jungen Menschen? Wodurch wird es geprägt?
Medienerziehung und Kinder- und Jugendmedienschutz in Deutschland beziehen sich auf ca. 17 % der Bevölkerung, die unter 18 Jahren sind (vgl. ebd.): die primäre Zielgruppe von Medienpädagogik. Fast doppelt so viele Menschen – die Tendenz geht weiter in diese Richtung – sind als Zielgruppe mediengeragogischen Handelns wenig im Blick.

Senior*innen sind vielfältig und individuell.
Das ewig junge Alter – Stereotype in den Medien und ihre Wirkung
Altersbilder und ihre Veränderung sind von Medienkommunikation beeinflusst. Bestimmte Medienkonstellationen und ‑innovationen bestimmen in Wechselwirkung mit zeitgeschichtlichen Erfahrungen das Aufwachsen einer ganzen Generation („Kohorteneffekt“). Das findet sich im Begriff der „Medienbiografie“ (vgl. Hoffmann 2024). Heinz Bonfadelli (2009, S. 150) unterscheidet im Zusammenhang mit Medien und Alter grob vier Forschungsfelder: (1) Die Sicht von Medienproduzenten auf die kaufkräftige, aber schwer zu erreichende Zielgruppe, (2) die Darstellung von Alter/Senioren im Spiegel der Medien, (3) die Nutzung von Medien durch alte Menschen und nicht zuletzt (4) den Umgang älterer Menschen mit „digitalen“ Medien (Internet, Smartphone …).
Der Vielfalt individueller Selbstbilder stehen kollektiv vermittelte Altersstereotype gegenüber, die vor allem in den Medien präsent und durch sie wirksam sind. Insgesamt sind ältere Menschen gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil in den Medien unterrepräsentiert (Mayer 2009). Diese Einschätzung hat sich kaum grundlegend verändert. Mit der Corona-Pandemie hat sich im Medienalltag das Bild von alten hilfsbedürftigen und zu schützenden Menschen erneut verdichtet. Der Neunte Altersbericht der Bundesregierung spricht vom „Ageismus in den Medien“ (BMFSFJ 2025)2, eben weil ältere Menschen quer durch alle Medienformate quantitativ unterrepräsentiert seien und die Vielfalt von Lebenssituationen und Lebensstilen im Alter ausgeblendet werde.
Insgesamt sind ältere Menschen gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil in den Medien unterrepräsentiert.
Individuelle Altersbilder hängen eng mit dem Alter derjenigen zusammen, die sich zu diesem Altersbild äußern (vgl. Kessler/Warner 2023). Junge Menschen haben andere Altersfremdbilder als alte Menschen Fremd- und Selbstbilder. Eine einfache Erhöhung der Präsenz von Sendungen mit Älteren würde sich auf dominante Stereotype nur bedingt auswirken, da die verschiedenen Altersgruppen Akteure ihres Alters in den Medien bevorzugen (vgl. Mayer 2009, S. 123).
Ist der 80-jährige Berliner „Granfluencer“ Günther Anton Krabbenhöft mit seiner Präsenz auf Instagram das künftige Bild des aktiven Alters in der digitalen Social-Media-Welt? Oder sind es doch eher Marketingstrategien fitter Senioren wie Greta Silver, die die Narrenfreiheit der Alten im Netz für sich nutzen? Interessieren junge Menschen diese Alten?
Die Wirkungen solcher medialen Narrative sind komplex. Eine experimentelle Studie der Universität Mannheim hat gezeigt, dass eine Verschlechterung von Gedächtnisleistungen bei alten Menschen mehr mit einem ihnen vorher präsentierten Altersstereotyp („alt = vergesslich“) zu tun hat als mit dem Alter selbst (vgl. Büsgen 2013). Das (spätere) Selbstbild ist von (früheren) Fremdbildern beeinflusst. Präsentieren die Medien überwiegend ein Defizitbild des Alters, könnte das dazu führen, dass ältere Menschen sich auch selbst als abgehängt erleben. „Stereotype Repräsentationen über alte Menschen stehen in engem Zusammenhang mit Vorstellungen über die Lebensphase Alter und sind förmlich spiegelbildlich dazu. Glaubt eine Person, dass alte Menschen im Alter einsam, eingeschränkt und wenig gelassen sind, hat sie sehr wahrscheinlich auch die Auffassung, dass das Leben im höheren Lebensalter herausfordernd und weniger lebenswert ist“ (Kessler/Warner 2023, S. 11).
Das (spätere) Selbstbild ist von (früheren) Fremdbildern beeinflusst.
Diesen Wirkungsvermutungen widerspricht eine neuere Studie, deren Ergebnisse zeigen, „dass die Rezeption eines negativen Altersframes zu einer Verbesserung des Selbstbildes älterer Menschen führt. Die Rezeption des positiven Altersframes führt hingegen zu einer Verschlechterung des Selbstbildes. Mediale Altersdarstellungen zeigen demnach komplexe und scheinbar paradoxe Wirkungen“ (Wangler/Jansky 2023, S. 90)3.
Rezeptionsverhalten und Medienwirkungen sind komplex wie die Relation von Wirklichkeitsgehalt und Illusionscharakter der medialen Narrative (vgl. Kessler 2009). Lothar Mikos (2025) forderte mit Recht am Ende einer Rezension zu einer Forschungsarbeit: „Es sind dringend differenzierte Blicke auf die Darstellung von Altern und Altsein in den Medien erforderlich“, die sich mit „fiktionalen Repräsentationen“ und deren Wirkungen befassen.
Mediennutzung im Alter
Die heute über 60-Jährigen wurden in Kindheit und Jugend mit analogen Medien und linearen Programmen sozialisiert und halten deutlich daran fest. Ältere Menschen sehen häufiger und länger fern als jede andere Altersgruppe: 2025 sind das bei den 60- bis 70-Jährigen im Schnitt 176 Min. lineares TV täglich, bei den über 70-Jährigen sind es 248 Min. täglich gegenüber 117 Min. im Schnitt der gesamten Bevölkerung.4 Auch für gedruckte Zeitungen und Zeitschriften wenden ältere Menschen ab 70 Jahren mehr als doppelt so viel Zeit wie der Bevölkerungsdurchschnitt auf. Es dürfte weiterhin gelten, was Hans-Dieter Kübler schon vor 17 Jahren feststellte: Bei steigender Immobilität bleibt das Fernsehen ein Fenster zur Welt, das das Fehlen von Teilhabe und sozialen Kontakten kaschiert und mit zunehmendem Alter verstärkt genutzt wird. „Grundsätzlich neue Mediennutzungsformen eignen sich Ältere selten an“ (Kübler 2009, S. 99).
Doch Reiz und Zwang digitaler Medien zeigen Wirkungen. Die Alten holen auf, was die Abnahme bei linearen Programmangeboten und die Zunahme bei digitalen Medienangeboten wie Mediatheken und anderen Streamingportalen betrifft.
Bei steigender Immobilität bleibt das Fernsehen ein Fenster zur Welt.
Gratifikationen, die (alte) Menschen aus neuen Medienangeboten ziehen, motivieren, sonst stabile Nutzungsweisen zu verändern (vgl. Wangler/Jantsky 2021). Bevorzugt werden Medienprotagonisten, die der eigenen Situation in Hinsicht auf Merkmale wie Alter, Geschlecht, Status relativ ähnlich sind.5 Die Präsenz der eigenen Altersgruppe in den Medien verstärkt das Selbstwertgefühl. Solche Verstärkungseffekte im Rezeptionsverhalten sind bekannt: Ältere Menschen, die sich selbst als einsam empfinden, nutzen passende Medieninhalte für einen Abwärtsvergleich. Sozial integrierte und aktive ältere Menschen suchen durch passende Medieninhalte ihre Situation noch zu verbessern (vgl. Mayer 2009, S. 122).
Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (mpfs), bekannt durch die JIM- und KIM-Studien, hat 2024 zum zweiten Mal eine SIM-Studie über den Medienumgang von Senior*innen ab 60 Jahren vorgelegt (vgl. mpfs 2025)6.
Ein Fernsehgerät gibt es fast in jedem Seniorenhaushalt, und auch das Radio ist (noch) wichtig. Bei digitalen Geräten mit Internetzugang (Smartphone 83 %, Tablet 58 %, Smart-TV 53 %) liegen die Steigerungsraten in den letzten vier Jahren jeweils um 10 %. Und die „Intensität der Internetnutzung steigt: 76 Prozent der Onliner*innen sind täglich oder fast täglich online, 52 Prozent mehrmals täglich – vor allem über das Smartphone“ (ebd., S. 87). Nach Geschlecht zeigen Männer bei digitalen Geräten mehr Interesse als Frauen. Nach Alter differenziert sind die jungen Alten zwischen 60 und 70 Jahren stärker in den Prozess der Digitalisierung eingebunden als die Gruppen zwischen 70 und 80 Jahren und erst recht die Hochbetagten ab 80 Jahren. Der Schulabschluss wird als Indikator für Bildungsunterschiede genommen; hier zeigt sich eine deutliche Nähe höher Gebildeter zu digitalen und internetfähigen Geräten und deren Nutzung.
Die Kernergebnisse der SIM-Studie zeigen: Die digitale Transformation im Alltag älterer Menschen schreitet voran. Die Unterschiedlichkeit der Menschen im Alter spiegelt sich deutlich in der Nutzung digitaler Angebote. „Entlang der soziodemografischen Merkmale Alter, Bildung, Geschlecht wie auch nach Haushaltseinkommen, Haushaltsgröße und alten/neuen Bundesländern finden sich zum Teil erhebliche und kumulierende Ungleichheiten“ (ebd., S. 91).
Die digitale Transformation im Alltag älterer Menschen schreitet voran.
Als auffällig wird markiert, dass besonders die Gruppe der Hochbetagten ab 80/85 Jahren Zuwächse zeigt. Genauere Motive der Mediennutzung und ihre Ursachen in der je individuell konstruierten Medienbiografie erfährt man kaum aus quantitativen Studien, dafür wären qualitative Forschungen wichtig. Senior*innen der Dekaden zwischen 60 und 70 bzw. 70 und 80 Jahren sind eine Generation, die eine Ausbreitung des Internets (etwa ab 1995) und des Smartphones (ab ca. 2008) noch aktiv im Berufsleben bzw. als „Best Ager“ erlebt haben und diese Medienbiografie natürlich ins Alter mitnehmen. Wer heute deutlich über 80 Jahre alt ist, war schon bei den Anfängen des internetfähigen Smartphones im Ruhestand und von daher möglicherweise nicht mehr so interessiert an den sich rasant entwickelnden digitalen Neuheiten der Zeit.
Dies differenziert die Studie Hohes Alter in Deutschland (D80+): Hochaltrige sind digital abgehängt. Sie nutzen zwar ein Mobiltelefon, aber das Internet mit den Schwerpunkten E-Mail und Informationssuche zu Gesundheitsthemen eher wenig, soziale Netzwerke kaum (vgl. Reissmann u. a. 2023). Die Onliner unter den Hochaltrigen nutzen mehrheitlich das Internet täglich. Warum das so ist, erklären die Zahlen natürlich nicht. Alter, Bildung und Einkommen, Geschlecht, kognitive Fähigkeiten, Wohnform und Einstellungen, vor allem aber die empfundene Nützlichkeit und Leichtigkeit der Techniknutzung beeinflussen die Internetnutzung. Diese ist „positiv mit Selbstvertrauen, Kontrollüberzeugung, sozialer Unterstützung, Autonomie und Lebenszufriedenheit, sowie negativ mit depressiven Symptomen und Einsamkeit verbunden“ (ebd., S. 147).

Die Onliner unter den Hochaltrigen nutzen mehrheitlich das Internet täglich.
Für Datensammlung zur Digitalentwicklung und deren plakative Verbreitung steht auch der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (bitcom) mit seinen als solide geltenden Studien. Man muss allerdings bei den Zahlen bedenken, dass sie aus Auftragsstudien eines Lobbyverbandes stammen, der das Ziel verfolgt, die Digitalisierung in Deutschland voranzutreiben. In einer aktuellen Befragung geht es um Senior*innen in Deutschland, die mit Schlagzeilen wie „Drei Viertel der Seniorinnen und Senioren sind online“ oder: „92 Prozent der Seniorinnen und Senioren befürworten Digitalisierung im Gesundheitswesen“ umworben werden (bitcom 2026).
Laut bitcom-Studie nutzen 44 % der Befragten ab 65 Jahren Social Media. Vor fünf Jahren waren es noch 15 %. Der Anteil hat sich somit fast verdreifacht. Genaueren Aufschluss gibt ein Blick auf die verschiedenen Altersgruppen: Zwischen 65 und 69 Jahren sind demnach zwei Drittel der Befragten auf Social Media aktiv, zwischen 70 und 74 Jahren waren es immerhin noch 56 %. Unter den 75- bis 79-Jährigen nutzten 30 % derartige Angebote; bei denjenigen, die mindestens 80 Jahre alt waren, lag der Anteil nur bei 24 %.
Die Zahlen sollen verheißungsvoll wirken, was die Anschlussfähigkeit der Senioren an die Digitalisierung betrifft. Bei den Social-Media-Nutzenden ist das beliebteste soziale Medium mit 60 % Facebook, gefolgt von Stayfriends (31 %). Die Plattform X nutzten 20 %, Instagram 19 %. Nur jeder 20. Social-Media-Nutzer ab 65 war auf Tiktok aktiv.
Bei allen quantitativen Zahlen zu den eher oberflächlichen Fragestellungen bleibt aber im Dunkeln, was die Senioren konkret mit dem Internet und den Social Media machen, in welcher Intensität sie es nutzen und welche Interessen sie damit verbinden. „Die reine Internetnutzung ist […] nicht gleichbedeutend mit einem kompetenten und zielführenden Verhalten im digitalen Raum“ (Reissmann u. a. 2023, S. 168). Oberflächlich betrachtet mag sich ein „digital gap“ schließen, aber ein „usage gap“ und ein Zusammenhang von „Ageismus und digitale Technologien“ (BMFSFJ 2025) bleiben.
Perspektive einer Mediengeragogik
Menschen in der dritten oder vierten Lebensphase nutzen (digitale) Medien eigensinnig und oft individuell. Quantitative Zahlen sagen (zu) wenig über Nutzungsverhalten und Bedürfnisse wie über Schwierigkeiten und Bedenken der Senior*innen. Sie dienen eher den Marketinginteressen der Digitalwirtschaft und -politik, um „Anschlussfähigkeit“ und Willigkeit der älteren Menschen zu demonstrieren.
Gegenläufig zur Digital-Rationalisierung ist direkte personale Unterstützung gerade bei älteren Menschen gefragt. Dafür gibt es regional unterschiedlich einige Anlaufstellen für (meist ehrenamtliche) Hilfe; und es gibt digitale Hilfe durch Apps und Internetseiten7.
Der Achte Altersbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2020 stellte die Digitalisierung in den Vordergrund. Bestimmend ist darin ein Altenbild, „bei dem ältere Menschen prinzipiell in der Lage sind, in der digitalen Welt kompetent und selbstbestimmt zu agieren. Wer sich die dazu notwendigen digitalen Kompetenzen nicht selbst aneignen kann, sollte die passende Unterstützung und Beratung bekommen“ (BMFSFJ 2020).
Kompetenz bezüglich der Nutzung digitaler Techniken umfasst wissen, können und wollen. Sie kann nur zum Tragen kommen bei entsprechenden Rahmenvoraussetzungen: technisch, infrastrukturell und finanziell. Hier greift die diagnostizierte mehrdimensionale Ungleichheit einer digitalen Spaltung der Nutzung. Sie trifft Menschen, die weniger wohlhabend und weniger gebildet sind und eine weniger medienaffine Biografie hatten, was häufig für Frauen zutrifft; das nannte Susan Sontag „The Double Standard of Aging“ (vgl. Haller 2020/2010 ).
Kompetenz bezüglich der Nutzung digitaler Techniken umfasst wissen, können und wollen.
Und das Wollen bei der Kompetenzentwicklung ist von Motivation abhängig: Wozu brauche ich in meinem Alter noch welchen digitalen Schnickschnack? – Die Beantwortung dieser Frage setzt bereits Medienkompetenz voraus, d. h., ich muss auch als Senior*in, ggf. mit fairer Hilfe, selbst entscheiden, was für mich tauglich und was überflüssig ist.
Die Zahl der Offliner unter den Senior*innen ist formal auf 13 % gesunken; ihre Haltung ist eher pragmatisch denn ideologisch: „Mangel an Notwendigkeit, kombiniert mit Zugangsbarrieren und fehlender Unterstützung“ (mpfs 2025, S. 87). Aber das heißt noch lange nicht, dass die (älteren) Menschen, die formal „online“ sind, auch über angemessene Kompetenzen verfügen, um ihre Bedürfnisse und Wünsche digital umzusetzen. Die Motive und Bedenken der Verweigerer sind für eine vernunftorientierte Mediengeragogik ebenso zu berücksichtigen wie die Motive der „aufholenden“ Senior*innen. Bedenkenträger und Verweigerer stellen eher lautlos die Frage: Was brauche, kann, will ich, was muss ich in Sachen Digitalisierung? Gibt es ein Recht, auch ohne Digitalmenüs satt zu werden bzw. weiterhin selbstbestimmt lebensfähig zu sein?
Das sind Elemente von Medienkompetenz, die für die Zielgruppe Senior*innen eigene Schwerpunkte braucht. Deshalb ist Mediengeragogik wichtig.
In Anlehnung an den Achten und Neunten Altersbericht sollen dazu einige Thesen den Abschluss bilden:
- Bei allen Digitalisierungsstrategien müssen ältere Menschen mit ihren Interessen und Bedürfnissen stärker berücksichtigt werden.
- Die Teilhabe älterer Menschen muss durch eine an ihren Bedürfnissen orientierte Förderung von Medienkompetenz gesichert werden. Der vorhandenen digitalen Kluft müssen Alternativen entgegenwirken.
- Zur Medienkompetenz gehört Wissen: Welche Mediennutzung kann mir Kommunikation erleichtern, meinen Alltag organisieren helfen, verlässliche Informationen und gute Unterhaltung bieten sowie kreatives Handeln fördern?
- Zur Medienkompetenz gehört der sachgerechte Umgang mit digitalen Medien. Gegen die Ängste der Nutzer*innen helfen nur bedienungsfreundliche Technik und sichere Umgebungen. Ein kleines, aber zentrales Beispiel dafür ist das Problem sicherer Passwörter.
- Risiken der Nutzung digitaler Medien müssen wie ihre Funktionsweisen und Hintergründe allgemein für ältere Menschen verständlich und zugänglich vermittelt werden.
- Dafür nötig ist eine eigene Lernkultur, eine Förderung der Mediennutzung, die auf die Lebenswelt und die Bedürfnisse älterer Menschen zugeschnitten ist (z. B. barrierefreie Zugänge, geduldige Vermittlung).
- Reale soziale Kontakte vor Ort sind als Angebot der Hilfestellung zum Umgang mit digitalen Medien dauerhaft erforderlich.

Bei allen Digitalisierungsstrategien müssen ältere Menschen mit ihren Interessen und Bedürfnissen stärker berücksichtigt werden.
Anmerkungen:
1 Zum Begriff Ageismus = Altersdiskriminierung siehe https://www.kubia.nrw.
2 Seit 1993 erscheint in jeder Legislaturperiode ein von einer unabhängigen Sachverständigenkommission im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erstellter Altersbericht der Bundesregierung mit einem Schwerpunktthema.
3 Die von der Gesellschaft – Altern – Medien (GAM) e.V. im Kopaed Verlag herausgegebene Zeitschrift „Medien und Altern“ bietet seit 2012 mit zwei Themenheften jährlich einen guten Überblick über wissenschaftliche und praktische Aspekte des Themenspektrums.
4 Entsprechende Daten kann man komfortabel aus der ARD/ZDF-Medienstudie über ein Onlinetool selbst auswerten. Siehe auch Statista Dossier Mediennutzung von Senioren.
5 Das ist weniger aus rein quantitativen Statistiken ersichtlich, wird aber in der Differenzierung einer Medien-Nutzer-Typologie (MNT) deutlich, die inzwischen durch die Digitale-Media-Types (DMT) abgelöst wurde.
6 Die repräsentative Befragung bietet „kompakte und verständliche Informationen zur Mediennutzung der älteren Generation sowie deren Bildungs- und Unterstützungsbedarfe“ (mpfs 2025; S. 3).
7 Vgl. dazu den sachlich guten Ratgeber von Hans-Jürgen Fackler: Digitale Sicherheit für Senioren für Dummies (Weinheim 2025: Wiley-VCH).
Literatur:
bitcom: Digitale Teilhabe 2025. Studienbericht. In: bitcom, o. J. Abrufbar unter: https://www.bitkom.org (letzter Zugriff: 27.03.2026)
Bonfadelli, H.: Medien und Alter: Generationen aus Sicht der Kommunikationswissenschaft. In: H. Künemund/M. Szydlik (Hrsg.): Generationen. Multidisziplinäre Perspektiven. Wiesbaden 2009, S. 149–169
BMFSFJ (Hrsg.): Ältere Menschen und Digitalisierung. Erkenntnisse und Empfehlungen des Achten Altersberichts. Berlin 2020. Abrufbar unter: www.achter-altersbericht.de (letzter Zugriff: 27.03.2026)
BMFSFJ (Hrsg.): Neunter Altersbericht. Alt werden in Deutschland – Vielfalt der Potenziale und Ungleichheit der Teilhabechancen. Berlin 2025. Abrufbar unter: www.neunter-altersbericht.de (letzter Zugriff: 27.03.2026)
Büsgen, K. L.: Stereotype – Der Leistungskiller im Alter. In: Universität Mannheim, 15.05.2013. Abrufbar unter https://www.uni-mannheim.de (letzter Zugriff: 27.03.2026)
Haller, M.: Undoing Age: Die Performativität des alternden Körpers im autobiographischen Text. In:Kulturelle Bildung Online, 2020/2010. Abrufbar unter: https://doi.org/10.25529/92552.555 (letzter Zugriff: 27.03.2026)
Hoffmann, B.: Biografiearbeit in der Medienpädagogik. In: C. Oggolder/C. Roth-Ebner: Medien – Biografien – Generationen. Theoretische, empirische und praktische Perspektiven. Baden-Baden: 2024, S. 199–226
Kessler, E.-M.:Altersbilder in den Medien: Wirklichkeit oder Illusion? In: B. Schorb/A. Hartung/W. Reißmann (Hrsg.): Medien und höheres Lebensalter. Theorie – Forschung – Praxis. Wiesbaden 2009, S. 146–156
Kessler, E.-M./Warner, L. M.: Ageismus. Altersbilder und Altersdiskriminierung in Deutschland. In: Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Januar 2023. Abrufbar unter: www.antidiskriminierungsstelle.de (letzter Zugriff: 27.03.2026)
Kübler, H.-D.: Medien und Alter als Gegenstand der Medienforschung in Deutschland. In: B. Schorb/A. Hartung/W. Reißmann (Hrsg.): Medien und höheres Lebensalter. Theorie – Forschung – Praxis. Wiesbaden 2009, S. 97–113
Mayer, A.-K.: Altersbilder und die Darstellung älterer Menschen in den Medien. In: B. Schorb/A. Hartung/W. Reißmann (Hrsg.): Medien und höheres Lebensalter. Theorie – Forschung – Praxis. Wiesbaden 2009, S. 114–129
Mikos, L.: Buchbesprechung zu Shari Adlung: „Alter in den Medien. Intersektionale Analysen journalistischer Repräsentationen“. In: mediendiskurs.online, 18.08.2025. Abrufbar unter: https://mediendiskurs.online
mpfs: SIM-Studie 2024. Senior*innen, Information, Medien. Stuttgart 2025. Abrufbar unter: https://mpfs.de (letzter Zugriff: 27.03.2026)
Reissmann, M./Oswald, V./Zank, S./Tesch-Römer, C.: Digitale Teilhabe in der Hochaltrigkeit. In: R. Kaspar u. a. (Hrsg.): Hohes Alter in Deutschland. Wiesbaden 2023, S. 145–172. Abrufbar unter: https://doi.org/10.1007/978-3-662-66630-2 (letzter Zugriff: 27.03.2026)
Schmidt, L./Wahl, H.-W.:Alter und Technik. In: H. Karsten: Altersforschung. Handbuch für Wissenschaft und Praxis. Wiesbaden 2019, S. 537–556
Statista: Bevölkerung – Verteilung der Einwohner in Deutschland nach relevanten Altersgruppen am 31. Dezember 2024. In: Statista, 2026. Abrufbar unter: https://de.statista.com (letzter Abruf: 08.04.2026)
Statistisches Bundesamt: Bevölkerungsstand. Bevölkerung nach Altersgruppen (ab 2011). Abrufbar unter: www.destatis.de (letzter Abruf: 08.04.2026)
Urban, M.: „Erfolgreiches“Altern in digitalen Zeiten. Zum Zusammenhang von digitalen Gesundheitspraktiken, Alter(n)sbildern und Ungleichheiten. In: H. Angenent/B. Heidkamp/D. Kergel (Hrsg.): Digital Diversity. Bildung und Lernen im Kontext gesellschaftlicher Transformationen. Wiesbaden: 2019, S. 215–240
Wangler, J./Jansky, M.: Die Bedeutung von Gratifikationen bei der Aneignung neuer Medien im höheren Lebensalter. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 54, 2021, S. 781–788. Abrufbar unter: https://doi.org/10.1007/s00391-020-01833-z (letzter Zugriff: 27.03.2026)
Wangler, J./Jansky, M.: Mediale Altersdarstellungen und ihre Wirkungen – Zusammenschau einer empirischen Studienreihe. In: Medien und Altern, Heft 23 (2023), S. 90–102
