Augen zu und durch

Warum die Anwesenheit von Experten beim Dreh intimer Szenen eine große Erleichterung wäre

Tilmann P. Gangloff

Tilmann P. Gangloff ist freiberuflicher Medienfachjournalist.

Bei Dreharbeiten gibt es Experten für Stunts, Zweikämpfe und Tänze; nur bei intimen Szenen wurden Schauspieler lange alleingelassen. Das ändert sich gerade: Wenn britische und amerikanische Serien Sexszenen enthalten, ist die Anwesenheit eines „Intimacy Coordinators“ mittlerweile fast eine Selbstverständlichkeit. Er soll der Regie helfen, ihre Vision zu verwirklichen, und die Schauspieler davor schützen, Dinge tun zu müssen, die sie nicht tun möchten. Julia Effertz ist Deutschlands erste Intimitätskoordinatorin und beschreibt, warum ihre Tätigkeit für alle Beteiligten von Vorteil ist. Das Echo bei Produzenten und Regisseuren ist gemischt.

Online seit 24.02.2020: https://mediendiskurs.online/beitrag/augen-zu-und-durch/

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Den meisten Menschen ist es unangenehm, sich vor Fremden auszuziehen. Bei Schauspielern wird das jedoch als selbstverständlich vorausgesetzt: Sie sollen auf der Bühne oder am Filmset ganz natürlich nackt agieren und womöglich auch noch leidenschaftlichen Sex simulieren. Gerade bei Dreharbeiten sind solche Momente besonders heikel, schließlich läuft eine Kamera; die Nacktszenen sind fortan für immer in der Welt. Entscheidender ist allerdings ein anderer Aspekt: In der Vergangenheit ist es immer wieder zu Situationen gekommen, die gerade von jungen Darstellerinnen als unangemessen oder übergriffig empfunden worden sind; mal war es der Regisseur, der eine rote Linie überschritten hat, mal der männliche Spielpartner. Julia Effertz will dabei helfen, solche Vorfälle zu vermeiden. Die Schauspielerin ist Deutschlands erste In­timi­tätskoordinatorin. Die Bezeichnung klingt nicht sexy, ist aber eine exakte Tätigkeitsbeschreibung. Effertz hat ihre Ausbildung bei Ita O’Brien absolviert. Die Britin ist so etwas wie die Schutzpatronin der Schauspieler, seit sie 2017 Richtlinien für das Drehen intimer Filmszenen veröffentlich hat. Seither wird sie bei Serien mit freizügigen Szenen (aktuell zum Beispiel bei Sex Education, Netflix) regelmäßig als „Intimacy Coordinator“ engagiert.
 

Schauspieler werden alleingelassen

Als O’Brien 2018 beim Filmfestival in Cannes ihr Unternehmen Intimacy on Set vorstellte, war auch Effertz zugegen: „Mir hat das sofort eingeleuchtet. Es gibt bei Dreharbeiten Experten für Stunts, Zweikämpfe und Tänze; nur bei intimen Szenen werden Schauspieler allein gelassen. Dadurch ist eine Grauzone entstanden, in der auch sehr hässliche Dinge passieren können.“ Sie habe sich das Handwerk zunächst nur für sich selbst aneignen wollen: „Ich wollte lernen, wie ich meinen privaten Körper und mein privates Ich bei der Arbeit schützen kann, damit ich eine Szene mit meinem Schauspielkörper bestmöglich und frei spielen kann. Für Schauspieler ist bei intimen Szenen eine saubere Trennung zwischen der sehr verletzlichen privaten Intimsphäre und dem Körper der Rolle sehr wichtig.“ Dann habe sie gemerkt, dass sie ihr Wissen gern weitergeben möchte, und eine Weiterbildung bei Intimacy on Set belegt.

Der Kurs besteht zunächst aus mehreren Workshops, bei denen Grundlagen vermittelt werden. Die Teilnehmenden lernen, wie sie O’Briens Richtlinien in der Praxis anwenden und wie intime Momente choreografiert werden. Es folgt eine Praxisphase, in der sie im engen Austausch mit Intimacy on Set beratend bei Dreharbeiten tätig werden. Die Ausbildung endet mit einer Abschlussprüfung und der offiziellen Akkreditierung als Intimacy Coordinator. Intime Szenen, erläutert Effertz, seien für fast alle Schauspieler unangenehm:

Es gibt ja die Vorstellung des entgrenzten Künstlers, der bereit ist, über eigene körperliche und emotionale Grenzen hinwegzugehen, aber das ist nicht mehr zeitgemäß. Schauspieler sind genauso verletzlich wie wir alle, und intime Szenen bergen ein erhöhtes Verletzungsrisiko.“

Gerade für junge Schauspielerinnen sei es sehr schwierig, sich in solchen Momenten zu beschweren: „Der Konkurrenzdruck ist enorm, weil es für Frauen viel weniger Rollen gibt als für Männer.“
 


Mehr zeigen als vereinbart

An Bühnen und bei Dreharbeiten herrschen zudem traditionell hierarchische Verhältnisse: Der Regisseur hat stets das letzte Wort. Schauspielerinnen sind in der Vergangenheit oft genötigt worden, mehr von ihrem Körper preiszugeben, als vorher vereinbart war. Viele haben sich – Augen zu und durch – gefügt, um ihrer Karriere nicht zu schaden. Effertz möchte allerdings vermeiden, dass bei dem Thema nur auf Frauen geschaut wird: „Für Männer ist das genauso wichtig.“ Sie weiß von Kollegen, denen es sehr zu schaffen gemacht habe, eine Vergewaltigungsszene zu spielen. Unterschätzt würden auch Herausforderungen, die nichts mit Sex zu tun hätten: Eine Kollegin habe bei einer Geburtsszene, „ohnehin eine überaus exponierende Situation“, den schlimmsten Moment ihrer beruflichen Laufbahn erlebt. Der Mann, der den Gynäkologen verkörperte, habe ihr zwischen die Beine gegriffen und sie an ihrem Intimbereich berührt: „Solche Vorfälle ließen sich durch genaue Absprachen und das Abstecken der körperlichen Grenzen leicht vermeiden.“ Auch bei vermeintlich harmlosen Kussszenen hält Effertz die Anwesenheit eines Intimitätskoordinators für wichtig, erst recht, wenn es sich um Teenager handele.

Der erste Kuss ihres Lebens, und das vor laufender Kamera und womöglich einem Dutzend Komparsen: Das bedarf erhöhter Fürsorge. Ein Kuss ist etwas sehr Persönliches, in diesem Moment ist man womöglich noch verletzlicher als bei einer Liebesszene.“

Bei jungen Darstellern seien intime Szenen auch deshalb eine große Herausforderung, weil ihnen das schauspielerische Handwerkszeug und die filmische Erfahrung fehlten.

Die Argumente klingen derart einleuchtend, dass es fast verwundert, warum nicht schon längst jemand auf die Idee gekommen ist, diesen Beruf zu erfinden: „Man spart Zeit, die Szene sieht besser aus, und es kommt nicht zu Grenzüberschreitungen, weil eine Szene nicht choreografisch exakt gearbeitet wurde, sodass die Schauspieler improvisieren müssen.“ Effertz klärt mit dem Kostümbild ab, dass Genitalabdeckungen und Bademäntel bereitliegen, und sorgt für die Einhaltung des „Closed Set“: Außer Regie, Kamera, Ton, den beteiligten Schauspielern und natürlich ihr selbst ist niemand beim Dreh dabei.
 

„Noch nie Probleme“

In den USA und Großbritannien gehört die Anwesenheit von Intimacy Coordinators bei entsprechenden Szenen längst zum guten Ton. Das ist eine der positiven Konsequenzen aus dem Skandal um Harvey Weinstein und der daraus resultierenden #Metoo-Kampagne: Dem Filmproduzenten werden Dutzende Fälle von sexueller Belästigung bis hin zur Vergewaltigung vorgeworfen. In der deutschen Medienbranche gab es anschließend zwar ebenfalls einige Vorwürfe, aber die Debatte hatte bei Weitem nicht die Nachhaltigkeit wie in Amerika. Entsprechend gemischt sind die Reaktionen, zumal viele von O’Briens Richtlinien offenbar bereits vor deren Veröffentlichung Standard waren. Michael Polle, Produzent bei X-Filme (Babylon Berlin), sieht jedenfalls keinen Handlungsbedarf. Es habe „noch nie ein Problem gegeben, weil wir stets dafür sorgen, dass bestimmte Bedingungen erfüllt sind“. Voraussetzung für intime Szenen seien „eine große Offenheit und Transparenz. Es ist wichtig, dass lange vor Beginn der Dreharbeiten ein Modus Operandi besprochen wird, mit dem alle Beteiligten einverstanden sind, damit es nicht kurzfristig zu Konflikten kommt. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, ist eine zusätzliche Person am Set nicht nötig.“

Die Verträge der ARD-Tochter Degeto enthalten zwingend einen Hinweis auf Themis. Die nach der griechischen Gerechtigkeitsgöttin benannte und 2018 von Branchenverbänden, Gewerkschaften und den Sendern gegründete Einrichtung ist eine unabhängige Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt. Laut Vorstandsmitglied Eva Hubert hat es in den letzten 13 Monaten rund 200 Hinweise gegeben. Das Spektrum reiche „von sexistischen Sprüchen bis zu massiven physischen Belästigungen der schlimmsten Art“; die meisten Hinweise (circa 85 %) stammten von Frauen. Die beiden Themis-Beraterinnen, eine Juristin und eine Psychologin, bieten den Anrufern an, bei der Formulierung einer Beschwerde zu helfen. Dieses Angebot wird laut Hubert bislang jedoch nur äußerst selten genutzt: „weil die Betroffenen fürchten, beim nächsten Projekt nicht mehr engagiert zu werden.“ Sie fordert daher, es müsse selbstverständlich werden, dass sich Arbeitnehmer beschweren könnten und Arbeitgeber „diesen Beschwerden gründlich nachgehen und gegebenenfalls Konsequenzen ziehen“. Dringend notwendig sei auch Präventionsarbeit, etwa in Form von entsprechenden Schulungen; am besten für das ganze Filmteam.
 

Das Bewusstsein schärfen

Bei Deutschlands wichtigstem Produktionsunternehmen, der UFA, ist man bereits einen Schritt weiter. Laut Geschäftsführer Joachim Kosack gibt es bei langlaufenden Serien wie Gute Zeiten, schlechte Zeiten (RTL) Ansprechpartner vor Ort, die intern geschult würden. Das seien in der Regel Personen, die auch Produktionserfahrung hätten. Die UFA stehe außerdem in Kontakt mit britischen Intimitätskoordinatoren, um Input für die eigenen Schulungen zu bekommen. Kosack, ohnehin ein Vordenker, sagt aber auch:

In der Branche muss das Bewusstsein für sexuelle Diskriminierung und Machtmissbrauch im Rahmen von künstlerischen Abläufen noch stärker geschärft werden.“

Durch #Metoo sei die Sensibilität für diese Thematik „glücklicherweise extrem beschleunigt worden“.

Bleiben noch die Regisseure. Sie haben bei Dreharbeiten das letzte Wort, sie müssen mit den Intimitätskoordinatoren zusammenarbeiten. Kilian Riedhof, für Filme wie Homevideo, Der Fall Barschel und Gladbeck (alle ARD) mit sämtlichen wichtigen TV-Preisen ausgezeichnet, kann sich das gut vorstellen:

Intime Szenen sind nicht so einfach zu filmen wie eine Unterhaltung in einem Café. Alle Beteiligten müssen sich mit Bereichen auseinandersetzen, die viel mit der eigenen Scham zu tun haben, und das ist immer potenziell heikel.“

Er habe beste Erfahrungen damit gemacht, das Thema frühzeitig und ausführlich zu besprechen. Dazu sei Überwindung nötig, und meist begännen solche Gespräche auch erst mal ziemlich verkrampft, „aber es handelt sich ja nicht um Pornografie“. Es gehe vor allem darum, das Drama der Figuren und ihr Verhältnis zueinander zu beschreiben: „Lieben sich diese Menschen, ist der Sex einvernehmlich? Oder dominiert einer den anderen? Gerät die Begegnung außer Kontrolle?“ Die Herausforderung bestehe darin, dafür den richtigen körperlichen Ausdruck zu finden, „und das muss vorher im Detail besprochen werden; in der Hitze des Gefechts ist für so etwas keine Zeit mehr. Außerdem muss unbedingt vermieden werden, dass die Schauspieler – in der Regel vor allem Schauspielerinnen – überrannt werden und womöglich dazu gebracht werden, Dinge zu tun, die sie gar nicht tun wollen.“ Er biete seinen Darstellern darüber hinaus immer an, sich die entsprechenden Szenen anzuschauen, „um dann gemeinsam nach einer Lösung zu suchen, wenn die Bilder ihrer Meinung nach von der Absprache abweichen.“ Gerade Schauspielerinnen freuten sich sehr über dieses Angebot, zumal sie anderswo auch ganz andere Erfahrung gemacht hätten „und zum Beispiel vom Regisseur ohne vorherige Absprache aufgefordert worden sind, oben ohne zu agieren.“ Vor allem für junge Schauspielerinnen könne es sehr schwer sein, sich diesem Ansinnen zu widersetzen.
 

Massiver Kontrollverlust

Sibylle Tafel wäre ebenfalls dankbar, wenn sie beim Drehen von erotischen Szenen Unterstützung bekäme. Beim deutschen Fernsehfilm werde wenig Rücksicht auf Befindlichkeiten genommen:

Nippel ab- und Penis wegkleben, und die Sache läuft.“

Ähnlich wie Riedhof setzt sie sich mit Sexszenen vor allem inhaltlich auseinander: „Wie ist die Situation aufgeladen? Was ist vorher passiert? Welches Machtverhältnis besteht zwischen den beiden, welches Ziel hat jede der Figuren?“ Sie weiß aber auch, wie schwer es ist, so etwas zu spielen, weshalb viele Schauspieler vor solchen Szenen zu Recht sehr nervös seien: „Lust zu zeigen bedeutet massiven Kontrollverlust.“ Tafel hat bei Für eine Nacht … und immer? (ARD) – in dem Drama verlieben sich eine ältere Frau und ein sehr junger Mann ineinander – die Erfahrung gemacht, „dass man den Schauspielern über die inhaltliche Auseinandersetzung eine große Sicherheit gibt und ihr Vertrauen gewinnen kann.“ Trotzdem sei ein Intimitätskoordinator fraglos eine große Hilfe, denn als Regisseur habe man unter Umständen einen Interessenskonflikt:

Was gut für den Film ist, muss sich nicht zwangsläufig gut für die Schauspieler anfühlen.“

Ein Kollege Tafels, der namentlich nicht genannt werden möchte, würde die Anwesenheit eines Intimitätskoordinators dagegen als „Eingriff in die Arbeitswelt“ empfinden. Er hält die Diskussion für ein Zeichen von „um sich greifendem Puritanismus“, weshalb er „problematische Szenen“ in den letzten Jahren konsequent vermieden habe: „Ich will nicht dafür geprügelt werden, dass ich das Leben zeige.“