Auszeichnungen für dokumentarische Formen

Die 45. Ausgabe der Berlinale-Sektionen „Generation Kplus“ und „14plus“

Barbara Felsmann

Barbara Felsmann ist freie Journalistin mit dem Schwerpunkt „Kinder- und Jugendfilm“ sowie Autorin von dokumentarischer Literatur und Rundfunk-Features.

Gesellschaftliche Realitäten und Lebenswirklichkeiten von Kindern und Jugendlichen aus aller Welt auf der großen Leinwand zu zeigen, ist von jeher eines der Anliegen der Sektion „Generation“ bei der Berlinale. Geboten werden dort oftmals existenzielle Geschichten, die von gesellschaftlichen Umständen und Umbrüchen bestimmt werden, aber auch ganz private Einblicke in das Leben und die Gefühlswelt junger Menschen. Und so nehmen – neben fiktiven Stoffen – auch dokumentarische Formen einen großen Raum im Programm ein. In der diesjährigen Ausgabe, mit der sich Sektionsleiterin Maryanne Redpath von der Berlinale verabschiedet, wurden insgesamt acht lange und zwei kurze Dokumentarfilme präsentiert.

Printausgabe mediendiskurs: 26. Jg., 2/2022 (Ausgabe 100), S. 18-21

Vollständiger Beitrag als:


Obwohl in den letzten Jahren auch der Dokumentarfilm in der deutschen Kinder- und Jugendfilmlandschaft an Bedeutung gewonnen hat, herrscht nach wie vor die gängige Meinung, das junge Publikum interessiere sich nur für Spielfilme, Serien und Animationsfilme. Bei „Generation“ – wie übrigens auch bei doxs!, dem Duisburger Festival für Kinder- und Jugenddokumentarfilme – wird genau das Gegenteil deutlich. Sicher benötigt die junge Zielgruppe einen Anstoß von außen, um sich einen Dokumentarfilm im Kino anzuschauen. Doch sitzen die Kinder und Jugendlichen dann in der Vorführung, finden sie genauso einen Zugang wie zu anderen Filmgattungen – erst recht, wenn junge Protagonist*innen im Mittelpunkt der Produktionen stehen. Die jungen Zuschauer*innen fiebern mit ihnen mit, setzen sich mit deren Lebensumständen und Konflikten auseinander oder lassen sich in deren Welten entführen. Wie intensiv das junge Publikum solch ein Kinoerlebnis annimmt, zeigen auch die anschließenden Filmgespräche. Filme­macher*innen, Medienpädagog*innen und Fachleute sind immer wieder erstaunt, wie tiefgründig die Kinder und vor allem die Jugendlichen ihre Eindrücke und Meinungen äußern.
 

Bekanntschaft mit Kindern aus Lateinamerika, der Ukraine und den Niederlanden

Drei lange Dokumentarfilme wurden in diesem Jahr für den „Kplus“-Wettbewerb ausgewählt: neben dem Langfilmdebüt Juunt Pastaza entsari (Die Kinder vom Río Pastaza) der portugiesischen Regisseurin Inês T. Alves, das den Alltag von Kindern der indigenen Achuar an der Grenze zwischen Ecuador und Peru einfängt, die ukrainische Produktion Terykony (Taubes Gestein) sowie Shabu, das Porträt eines 14-jährigen Jungen aus Rotterdam.

Terykony ist in der Bergbaustadt Torezk im Donbass angesiedelt, einer Stadt, die während des Ukrainekonflikts, der 2014 begann, mehrfach zerstört wurde und aufgrund der geschlossenen Kohleminen unter großer Arbeitslosigkeit leidet. Im Mittelpunkt dieses bewegenden Dokumentarfilms steht die 15-jährige Nastya. Als sie sechs Jahre alt war, schlugen mehrere Granaten in ihr Elternhaus ein. Ihr Vater starb später an seinen Verletzungen. Nun lebt sie verarmt mit Mutter und Großmutter zusammen und verdient sich ihren Lebensunterhalt mit dem Sammeln von Altmetall. Hoffnung und Frieden kann Nastya, die unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, in der vom Krieg gebeutelten Stadt nicht finden. Einzig ihr Freund Yarik und die Musik aus dem Handy geben ihr Kraft und innere Ruhe. Ohne Kommentar aus dem Off begleitet der mehrfach ausgezeichnete ukrainische Filmemacher Taras Tomenko seine junge Protagonistin und ihre Freund*innen bei ihren Streifzügen durch die Stadt, beim Spielen auf der Abraumhalde, in den Ruinen, die oftmals noch Spuren der Sowjetmacht aufweisen, beim Schrottsammeln oder beim Gottesdienst. Dabei gibt er der 15-Jährigen viel Raum, zeigt deren durch die Kriegserlebnisse hervorgerufenen tiefen Verletzungen, aber auch Nastyas starken Willen und ihre Sehnsucht nach einem glücklichen Leben. „Kinder im Krieg“ ist ein wiederkehrendes Thema im Schaffen von Filmemacher Tomenko, seine neueste Arbeit Terykony muss als eine erschütternde Mahnung gesehen werden.
 

INSIGHTMEDIA: Trailer Terykony (Ukraine 2022)



Unbeschwerter und fröhlicher geht es in dem Dokumentarfilm von Shamira Raphaëla zu. Shabu heißt er – nach seinem bezaubernden Protagonisten, einem aus einer karibisch-niederländischen Familie stammenden 14-Jährigen. „Ein Film voller Leben, Musik und liebenswerten Charakteren. Frische und Energie sind die zentralen narrativen Elemente, die sich von der Leinwand direkt auf das Publikum übertragen“, heißt es in der Begründung der Internationalen Jury von „Kplus“, die Shabu mit einer lobenden Erwähnung auszeichnete. In der Tat hat Shabu ein einnehmendes Wesen. Das hilft ihm allerdings gerade nicht viel bei der Großmutter. Die spricht nämlich nicht mehr mit ihm, denn Shabu hat heimlich ihr Auto genommen und es kaputt gefahren. Nun soll er in den Sommerferien Geld für die nötige Reparatur verdienen. Das ist der Ausgangspunkt für Shamira Raphaëlas Dokumentarfilm. Die Regisseurin begleitet Shabu während der Ferien mit der Kamera. Es ist ein Sommer, in dem Shabu hin- und hergerissen ist zwischen Jobsuche, seiner phlegmatischen Art und Tollpatschigkeit, was ihm das Geldverdienen erschwert und ihn daran hindert, den Ansprüchen seiner Freundin nach mehr gemeinsamer Zeit und seinem eigentlichen Wunsch, Musik zu machen, nachzukommen. Das alles wird zugewandt und humorvoll erzählt und bietet dem jungen Publikum viele Anknüpfungspunkte zur Identifikation.
 

Cinema Delicatessen: Trailer Shabu (Niederlande 2021)



Ein Dokumentarfilm eröffnet „14plus“

Dass der französische Dokumentarfilm Allons enfants (Rookies) das Programm „14plus“ eröffnete, ist sicher auch als Zeichen der Wertschätzung gegenüber dieser Filmgattung seitens des „Generation“-Teams zu sehen. In dieser stimmungsvollen zweistündigen Produktion von Thierry Demaizière und Alban Teurlai werden Jugendliche bei ihrer Ausbildung zu Profitänzer*innen am Pariser Lycée Turgot begleitet. Das Turgot legt Wert darauf, Schüler*innen aus ganz unterschiedlichen Milieus eine Chance zu geben, sie auf das Abitur vorzubereiten und gleichzeitig im Hip-Hop-Tanz zu unterrichten. Der Film kombiniert rasante, ausdrucksstarke Tanzszenen mit bewegenden Porträts der Auszubildenden im ersten Jahr. Die Jugendlichen erzählen von ihren Verletzungen und Defiziten, aber ebenso von ihrer inneren Wandlung durch den Tanz.
 

Berlinale: Trailer Allons enfants (Frankreich 2022)



Der belgische Dokumentarfilm Kind Hearts von Olivia Rochette und Gerard-Jan Claes dagegen konzentriert sich auf nur zwei Jugendliche. Billie und Lucas sind ein Paar. Gerade haben sie ihr Abitur bestanden, nun müssen sie über ihre Zukunft nachdenken. Und genau dies tun sie vor der Kamera. Dabei geht es um essenzielle Fragen: was und wo studieren, zusammenziehen oder getrennt in WGs leben, wie die Partnerschaft in Zukunft gestalten? Während Lucas gern in der Komfortzone bleiben möchte, spürt Billie, dass sie definitiv vor einem neuen Lebensabschnitt steht und einen Neuanfang wagen möchte – einen Neuanfang ohne Lucas. Kind Hearts hat die Internationale Jury von „14plus“ dermaßen überzeugt, dass sie den Großen Preis für den Besten Film an diese Produktion und ex aequo an den kasachischen Spielfilm Skhema (Scheme) verlieh.
 

Avila: Trailer Kind Hearts (Belgien 2022)



Ein beachtenswertes Langzeitprojekt

Nicht nur einen Sommer, sondern ganze zehn Jahre haben Tine Kugler und Günther Kurth ihren jungen Protagonisten Pascal aus dem Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf begleitet. Pascal, von allen Kalle genannt, ist aufgewachsen in der Nähe der Allee der Kosmonauten, der Hauptverkehrsstraße in diesem Bezirk. Und so hat das Regieduo seine filmische Langzeitbeobachtung Kalle Kosmonaut genannt.

Ein Kosmonaut ist Kalle nicht geworden, aber viele Höhen und Tiefen hat er bereits in seinen jungen Jahren durchlebt. Kennengelernt haben Kugler und Kurth ihn bei einem Projekt über sogenannte Schlüsselkinder. Damals war Pascal zehn Jahre alt. Er lebt bei seiner alleinerziehenden Mutter, die ihren Sohn zwar liebevoll umsorgt, ihn aber aus beruflichen Gründen oft zur alkoholkranken Oma bringt. Pascal ist ein aufgeschlossenes, neugieriges Kind, das gern Fußball spielt und über sich und die Welt nachdenkt. Als 13-Jähriger äußert er, nicht so werden zu wollen, wie die am Berliner Alexanderplatz Bettelnden, sondern er hofft, in seinem Leben etwas zu erreichen.

Doch später sind es Drogen und erste Gewalttätigkeiten, die ihn von seinem Ziel ab- und letztendlich ins Gefängnis bringen. Mit 17 wird Pascal zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Tine Kugler und Günther Kurth halten weiterhin Kontakt zu ihm und seinem nächsten Umfeld: zu Kalles Mutter und deren Freund, den Großeltern, dem Sozialarbeiter. Sie begleiten Pascal bei seinem ersten Ausgang, sind an seiner Seite, als er entlassen wird, Arbeit und Wohnung sucht, in eine Depression zu rutschen droht. Mit 20 hat Pascal Freundin und Kind, arbeitet bei einer Baumschneidefirma und möchte Rapper werden. Vor allem aber möchte er vieles besser machen, was in seiner eigenen Kindheit schiefgelaufen ist.
 

KMOTO: Trailer Kalle Kosmonaut (Deutschland 2022)



Pascal ist durch seine offene, reflektierte Art ein Sympathieträger, allerdings einer, der viel Widersprüchliches, auch Gewalttätiges, in sich vereint. Die Gefühle, Gedanken und Grübeleien, die er nicht vor laufender Kamera äußern, sondern nur ins Mikrofon sprechen konnte, werden durch Animationen im Graphic-Novel-Stil dargestellt. Sie stammen von dem deutsch-iranischen Illustrator, Grafikdesigner und Animator Alireza Darvish und spüren Pascals Empfindungen in berührenden Bildern nach. Alles in allem ist Kalle Kosmonaut ein ganz besonderes Dokument und ein Projekt, von dem man sich nur wünschen kann, dass es weitergeführt wird.
 

Jugendjury prämiert einen Dokumentarfilm

„Ein bewegender Film, der mit einfachsten Mitteln eine unglaubliche Nähe und Intimität schafft“, heißt es in der Begründung der Jugendjury von „Generation 14plus“, die die kolumbianisch-chilenisch-rumänische Koproduktion Alis mit dem Gläsernen Bären für den Besten Film auszeichnete. Und weiter: „Auf behutsame Art und Weise werden die Protagonistinnen und auch das Publikum mit Schmerz und Erinnerungen konfrontiert. Wie gelingt es mir, meine Vergangenheit aufzuarbeiten, ohne daran zu zerbrechen? Mit beeindruckender Ehrlichkeit und Direktheit beantwortet der Film diese Frage.“

Schon allein die Preisbegründung zeigt, dass dokumentarische Formen es schaffen können, das junge Publikum zu fesseln, mitzureißen und zu bewegen. Dabei ist der Film von Clare Weiskopf und Nicolás van Hemelryck tatsächlich mit wenig technischem Aufwand produziert. Denn das Regieduo setzt zehn Mädchen in einem Heim in Bogotá einfach nur vor die Kamera und lässt sie erzählen. Sie alle haben schwere Schicksalsschläge und Gewalterfahrungen hinter sich. Die Teenager sollen ihre Augen schließen, sich eine 15-jährige Mitschülerin namens Alis vorstellen und sich ein Leben für diese fiktive Alis ausdenken. In dem Frage-und-Antwort-Spiel mit der Regisseurin und dem Regisseur geht es um Fragen wie beispielsweise: „Was macht Alis gern?“, „Wie weint sie, wie lacht sie?“, „Wie steht sie zu Jungen, wie zu Mädchen?“, „Wie geht sie mit Sex um?“, „Was bedeutet Liebe für sie?“, „Wie denkt sie über Gewalt, über den Tod?“. Dieses kreative Spiel ermöglicht es den Mädchen, eigene traumatische Erfahrungen, aber auch Zukunftswünsche in die imaginäre Figur zu projizieren, darüber zu sprechen und sich so bewusst zu machen. Es ist ein Spiel, das allen Beteiligten wie aber auch dem Publikum tief unter die Haut geht – und gleichzeitig Mut macht, sich der Vergangenheit zu stellen und so Wunden heilen zu lassen.
 

Casatarántula: Trailer Alis (Kolumbien/Chile/Rumänien 2022)




Die Preise

„Generation Kplus“

KINDERJURY

Gläserner Bär für den Besten Film
Comedy Queen von Sanna Lenken (Schweden 2022)

Lobende Erwähnung
An Cailín Ciúin (Das stille Mädchenvon Colm Bairéad (Irland 2022)

Gläserner Bär für den Besten Kurzfilm
Vlekkeloos (Fleckenlosvon Emma Branderhorst (Niederlande 2021)

Lobende Erwähnung
Luce and the Rock (Luce und der Felsenvon Britt Raes (Belgien/Frankreich/Niederlande 2022)

INTERNATIONALE JURY

Großer Preis der Internationalen Jury von „Generation Kplus“ für den Besten Film
An Cailín Ciúin (Das stille Mädchenvon Colm Bairéad (Irland 2022)

Lobende Erwähnung
Shabu von Shamira Raphaëla (Niederlande 2021)

Spezialpreis der Internationalen Jury von „Generation Kplus“ für den Besten Kurzfilm
Gavazn (Hirschvon Hadi Babaeifar (Iran 2021)

Lobende Erwähnung
To Vancouver (Vancouvervon Artemis Anastasiadou (Griechenland 2021)

„Generation 14plus“

JUGENDJURY

Gläserner Bär für den Besten Film
Alis von Clare Weiskopf und Nicolás van Hemelryck (Kolumbien/Chile/Rumänien 2022)

Lobende Erwähnung
Stay Awake von Jamie Sisley (USA 2022)

Gläserner Bär für den Besten Kurzfilm
Born in Damascus von Laura Wadha (Vereinigtes Königreich 2021)

Lobende Erwähnung
Nada para ver aqui (Nothing to See Herevon Nicolas Bouchez (Portugal/Belgien/Ungarn 2022)

INTERNATIONALE JURY

Großer Preis der Internationalen Jury von „Generation 14plus“ für den Besten Film
Kind Hearts  von Olivia Rochette und Gerard-Jan Claes (Belgien 2022)

ex aequo

Skhema (Schemevon Farkhat Sharipov (Kasachstan 2022)

Spezialpreis der Internationalen Jury von „Generation 14plus“ für den Besten Kurzfilm
Au revoir Jérôme! (Goodbye Jérôme!von Adam Sillard und Gabrielle Selnet, Chloé Farr (Frankreich 2022)

Lobende Erwähnungen
Blaues Rauschen (Blue Noise)von Simon Maria Kubiena (Deutschland/Österreich 2022)
Tinashé von Tig Terera (Australien 2021)