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Beruhend auf wahren Begebenheiten

Mit einem Medienwissenschaftler durch die Ausstellung „Serial Killer“

Eva Lütticke

Bei einem Gang durch die Ausstellung Serial Killer. The Exhibition. World Tour spricht der Medienwissenschaftler Prof. i. R. Dr. Lothar Mikos über die anhaltende Faszination des True-Crime-Genres und die problematischen Folgen der damit verbundenen Täterzentrierung.

Online seit 22.01.2026: Link

Gedämpftes Licht, schaurige Musik und großformatige Texttafeln empfangen uns. Wir befinden uns in Berlin-Neukölln in einer Ausstellung über Serienmörder. Unter dem Titel Serial Killer. The Exhibition. World Tour werden reale Verbrechen in einer Art präsentiert, die vielen Besucher*innen vertraut sein dürfte. Biografien, Tatabläufe und psychologische Deutungen fügen sich zu Erzählungen, wie man sie aus True-Crime-Dokumentationen kennt – nur diesmal nicht auf dem Bildschirm, sondern im realen Raum.
 

Blick auf den Eingang der Ausstellung



In insgesamt 39 Räumen sind die Biografien der vor allem männlichen Täter aufgezeigt. Teilweise gibt es Artefakte, wie Sägen oder Besteck, die die Mörder und Kannibalen tatsächlich genutzt haben, samt Echtheitszertifikat. Bei bekannteren Mördern wurden ganze Tathergänge inszeniert: blutüberströmte im Bett liegende Opfer, ein Kühlschrank mit abgetrenntem Kopf und Blutspritzern. Doch eins nach dem anderen …
 

Rekonstruktionen von Tatorten und Mordszenen



Was macht einen Serienkiller aus?

Gemeinsam mit dem Medienwissenschaftler Prof. Dr. Lothar Mikos begeben wir uns auf den Rundgang durch die Ausstellung. Dabei stellt sich weniger die Frage nach einzelnen Fällen als nach den Erzählweisen selbst: Warum faszinieren Serienmörder bis heute? Welche Logiken des True-Crime-Genres werden sichtbar? Und was bedeutet es, wenn reale Verbrechen in dieser drastischen Weise präsentiert werden?

Eingangs wird zunächst definiert, wer die Bezeichnung „Serienmörder“ trägt. Als Serienmord gilt demnach „die vorsätzliche Tötung von zwei oder mehr Opfern durch denselben Täter bei voneinander getrennten Ereignissen“ (Federal Bureau of Investigation). An diese Definition schließt sich eine Kategorisierung von Serienmördern in vier Typen an:

  1. Missionarische Serienmörder, deren erklärtes Ziel es ist, die Welt nach ihren eigenen Maßstäben zu „verbessern“.
  2. Als Untergruppe der missionarischen Täter gelten die sogenannten „Engel des Todes“,die häufig im Gesundheitswesen tätig sind, etwa als Ärzt*innen, Pflegekräfte oder anderes medizinisches Personal.
  3. Visionäre Serienmörder, die oftmals unter Wahnvorstellungen oder Halluzinationen leiden und ihre Taten als das Befolgen innerer oder äußerer „Befehle“ verstehen; der Mord erscheint hier als Ausdruck eines psychotischen Erlebens.
  4. Hedonistische Serienmörder, die aus Lustgewinn oder emotionaler Befriedigung töten.

Nach diesem eher sachlichen Einstieg in die Thematik betreten wir den ersten Raum. Hier werden Serienmörder mit ihren Biografien und Taten inszeniert. Die Darstellung folgt dabei dem Prinzip eines Steckbriefs. Aufgeführt sind unter anderem das Geburtsdatum, weitere Namen oder Bezeichnungen (etwa „Pig Farmer Killer“ oder „The Butcher“), Verurteilungen, Zahl der Opfer, Tötungsmethoden, Tatzeitraum, Land und Provinz, Zeitpunkt der Festnahme, Strafmaß, aktueller Status sowie ein psychologisches Profil. Letzteres soll Einblicke in das „Innenleben“ der Täter geben, ein Ansatz, der auch in True-Crime-Formaten häufig im Zentrum steht und einen wesentlichen Teil ihrer Faszination ausmacht. Die wiederkehrende Frage lautet: Warum wird jemand zum Mörder oder gar zum Serienmörder? Gibt es einen Auslöser, ein Ereignis, eine Erklärung, die diese Taten verständlich machen kann?

Zu den ersten in der Ausstellung dargestellten Tätern gehört Robert William Pickton, der zwischen 1978 und 2022 eine Serie grausamer Verbrechen beging. Sein psychologisches Profil liest sich wie folgt:

„Pickton zeigte keinerlei Mitgefühl und litt an Psychopathie, einer zerstörerischen Persönlichkeitsstörung mit problematischen zwischenmenschlichen und emotionalen Verhaltensmerkmalen. Nachdem er die Schule und eine Ausbildung zum Metzger abgebrochen hatte, arbeitete er auf dem Schweinehof seiner Familie. Er lockte hauptsächlich Prostituierte und Drogenabhängige an, die er nach der Strangulation zerstückelte und an die Schweine auf dem Hof verfütterte. Auf seinem Grundstück fand die Polizei menschliche Überreste und DNA-Spuren von mindestens 33 Frauen.“

Begleitet wird diese Darstellung von fotografischen Abbildungen Picktons sowie von rot eingefärbten Porträts der Opfer, die der Präsentation eine zusätzliche emotionalisierende und dramatisierende Ebene verleihen. Was macht es mit uns als Besucher*innen, zu wissen, dass diese Taten tatsächlich stattgefunden haben?
 

Steckbrief Robert William Pickton



Täter im Rampenlicht

„True-Crime-Formate haben einen Wahrheitsanspruch, der für Zuschauende besonders reizvoll ist“, so Lothar Mikos. Diese Faszination für das Verbrechen sei kein neues Phänomen. Früher seien True-Crime-Formate eher den Subkulturen zugeordnet worden, während heute die Geschichten über Verbrechen klar im Mainstream angeordnet seien, so der Medienwissenschaftler. Vor allem Netflix habe in den letzten Jahren eine Reihe an True-Crime-Dokumentationen produziert, die eine starke Täterzentrierung haben.

Ihm sei das Thema zum ersten Mal als junger Erwachsener im Kino begegnet. Filme und Filmreihen wie Nightmare on Elm Street mit Freddy Krueger als Hauptfigur, Freitag, der 13. oder Michael Manns Blutmond – Roter Drache, in dem Hannibal Lecter erstmals auftritt und später durch Das Schweigen der Lämmer (1991) weltbekannt wurde, hätten sein Interesse geprägt. Die Figur Hannibal Lecter wurde vom Schriftsteller Thomas Harris erfunden, der sich dabei an realen Serienmördern orientierte. Ähnlich verhält es sich mit Norman Bates in Alfred Hitchcocks Psycho, der lose auf dem Mörder Ed Gein basiert, oder mit Henry: Portrait of a Serial Killer, das den Fall Henry Lee Lucas aufgreift. Man habe gewusst, dass es für viele dieser Figuren reale Vorbilder gab, und sich mit den damaligen Möglichkeiten, etwa über Underground-Filmzeitschriften, informiert und mit anderen Filmbegeisterten ausgetauscht, so Mikos. Dabei sei ihnen stets bewusst gewesen, dass es einen authentischen Kern gebe, dass das Erzählte also in gewisser Weise „wahr“ sei – verbunden mit dem Gefühl, es handle sich um etwas Außergewöhnliches, Abnormes. Das im Film Gezeigte habe er jedoch klar als Fiktion wahrgenommen: von der Realität inspiriert, aber eben Fiktion. Heute scheine es fast umgekehrt zu sein: Reale Ereignisse werden fiktionalisiert und anschließend wieder mit einem starken Authentizitätsanspruch versehen – und heißen dann auch noch „True Crime“.
 

Inszenierung eines Mordes in der Ausstelung Serial Killer. The Exhibition. World Tour



Um den Bezug zur „Realität“ zu untermauern, greifen Produzierende von True-Crime-Formaten auf eine Vielzahl dramaturgischer und ästhetischer Mittel zurück: Interviews mit Zeitzeug*innen und Expert*innen, Reenactments (heute zum Teil KI-generiert), Einblicke in die Polizeiarbeit, biografische Details der Täter*innen sowie umfangreiches Archivmaterial. Der Anspruch auf „Wahrheit“ entsteht also nicht zuletzt durch Inszenierung. Was dabei verloren geht, ist der Blick auf die größeren Zusammenhänge, in denen Gewalt entsteht, sie werden zugunsten klar erzählbarer Täterbiografien ausgeblendet. Auch die Ausstellung folgt dieser Logik und setzt einen klaren Fokus auf die Täter. Fast mantraartig werden immer wieder Opferzahlen, Tötungsarten, Tatzeitpunkte und vermeintliche Kindheitstraumata der Mörder aufgelistet. Eine serielle Verdichtung, die Gewalt erklärbar erscheinen lässt, ohne sie wirklich zu erklären.

Als bedenklich bewertet Mikos vor allem die Aufmerksamkeit, die straffällig gewordenen Personen in den Medien und auch durch Ausstellungen dieses Formats zuteilwird. Wenn Netflix beispielsweise ganze Serienstaffeln produziere, in denen die Biografien von Serienmördern oder Betrügern und die Tathergänge im Zentrum stehen. Dies gehe, so Mikos, mit einer schleichenden Entwertung moralischer Maßstäbe einher. Warum, so die zugespitzte Frage, sollten solche Personen zu „Helden“ stilisiert werden? Für Jugendliche sei dabei weniger der Aspekt der unmittelbaren Nachahmung entscheidend. Niemand werde allein dadurch zum Mörder, dass er oder sie eine entsprechende Dokumentation oder Serie sehe. Kritisch zu betrachten seien vielmehr die Logik der Aufmerksamkeit selbst und die mögliche Form von Anerkennung, die Täter durch mediale Sichtbarkeit erlangen. Auch mit Blick auf junge Rezipient*innen sei dies problematisch (Besucher*innen dürfen ab 14 Jahren in die Ausstellung), da Sichtbarkeit hier mit Bedeutung und Relevanz verknüpft werde. Diese Verschiebung lasse sich auch im fiktionalen Erzählen beobachten: Der Antiheld sei längst zur zentralen Identifikationsfigur geworden. Serien wie Dexter oder Breaking Bad, in der der abgehalfterte Chemielehrer Walter White zum Drogenboss aufsteigt, erzielten enorme Reichweiten und würden vom Publikum gefeiert, so der Medienwissenschaftler.
 

Mithilfe von Zitaten will die Ausstellung Einblicke in die Gedankenwelt der Täter vermitteln. Dieses Zitat stammt von Leonarda Cianciulli, bekannt als die „Seifenmacherin von Correggio“.



Killer-Clown, Schachbrett-Mörder, Vampir von Paris

Zurück zur Ausstellung: Die mediale Verhandlung der Serienmorde bleibt auffällig unterbelichtet. Zwar finden sich vereinzelt historische Zeitungsartikel, aus denen sich Schlaglichter medialer Zeitgeschichte ablesen lassen, doch eine systematische Auseinandersetzung mit der Rolle der Medien erfolgt nicht. Umso stärker fällt ein anderes Element ins Auge: Die Namen, die den Tätern zugeschrieben sind, wurden häufig von Journalist*innen geprägt oder popularisiert. Der 44-Kaliber-Killer, die Seifenmacherin von Corregio, der Kannibale von Münsterberg oder das Monster von Florenz: Diese Bezeichnungen strukturieren nicht nur die Berichterstattung, sie verwandeln reale Personen in erzählbare Figuren. Täter erhalten hierdurch eine narrative Identität, die fast wie eine eigene Marke fungiert, Assoziationsräume eröffnet und sich somit an der Grenze zu Fiktion bewegt. Wie schon zur Zeit der Taten, dienen diese Pseudonyme auch in der Ausstellung dazu, das Grauen zu verdichten und erinnerbar zu machen. Doch sie erfüllen noch eine weitere Funktion: Sie ästhetisieren Gewalt, erzeugen Wiedererkennbarkeit und tragen damit zur Faszination bei, die True Crime bis heute umgibt. 

Dass diese Logik an Mechanismen der Popkultur erinnert, ist kein Zufall. Auch Stars treten selten unter ihren bürgerlichen Namen auf; sie werden zu Figuren und zu medialen Konstruktionen. Wenn Serienmörder in ähnlicher Weise benannt und typisiert werden, verschiebt sich ihr Status unmerklich: vom Täter zur Erzählfigur, vom Verbrecher zum Bestandteil eines kulturellen Repertoires. Die Ausstellung übernimmt diese Praxis weitgehend ungebrochen und reproduziert damit jene mediale Dramatisierung, die sie kritisch hätte reflektieren können.
 

Nachgebildetes Beweisstück aus dem Fall Ted Bundy (Zahnabdruck am Körper eines Opfers).



Und was ist mit den Opfern?

Zu Beginn des Rundgangs scheinen auch die Opfer eine erkennbare Präsenz zu erhalten. Ihre Namen werden genannt und ihre Schicksale skizziert, sodass zunächst der Eindruck entsteht, die Ausstellung wolle einen anderen Weg gehen als viele True-Crime-Formate, in denen die Opfer häufig in den Hintergrund treten oder ganz verschwinden. Dieser Eindruck erweist sich jedoch als trügerisch. Spätestens ab dem vierten Raum verschiebt sich der Fokus zunehmend auf die Täter. Ihre Biografien und ihre Methoden dominieren die Erzählung so stark, dass die Opfer aus dem Blick geraten. Die Frage nach ihnen stellt sich kaum noch. Besonders deutlich wird diese Verschiebung an einem Exponat aus dem Kontext der Taten Ted Bundys. Auf dem Nachbau eines Gesäßes sehen wir den berühmten Zahnabdruck des Mörders, der schließlich zu seiner Überführung führte. Der Körper bleibt fragmentiert und auf ein Beweisstück reduziert. Die betroffene Person erscheint nicht als Subjekt, sondern als Objekt der Beweisführung. Erst am Ende der Ausstellung findet sich ein großer Raum mit Porträtfotografien der Opfer, verbunden mit der Aufforderung, einen Moment innezuhalten und ihrer zu gedenken. Nach 39 Räumen, in denen vor allem Täter, ihre Taten und mediale Mythen im Zentrum standen, wirkt dieser Versuch der Rehumanisierung wie ein nachträgliches Korrektiv: gut gemeint, aber spät. Und so gehen die meisten Besucher*innen an den Porträtfotos vorbei, ohne sie genauer zu betrachten.

Zurück bleibt ein ambivalenter Eindruck. Die Ausstellung folgt über weite Strecken ebenjener Logik, die sie zugleich problematisieren könnte: der Logik des True Crime, in der Täter erzählbar werden und die Opfer zu Randfiguren.
 

Der Rundgang endet in einem Shop, der unter anderem Tassen mit dem Porträt des Serienmörders Ted Bundy im Angebot hat.



Die Ausstellung Serial Killer. The Exhibition. World Tour war bis Anfang Januar 2026 in Berlin-Neukölln zu sehen.