Bildung und digitaler Kapitalismus
München 2024: kopaed
Rezensent/-in:
Bernward Hoffmann
Bildung und digitaler Kapitalismus
Der Sammelband entstand im Kontext der Initiative „Bildung und digitaler Kapitalismus“. Seit 2021 haben sich in dieser Initiative Medien- und Kulturpädagog*innen zusammengeschlossen. Verbindendes Anliegen ist eine kritisch-konstruktive Perspektive auf digital-kapitalistische Prozesse in wissenschaftlichen Kontexten, pädagogischen Handlungsfeldern und bildungspolitischen Öffentlichkeiten. Die 30 Beiträge, an denen 35 Aktive der Initiative mitwirkten, sind fünf Hauptkapiteln zugeordnet; kurze Abstracts am Anfang jedes Artikels ermöglichen einen schnellen Überblick. Dem Editorial der Herausgeber*innen folgt der Grundlagenartikel „Digitaler Kapitalismus“ von Horst Niesyto, der „Affinitäten zwischen kapitalistischen und digitalen Strukturprinzipien“ (S. 17, H. i. O.) herausarbeitet.
Eine Grundspannung durchzieht den Band: Es gibt viele Gründe zur Kritik am Kapitalismus wie an der Digitalisierung, aber daneben steht die Pragmatik, von beiden zu profitieren. Die Kapitel bieten „Analysen, Diagnosen und Alternativentwürfe“ (Kap. 1), thematisieren „Bildung und Ungleichheiten“ (Kap. 2) theoretisch und mit vielen „Konzepten, Praxisbeispielen und Erfahrungen“ (Kap. 4) und in einem eigenen Kapitel Zusammenhänge zu KI, besonders ChatGPT, zwischen Expertensystem und geistigem Fastfood (Kap. 3). Das Abschlusskapitel dokumentiert bildungspolitische Positionen.
Es gibt viele Gründe zur Kritik am Kapitalismus wie an der Digitalisierung, aber daneben steht die Pragmatik, von beiden zu profitieren.
Alle Autor*innen folgen dem kritischen Blick auf Zusammenhänge zwischen Digitalisierung und kapitalistischen Prinzipien, die sich auf Strategien, Positionen und die praktische Arbeit in der Medienpädagogik sowie allgemein auf die Bildungsarbeit und gesellschaftliche Strukturen auswirken. Die Bewertungen sind unterschiedlich, aber an keiner Stelle findet sich eine totale Ablehnung von Digitalisierungstrends für Bildungskontexte. Es wird jedoch deutlich, dass eine durch den Zwang zum Distanzlernen während der Pandemie gepushte Nutzung digitaler Medien und Kommunikationswege differenzierter und kritischer betrachtet werden muss, als derzeitige bildungspolitische Positionen und Praktiken nahelegen. Viele Trends der Digitalisierung sind für das Individuum nützlich und verführerisch bequem. Eine grundlegend kritische Haltung bleibt jedoch in der individuellen Mediennutzung wichtig und ist als Aspekt „Medienkritik’“ jedem Modell von Medienkompetenz implizit.
Über die Verantwortung und die Möglichkeiten des Individuums hinaus müssen Institutionen und Grundpositionen der Bildungspolitik unabhängig von wirtschaftlichen Megatrends der Digitalisierung bleiben und dürfen sich nicht von der Technologie und kommerziellen, vielfach monopolistischen Marktinteressen treiben lassen. Sonst bleiben Freiheit und Gerechtigkeit von Bildung auf der Strecke. Der Kritik müssen das Aufzeigen und Erproben alternativer, demokratischer und nachhaltiger Entwicklungspfade in der Digitalisierung folgen.
Zielgruppe der Publikation sind Wissenschaftler*innen, pädagogische Fach- und Lehrkräfte sowie Studierende, aber auch bildungspolitische Entscheidungsträger*innen. Der Sammelband dokumentiert einen „Zwischenstand“ in einem andauernden Prozess um „Future Literacy“.
Prof. i. R. Dr. Bernward Hoffmann
Valentin Dander, Nina Grünberger, Horst Niesyto, Horst Pohlmann (Hrsg.): Bildung und digitaler Kapitalismus. München 2024: kopaed. 392 Seiten, 29,80 Euro
