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„Bindung ist der Kern des Lebens.“

Aufwachsen mit sozialen Medien

Camilla Graubner, Eva Lütticke im Gespräch mit Nina Kolleck

Welche Rolle spielen soziale Medien bei der Sozialisation junger Menschen? Neben der Familie, der Schule und anderen Sozialisationsinstanzen eine zunehmend prägende, sagt Prof. Dr. habil. Nina Kolleck. Mit ihr sprach mediendiskurs über die Wichtigkeit von Bindungen und die veränderten Rahmenbedingungen, diese auch im digitalen Raum aufzubauen.

Online seit 23.07.2026: Link

Was ist Sozialisation?

Sozialisation ist die Herausbildung von Identitäten im Wechselspiel zwischen innerer und äußerer Welt. Das heißt, wir alle sind immer auf der Suche nach dem Ich und nach uns selbst. Bei der Beantwortung der Frage, wo und wie wir in die Welt und in die Gesellschaft hineinwachsen, spielen in erster Linie die Eltern, später dann die Schule und all die Orte, an denen wir uns aufhalten, eine zentrale Rolle.

Das Aufwachsen vollzieht sich über verschiedene Stufen. Welche sind das?

Bei der primären Sozialisation, die oft als einflussreichste Form der Sozialisation bezeichnet wird, wirken die ersten Lebensjahre besonders maßgeblich auf unsere Identitätsbildung ein, weil in dieser Phase am meisten richtig, aber auch am meisten falsch gemacht werden kann. In den ersten Lebensjahren entsteht etwa ein Urvertrauen: Vertrauen wir eher der Welt oder erscheint sie uns unsicher? Dieses Urvertrauen wird uns entweder mitgegeben oder nicht, und es hängt ganz stark von Bindung ab. Entscheidend ist, wie verlässlich und sicher sich die Bindung anfühlt, die wir von unseren primären Erziehungs- und Bezugspersonen bekommen – meistens sind es die Eltern. Haben wir eine verlässliche Bindung oder eine, die sehr beliebig ist – mal nah, mal distanziert, mal strafend –, sodass wir sie nicht richtig einschätzen können? Werden wir begleitet, wenn wir Schmerzen haben? Bekommen Babys Zuwendung, wenn sie schreien, oder erfahren sie Kälte? All diese Erfahrungen sind wichtig für unser Grundverständnis von der Welt. 

An die ersten drei Lebensjahre können wir uns später in der Regel nicht bewusst erinnern, aber wir spüren sie in Form unseres Zugriffs auf die Welt – ob wir eher denken: „Es wird schon alles gut, ich kann den Menschen um mich herum tendenziell vertrauen und werde meinen Weg finden“, oder ob wir das Gefühl haben, wir müssten alles möglichst unter Kontrolle halten, weil uns die Welt sehr unsicher erscheint. Das heißt aber nicht, dass diese Jahre so maßgeblich sind, dass sich später gar nichts mehr verändern könnte. Ein starkes Grundvertrauen kann einerseits durch traumatische Erfahrungen zerrüttet werden. Andererseits können schwierige erste Lebensjahre später ausgeglichen werden, wenn positive Bindungserfahrungen hinzukommen. Bindung bleibt auch später im Leben zentral. Sie ist zwar nicht mehr in dem Sinne existenziell, dass wir sterben, wenn wir keine Bindung erfahren, aber sie wirkt sich auf die psychische und körperliche Gesundheit aus und ist wichtiger als viele andere Faktoren, etwa Status oder sogar eine ausgewogene Ernährung.

Ist Bindung mit dem Begriff Nähe gleichzusetzen? 

Das ist nochmal etwas anderes. In den ersten drei Jahren geht es auf jeden Fall um Nähe und deren Zuverlässigkeit. Ab der Pubertät löst sich diese enge Form von Nähe zunehmend auf, was ein natürlicher Prozess ist: Kinder suchen andere Kontaktpersonen und andere Bindungen, die nicht unbedingt auf Nähe basieren, sondern auch auf Ausprobieren. Sie testen sich selbst, probieren Bindungen aus, die sich zunächst fremd anfühlen. Auch im beruflichen Leben bleibt Bindung wichtig, muss aber nicht immer auf tiefstem Vertrauen basieren. Sie kann auch eine lose Bindung sein. Diese losen oder eher distanzierten Bindungen werden im Laufe des Lebens für viele Menschen immer wichtiger.
 

Prof. Dr. habil. Nina Kolleck ist Bildungsforscherin und Politikwissenschaftlerin. Seit 2023 ist sie Professorin für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam.


 

Welche Funktion hat die Schule als sekundäre Sozialisationsinstanz?

Die Schule hat eine sehr wichtige Funktion. Oft wird sie vor allem als Institution mit einer Leitungsfunktion verstanden, doch darüber hinaus hat sie eine Integrationsfunktion und soll zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen. Unter anderem soll Schule unterschiedliche primäre Sozialisationserfahrungen ausgleichen, denn diese sind sehr verschieden. Manche Kinder und Jugendliche haben eine sehr zuverlässige Bindung erfahren, andere nicht; wieder andere sind beispielsweise im Krieg aufgewachsen und geflohen, hatten keine verlässlichen Eltern oder haben früh ein Elternteil verloren. Die ersten Lebensjahre sind von großer Ungleichheit geprägt. All diese Unterschiede soll die Schule auffangen und durch sekundäre Sozialisation reflektieren, um zu einem Ausgleich beizutragen. Oft passiert jedoch das Gegenteil: Schule forciert teilweise bestehende Ungleichheiten sogar noch. Das liegt unter anderem daran, dass viele Lehrkräfte in Fragen der Sozialisation kaum ausgebildet sind, obwohl es zentral wäre, dass sie ihre eigene Sozialisation reflektieren. Aus der Forschung wissen wir, dass Lehrkräfte dazu neigen, mit Kindern und Jugendlichen, die ihnen näher sind, anders umzugehen. Wir gehen mit denen anders um, die uns ähnlich erscheinen, deren Ausdrucksweise und Verhalten wir wiedererkennen; diesen Kindern vertrauen wir tendenziell mehr und trauen ihnen auch mehr zu. Dieses Problem muss in der Schule aktiv angegangen werden. Sonst besteht die Gefahr, dass Lehrkräfte Ungleichheiten reproduzieren oder sogar verstärken.

Auf der Stufe der sekundären Sozialisation ergänzen Sie neben der Schule die sozialen Medien. Wie verändert das die Beziehungsgestaltung junger Menschen?

Das verändert grundsätzlich, wie sie Beziehungen gestalten, wie Informationen erhalten werden und wie Identität entwickelt wird. Die Familie bleibt zwar die erste und wichtigste Sozialisationsinstanz, die hinzugekommenen digitalen Räume ersetzen diese Instanzen nicht, sondern ergänzen und verknüpfen sie miteinander. Es entstehen neue Lern-, Austausch- und Beteiligungsmöglichkeiten. Deswegen können wir die Wirkung von sozialen Medien nicht einfach mit der Wirkung von Tabletten vergleichen, wie es in der rein experimentellen Forschung oft getan wird. Soziale Medien wirken tief in die Sozialisation hinein – meist schleichend und eher unbemerkt, aber dafür umso prägender.
 


 Soziale Medien wirken tief in die Sozialisation hinein.



Warum nennen Sie sie digitale Sozialisation?

Sie überlappt sich zwar sehr stark mit anderen Sozialisationsprozessen, weist aber zugleich eigene Merkmale auf. Was digital gelernt wird, schwappt in die „physische“ Welt über – und umgekehrt.

Der entscheidende Unterschied ist, dass Sozialisation heute nicht mehr nur in unmittelbaren Beziehungen stattfindet. Kinder und Jugendliche wachsen gleichzeitig in Familie, Schule, Peergroups und digitalen Räumen auf. Diese Räume sind nicht bloß Kommunikationskanäle, sondern eigene soziale Erfahrungsräume. Dort werden Normen ausgehandelt, Zugehörigkeit erlebt, Anerkennung vergeben und Konflikte ausgetragen. Jugendliche lernen dort, was Aufmerksamkeit erzeugt, welches Verhalten belohnt oder sanktioniert wird und wie sie sich selbst präsentieren müssen, um dazuzugehören. Diese Erfahrungen prägen Identität ebenso wie Erfahrungen in der analogen Welt. Hinzu kommt, dass diese digitalen Erfahrungsräume nach anderen Regeln funktionieren als klassische Sozialisationsinstanzen. Wenn wir uns anschauen, wie soziale Medien heute funktionieren, sehen wir, dass Sozialisation darin anders stattfindet. In sozialen Medien wird nicht einfach ein Querschnitt dessen gezeigt, was gepostet wird. Stattdessen werden vor allem extreme, gewaltverherrlichende und menschenverachtende Inhalte schneller nach oben gespült und häufiger angezeigt.

Was bedeutet das für den Bindungsaufbau?

Wir beobachten, dass Prinzipien des Zusammenlebens, die sich zunächst in sozialen Medien herausgebildet haben, inzwischen immer stärker in der „realen“ Welt auftauchen. Ein Beispiel ist Ghosting: das plötzliche Abbrechen von Kontakten, das Nicht-mehr-Antworten und So-tun, als gäbe es die andere Person nicht mehr – und zwar nicht bei flüchtigen Kontakten, sondern bei Freundschaften oder engen Kolleginnen und Kollegen. In den sozialen Medien herrscht der Anspruch, dass das Gegenüber immer etwas zur Persönlichkeitsentwicklung beiträgt, immer bereichert, Beziehungen nie zu Konflikten führen und kein Gefühl von Leere oder Einsamkeit entstehen darf. Entspricht das Gegenüber diesen Erwartungen nicht, wird es schnell als „toxisch“ gebrandmarkt – ohne aktive Auseinandersetzung, sondern durch Ghosting.

Ghosting schwappt in andere Lebensbereiche über und ist fast zu einer Kommunikationsform unseres Jahrhunderts geworden. Kinder und Jugendliche leiden enorm darunter; und zwar nicht nur die, die geghostet werden, sondern auch die, die ghosten. Ich spreche in meinem Buch von Mikrobrüchen: Wir wissen, dass Bindungsbrüche unserer Persönlichkeitsentwicklung und unserem Selbstwert großen Schaden zufügen können. Beim Ghosting handelt es sich nicht um einen großen Bindungsbruch wie etwa den Tod eines Elternteils, sondern um viele kleine Brüche.

Jeder einzelne Bruch mag für sich genommen unscheinbar erscheinen. In ihrer Summe vermitteln sie jedoch die Erfahrung, dass Beziehungen jederzeit und ohne Erklärung enden können. Das erschwert den Aufbau von Vertrauen, weil Verlässlichkeit zu etwas Vorläufigem wird. Ähnliche Dynamiken beobachten wir auch beim Ausschluss aus Gruppenchats, beim bewussten Ignorieren von Nachrichten oder wenn Freundschaften über sichtbare digitale Signale wie Likes, Kommentare oder Erwähnungen bewertet werden. Solche Erfahrungen sind nicht einfach nur digitale Ereignisse. Sie prägen die Erwartungen, mit denen Kinder und Jugendliche auch in analoge Beziehungen gehen: Wie konfliktfähig sind Beziehungen? Muss ich jederzeit verfügbar sein? Bin ich nur so lange interessant, wie ich dem anderen einen Mehrwert biete? Das verändert langfristig die Art und Weise, wie Bindung aufgebaut und aufrechterhalten wird.

Kann digitale Nähe auch stärkend sein?

Unbedingt. Digitale Medien werden häufig vor allem unter dem Blickwinkel von Risiken betrachtet. Dabei übersehen wir leicht, dass sie für viele Kinder und Jugendliche wichtige Räume für Zugehörigkeit, Austausch und Unterstützung sind. Gerade junge Menschen, die sich in ihrem unmittelbaren Umfeld als Außenseiter erleben, können online Gemeinschaften finden, in denen sie Anerkennung erfahren und sich mit anderen austauschen. Das gilt etwa für Jugendliche mit seltenen Erkrankungen, für queere Jugendliche oder für junge Menschen mit besonderen Interessen, die in ihrer Schule vielleicht niemand teilt.
 


Digitale Nähe kann reale Beziehungen ergänzen und stärken.



Entscheidend ist deshalb nicht, ob Beziehungen digital stattfinden, sondern wie sie gestaltet werden. Digitale Nähe kann reale Beziehungen ergänzen und stärken. Problematisch wird sie dort, wo sie verlässliche persönliche Beziehungen ersetzt oder wo Anerkennung fast ausschließlich von digitalen Rückmeldungen abhängt. Aus sozialisationstheoretischer Sicht brauchen Kinder und Jugendliche beides: stabile Bindungen im unmittelbaren Umfeld und die Möglichkeit, digitale Räume kompetent und selbstbestimmt zu nutzen.

In den sozialen Netzwerken kann man Jugendliche bei riskanten Challenges oder Mutproben beobachten. Warum sind diese bei Teenagern so beliebt? 

Jugendliche streben gerade in der Pubertät stark danach, etwas Riskantes zu tun. Das hängt mit neuronalen Umstrukturierungen zusammen; viele Jugendliche suchen ganz bewusst nach Verbotenem. Risikoverhalten gehört zunächst einmal zur normalen Entwicklung. Jugendliche wollen ihre Grenzen austesten, sich von den Eltern lösen und herausfinden, wer sie sind. Gleichzeitig gewinnt die Anerkennung durch Gleichaltrige in dieser Lebensphase enorm an Bedeutung. Mutproben oder Challenges erfüllen deshalb oft eine soziale Funktion. Sie schaffen Zugehörigkeit und signalisieren der Gruppe Mut, Selbstständigkeit oder Originalität. Soziale Medien verändern diese Dynamik jedoch. Mutproben finden heute nicht mehr nur vor einigen Freundinnen und Freunden statt, sondern potenziell vor Tausenden von Menschen. Aufmerksamkeit wird sichtbar und unmittelbar belohnt. Dadurch können sich Gruppendruck und der Wunsch nach Anerkennung verstärken. Gleichzeitig dürfen wir Jugendliche nicht auf riskantes Verhalten reduzieren. Die meisten können Risiken durchaus einschätzen. Deshalb ist es wichtiger, mit ihnen über Motive, Gruppendruck und Plattformmechanismen ins Gespräch zu kommen, als ausschließlich Verbote auszusprechen.

Wie können aus Ihrer Sicht Sozialisationsinstanzen wie Familie und Bildungseinrichtungen junge Menschen begleiten, damit sie möglichst unbeschadet aufwachsen können? 

Die wichtigste Ressource für eine gelingende Sozialisation sind verlässliche Beziehungen. Kinder und Jugendliche brauchen Erwachsene, die ihnen zuhören, Orientierung geben und auch dann verlässlich bleiben, wenn Konflikte entstehen. Das gilt in der Familie ebenso wie in der Schule oder in der Kinder- und Jugendarbeit. Gleichzeitig sollten wir digitale Medien nicht nur regulieren, sondern ihre Nutzung gemeinsam reflektieren. Medienbildung bedeutet heute weit mehr als technische Kompetenzen. Es geht darum, Informationen einordnen zu können, Algorithmen zu verstehen, Konflikte konstruktiv auszutragen und Verantwortung für das eigene Handeln im digitalen Raum zu übernehmen. Wenn Kinder lernen, dass digitale und analoge Beziehungen denselben Werten wie Respekt, Vertrauen und Verlässlichkeit folgen, stärkt das ihre Resilienz erheblich.
 


Die wichtigste Ressource für eine gelingende Sozialisation sind verlässliche Beziehungen.



Sehen Sie in der sozialisationsbegleitenden Medienbildungsforschung noch Lücken, die geschlossen werden müssten? 

Im Bereich der Medienbildung existieren zwar schon eine Reihe von Studien. Weniger erforscht ist bislang aber, wie sich Medienbildung sinnvoll mit anderen Bildungsbereichen, etwa politischer Bildung, Demokratiebildung oder auch mathematischer Bildung, verbinden lässt. Gerade angesichts der zunehmenden Bedeutung von Künstlicher Intelligenz und algorithmischen Entscheidungssystemen werden diese Kompetenzen künftig nicht mehr getrennt voneinander gedacht werden können. Gleichzeitig brauchen wir eine stärkere sozialisationstheoretische Perspektive. Noch immer betrachten viele Studien soziale Medien vor allem als einzelnen Einflussfaktor und fragen nach direkten Wirkungen. Sozialisation verläuft jedoch sehr viel komplexer. Digitale Medien wirken immer im Zusammenspiel mit Familie, Schule, Peergroups und den jeweiligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Genau dieses Wechselspiel ist bislang noch zu wenig erforscht. Darüber hinaus brauchen wir dringend mehr längsschnittliche Forschung, die Kinder und Jugendliche über viele Jahre begleitet. Nur so können wir verstehen, welche digitalen Erfahrungen langfristig prägend sind, welche Schutzfaktoren Resilienz fördern und wie sich digitale Sozialisation über den gesamten Lebensverlauf entwickelt.

Camilla Graubner ist Redaktionsleiterin von „mediendiskurs“. Sie studierte Soziologie, Psychologie und Kommunikationswissenschaften.

Eva Lütticke studierte Medienwissenschaften (M.A.) an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF. Zurzeit arbeitet sie als Redakteurin bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).