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Die Filmkultur des Making-of

Dokumentarische Produktionsästhetik im 21. Jahrhundert

Felix Hasebrink

Bielefeld 2024: transcript
Rezensent/-in: Lothar Mikos

Buchbesprechung

Online seit 27.03.2025: Link

Die Filmkultur des Making-of

Viele Leser*innen werden sogenannte „Making‑ofs“ als Zusatzmaterial zu Filmen oder Serien von DVDs oder Blu‑rays kennen. Für Hasebrink sind sie auch zentral, denn diese dokumentarische filmische Form gewährt einen Blick hinter die Kulissen der Filmproduktion, indem Regisseur*innen, Editor*innen, Maskenbildner*innen, Kamerafrauen und ‑männer sich zu den jeweiligen Referenzfilmen äußern. „Typische DVD-Making‑ofs setzen dieses Prinzip auch für Variationen von Filmausschnitten (Bildregister 1) und Interviews (Bildregister 2) mit einem nunmehr dritten Bildregister ein: Aufnahmen von laufenden Dreharbeiten. Diese Aufnahmen werden im Filmindustriejargon als Behind-the-Scenes-Aufnahmen (oder ‑Bilder, ‑Einstellungen etc.), abgekürzt ‚BTS‘, bezeichnet und bei der Erstellung von Making‑ofs“ und elektronischem Pressematerial, sogenannten EPKs, mit in Auftrag gegeben“ (S. 83, H. i. O.). Diesen Blick hinter die Kulissen gewährten bereits in den 1950er-Jahren die Wochenschauen in den Kinos, die u. a. von Dreharbeiten oder über Schauspieler*innen berichteten. Diese kurzen Beiträge wurden meistens „von einem männlichen Sprecher kommentiert“ (S. 106). Sie können als Vorläufer heutiger Audiokommentare gesehen werden. Als Reaktion auf die DVD-Making‑ofs sind Varianten entstanden, die sich auch ironisch, kritisch oder parodistisch mit dem Referenzfilm und seiner Produktion auseinandersetzen. Zu diesen Formen gehören auch Mockumentarys, die ihren Entstehungsprozess thematisieren.

Inzwischen haben sich die Making‑ofs von der Materialität der DVDs und Blu‑rays gelöst und kursieren im Internet. Ihre Machart hat sich geändert, im Mittelpunkt stehen „die Fokussierung auf einzelne Filmproduktionsmomente ohne größere dramaturgische Einbettung, die Inszenierung von Produktion als momentanen Handlungsvollzug, eine gesteigerte Faszination für beeindruckende filmtechnische Abläufe, und nicht zuletzt die Idee, sich selbst in eine Beziehung zur Produktion zu setzen, diese Produktion quasi ‚live‘ mitzuverfolgen“ (S. 174).

Als eines von vielen Beispielen führt der Autor ein Videotagebuch des Regisseurs Peter Jackson von den Dreharbeiten zur Hobbit-Trilogie an, das dieser auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte. Einen Blick hinter die Kulissen bieten zunehmend auch Trailer und anderes Werbematerial von Filmstudios, Fernsehproduktionen oder Streamingdiensten, wobei sogenannte Splitscreen-Aufnahmen Filmszenen sowie deren Produktion simultan zeigen können (vgl. S. 185). Auch Bilder digitaler Postproduktionen kursieren im Internet als eine Form personalisierter Filmarbeit, die wiederum stark auf Social-Media-Plattformen verbreitet wird. Darüber hinaus ist in sogenannten Handyfilmen das Making‑of immer präsent. In jeder Filmproduktion entstehen Bilder, die nicht in den eigentlichen Film eingehen und über Behind-the-Scenes-Ansichten hinausgehen. Sie bilden sozusagen einen „Schattenfilm“, wie Hasebrink es nennt, und sind für Making‑ofs prädestiniert.

Hasebrink hat mit seinem Buch einen ausgezeichneten und sehr informativen Überblick über die Praktiken des Making‑of gegeben. Er setzt zwar bei den DVDs an, blickt aber auch mit den Wochenschauen in die Vergangenheit und diskutiert aktuelle Entwicklungen im Internet sowie in sozialen Medien. Ein Buch nicht nur für Filmnerds.

Prof. i. R. Dr. Lothar Mikos