„Die Schutzmaßnahmen sind lächerlich.“
Herr Hallaschka, in Ihrer Sendung zeigen Sie, wie sich Erwachsene im Internet in sexueller Absicht an Kinder und Jugendliche ranmachen. Wie läuft so etwas ab?
Experten nennen das „Cybergrooming“: Täter erschleichen sich in sozialen Netzwerken oder Onlinespielen das Vertrauen ihrer Opfer durch kleine Geschenke oder einfach bloß durch Aufmerksamkeit und Kommunikation. Auf diese Weise versuchen sie, Abhängigkeiten zu schaffen und Druck aufzubauen. Das Ziel sind sexualisierte Übergriffe im Chat oder auch bei realen Begegnungen, bis hin zur Vergewaltigung.
In welcher Größenordnung bewegt sich das?
Eine Befragung der Landesanstalt für Medien NRW hat ergeben, dass ein Viertel der Acht- bis Siebzehnjährigen bereits Cybergrooming erlebt hat. Die Gefahr ist besonders groß, wenn Kinder ohne die Begleitung ihrer Eltern viel im Netz unterwegs sind und für die Risiken nicht sensibilisiert sind. In unserem Experiment, bei dem sich zwei Schauspielerinnen online als zwölfjährige Mädchen ausgeben, sind innerhalb weniger Tage Dutzende Anbahnungen mit sexuellem Interesse an vermeintlichen Kindern entstanden.
Die existierenden Identitätsnachweise oder Altersverifikationen sind eine Farce.
Sie haben selbst zwei Kinder. Liegt Ihnen das Thema daher besonders am Herzen?
Meine Tochter ist Teenager, mein Sohn Schulanfänger, und wir achten extrem darauf, dass beide einen kompetenten und achtsamen Umgang mit digitalen Medien lernen. Das ist für diese Generation eine absolute Schlüsselqualifikation. Zu bestimmten Apps und Netzwerken gewähren wir aber auch unserer Älteren noch keinen Zugang, wobei wir nicht stumpf verbieten, sondern auch mit ihr über die Risiken sprechen. Cybergrooming war daher bei uns zum Glück noch kein Thema. Wir tauschen uns sehr vertrauensvoll aus über das, was unsere Tochter auch in der digitalen Welt erlebt. Diese Vertrauensbasis zu den Eltern ist für den Schutz der Kinder absolut essenziell.
Vor vier Jahren gab schon mal eine Ausgabe von Angriff auf unsere Kinder. Was hat sich seither verändert? Gibt es neue Gefahren?
Zunächst einmal hat die Zeit, die Minderjährige mit digitalen Medien verbringen, seither extrem zugenommen. Mittlerweile haben auch viele Grundschulkinder eigene Handys und unreglementierten Zugang zu Netzwerken und Onlinespielen. Funktionen wie selbstlöschende Nachrichten, die heutzutage sehr beliebt sind, vermitteln den Kindern außerdem ein trügerisches scheinbares Gefühl von Sicherheit, und genau das machen sich die Täter zunutze. Mit Künstlicher Intelligenz steht ihnen zudem ein Werkzeug zur Verfügung, das es ihnen noch leichter macht, ihre wahre Identität zu verschleiern oder kompromittierendes Bildmaterial zu erstellen und damit Minderjährige zu erpressen.
Sind die Schutzmaßnahmen für Kinder und Jugendliche verbessert worden?
Das ist leider ein Punkt, in dem sich nahezu nichts verändert hat, wie wir bei der Recherche für die Sendung feststellen mussten. Unser Lockvogel-Experiment belegt, dass die Schutzmaßnahmen vieler Plattformen lächerlich sind. Die existierenden Identitätsnachweise oder Altersverifikationen sind eine Farce. Dabei wäre es technisch längst möglich, Täter fernzuhalten oder frühzeitig zu identifizieren. Da es hier um besonders widerliche Verbrechen geht, müssen Plattformbetreiber zwingend zur Verantwortung gezogen werden, auch über Sanktionen.
Selbst bei erdrückender Beweislast werden die Täterkonten oft nicht gesperrt
Ist das realistisch?
Das ist in der Tat schwierig, die Plattformen haben ihren Sitz meist im Ausland, da fehlt es einfach an Durchsetzungskraft, aber damit dürfen wir uns nicht abfinden. Wie groß der Handlungsbedarf ist, hat unser Experiment ebenfalls gezeigt: Selbst bei erdrückender Beweislast werden die Täterkonten oft nicht gesperrt. Es wäre daher umso wichtiger, in den Schulen mehr digitale Medienkompetenz zu vermitteln und über Cybergrooming aufzuklären.
Was empfehlen Sie Eltern von betroffenen Kindern?
Der Kardinalfehler wäre, den Kindern Vorwürfe zu machen. Eltern sollten sich unbedingt mit den Apps, Plattformen und Spielen auseinandersetzen, denen ihre Kinder viel Zeit widmen. Sie sollten sich ehrlich interessieren, Vertrauen schaffen, über die Gefahr von falschen Identitäten sprechen und den Kindern klar machen: „Wenn du etwas Eigenartiges erlebst, sag’ uns bitte Bescheid. Das muss dir nicht peinlich sein.“
Gab es im Rahmen der aktuellen „Lockvogel“-Aktion Dinge, die Sie besonders schockiert haben?
Was mich erneut fassungslos gemacht hat, war die erschreckende Zielstrebigkeit und Skrupellosigkeit der Täter. Die Kontaktaufnahme zu unseren Lockvögeln ging enorm schnell, binnen weniger Minuten begannen die Manipulationsversuche. Oft wurden umgehend sexualisierte Inhalte geschickt, in Wort und Bild. Ein Täter verlangte in einem Videochat sogar, jeden Winkel des Zimmers zu sehen, um auszuschließen, dass Zeugen im Raum sind. Ein anderer erhöhte massiv den psychischen Druck und zeigte sogar Interesse an einer angeblich achtjährigen Schwester, die wir erfunden hatten. Der Gedanke, dass sich solche Verbrechen täglich in Kinderzimmern abspielen, ist für mich nahezu unerträglich.
Infobox:
Zum zweiten Mal nach 2021 zeigt RTL in der Sendung Angriff auf unsere Kinder – Der Feind im Chat (11. September, 20.15 Uhr) mit Hilfe von „Lockvögeln“, wie leicht Kinder im Internet ins Visier von Sexualstraftätern geraten können. Eine Medienpädagogin analysiert die Täterstrategien und gibt Einblick in die Gefühlswelt betroffener Kinder. Moderator Steffen Hallascka führt live durch den Abend und spricht mit Experten aus Justiz, Psychologie, Prävention und Strafverfolgung. Über den „Zebra“-Chat der Landesmedienanstalt NRW haben Eltern während der Sendung die Möglichkeit, Fragen zu stellen, Unterstützung zu erhalten oder direkt online Anzeige zu erstatten.

Steffen Hallaschka (Foto: RTL / Stefan Gregorowius)
Steffen Hallaschka ist Fernsehmoderator, Journalist und Produzent. Er ist vor allem als Moderator des RTL-Magazins STERN TV bekannt.

Tilmann P. Gangloff (Foto: privat)
Tilmann P. Gangloff ist freiberuflicher Medienfachjournalist.
