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Dokufiktionales Erzählen

Narrative Liminalität in der Gegenwartsliteratur

Agnes Bidmon

Bielefeld 2025: transcript
Rezensent/-in: Joachim Friedmann

Buchbesprechung

Online seit 05.11.2025: Link

Dokufiktionales Erzählen

Agnes Bidmon legt mit Dokufiktionales Erzählen eine überaus kenntnisreiche und theoretisch fundierte Studie vor, die das populäre, aber oft unscharf gebrauchte Label systematisch aufarbeitet. Besonders überzeugend ist die Einführung des Begriffs der „narrativen Liminalität“, der – in Anlehnung an van Gennep und Turner – den Zwischenraum von Faktualität und Fiktionalität erhellt. Bidmon entfaltet daraus ein differenziertes Beschreibungsinstrumentarium, das für die literaturwissenschaftliche Forschung zweifellos von hohem Wert ist.

Allerdings zeigt sich zugleich eine auffällige Schieflage: Obwohl Bidmon einen transmedialen Anspruch formuliert und dokufiktionales Erzählen vor allem im TV floriert, bleiben ihre Analysen und die historische Darstellung fast ausschließlich auf literarische Beispiele beschränkt. Damit perpetuiert das Buch ein altes Problem der Narratologie, die ihre Wurzeln in der Literaturtheorie hat und transmediale Ansätze lange nicht berücksichtigte. So führt die Autorin als Gründe für den Aufschwung der Dokufiktion nur ästhetische oder kulturhistorische Bedingungen ins Feld. Gerade im Bereich des TV greift das zu kurz. Hier spielt in Zeiten von knappen Budgets die Produktionsökonomie eine zentrale Rolle, die dazu führt, dass fiktionale Formate zugunsten von Dokufiktion verdrängt werden. Doch solche und andere medienspezifischen Aspekte bleiben bei Bidmon weitgehend unerwähnt. 

So kann man bezweifeln, ob ihr Modell tatsächlich transmediale Gültigkeit beanspruchen darf. Gleichwohl ist das Buch eine wichtige Pionierleistung: Wer sich für Fragen der Begriffsbildung, einen literaturwissenschaftlichen Blick auf das Phänomen und die theoretische Einordnung dokufiktionalen Erzählens interessiert, findet hier eine ebenso kluge wie anregende Grundlage.

Prof. Dr. Joachim Friedmann
 



Agnes Bidmon: Dokufiktionales Erzählen. Narrative Liminalität in der Gegenwartsliteratur. Bielefeld 2025: transcript. 312 Seiten, 49,00 Euro