Einlassungen eines besorgten Glücksspielforschers
Mit dem derzeit aktuellen Glücksspielstaatsvertrag, der 2021 in Kraft getreten ist, sollten der Zugang zum Glücksspiel und auch der Spielerschutz klarer geregelt werden. Was wurde im Vergleich zu vorher geregelt und warum?
In den letzten Jahren haben sich die Glücksspielaktivitäten national wie international zunehmend in den digitalen Raum verlagert. Online-Glücksspiel war in Deutschland mit Ausnahme von Schleswig-Holstein aber faktisch verboten. Um die Nachfrage in geordnete und überwachbare Bahnen zu lenken, wurde der Markt für alle möglichen Formen des Online-Glücksspiels geöffnet. Gleichwohl haben die Bundesländer erkannt, dass mit Online-Glücksspielen höhere Suchtgefahren verbunden sind. Daraus folgte die Konsequenz, dass auch der Spielerschutz zu stärken sei.
Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus? Es steht 2026 auch eine Evaluierung an …
Ja, die Bundesländer sind verpflichtet, bis Ende 2026 den Status quo zu evaluieren. Im Moment werden verschiedene Datenstränge, diverse Institutionen, Stakeholder, auch die Forschung, um Daten gebeten, um letztlich eine Gesamtbewertung vornehmen zu können.
Mein persönliches Fazit ist bislang durchwachsen. Ich glaube, wir haben ein paar gut gemeinte Vorstöße gesehen. Zum Beispiel die Einrichtung einer länderübergreifenden Aufsichts- und Kontrollbehörde, die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL). Sie ist einerseits dafür zuständig, bei legalen Anbietern zu überprüfen, ob die sich an Recht und Gesetz halten, andererseits aber auch illegales Glücksspiel zu unterbinden. Sie musste sich zwar erst einmal konstituieren und etablieren, aber mittlerweile gibt es erste Hinweise, dass sie zumindest an einigen Stellen eine gute Arbeit verrichtet.
Eine weitere Errungenschaft ist die Etablierung eines spielformübergreifenden und damit auch anbieterübergreifenden Sperrsystems. Mit der Selbstsperre kann man sich von fast allen legalen Glücksspielangeboten online wie offline sperren lassen. Betroffene nutzen das. Die soziale Akzeptanz dieser Maßnahme ist aktuell hoch. In OASIS, so heißt dieses System, sind derzeit 367.000 Bundesbürger:innen gelistet, das spricht sowohl für einen hohen Bedarf als auch für eine hohe Inanspruchnahme. Forschung zeigt zudem, dass mit der Spielersperre positive Effekte auf psychosozialer und finanzieller Ebene verbunden sind. Insgesamt finde ich das gelungen.
Forschung zeigt, dass mit der Spielersperre positive Effekte auf psychosozialer und finanzieller Ebene verbunden sind.
Es gibt zwei weitere Maßnahmen, die im Kern begrüßenswert sind, weil die Forschungsevidenz Wirksamkeitseffekte belegt hat. Das ist einerseits ein Früherkennungssystem und andererseits das Einzahlungslimit. Das Früherkennungssystem stellt zunächst einmal eine gute Idee dar. Mit ihm können relativ frühzeitig eskalierende Spielmuster anhand ausgewählter Parameter onlinegestützt erkannt werden. Die Forschung hat dazu auch schon Vorschläge unterbreitet, was die zentralen „markers of harm“ sind. Hier krankt der Glücksspielstaatsvertrag jedoch an der handwerklichen Umsetzung, da im Gegensatz zum Sperrsystem bei der Früherkennung jeder Anbieter verpflichtet ist, ein eigenes System isoliert umzusetzen. Das heißt, das Spielverhalten eines Kunden, einer Kundin, wird nur auf einer Plattform überwacht. Stellen Sie sich jemand vor, der zu viel Alkohol trinkt. Diese Person hat fünf Stammkneipen. Und wenn Sie immer nur in einer Stammkneipe, also in einem Setting, das Konsumverhalten überwachen, dann haben Sie nicht den Überblick über die gesamten Konsumaktivitäten. Damit wird die ganze Wucht der Früherkennung genommen. Wir brauchen hier ein übergreifendes Früherkennungssystem, um die Effekte, die damit zweifelsohne verbunden sind, auch auszuschöpfen.
Ähnliches gilt für das Einzahlungslimit. Der Staatsvertrag definiert ein Einzahlungslimit von 1.000 Euro pro Monat für alle Online-Glücksspielangebote. Verbindliche Vorgaben sind wichtig, aber ich bin nicht müde, bei jedem Interview zu fragen: Haben Sie ein Hobby, das Sie 1.000 Euro im Monat kostet und dazu noch mit erheblichen Suchtgefahren einhergeht? Wenn ja, würde ich mich sorgen. Für mich ist diese gesetzliche Norm zu hoch angesetzt. Zumal – wie die Praxis gezeigt hat – nur sehr wenige Kund:innen die Schwelle von 1.000 Euro überhaupt erreichen.
Darüber hinaus sieht der Staatsvertrag eine Anhebung des Einzahlungslimits auf bis zu 10.000 Euro, in Einzelfällen sogar 30.000 Euro, vor. Bei bis zu 10.000 Euro müssen Sie unter anderem ihre aktuelle finanzielle Leistungsfähigkeit belegen. Dafür wurde ein Prüfverfahren erdacht – die Schufa-Auskunft für Glücksspiel (Schufa-G). Dieses Tool stellt allerdings lediglich einen Schätzwert für die Wahrscheinlichkeit dar, dass jemand einen Kredit bedienen kann. So wird zum Beispiel geprüft, ob Sie in der Vergangenheit Handyverträge abbezahlt haben oder Ihren Hauskredit bedienen können. Das hat aber nichts mit der aktuellen finanziellen Leistungsfähigkeit zu tun. Das Anheben des Limits findet zudem quasi in Echtzeit statt. Wir haben das überprüft: Man stellt einen Antrag, eine automatisierte Abfrage wird durchlaufen und Sekunden später erhalten Sie die Freigabe. Da wird der Spielerschutz natürlich mit Füßen getreten! Um das ganz deutlich zu sagen, der Staatsvertrag sieht gute Ansätze vor, aber in der Umsetzung gibt es erhebliche Defizite.
Der Staatsvertrag sieht gute Ansätze vor, aber in der Umsetzung gibt es erhebliche Defizite.
Sie sprachen gerade von „markers of harm“. Welche sind das?
Ein typischer Marker ist beispielsweise, wenn Sie Geld von ihrem Spielerkonto auf ein Sparkassenkonto transferieren und diesen Vorgang dann doch wieder stornieren – also weiterzocken wollen. Ausschließlich nachts zu spielen, scheint ebenfalls mit risikoerhöhenden Effekten einherzugehen. Ein weiterer Indikator ist multiples Spielen, bei verschiedenen Anbietern und/oder unter Nutzung verschiedener Spielformen. Diese Marker sind jedoch nicht nur beschränkt auf das Spielverhalten. Auch wenn sich jemand regelmäßig beim Callcenter eines Glücksspielanbieters meldet und sich aggressiv beschwert, kann das ein Anzeichen für eine Glücksspielproblematik sein.
Nochmal zurück zur GGL: Die Daten des Monitorings gehen alle dort ein und werden von ihr überwacht?
Ja, die Anbieter sind verpflichtet, sich einem länderübergreifenden Glücksspielaufsichtssystem anzuschließen, das bestimmte Daten zentralisiert erfasst. Beispielsweise ist es verboten, auf zwei Plattformen parallel zu spielen. Um dies überprüfen zu können, bekommen alle Spieler eine Art individuelle Chiffrenummer und werden so anonymisiert. Ich bin beispielsweise XY 725 395. Wenn ich mich mit meinen personenbezogenen Daten bei einem anderen Anbieter anmelde, dann werde ich automatisch dieser Chiffrenummer zugewiesen. Die ganzen Datensätze laufen bei der GGL zusammen. Allerdings müssen die Anbieter das gerade beschriebene Früherkennungssystem eigenständig implementieren. Sie müssen auch belegen und nachweisen, was sie anhand der gesammelten Daten getan haben, wenn sie Auffälligkeiten bei einem Kunden/einer Kundin feststellen. Der Staatsvertrag ist an dieser Stelle leider sehr vage, was denn überhaupt passieren muss, wenn ein System anschlägt. Sollen die Anbieter eine E-Mail mit Informationsmaterial versenden, die betroffene Person anrufen oder anderweitig kontaktieren? Oder sollen sie gleich zum Mittel der Fremdsperre greifen? Das ist komplett in ihrer Verantwortung.
Können Spieler:innen auch von außen gesperrt werden?
Ja, damit ist jenes Mittel der Fremdsperre gemeint. Sie sind – in sehr geringer Anzahl – etwa hälftig initiiert durch Angehörige und, wie eben schon beschrieben, durch Glücksspielanbieter. Bevor sie das Eigenheim verzocken, kann somit etwa auch die Ehefrau initiativ werden und dieses Verfahren anregen. Das bedeutet in der Praxis, dass ein Antrag zu stellen ist, der dann geprüft wird. In einem solchen Verfahren werden natürlich auch die Betroffenen gehört. Entscheidend aber ist, dass auch die Glücksspielanbieter verpflichtet sind, allein bei Verdacht auf Glücksspielsuchtgefährdung zu intervenieren. Dies passiert selbst beim Vorliegen einer stark ausgeprägten Glücksspielstörung, aber nur in extrem seltenen Fällen.
Vermutlich stehen diesen gesellschaftlichen Schutzinteressen massive Marktinteressen gegenüber …
Wir sehen hier einen legalen Markt, der 2024 Steuereinnahmen in Höhe von insgesamt 7 Milliarden Euro generiert hat. Das ist mehr als doppelt so viel wie die Erträge aus alkoholbezogenen Steuern. Die Anbieter versuchen aufgrund der wirtschaftlichen Interessen sehr massiv Druck auf die Politik, die GGL, die Forschung und die öffentliche Wahrnehmung auszuüben, um bestimmte Sachverhalte zumindest teilweise anders darzustellen, als es die unabhängige Forschung evidenzbasiert belegt.
Funktioniert also Regulierung nur bedingt?
Ich hätte mir ein anderes Regulationsmodell gewünscht. Da bin ich ganz ehrlich. Ich hätte zunächst vorgeschlagen, bei der Legalisierung schrittweise vorzugehen. Damit meine ich, dass wir für weniger gefährliche Produkte anfangen, den Markt zu öffnen. Für Lotto z. B., indem jede interessierte Person Lottoscheine online abgeben bzw. andere Lottoprodukte digital nachfragen darf. Eine wissenschaftliche Begleitevaluation hätte dann bestimmen können, welche positiven und negativen Effekte mit diesem Regulationsansatz der partiellen Marktöffnung verbunden sind.
Ich hätte mir ein anderes Regulationsmodell gewünscht.
Wenn das ohne größere Schäden erfolgt, gehen wir einen Schritt weiter und kümmern uns um Sportwetten, dann um das virtuelle Automatenspiel. Also eine schrittweise Öffnung, immer engmaschig begleitet mit den entsprechenden Beteiligten aus dem Hilfesystem, den Betroffenen, der Aufsichtsbehörde und der Forschung.
Als Zweites hätte ich mir tatsächlich monopolartige Strukturen gewünscht – also eine Plattform im Netz. Dort können Sie als Bundesbürger:in in kontrollierten Bahnen zocken. Es ist legal und die Angebote sind überschaubar, unabhängig davon, ob der Betreiber ein Privatunternehmen oder der Staat ist. Eine einzige Plattform würde bedeuten, dass die massive Wettbewerbssituation zwischen den Anbietern nicht mehr vorhanden wäre. Das böte aus meiner Sicht mehr Möglichkeiten für wirksame Suchtprävention und gelingenden Spielerschutz.

Was sind die die größten Veränderungen in den letzten zehn, fünfzehn Jahren im Glücksspiel?
Mir fallen drei Punkte ein. Erstens: Die Digitalisierung hat vieles verändert. 24 Prozent der Bruttospielerträge auf dem legalen deutschen Markt werden mittlerweile online generiert. In anderen Ländern liegt dieser Anteil bereits deutlich höher.
Zeitens: Es gibt zunehmend Phänomene, die ich als Zwitterphänomene bezeichne, und zwar Spielangebote an der Schnittstelle von Gaming (Computerspiel) und Gambling (Glücksspiel). Lootboxen, also virtuelle Beutekisten, sind nur ein Beispiel von Dutzenden. Es gibt zahlreiche Computerspiele mit Glücksspielmechaniken, Glücksspielelementen oder mit anderen Facetten, die deutlich an echtes Glücksspiel erinnern. Ein weiteres Beispiel stellen Wetten auf sogenannten E-Sport-Veranstaltungen dar, die in Deutschland derzeit weder erlaubt noch verboten sind. Sobald „E-Sport“ jedoch als Sport anerkannt wird, dürften die Wettanbieter hierzulande entsprechende Wetten in ihr Portfolio aufnehmen. Das wird dann ein großes Thema werden. Außerdem gibt es neuerdings das Phänomen von Prediction Markets. Hier können Sie auf politische oder soziale Ereignisse, etwa auf den Ausgang des Eurovision Song Contest oder ähnliche Events, Wetten platzieren. Ihre Prognose hängt dabei auch davon ab, wie andere Leute wetten. Schließlich ist mittlerweile auch die Börse in der Hosentasche verfügbar: eToro und Trade Republic stehen exemplarisch für derartige Trading-Apps. Hier ist ein schneller und einfacher Zugang zu bestimmten Produkten möglich, die nah dran sind am Glücksspiel.
Drittens: Das verwundert vielleicht, aber die generelle Nachfrage nach Glücksspielen auf Bevölkerungsebene ist eher rückläufig beziehungsweise stagnierend. Dieser Umstand betrifft hingegen weder die Umsatzzahlen noch das Ausmaß glücksspielbezogener Probleme. Offenbar haben sich die Spieleinsätze in den letzten Jahren auf weniger Personen verteilt, die dann jedoch über die entsprechende Nachfrage nach Spielformen mit hohen Suchtgefahren, wie Sportwetten oder Automatenspiele, in der Gesamtbetrachtung für Umsatzsteigerungen sorgen. Insgesamt ist ein Shift in Richtung riskanterer Glücksspielformen erkennbar.
Sie erwähnten gerade die Börse in der Hosentasche. Aus psychologischer Sicht: Was bedeutet es, wenn wir mit dem Smartphone solche Möglichkeiten haben?
In erster Linie sind drei Punkte zu nennen: geringere Hemmschwellen, leichtere Zugänglichkeit, ständige Verfügbarkeit.
Kontrastieren Sie das mal mit älteren Generationen. Wenn die früher an der Börse Geschäfte tätigen wollten, dann mussten sie in der Regel erst einmal einen Termin bei einem Finanzinstitut mit ihrer Börsenmaklerin/ihrem Börsenmakler machen, ihre finanziellen Ressourcen nachweisen, eine Anlagestrategie entwickeln und dann einen Abschluss tätigen. Monate oder sogar Jahre später wurde nach der Entwicklung der Kurse geschaut und beurteilt, ob sich diese Investition gelohnt hat.
Heute können Sie Geschäfte in kurzer Zeitabfolge und mit einer Gewinnmarge tätigen, die „beeindruckend“ ist. Gerade bei Produkten mit solchen Hebelwirkungen bedeutet dies in der Regel reines Zocken. Das sehe ich ein Stück weit mit Sorge. Erste Personen im Suchthilfesystem benennen derartige Angebote bereits als ihr Hauptproblem. Und ich befürchte, dass dieser Trend, solange weitgehend unreguliert, zunehmen wird.
Sehen Sie bei Sportwetten ein besonders hohes Risiko oder eine besondere Gefährdung?
Es existiert mittlerweile ein sehr breites Angebot an Sportwetten. Es gibt die klassische Toto-Wette, die mit überschaubaren Suchtgefahren ausgestattet ist. Ganz anders zu bewerten sind die Livewetten. Das sind Wetten auf gerade stattfindende Sportveranstaltungen, wo sie in Abhängigkeit des Spielverlaufs dann Quotenveränderungen, wie bei Aktienkursen an der Börse, erleben. Das ergibt eine ganz andere Geschwindigkeit und Dynamik. Zusätzlich werden Sportwetten omnipräsent beworben. Sportwetten sind somit in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die damit verbundenen Kollateralschäden, Risiken und Negativfolgen zweifelsohne aber auch.
Stichwort Werbung: Die Allgegenwärtigkeit von Werbung ist vor allem auch in den Sozialen Medien sichtbar. Man kann Spielenden dabei zusehen, wie sie eine Wette platzieren …
Also ganz grundsätzlich: Werbung wirkt. Werbung hat zwei Funktionen: das Gewinnen von neuen Kund:innen und die dauerhafte Bindung von viel beziehungsweise exzessiv Spielenden. Die Darstellung der Suchtgefahren rückt dabei in den Hintergrund. Und gerade Sportwetten werden als stylisch, sogar gesundheitsförderlich, als cool usw. dargestellt. Das macht Suchtprävention natürlich schwieriger. Noch größer ist die Sogwirkung bei gewissen digitalen Werbungen auf Social Media, aber auch das sogenannte Influencer-Marketing. Jens Knossalla („Knossi“) zuzuschauen, wie er sich beim Automatenspiel online vergnügt, geht mit ausgeprägten Emotionen einher. Und er ist jemand, der nahbar ist. Mit dem kann ich mich identifizieren, nicht so sehr mit Oliver Kahn. Die Wirkung, die das bei jungen Leuten hat, ist aber relativ wenig erforscht. Was wir wissen: Einstiegsszenarien ins Glücksspiel finden heutzutage zunehmend digital statt, auch gefördert durch Werbung. Das Problem dabei ist: Je früher im Entwicklungsverlauf der Erstkontakt zu einem potenziellen Suchtmittel stattfindet, egal ob Cannabis, Alkohol, Nikotin, Glücksspiel, desto wahrscheinlicher ist eine spätere Problementwicklung. Und deswegen sehe ich den digitalen Trend auch ein Stück weit mit Sorge.
Welche gesellschaftlichen Gruppen legen derzeit das problematische Spielverhalten an den Tag?
Also grundsätzlich gilt es vorauszuschicken, dass Glücksspielsucht jeden treffen kann. Aber wir haben schon eine Trias von Risikogruppen, die sich in den letzten Jahrzehnten unter soziodemografischen Gesichtspunkten herauskristallisiert hat. Das ist das Lebensalter: Jugendliche und junge Erwachsene. Das ist das Geschlecht: männlich. Und drittens ist es der Faktor Migrationshintergrund: Migrant:innen nehmen seltener am Glücksspiel teil. Aber wenn sie daran teilnehmen, dann sind sie besonders gefährdet für eine Problementwicklung.
Glücksspielsucht kann jeden treffen.
Neben diesen Risikogruppen sind oftmals Personen gefährdet, die unterhalb des Durchschnittseinkommens anzusiedeln sind oder aus bildungsferneren Schichten kommen. Das greift vor allen Dingen für das gewerbliche Automatenspiel, also das Spielen in Spielhallen und Gaststätten, weniger für Poker. Bei Sportwetten zeigen vor allem Mitglieder von Sportvereinen und sportinteressierte Personen im Allgemeinen überzufällig häufig ein problematisches Spielverhalten.
Ganz wichtig für mich ist aber eine Personengruppe, die oftmals vergessen wird. Das sind Kinder, die mit einem glücksspielsüchtigen Elternteil aufwachsen. Das hat zum einen genetische Ursachen. Zum anderen spielen Aspekte des Modelllernens hier eine erklärende Rolle. Diese Kinder haben ein drei- bis vierfach erhöhtes Risiko, selbst später in die „Welt des Glücksspiels“ abzugleiten.
Wie könnte man das problematische Spielverhalten definieren?
Das sind in der Regel Symptome, die auch bei anderen Suchterkrankungen greifen. Zum Beispiel: Abstinenzunfähigkeit – Sie können nicht mehr ohne Glücksspiel. Dosissteigerung – um die gewünschte Erregung zu verspüren, müssen Sie länger, riskanter oder häufiger spielen. Zudem wird Glücksspiel zum zentralen Lebensinhalt. Andere Aktivitäten werden vernachlässigt: Sie sind etwa am Arbeitsplatz nicht mehr so produktiv, weil Sie ständig an das Glücksspiel denken müssen beziehungsweise an die Geldbeschaffung für das Glücksspiel. Oder sie vernachlässigen deswegen Freunde und andere Freizeitbeschäftigungen. Und es wird weitergespielt, obwohl sich erste Schäden eingestellt haben. Das sind einige gängige Kriterien. Dann gibt es noch glücksspieltypische Symptome. Eins davon ist das sogenannte Chasing-Verhalten. „To chase“ heißt „jagen, hinterherjagen“. In dieser Spielerlogik geht es immer darum, wie ich verzocktes Geld wieder hereinhole. Die Antwort lautet: indem ich weiterspiele. „Morgen knacke ich bestimmt den Jackpot“ oder „Heute ist der Elfte – meine Glücksszahl …“ Aus einmal noch wird dann zweimal noch, dreimal noch, viermal noch …, und die Abwärtsspirale dreht sich immer schneller nach unten.
Es gibt aber auch ein subjektives Kriterium: Wenn man merkt, dass nicht ich das Glücksspiel kontrolliere, sondern das Glücksspiel mich, dann sollten alle Alarmglocken schrillen. Beziehungsweise wenn sich ein schlechtes Gewissen einstellt, weil wieder einmal gezockt wurde oder Geld für das Glücksspiel ausgegeben wurde, das eigentlich für andere Zwecke bestimmt war. In diesem Fall empfehle ich jedem, eine ehrliche Bestandsaufnahme zu machen. Habe ich alles noch unter Kontrolle? Spiele ich noch in Maßen? Kann ich mir das zeitlich und finanziell tatsächlich leisten?
Welche Präventionsansätze könnten helfen?
Wir brauchen einen sogenannten Policy Mix, also eine Mischung aus verhältnis- und verhaltenspräventiven Maßnahmen. Eine gelingende Verhaltensprävention, also vor allem Aufklärungsmaßnahmen, lässt sich immer dann besser umsetzen, wenn die Verhältnisse stimmen. Als Erstes müssen wir daher die Verhältnisse, die Strukturen, so ordnen, dass sie zumindest nicht gesundheitsschädlich sind, besser noch gesundheitsförderlich.
Was meine ich damit? Zunächst: Werbung für Suchtmittel braucht niemand (außer den Glücksspielanbietern). Wir benötigen dringend eine Reduzierung von Werbung für Glücksspiele bis hin zu der Diskussion, ob nicht sogar Verbote zielführend sind.
Werbung für Suchtmittel braucht niemand (außer den Glücksspielanbietern).
Weiterhin ergibt eine Reduzierung der Verfügbarkeit der Glücksspielangebote Sinn, letztendlich über eine Beschränkung der Glücksspielorte und ‑möglichkeiten. Verfügbarkeit ist immer eine zentrale Variable im Suchtbereich, übrigens unabhängig vom Legalstatus.
Und als Drittes müssen wir die Prävention finanziell ordentlich ausstatten. Nicht nur mit Personal, sondern auch mit entsprechenden Konzepten. Ich würde es sehr begrüßen, wenn wir einen Teil der Einnahmen aus dem Glücksspielmarkt zweckgebunden zurückfließen lassen in die Bereiche Prävention, Hilfesystem und unabhängige Forschung. Bei 7 Milliarden Euro Steuereinnahmen: Wenn Sie zum Beispiel nur ein Prozent davon für Prävention, Forschung und Hilfe ausgeben würden, hätten wir schon viel für das Gemeinwohl getan.
Hat Sie etwas in Ihrer langjährigen Forschungsarbeit überrascht?
Inhaltlich hat mich überrascht, dass durch die Schulung des Personals von Spielstätten durchaus ein gewisser suchtpräventiver Effekt erzielt werden kann. Überrascht hat mich auch, in welchen Ausmaßen und mit welchen Mitteln die Glücksspielbranche Einfluss auf politische Entscheidungsträger:innen nimmt. Das Geld, das für Lobbyismus ausgegeben wird, übersteigt noch mal deutlich die Summe, die wir aus dem Alkohol- und Nikotinbereich kennen.
Gibt es eine Forschungsfrage, die Sie gern noch untersuchen wollen?
Zahlreiche. In erster Linie würde ich gerne einmal alle Fußballprofis in Deutschland der ersten, zweiten und dritten Bundesliga zu ihrem Glücksspielverhalten befragen, um zu untersuchen, wie viele Betroffene es im Profisport gibt, die ein problematisches Glücksspielverhalten aufweisen. Darauf aufbauend könnte man passgenaue Präventionsmaßnahmen für diese Zielgruppe entwickeln und erproben.

Tobias Hayer (Foto: Kai Uwe Bohn/Universität Bremen)
Dr. phil. Tobias Hayer ist Psychologe und seit 2001 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bremen tätig. Derzeit arbeitet er als Post-Doc-Researcher im Rahmen der Fachstellen Glücksspielsucht im Land Bremen.

Camilla Graubner (Foto: sh/fsf)
Camilla Graubner ist Redaktionsleiterin von „mediendiskurs“. Sie studierte Soziologie, Psychologie und Kommunikationswissenschaften.

Eva Lütticke (Foto: sh/fsf)
Eva Lütticke studierte Medienwissenschaften (M.A.) an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF. Zurzeit arbeitet sie als Redakteurin bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).