Empathie ist der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält
Hat sich die Gesellschaft Ihrer Ansicht nach in den vergangenen Jahren radikalisiert? Und wenn ja, woran machen Sie Ihr Urteil fest?
Ich denke, dass wir spätestens seit der Coronakrise in eine Phase eingetreten sind, in der klassische Integrationskonzepte nicht mehr wie bisher funktionieren im Sinne von Zusammenhalt, Wertekonsens und Gewaltkontrolle. Entgegen dem früheren Trend der Gewaltabnahme stellen wir nun eine Zunahme fest, die sich in so unterschiedlichen Formen wie Terroranschlägen, Messerattacken auf der Straße und körperlichen Angriffen auf Politiker, Rettungskräfte und Krankenhauspersonal zeigt. Das Gewaltniveau ist gestiegen, begleitet von Radikalisierungsprozessen und einem Rechtsruck in der Gesellschaft. Manche Soziologen sprechen von einer schleichenden „Durchrohung“, in der sich das Gewaltproblem immer weiter zuspitzt. Die Ursachen dafür sind vielfältig und hängen natürlich auch mit der internationalen Lage zusammen. Wir erleben seit einiger Zeit einen Krieg in Europa, ausgelöst durch Russland. Zugleich hat sich im Nahen Osten eine kaum noch aufzuhaltende Gewaltspirale zwischen Israel und der Hamas entwickelt. Es scheint insgesamt einen Trend zu geben, Gewalt als Mittel der internationalen Politik – aber auch im innergesellschaftlichen Umgang – wieder stärker zu akzeptieren.
Bedeutet das auch, dass sich unsere Einstellung geändert hat, Gewalt mit Gewalt zu begegnen?
Es ist ein Bündel an Faktoren, das hier eine Rolle spielt. Sicherlich handelt es sich nicht nur um einen simplen Lerneffekt, dem zufolge Gewaltmodelle imitiert werden – wie man es etwa in den 1980er-Jahren im klassischen Jugendmedienschutz häufig angenommen hat. Vielmehr erleben wir eine Entfesselung oder besser: eine Enthemmung von Gewaltprozessen in der Gesellschaft. Die Gewaltkontrolle hat nachgelassen im Individuum und durch zuständige Institutionen. Das ist auch das, was ich unter dem Begriff der „Kultivierung von Gewalt“ gefasst habe, deren Aufgabe die Bändigung unserer aggressiven Potenziale ist. Eine völlig friedliche, gewaltfreie Gesellschaft hat es nie gegeben – vielleicht ist sie sogar eine Utopie. Gewalt war in der Menschheitsgeschichte stets präsent, wurde aber unterschiedlich stark kontrolliert und kanalisiert. Auch der Jugendmedienschutz soll hierzu einen Beitrag leisten. Die gegenwärtigen Fragen lauten nun: Wie wirken sich aktuelle Radikalisierungstendenzen auf das Gewaltniveau aus? Wie hängen verschiedene Gewaltphänomene miteinander zusammen? Und nicht zuletzt: Welche Formen der Gewaltkontrolle werden den heutigen Herausforderungen gerecht?
Das Gewaltniveau ist gestiegen, begleitet von Radikalisierungsprozessen und einem Rechtsruck in der Gesellschaft.“
Sie haben von einer Entfesselung der Gewalt gesprochen. Das erinnert an den von Ihnen mitgeprägten Begriff des „Robespierre‑Affekts“. Lässt sich die aktuelle Entwicklung damit beschreiben – dass also moralische und weltanschauliche Faktoren zur Auslösung von Gewalt beitragen?
Auf jeden Fall. Wir können verschiedene Gewaltkomplexe unterscheiden. Im Zusammenhang mit dem Gazakrieg beobachten wir z. B. in Berlin Auseinandersetzungen zwischen propalästinensischen Demonstrierenden und der Polizei, die in ihrer Intensität an die 1960er‑Jahre erinnern, als es zu Straßenschlachten mit protestierenden Studenten kam. Heute wie damals zeigte sich ein Import von Konflikten, die in ganz anderen Weltregionen angesiedelt sind, heute im Nahen Osten und damals in Vietnam. Der „Robespierre‑Affekt“ spielt dabei insofern eine Rolle, als Israel zwar zunächst der angegriffene Part war, aber die Reaktion auf den Angriff von vielen als überzogen empfunden wird. Die Anzahl der Opfer auf palästinensischer Seite übersteigt bei Weitem das Massaker vom 7. Oktober 2023 durch die Hamas, das die Gewaltkette ursprünglich ausgelöst hat. Genau das ist der Kern des „Robespierre‑Affekts“: An einem bestimmten Punkt einer offenen Gewaltkette empören sich Sympathisanten mit den von ihnen gewählten Opfern und entwickeln eine Wut auf die Täter. Die israelischen Opfer bleiben außen vor, aber die Empörung über die palästinensischen Opfer ist umso größer und wird – wie beim historischen Robespierre in der Französischen Revolution – in „moral outrage“, zu Deutsch: in violente Strafanmaßung übersetzt. Daraus entsteht ein rachegetriebener antiisraelischer Impuls, welcher der nachfolgenden Gewalt auf der Straße besondere Legitimation und Kraft verleiht.
Wenn wir über die Rolle der Medien sprechen, betrifft das heute eher die Berichterstattung als fiktionale Inhalte. Ist das korrekt?
Die Mediengewaltforschung zeigt eindeutig, dass die Darstellung von Gewalt in Spielfilmen ebenso wie in Nachrichtensendungen das Gewalthandeln beeinflusst. Das kann stimulierend wirken – etwa durch Enthemmung oder in Einzelfällen Imitation – aber es kann auch das Gegenteil bewirken. So kann die Konfrontation mit Gewaltbildern aus dem Gazastreifen etwa den Impuls fördern, an einer Friedensdemonstration teilzunehmen. Andererseits – und da kommt der „Robespierre‑Affekt“ ins Spiel – können dieselben Bilder moralische Empörung hervorrufen, aus der dann wiederum Gewaltbereitschaft gegenüber vermeintlichen Tätern entsteht.
Wenn wir konkret auf die Berichterstattung über Gaza schauen: Beobachten Sie hier Impulse, die moralische Empörung verstärken oder unnötige Polarisierung erzeugen?
Der Gazakonflikt lässt sich als doppelte Opferkult‑Krise beschreiben. Einerseits sehen sich die Israelis als Opfer eines Angriffs – und dies vor dem Hintergrund einer tief verankerten kollektiven Erinnerung an den Holocaust. Auf dieser Basis erfolgt eine Reaktion, in der die Hamas als existenzielle Bedrohung definiert wird. Andererseits betreibt auch die Hamas einen Opferkult, indem sie sich etwa hinter Zivilisten versteckt und deren Tod billigend in Kauf nimmt, um die Gegenseite moralisch zu diskreditieren. Zuweilen gewinnt man den Eindruck, die Hamas wolle mit Zehntausenden Toten in den eigenen Reihen den Holocaust übertrumpfen, der schließlich auch den Juden einen Staat eingebracht habe. Dieses Muster findet sich in vielen Kriegen. Ausschlaggebend für das Gewalthandeln ist nicht die Nachahmung der Täter, sondern die Art der Identifikation mit dem Opfer. Medienberichte greifen in die doppelte Opferkult‑Krise ein, indem sie verfügbare Opferbilder präsentieren, die nach Lage der Dinge hauptsächlich unter der palästinensischen Bevölkerung anfallen. Vom Framing der Berichte hängt es nun ab, ob die emotionalisierenden Berichtsanlässe das empathiebereite Publikum in Richtung Mitleid und Trauer oder aber in Richtung moralische Empörung treiben. Nach meinem Eindruck wird zu oft moralisiert und zu wenig die Tragik hervorgehoben, die allein in der Lage ist, die vom „Robespierre‑Affekt“ angetriebene Rachespirale zu durchbrechen. Infolgedessen haben Übergriffe auf Juden in Deutschland und Österreich massiv zugenommen, die weit über das ansonsten übliche Maß an Antisemitismus hinausgehen.
Die Mediengewaltforschung zeigt eindeutig, dass die Darstellung von Gewalt in Spielfilmen ebenso wie in Nachrichtensendungen das Gewalthandeln beeinflusst.“
Gibt es abseits solcher Beispiele weitere gesellschaftliche Entwicklungen, an denen Sie eine Radikalisierung feststellen?
Ja. Ich sehe einen Zusammenhang zwischen Radikalisierungstendenzen und einer Vertrauenskrise in die Demokratie. Das Vertrauen in staatliche Institutionen und in die oft komplexen Mechanismen politischer Problemlösungen nimmt ab. Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Politik nicht in der Lage ist, auf drängende Fragen – etwa zum wirtschaftlichen Wohlstand, zur Sicherheit oder zur Digitalisierung – adäquat zu reagieren. Daraus entstehen populistische Kurzschlusslösungen, die jedoch nur scheinbar Abhilfe schaffen. Dahinter steckt letztlich ein tiefes Gefühl der Ohnmacht.
Welche Rolle spielen die Medien dabei? Ist ihre Bedeutung heute größer als früher?
Ob ihre Rolle quantitativ größer ist, lässt sich schwer sagen. Sicher ist aber, dass sich die Wirkungen der Medien unter den Bedingungen gesteigerter Gewaltakzeptanz und gesellschaftlicher Enthemmung verändert haben. Medien verstärken häufig Ängste – etwa durch Berichte über Naturkatastrophen oder den Klimawandel –, ohne gleichzeitig praktikable Lösungen aufzuzeigen. Das erzeugt eine Kluft zwischen Problemwahrnehmung und angebotenen Handlungsoptionen. Diese Kluft kann Radikalisierungsprozesse befeuern, auch wenn sie nicht zwangsläufig dazu führen muss. Medien können ebenso dazu beitragen, zu deeskalieren und Gewalt einzuhegen – das hängt von der Rahmung ab.
Was zeichnet mediale Versuche aus, Gewalt zu bändigen? Gibt es so etwas wie ein „Rezept“?
Ich sehe zwei zentrale Aspekte: einen weltanschaulichen und einen emotionalen. Weltanschaulich sollten wir uns davor hüten, die Welt als anomisch, also als regel‑ und orientierungslos, zu betrachten. Das würde Gewalt in einer Art „Wildnis“ als angemessen erscheinen lassen. Zivilisation hat historisch dazu beigetragen, Gewalt zu reduzieren. Das dürfen wir nicht vergessen und uns weltanschaulich in einen vorzivilisatorischen Zustand katapultieren, dem der reale Zivilisationsverfall dann folgen könnte. Emotional gesehen bewegen wir uns heute oft entlang von Empörungsschemata. Probleme werden nicht sachlich betrachtet, sondern über Feindbilder personalisiert. Dies emotionalisiert und radikalisiert die Debatten. Medien könnten dem entgegenwirken, indem sie sachlicher berichten und das Prinzip der Toleranz betonen.
Gibt es eine Alternative zu Empörung und Mitleid im medialen Umgang mit Gewalt?
Ja, Aristoteles hat mit dem Konzept der Katharsis einen dritten Weg der tragischen Erschütterung beschrieben, die unsere Gefühle „reinigt“. Statt empathischer Hilfsbereitschaft oder aggressiver Rache entsteht hier ein tragisches Verständnis des Menschseins. Wenn ich das Opfer nicht als Feindopfer oder als hilfsbedürftig begreife, sondern als Teil einer allgemeinen menschlichen Verletzlichkeit, kann daraus eine Haltung der Gelassenheit und moralischen Toleranz entstehen. Robert Musil hat das den „anderen Zustand“ genannt, in dem uns das übliche Gezänk des Alltagslebens fern und kosmopolitische Lösungen naheliegend erscheinen. Diese Form der Darstellung – das Opfer im tragischen Kontext – ist in den Medien bisher kaum genutzt, könnte aber helfen, Empathie in konstruktive Bahnen zu lenken.
Wie ist es im Bereich der Fiktion – etwa im Actionfilm – mit Täterperspektiven, Männlichkeitsbildern oder Gewaltinszenierungen?
Die Medienwirkungsforschung zeigt, dass Actionfilme nicht primär gewaltstimulierend wirken, sondern eher das Selbstbewusstsein der Rezipienten stärken, insbesondere das von jungen Männern. Es handelt sich oft um symbolische Partizipation an Gewalt, nicht um direkte Gewaltstimulation. Mit den realen Bedrohungslagen verändert sich aber auch die Wirkung solcher Inhalte. Von Bürgerkriegsgesellschaften wie in Syrien wissen wir, dass dort die Neigung, aktionsbetonte Mediengewalt in reales Handeln zu übersetzen, gestiegen ist. Das wird natürlich auch durch die Eigendynamik der Gewaltketten angeregt, die unter Medieneinfluss an Leichtgängigkeit und Dynamik zunehmen. Hier können dann tatsächlich die ansonsten eher ungewöhnlichen Vorbildeffekte greifen. Daher auch die vielen Messerattacken speziell unter Flüchtlingen aus Syrien, die einer fortdauernden Gewaltsozialisation unterlagen, zumeist als Opfer einer entfesselten Bürgerkriegsgewalt, aber eben auch als Täter unangepasster Gewaltattacken in den Aufnahmeländern. Umgekehrt stellt sich angesichts des Krieges in der Ukraine die Frage, ob das alte, pazifistisch geprägte Gewaltkultivierungskonzept heute noch ausreicht. Vielleicht brauchen wir eine differenzierte Sichtweise auf Wehrbereitschaft als demokratische Tugend. Die übergroße Mehrheit der Deutschen und Österreicher – insbesondere der Jugend – ist laut Umfragen nicht bereit, die Demokratie notfalls mit der Waffe in der Hand zu verteidigen.
Die Kontextprüfung ist seit Gründung der FSF ein zentrales Prinzip: Gewalt wird nicht isoliert beurteilt, sondern im Rahmen des Films und eben auch im gesellschaftlichen Kontext.“
Verändert sich dadurch das Zielsystem des Jugendmedienschutzes?
Die Grundprinzipien – Eigenständigkeit und Gemeinschaftsfähigkeit – bleiben, aber sie müssen im Lichte neuer Bedrohungslagen neu interpretiert werden. Auch die Wehrfähigkeit gehört zum Empowerment – nicht im Rahmen individueller Emanzipation, aber doch im Sinne von gestärkter Resilienz der Demokratiegemeinschaft. Die Kontextprüfung ist seit Gründung der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) ein zentrales Prinzip: Gewalt wird nicht isoliert beurteilt, sondern im Rahmen des Films und eben auch im gesellschaftlichen Kontext. Schon immer differenzieren wir zwischen legitimer und illegitimer Gewalt – etwa im Krimi zwischen dem Täter und der Polizei. Aber heute könnte eine stärkere Betonung einer gemeinwohlorientierten, demokratischen Wehrbereitschaft nötig sein. Es geht um einen neuen demokratischen Patriotismus, der Diversität akzeptiert.
Hat sich die Mediengewaltforschung aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren angemessen weiterentwickelt?
Grundsätzlich ja, auch wenn die großen Innovationen in den 1980er‑ und 1990er-Jahren stattfanden. Die Forschung hat sich vom Konzept der Gewaltverursachung durch Medien hin zur Frage der Gewaltkontrolle durch Medien verschoben. Der Rezipient steht stärker im Fokus – seine Fähigkeit zur Emotionskontrolle und die Art, wie Medieninhalte diese beeinflussen. Wichtig ist das Framing: Dass ein Film Gewalt zeigt, reicht nicht aus, um seine Wirkung zu beurteilen. Wie Gewalt gezeigt wird, in welchem Kontext und mit welchem Ziel – das ist entscheidend. Ein Desiderat der Mediengewaltforschung ist sicherlich, die Demokratiefähigkeit als Variable des Rezeptionsvorgangs in den Blick zu nehmen. Unter welchen Bedingungen wird Demokratiefähigkeit gesteigert? Wann trägt sie als Moderatorvariable dazu bei, die Unterscheidung zwischen antisozialer und sozial erwünschter Gewalt zu kultivieren? Ein undifferenzierter Pazifismus hat ausgedient. Demokratiepolitische Fragen sollten auch bei der Beurteilung der sozialethischen Orientierungsleistung eines Films bzw. seiner desorientierenden Wirkungsrisiken in der Prüfpraxis des Jugendmedienschutzes stärker beachtet werden.
Zum Abschluss: Wie beurteilen Sie die gesellschaftliche Entwicklung in Bezug auf Gewalt? Ist Empathie als „Kitt der Gesellschaft“ brüchig geworden?
Es gibt Problemzonen der Verrohung, bei der die soziale Funktion der Empathie unter die Räder kommt und in Freund‑Feind‑Schemata zerfällt. Normalerweise ist Empathie ein Mittel der Gewaltkontrolle, das uns davon abhält, übereinander herzufallen. In positiven Umgebungen stützt sie Altruismus und Kooperation. Aber dieser Kitt der Gesellschaft ist in der Tat brüchig geworden. Vor allem das mediale Moralisieren verstärkt Polarisierung und schwächt den sozialen Zusammenhalt. Empathie kann kippen, wenn sie in moralische Empörung übergeht und Feindbilder unterfüttert. Diese Entwicklung müssen wir stoppen, um einen zivilisierten Grundzustand zu erhalten und Gewaltketten einzuhegen. Eine Möglichkeit wäre, die um sich greifende Radikalisierung in der Gesellschaft und bei internationalen Konflikten als eine Art apokalyptisches Naherlebnis ernst zu nehmen und daraus einen Umkehrimpuls zu generieren – wie eine gesellschaftliche Katharsis. Die Lösung liegt nicht in radikalen und violenten Scheinlösungen, sondern in der demokratischen Kleinteiligkeit, wie sie Karl Popper beschrieben hat: Stückwerk-Technologie statt Systembruch.

Jürgen Grimm (Foto: Manfred Bobrowski)
Dr. Jürgen Grimm ist Professor i. R. am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien sowie Mitglied des Kuratoriums der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF). Er forscht seit 30 Jahren zu Fernsehgewalt.

Claudia Mikat (Foto: © sh/fsf)
Claudia Mikat ist Geschäftsführerin der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).