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Erregende Dokumente

Pornografie und dokumentarische Autorität

Leonie Zilch

Bielefeld 2025: transcript
Rezensent/-in: Lothar Mikos

Buchbesprechung

Online seit 30.09.2025: Link

Die Medien- und Kulturwissenschaftlerin Leonie Zilch setzt sich in ihrem Buch mit der dokumentarischen Inszenierung von Pornografie auseinander. Da der Pornografie-Begriff im deutschen Recht unbestimmt sei, bleibe „auch für den Jugendschutz und die Medienaufsicht frei(er) interpretierbar, was sie als pornografisch einordnet“ (S. 253). Dabei habe sich in der sozialwissenschaftlichen Forschung eine inhaltliche und funktionale Definition durchgesetzt – wie sie unter Hinweis auf Nicola Döring schreibt –, die wertfrei festlege, 

dass es sich dann um ‚pornografische‘ Darstellungen handelt, wenn nackte Körper und sexuelle Aktivitäten sehr direkt und detailliert dargestellt sind (inhaltliche Ebene) und vorwiegend zum Zweck der sexuellen Stimulation produziert und rezipiert werden (funktionale Ebene)“ (S. 325 f.). 

Der funktionale Aspekt sei wichtig, weil dadurch die Darstellung von Missbrauch und sexualisierter Gewalt ausgeschlossen werde. In der Rechtsprechung und im Jugendschutz werde diese Unterscheidung (leider) nicht getroffen, denn dort würden Pornografie und Gewalt noch immer zusammengedacht. Das führe unter anderem auch dazu, dass Filtersysteme, die Pornografie erkennen sollen, sich auf den nackten weiblichen Körper fixierten, tatsächliche Formen aber nicht erkennen würden (vgl. S. 328) und so oft einerseits unterkomplex seien, in anderen Fällen aber über das Ziel hinausschössen, weil sie anatomische Darstellungen und Aufklärungsvideos als Pornografie einstufen würden (vgl. S. 253). 

Dabei geht es der Autorin in ihrem Buch hauptsächlich darum, ein differenziertes Bild von Pornografie und deren Inszenierungsweisen zu zeichnen. Dazu wählt sie drei Analysegegenstände: 1) Filme, die der sogenannten Gonzo-Pornografie zuzurechnen sind, 2) Aufklärungsvideos, die in der Tradition des Feminismus stehen, und 3) Porno-Plattformen im Internet. 

Gonzo-Pornografie sieht sie weniger als eine Kategorie, sondern als eine bestimmte Ästhetik bzw. einen bestimmten Stil (vgl. S. 128 f.). Dieser Stil zeigt sich auf vier Ebenen, 1) einer repräsentativen und performativen, 2) einer technischen und expressiven, 3) einer enunziativen und kommunikativen sowie 4) einer semiopragmatischen (vgl. S. 129 f.). Das hat nicht nur Konsequenzen für die Inszenierung, sondern auch für die Rezeption: „Gonzo-Pornografie bedient sich filmästhetischer Konventionen, die viele Rezipient:innen insbesondere aus dokumentarischen Filmformen kennen und entsprechend eine dokumentarisierende Lektüre ermöglichen, wenn nicht gar nahelegen“ (S. 132). 

Zilch weist darauf hin, dass sich filmische Konventionen wandeln können: War früher der Einsatz einer Handkamera als Element des dokumentarischen Stils wichtig, so hat sich das Interview mit dem Blick der Protagonist:innen in die Kamera als ein Element durchgesetzt. Für die Einordnung von Filmen seien aber auch der Kontext von Technik, Produktion und Distribution, die Rahmung des Produkts sowie der Ort der Rezeption wichtig (vgl. S. 132). Gerade die dokumentarische Inszenierung und Ästhetik führe zu einem „Spiel des Als-ob, das von Porno-Rezipient:innen als lustvoll erlebt wird“ (S. 135). 

Im Hinblick auf die bereits erwähnte mangelnde Unterscheidung in Recht und Jugendschutz analysiert Zilch Aufklärungsvideos und Internetseiten, „die sich an der Schnittstelle von Sexualaufklärung und Pornografie bewegen“ (S. 141). Hier kommen auch „Schaubilder, Diagramme, Statistiken und erklärender Text“ zum Einsatz „und geben diesen [Videos] einen Kontext, der das vermittelte Wissen frei von jeglicher Erregung als ein reines Wissen um die ‚bloß‘ richtige Handhabung von Erregung, nicht aber selbst als Stimulans präsentiert“ (S. 223). Damit unterscheiden sie sich von Pornografie, denn bei ihr „handelt es sich um ein erregendes Dokument par excellence“ (S. 332). 

Leonie Zilch ist mit ihrem Buch nicht nur eine klare und deutliche Definition von Pornografie gelungen, indem sie das Ziel der Erregung durch dokumentarische Inszenierungen und Ästhetik in den Mittelpunkt stellt, sondern nebenbei auch eine erhellende Geschichte der bildlichen Darstellungen sexueller Praktiken. Die Lektüre ist daher nicht nur Medien- und Kulturwissenschaftler:innen zu empfehlen, sondern gerade auch Jugendschützer:innen, die sich für die ästhetischen Feinheiten interessieren. 

Prof. i. R. Dr. Lothar Mikos



Leonie Zilch: Erregende Dokumente. Pornografie und dokumentarische Autorität. Bielefeld 2025: transcript. 382 Seiten, 39,00 Euro (auch Open Access)