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Feldforschung auf dem Sofa

Fernsehen in Haushalten der Gegenwart

Vera Klocke

Bielefeld 2024: transcript
Rezensent/-in: Lothar Mikos

Buchbesprechung

Online seit 28.03.2025: Link

Fernsehen in Haushalten der Gegenwart

Das Fernsehen ist weder als technisches Gerät noch als soziale Praxis tot, wie vielfach herbeigeschrieben wurde. Im Fazit ihrer empirischen Untersuchung zum Umgang mit Medientechnologien im häuslichen Umfeld stellt Vera Klocke denn auch fest: „Als ich im Jahr 2018 mit dieser Forschung begonnen habe, habe ich damit gerechnet, dass das Fernsehen als Material in einem Prozess der Auflösung begriffen ist. Anhand der untersuchten Haushalte wurde allerdings deutlich, dass das Fernsehen auch im Moment des Verschwindens der Apparatur – wie in dem Haushalt mit Beamer – mit enorm vielen technischen Geräten und Zubehör einhergehen kann. In den Haushalten mit Fernsehgeräten werden weitere Geräte und Kabel genutzt, um Einschränkungen und Hindernisse wie eine umständliche Bedienungsweise des Fernsehgeräts zu umgehen“ (S. 234). In ihrer Untersuchung ging es darum, die „ritualisierten Kommunikations- und Verhaltensformen“ im Umgang mit Medien in alltäglich genutzten Lebensräumen zu untersuchen.

Für ihre Dissertation hat die Autorin in insgesamt 13 Berliner Haushalte hineingeschaut. Für die Darstellung der Ergebnisse hat sie sich auf fünf Haushalte konzentriert, die jeweils exemplarisch für verschiedene Lebensformen stehen, vom Single-Haushalt bis zur Familie mit zwei Kindern. Sie hat an den alltäglichen Medienpraktiken beobachtend teilgenommen, Gespräche mit den Teilnehmenden geführt, Fotos gemacht sowie die Räume der Haushalte am Computer virtuell in 3D nachgebaut. Die Darstellung der Ergebnisse dieser Studie folgt der ethnografischen Methode der „dichten Beschreibung“ (vgl. S. 86 ff.).

Klocke beschreibt und deutet die vielfältigen Formen ritualisierter Mediennutzung im häuslichen Medienensemble. Es werden in der gesamten Wohnung verschiedene Geräte benutzt, um Filme oder Serien zu schauen. „Vier der fünf untersuchten Haushalte empfangen die medialen Inhalte, die sie auf den verschiedenen Geräten rezipieren, über das Internet. In allen Räumen der besagten Wohnungen kann über Geräte wie Smartphones, Tablets und Laptops eine mobile Verbindung hergestellt werden. Nicht mehr nur das Wohnzimmer, […], sondern alle Räume des Wohnraums sind mit der Außenwelt verbunden, indem dort mediale Inhalte rezipiert werden können“ (S. 178). Damit ist aber auch die Bequemlichkeit vorbei, die früher mit dem Einschalten des Fernsehgeräts verbunden war. Fernsehen ist ein komplexer Vorgang geworden: „Die Nutzer:innen stecken Netzteile ein, stöpseln Kabel um, ziehen Leinwände herunter und klopfen gegen Adapter, um Wackelkontakte zu beheben. Es ist auffällig, wie viele Dinge an den Abläufen beteiligt sind, unsichtbar zusammengreifen und am Ende das ergeben, was ‚fernsehen‘, oder auch ‚einen Film schauen‘ genannt wird“ (S. 200). Beamer, Fernbedienungen und HDMI-Kabel gehören zum Equipment. Die ritualisierten Formen der Mediennutzung kompensieren auch die Überforderung, die mit dem riesigen Angebot auf Streamingdiensten einhergeht. Angesichts einer erfolglosen Suche im Überangebot wird dann manchmal gar keine Sendung angeschaut (vgl. S. 192). Allein die Auswahl eines Films oder einer Sendung benötigt viel Zeit.

Vera Klocke hat in ihrem sehr lesenswerten Buch gezeigt, wie vielfältig fernsehen und Filme schauen in der digitalisierten Medienwelt sind. Die Menschen gehen mit den technischen Geräten, die heutzutage in den Haushalten vorhanden sind, ihren Bedürfnissen und Beziehungskonstellationen entsprechend um. Die Vielfalt der Geräte ermöglicht ritualisierte Fernsehpraktiken, bei denen verschiedene Räume des Haushalts genutzt werden, auch dank mobiler Technik. Das Buch bietet nicht nur einen Blick durchs Schlüsselloch, sondern taucht – dank der Autorin – tief in das Beziehungsgefüge von Technik, sozialer und kultureller Praxis ein.

Prof. i. R. Dr. Lothar Mikos