Freundliche Übernahme
PLUR1BUS im Spannungsfeld von Autonomie, Spaßverderberei und Künstlicher Intelligenz
Bereits mit Severance hat Apple TV+ vorgeführt, dass es sich auf die Produktion ästhetisch eindrucksvoller Science Fiction versteht, welche sich mit geradezu quälender Präzision am gegenwärtigen Zeitgeist orientiert. Für PLUR1BUS wählt der durch Breaking Bad (2008–2013) bekannt gewordene Drehbuchautor und Filmemacher Vince Gilligan abermals Albuquerque in New Mexiko als Handlungsort. Doch die weiten Landschaftstotalen auf sonnenbeschienene sanfte Bergketten können nicht über die Enge und Beklemmung hinwegtäuschen, der PLUR1BUS seine Hauptfigur und das Publikum aussetzt.
Die erste der auf zwei Staffeln angelegten Serie wurde im Winter 2025 ausgestrahlt, die Fortsetzung wird erst für 2028 erwartet. Herausfordernd für die Sehgewohnheiten sind das langsame Erzähltempo und eine generelle Handlungsarmut. Entgegen dem gegenwärtigen Serientrend großer Ensemblecasts fühlt sich PLUR1BUS in weiten Teilen wie ein Kammerspiel an: Es lässt die Einsamkeit und Isolation, von der erzählt wird, zu einer ästhetischen Erfahrung werden.
Carol Sturka – gespielt von Rhea Seehorn, die für diese herausragende Leistung im Januar mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde – ist eine zutiefst unsympathische, zynische Autorin seichter Liebesromane, die von einer Sinnkrise bezüglich der eigenen literarischen Relevanz gebeutelt wird. Plötzlich muss Carol mit dem Umstand umgehen, eine von lediglich 13 Personen weltweit zu sein, die nicht Teil eines globalen, menschlichen Kollektivbewusstseins geworden ist, das durch ein Alien-Virus entstanden ist. Dass die Menschen dieses Virus aus den aus dem All gesendeten Informationen im Labor selbst gezüchtet und verbreitet haben, ist ein augenzwinkernder Seitenhieb auf Verschwörungsnarrative der Corona-Pandemie.
Über neun Episoden hinweg begleiten wir Carol auf ihrem Weg durch verschiedene emotionale Stadien – das Kübler-Ross’sche Trauerbewältigungsmodell von Leugnung, Ärger, Feilschen, Depression und Akzeptanz drängt sich hier auf – um mit dem scheinbar unvermeidlichen Sterben der eigenen Identität und letztlich auch dem Sterben der Menschheit umzugehen. Doch vielleicht gibt das Staffelfinale doch eine bittere Aussicht auf Hoffnung? In Gestalt einer Atombombe.
Trailer PLUR1BUS (Apple TV und Sony Pictures Television, 22.10.2025)
E pluribus unum
Die Referenz im Serientitel zum lateinischen Siegelspruch der Vereinigten Staaten „Aus vielen eines“, der sich auf Münzen und Dollarnoten findet, sticht sogleich ins Auge. Das aus 13 Buchstaben bestehende Motto wurde 1776 vorgeschlagen, um den Zusammenschluss der 13 britischen Ostküsten-Kolonien während des Unabhängigkeitskriegs zu einer gemeinsamen Nation zu symbolisieren. Diese symbolträchtige Zahl ist Teil des selbsterzählten amerikanischen Mythos und wurde immer wieder aufgegriffen, unter anderem in der Anzahl der Streifen der US-Flagge.
Die 13 steht also für Revolution, Gemeinsinn und den Traum der Unabhängigkeit vom britischen Empire. So ist es wohl kein Zufall, dass für PLUR1BUS abermals die Zahl 13 eine Rolle spielt – in Gestalt der Personen, die aus unerklärlichen Gründen immun gegen das außerirdische Virus sind.
Es zeigt sich also bereits im Serientitel die Spannung zwischen dem Einzelnen und dem Kollektiv.
Doch das Austauschen eines Buchstabens durch die Zahl „1“ sendet ein subtiles Signal – es ist ein Störfaktor im Lesefluss, der die Dekonstruktion der utopischen Vision von Einigkeit bereits andeutet. Sang nicht Harry Nilsson schon: „One is the loneliest number“? Es zeigt sich also bereits im Serientitel die Spannung zwischen dem Einzelnen und dem Kollektiv, die das philosophische Herzstück der Serie ausmacht (und möglicherweise ist es auch ein lapidarer Hinweis darauf, dass es sich um die erste Staffel handelt – denkbar, dass für eine nachfolgende das S in eine 2 verwandelt werden wird).
Schwarmutopie
PLUR1BUS stellt die philosophische Frage danach, wie unser Leben aussehen würde, wenn wir auf einen Schlag Zugriff auf alles Wissen, alle Erinnerungen und Emotionen der gesamten Menschheit hätten. Was würde passieren, wenn wir alle miteinander durch ein kollektives Bewusstsein verbunden wären? Im ersten Moment klingt dies nach einem verlockenden, gar erstrebenswerten Ziel. Es verheißt das Ende der normopathischen Gesellschaft, in der wir leben – in der Menschen um jeden Preis dazugehören wollen, bloß nicht auffallen möchten, aber immer wieder am engen gesellschaftlichen normativen Korsett scheitern.
Die „Anderen“ in PLUR1BUS, die genaugenommen eher die „Allen“ oder das „Wir“ heißen müssten, schaffen es binnen kürzester Zeit, Probleme zu lösen, an denen die Menschheit seit Jahrhunderten verzweifelt. Der Kampf um Ressourcen endet, Diskriminierung hört auf, es gibt keinen Grund mehr, Kriege zu führen, Wohnungsnot ist ein Problem der Vergangenheit. Die Natur kann sich von dem Raubbau der Menschheit erholen, und die Tiere erobern die Städte als Lebensraum zurück. Weil alle alles verstehen, enden auch Leid und Schmerz – die „Anderen“ verheißen den „Wenigen“, die noch nicht im Kollektiv assimiliert wurden, ein Dasein peinfreier Glückseligkeit.
Weil alle alles verstehen, enden auch Leid und Schmerz.
So verlockend dies klingen mag: Es wird doch schnell klar, dass es hierfür einen hohen Preis zu zahlen gilt. Der Verlust des individuellen Ausdrucks, der Autonomie und des freien Willens empfindet zumindest die Protagonistin mit machtvoller Härte. Und sie ist nicht bereit, ihre Autonomie gegen den (vermeintlichen) Frieden und die Harmonie aller einzutauschen.
PLUR1BUS lässt es dabei nicht bewenden. Das Kollektivbewusstsein bedeutet auch ein Ende der Kommunikation, wie wir sie kennen – Begrüßungsformeln sind nicht mehr nötig, auch liebevolle Gesten oder leidenschaftliche Diskussionen sind überflüssig geworden. Es herrscht Sprachlosigkeit. Auch Bildung endet, ebenso Kultur, Kreativität und Kunst. In einem System, das Wissen immer verfügbar hat und nicht mehr erarbeiten muss, scheint kein Platz für Innovationen, für abseitige Ideen und Gedankenspiele. Es wird nichts Neues mehr geben, sondern nur noch die Reproduktion des bereits Dagewesenen.
So verwundert es letztlich nicht, dass das Kollektiv begeistert von der Vorstellung ist, Carol könnte eine Fortsetzung ihrer Liebesromanreihe schreiben – denn selbst sind die „Anderen“ nicht zur Schöpfung von Neuem in der Lage.

Das macht doch keinen Spaß
Carol erweist sich als die perfekte Manifestation dessen, was Sara Ahmed in The Promise of Happiness als Feminist Killjoy – die feministische Spielverderberin – bezeichnet. In einer Welt, in der das Kollektiv der „Anderen“ Schmerz, Krieg und Individualität durch eine technologisch-biologische Harmonie ersetzt hat, wird Carols bloße Existenz zu einem Akt des radikalen, autonomen Widerstands.
Ahmeds Konzept der Killjoy basiert auf der Prämisse, dass Glück oft als Instrument sozialer Kontrolle eingesetzt wird. Wer sich weigert, an einer kollektiven Freude teilzunehmen, die auf Unterdrückung oder der Auslöschung von Differenz basiert, stört den affektiven Fluss und wird als Problem wahrgenommen. Carol ist in PLUR1BUS genau diese Störung. Ihre Gegenfolie ist Zosia (Karolina Wydra) – eine reibungsfreie, ewig lächelnde Stepford-Frau, die das Kollektiv als perfekte Vertraute für Carol berechnet und getreu dem Vorbild des Helden ihrer Liebesromane ausgesucht hat.
Während die „Anderen“ ein Paradies der totalen Konnektivität und des permanenten Wohlbefindens anbieten, verharrt Carol in ihrer Trauer (um ihre verstorbene Partnerin, um sich selbst, um den Planeten Erde as we know it) und in ihrem Misstrauen. Sie verdirbt die Freude des Kollektivs, indem sie darauf hinweist, dass deren Frieden durch den Tod des Subjektes erkauft wurde, und entlarvt dabei die gute Absicht der „Anderen“ als Zwang zur Konformität.
Carols Autonomie äußert sich dabei nicht in triumphalen Taten – was an spektakuläres Actionkino gewöhnte Zuschauende durchaus frustrieren wird, denn es passiert wirklich ausgesprochen wenig in PLUR1BUS –, sondern in der Weigerung, glücklich zu sein.
Ein zentraler Aspekt ist dabei die Kritik an der pervertierten Care-Arbeit des Systems. Die „Anderen“ kommunizieren in einem therapeutisch-sanften Tonfall mit Carol, der darauf ausgelegt ist, Widerstand als Heilungsbedarf umzudeuten. Carol erkennt jedoch, dass diese Fürsorge eine Form der affektiven Gouvernementalität ist. Als Feminist Killjoy bricht sie mit dem sozialen Skript der Dankbarkeit.
In einer Gesellschaft, die Frauen oft die Rolle der Harmoniestifterin zuweist, ist Carols Undankbarkeit gegenüber dem Kollektiv ein emanzipatorischer Akt. Sie beansprucht das Recht auf ihre eigene Negativität – auf ihren Schmerz, ihren Zorn und ihre Entfremdung. Lässt sie dieser Negativität freien Lauf, reagiert das Kollektiv mit Glitches und Ausfällen (bis hin zum irreparablen Kollabieren einzelner Knotenpunkte im kollektiven Bewusstsein), denn Carol sendet Informationen, die das System nicht verarbeiten kann.
In einer Gesellschaft, die Frauen oft die Rolle der Harmoniestifterin zuweist, ist Carols Undankbarkeit gegenüber dem Kollektiv ein emanzipatorischer Akt.
Das Kollektiv ist ein kybernetischer Kreislauf, der nach Homöostase strebt. Weil Carol auf Probleme hinweist, wird sie selbst zum Problem. Sie erzeugt Reibung, Rauschen. Ihr Körper, ihre Mimik und ihr Unwillen zur Kooperation sind prothetische Hindernisse in der glatten Oberfläche des geteilten Bewusstseins. Dies ist so beängstigend und bedrohlich für die „Anderen“, dass sie Albuquerque verlassen, Carol mit einem völligen Kommunikationsabbruch strafen und ihr damit zeigen, dass die Konsequenz von egoistischem Autonomiestreben das Abschneiden von allen zwischenmenschlichen Beziehungen und Interaktionen ist. Alles, was Carol nach dem Abzug der „Anderen“ bleibt, ist das Endzeitszenario von einer sich ewig wiederholenden Nachricht auf dem Anrufbeantworter und einem gut bestückten, aber menschenleeren Supermarkt. Dieses Schicksal scheint den einzigen anderen Menschen, der sich dem Kollektiv verweigert – der in überzeichneter Weise als unabhängig dargestellte Manousos Oviedo (Carlos Manuel Vesga) aus Paraguay – weit weniger zu schrecken, krankt er doch nicht an der selbstbezogenen Gefallsucht einer Bestsellerautorin.

Künstliche Intelligenz und natürliche Dummheit
Letztlich ist Carols Autonomie eine Autonomie der Dissonanz. Sie rettet nicht die Welt, sondern sie bewahrt sich die Fähigkeit, ein Gegenüber zu sein, und gibt der menschlichen Unberechenbarkeit Raum. Indem sie zur Spielverderberin wird, verteidigt sie den Kern des Menschseins gegen die optimierte Leere einer Superintelligenz: die Freiheit, unglücklich, unvollkommen und – vor allem – getrennt von den anderen zu sein.
Unter Serienfans wird in den sozialen Medien derzeit die Analogie zwischen der Schwarmintelligenz in PLUR1BUS und Künstlicher Intelligenz heiß diskutiert. Die einschleimende Freundlichkeit der „Anderen“ erinnert an die affirmative Bestätigungslogik heutiger Chatbots. Nick Bostrom hat in seinem KI-kritischen Sachbuch Superintelligence die zentrale These aufgestellt, dass eine superintelligente KI zum existenziellen Risiko wird, sobald ihre Ziele nicht präzise mit menschlichen Werten abgeglichen sind (das sogenannte „Alignment-Problem“). Er warnt davor, dass eine solche Intelligenz ihre Vorgaben mit einer Radikalität verfolgen könne, die menschliche Autonomie als ineffizientes Hindernis einfach wegoptimiere.
Die einschleimende Freundlichkeit der „Anderen“ erinnert an die affirmative Bestätigungslogik heutiger Chatbots.
PLUR1BUS erzählt von genau diesem ontologischen Konflikt zwischen Optimierung und Existenz. Die Schwarmintelligenz kann sich Carols irrationales, unberechenbares Verhalten nicht erklären; so kommt gerade in ihren starken und widersprüchlichen Emotionen Carols Überlebenschance als Individuum zum Ausdruck. Es ist ihre natürliche „Dummheit“ – im Sinne eines irrationalen, triebgesteuerten, hochemotionalen, spontanen menschlichen Agierens – die als einziges Gegengewicht zur algorithmischen Rationalisierung der Superintelligenz funktional werden kann.
Fazit
PLUR1BUS erzählt herausfordernd, teils bildgewaltig, teils eher unscheinbar und in mitunter unnötig langsamer Weise – die Kritik an der TikTokisierung der Rezeption hätte sich auch mit ein wenig mehr Substanz in der Narration erschlossen – vom existenziellen Konflikt zwischen einem globalen Kollektivbewusstsein und individueller Autonomie, wobei der Verlust des freien Willens und der kulturellen Innovation als Preis für eine leidensfreie Harmonie erscheint. Die Protagonistin entlarvt durch ihre Weigerung, glücklich zu sein, den sozialen Zwang zur Konformität und behauptet ihre Anti-Haltung als Form des autonomen Widerstands. Carols natürliche „Dummheit“ wird in der Serie mit der optimierten Superintelligenz kontrastiert und zeigt so irrationales, emotionales Handeln als urmenschliches und notwendiges Gegengewicht zu algorithmischer Rationalisierung. Diese philosophische Fragestellung ist drängend und wichtig – letztlich gefällt sich die Serie aber häufig zu sehr in ihrem Gedankenexperiment und vergisst über ihre zentrale Prämisse hinaus, eine fesselnde Geschichte zu erzählen.
Literatur:
Ahmed, S.: The Promise of Happiness. Durham/London 2010
Bostrom, N.: Superintelligence: Paths, Dangers, Strategies. Oxford 2014
Kübler-Ross, E.: On Death and Dying. New York 1969
