Im Kaufhausrausch der zwanziger Jahre

Die Drama-Serie „Das Haus der Träume“ bei RTL+

Susanne Bergmann

Nach dem Studium an der Hochschule der Künste in Berlin arbeitete Susanne Bergmann viele Jahre als Medienpädagogin im "Jugendfilmstudio Berlin". Als freie Autorin schreibt sie seit 1994 für den Kinderfunk. Außerdem prüft sie Filme bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) und ist ehrenamtliche Richterin am Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen.

Programm Das Haus der Träume
 Drama, D 2022
SenderRTL+, seit 18.09.2022

Online seit 16.09.2022: https://mediendiskurs.online/beitrag/im-kaufhausrausch-der-zwanziger-jahre-beitrag-1124/

 

 

Im Mittelpunkt der sechsteiligen deutschen Drama-Serie steht die Geschichte des Kaufhauses Jonass, das 1929 als erstes Kreditkaufhaus in Berlin eröffnet wurde. Der jüdische Kaufmann Arthur Grünberg ist ein waghalsiger und sozialer Unternehmer, der im nahen Scheunenviertel aufgewachsen ist und mit der dortigen Armut vertraut. Er nutzt das Vermögen seiner Frau Alice, um seinen Traum zu realisieren und auch bescheidene Konsumträume der einfachen Leute wahr werden zu lassen. Die Arbeitsplätze im Jonass sind hochbegehrt, und die bezaubernde Hauptprotagonistin Vicky Maler erstreitet sich dort eine Anstellung als Verkäuferin. Sie ist gerade vom Land nach Berlin gezogen und schnell auf den harten Boden der Realität aufschlagen. Das Großstadtleben ist geprägt von den Folgen des Ersten Weltkriegs, von sozialen Gegensätzen und Missständen – allgegenwärtig sind Versehrtheit und bittere Armut, beengte Wohnverhältnisse, Obdachlosigkeit, Prostitution und Kriminalität. Zurückhaltend werden auch zeitgeschichtliche Hintergründe um den aufkommenden Antisemitismus vermittelt.
 

Trailer Das Haus der Träume (RTL+, 18.09.2022)



Grünbergs Konzept des Kreditkaufhauses ist erfolgreich und scheitert dennoch fast an der schlechten Zahlungsmoral beim Ratenkauf. Der Unternehmer sieht sich schließlich zu bitteren Zugeständnissen gezwungen, die die Träume seines Sohnes Harry durchkreuzen, der gerade am Anfang seiner Karriere als Jazzpianist steht.

Aber es geht in der Serie nicht vorrangig um die soziale Misere, haarsträubende Klassenunterschiede und gesellschaftliche Zwänge, sondern um individuelle Stärken und das Lebensgefühl insbesondere der Jugend in dieser Zeit und um die Träume, die den Menschen Ende der 1920er-Jahre ihren Lebensmut geben.

Insofern dürfte die Serie mit dem attraktiven Liebespaar Vicky Maler und Harry Grünberg auch für ein junges Publikum interessant und anschlussfähig sein.

Beantragt war für die Produktion eine Freigabe ab 12 Jahren, die der FSF-Prüfausschuss gänzlich unproblematisch fand, weil sich in der charmanten Serie Charaktere mit nachvollziehbaren Motivationen in einer herausfordernden Zeit begegnen, ohne dass physische Gewalt eine zentrale Rolle spielt. Zumutungen werden inhaltlich deutlich, aber auf der Bildebene überwiegend dezent erzählt. Der hohe Spannungsbogen erschließt sich erst bei aufmerksamer Rezeption, und immer wieder wird der schwierige Alltag mit hellen und heiteren Passagen kontrastiert. Emotional ist das Narrativ auf Seiten der sympathischen Hauptfiguren und damit ist der moralische Kompass auf positive Art vorgegeben. Zudem vermittelt sich Kindern ab 12 Jahren die historische Distanz und bietet interessante Denkanstöße, beispielsweise in Bezug auf individuelle Freiheiten oder Chancengleichheit.

Weiterhin war eine Platzierung der Serie im Tagesprogramm beantragt, wo grundsätzlich auch das Wohl jüngerer Kinder berücksichtigt werden muss. Hier wurde die Diskussion im Prüfausschuss kontrovers. Zwar ist eine Beeinträchtigung von Kindern auszuschließen, sofern sie der Handlung bereits folgen können. Gleichzeitig ist anzunehmen, dass Kinder unter 10 Jahren durch den abenteuerlichen Auftakt mit Vickys Ankunft in der Großstadt und die ganze Machart mit viel Musik angesprochen werden, aber zu wenig historisches Wissen und Lebenserfahrung haben, um die Handlung angemessen einordnen zu können. Zudem ist gerade bei jüngeren Grundschulkindern auch von einer Wahrnehmung einzelner Sequenzen auszugehen, ohne dass sie diese durch den Kontext relativieren können.

Daher wurden in der ersten Hälfte der Staffel die dramaturgisch gut eingebundenen, aber doch sehr deutlichen Rotlicht- und Sexszenen problematisiert, ebenso die beiden Suizide und die Pauschalurteile über „die Juden“, die zwar im Kontext klar widerlegt werden, da der Jude Grünberg ein exponierter Sympathieträger ist, aber trotzdem laut ausgesprochen werden und im Raum stehen bleiben. Mehrheitlich wurde daher entschieden, dass die ersten Episoden erst im Hauptabendprogramm ausgestrahlt werden können. In den letzten drei Episoden ist diese Problematik nicht mehr so deutlich, hier wurde eine Freigabe für das Tagesprogramm erteilt. Bei unterschiedlichen Freigaben für die Episoden einer fortlaufend erzählenden Serie bieten sich im Regelfall Schnittauflagen an. Doch im konkreten Fall wurde diese Möglichkeit nicht gesehen, denn die für jüngere Kinder eventuell noch problematischen Passagen sind für die Erzählung elementar. Insofern bleibt die Prime-Time-Produktion in der Prime-Time.

Am Ende der sechs Episoden ist die Handlung noch lange nicht auserzählt und bietet mehr als genug Stoff für eine Fortsetzung, sofern die Staffel ebenso erfolgreich ist wie Unternehmer Grünberg.


Freigegeben ab …
 

Der FSF lag die gesamte Staffel der Serie zur Prüfung vor. Einige Episoden, in denen möglicherweise Belastendes oder Verunsicherndes (z. B. dramatische Entwicklungen im Leben der Protagonist:innen, Szenen im Rotlichtmilieu oder auch Sexszenen) nur kurz und angedeutet bis zurückhaltend dargestellt ist, wurden für das Tagesprogramm, verbunden mit einer Altersfreigabe ab 12 Jahren freigegeben, da das Wohl jüngerer Kinder dem nicht entgegen stand.

Einzelne Episoden erhielten eine Freigabe für das Hauptabendprogramm, verbunden mit einer Altersfreigabe ab 12 Jahren, aufgrund einzelner bedrohlicher Szenen, sexueller Inhalte und antisemitischer Äußerungen. Letztere sind zwar durch den historischen Kontext der Serie gerahmt, jedoch wurde erst Kindern ab 12 Jahren zugetraut, diese hier auch angemessen einzuordnen.

Bitte beachten Sie:
Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Weiterlesen:
Sendezeiten und Altersfreigaben

Hinweis:
Pay-TV-Anbieter oder Streamingdienste können eine Jugendschutzsperre aktivieren, die von den Zuschauer:innen mit der Eingabe einer Jugendschutz-PIN freigeschaltet werden muss. In dem Fall gelten nicht die üblichen Sendezeitbeschränkungen und Schnittauflagen. Weitere Informationen zu Vorschriften und Anforderungen an digitale Vorsperren als Alternative zur Vergabe von Sendezeitbeschränkungen sind im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (§ 5 Abs. 3 Nr. 1§ 9 Abs. 2 JMStV) sowie in der Jugendschutzsatzung der Landesmedienanstalten (§ 2 bis § 5 JSS) zu finden.

Weiterlesen:
Jugendschutz bei Streamingdiensten