Im Kreisverkehr gefangen: die Medienbildung
Ein Meinungsbeitrag
Es ist schon eine Weile her, dass es in der Sendung Die Weber auf radioeins (rbb) um ein Social-Media-Verbot für Jugendliche ging. Hier soll es jetzt nicht um die Verbotsdiskussion an sich gehen – die wiederholt sich mit jedem neuen Medium –, sondern um das Thema Medienbildung. Letztere wird als wichtig erachtet, um jungen Menschen Orientierung in einer digitalen Medienwelt zu bieten. In der Sendung kam eine junge Frau zu Wort, die begeistert und hoffnungsvoll davon berichtete, wie sie mit ihrem Verein Medienbildung in die Schulen bringen wolle. Nichts gegen ihren Enthusiasmus. Aber es ist schon erstaunlich, mit welcher Naivität und Unkenntnis nicht nur in diesem Fall öffentlich über Medienbildung gesprochen wird. So wird der Eindruck erweckt, die Sache mit der Medienbildung sei neu. Das ist sie nicht.
Seit etwa 50 Jahren wird in Deutschland über die Förderung von Medienkompetenz diskutiert. Medienpädagogische Institutionen wie die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) erheben seit den 1990er-Jahren entsprechende Forderungen – und passiert ist wenig. Das liegt unter anderem an der föderalen Zuständigkeit der Bundesländer für Bildung, die alle ihre eigenen Süppchen kochen. Es werden dann immer ein paar weichgekochte Regeln erlassen, aber grundsätzlich geht es kaum voran. Das führt dann unter anderem dazu, dass der Autor dieser Zeilen vor ein paar Jahren mal wieder einen Vortrag zum Thema hielt – und zwar einen zu der Zeit etwa 15 Jahre alten Vortrag. Gemerkt hat es niemand. Heute würde es wahrscheinlich auch nicht auffallen, wenn ein paar digitale Medien als Beispiele eingebaut würden.
Auch Wissenschaftler:innen sind vor solchen ahistorischen Forderungen nach Medienbildung nicht gefeit. So postulierte der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, der manchmal zu kulturpessimistischem Populismus neigt, vor nicht allzu langer Zeit eine „Graswurzelrevolution der Medienbildung“ (Netzwerk Südbaden, 10.07.2023). Die sollte darin bestehen, dass vor allem Journalist:innen in Schulen den Kindern und Jugendlichen die Ideale und Kernprinzipien der Publizistik beibringen sollten, als eine Art grundlegender Medienbildung. Auf diese Weise würde eine „redaktionelle Gesellschaft“ entstehen. Schön und gut und leicht dahergesagt. Mit ein bisschen Recherche hätte er herausfinden können, dass es etwas Ähnliches bereits seit Ende der 1970er-Jahre vor allem im Großbritannien und der Bundesrepublik gegeben hat. Damals wurden Videogeräte kleiner und billiger, sodass es Projekte von Bürgerbeteiligung in Stadtteilen gab, in denen gemeinsam Videobeiträge erstellt wurden. Verbunden war das zunächst mit lokalpolitischen Zielen (z. B. gegen Mieterverdrängung, städtebaulichen Maßnahmen etc.), bevor dann daraus auch die so genannte außerschulische Medienarbeit entstand, die sich an Kinder und Jugendliche richtete und von Vereinen getragen wurde. Hier waren zahlreiche Medienpädagog:innen der ersten Stunde aktiv. So neu ist die Forderung nach einer Graswurzelbewegung also nicht.
Ein letztes Beispiel: Im Rahmen der Diskussion um ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche startete die ARD die Aktion Schule ohne Smartphone – Das Experiment mit Tobi Krell, dem bekannten Checker Tobi. „Rund 100 Jugendliche einer Schule verzichten über drei Wochen auf ihre Handys. Ein Team aus Forschenden begleitet das Experiment und misst, was sich verändert,“ berichtet der Sender. Die dreiteilige Dokumentation ist seit dem 2. September 2026 in der ARD-Mediathek verfügbar.1 Auch diese Idee ist nicht neu. Bereits 1976 gab es im ZDF die Dokumentation Vier Wochen ohne Fernsehen, die von Studierenden des Instituts für Publizistik der Freien Universität Berlin unter der Leitung von Elke Baur gedreht und mit einem Grimme-Preis geehrt wurde. Genau wie in dem aktuellen Experiment stand dahinter der Gedanke, durch den Verzicht die Bedeutung des Fernsehens bzw. des Smartphones deutlich zu machen und dadurch möglicherweise einen kritischen Umgang anzuregen.
Wenn es um Medienkompetenz und Medienbildung geht, bleibt die öffentliche Diskussion oft hinter bereits vorhandenen Erkenntnissen sowie erfolgten oder erfolglosen pädagogischen und politischen Initiativen zurück. Ein von Pörksen eingefordertes journalistisches Prinzip hätte helfen können: Recherche! Was gibt es bereits an Vorstellungen und Definitionen von Medienkompetenz und Medienbildung? Wie sieht es mit Medienbildung in den Schulen aus? Wer soll angesichts neuer digitaler Entwicklungen „mediengebildet“ werden und von wem? Aber derartige Fragen werden erst gar nicht mehr gestellt, denn es wird nur an der Oberfläche gekratzt.
Es geht anscheinend mehr um ein sich wiederholendes Ritual, das weitgehend ohne Wirkung bleibt. Mit anderen Worten: Der Medienbildungsbus fährt im Kreisverkehr herum und verpasst immer wieder eine Ausfahrt. Aber vielleicht ist das alles auch nicht mehr wichtig. Wenn inzwischen die Manager der Unternehmen, die auf Künstliche Intelligenz (KI) setzen, selbst vor deren Folgen warnen, z. B. dass KI in den nächsten Monaten das komplette Internet übernehmen und irgendwann alle Menschen töten könnte, dann hat es sich endgültig mit der Medienbildung, weil auch der Kreisverkehr nicht mehr existiert oder alle Ausfahrten gesperrt sind.
Anmerkung:
1 Siehe den Beitrag von Tilmann P. Gangloff: Leben wie früher. Die Dokuserie „Schule ohne Smartphone“ (mediendiskurs.online, 01.09.2026)
Quellen für Initiativen, die sich schon länger der Medienbildung widmen:
- Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur: insbesondere die Buchreihe zur Verleihung des Dieter-Baacke-Preises, mit dem seit 2005 Projekte zur Medienbildung ausgezeichnet werden
- Deutscher Bildungsserver: Konzepte und Portale der Bundesländer zur Medienerziehung
