„In ein paar Jahren wird es zu spät sein“
Kritik an ARD und ZDF, sowohl am Programm wie auch an der politischen Ausrichtung, ist so alt wie die Sender selbst. Was ist heute anders als zum Beispiel vor 20 oder 30 Jahren?
Die politische Einflussnahme war damals vermutlich sogar etwas größer und vor allem unverblümter, weil die Politiker gern auch mal direkt beim Sender angerufen und sich beschwert haben. Allerdings gibt es heute eine deutlich größere Aufmerksamkeit für die journalistische Arbeit im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Gerade bei der Berichterstattung über Corona, den Ukraine-Krieg oder Gaza/Israel lässt sich eine gewisse Einseitigkeit feststellen. Die ist aber nicht unbedingt das Ergebnis einer Einflussnahme „von oben“, sondern eher aus einem vorauseilenden Gehorsam entstanden.
Sie zitieren eine Studie, laut der 67 % der Deutschen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für unverzichtbar halten. 2018 lag dieser Wert noch bei 83 %. Zur gleichen Zeit hat die AfD einen enormen Aufschwung erlebt.
Auch da sehe ich den Zusammenhang mit der Berichterstattung über Corona und die Ukraine. Die Darstellungen bei ARD und ZDF sind oft zu einseitig, es fehlen Perspektiven, die von der vorherrschenden Meinung abweichen. Gerade in Ostdeutschland sind die Menschen in dieser Hinsicht sensibilisierter als im Westen, weil sie sich mit einseitiger Berichterstattung gut auskennen. Sie halten übrigens auch nicht die Demokratie für falsch, wie manchmal suggeriert wird, sondern bewerten die Ausgestaltung unserer Demokratie deutlich kritischer als die Menschen in den alten Bundesländern.
Manchmal wäre es gar nicht schlecht, nicht sofort zu reagieren, sondern sich drei Tage später ausgeruht und reflektiert mit einem Sachverhalt zu beschäftigen.
Sie beklagen in Ihrem Buch einen allgemeinen journalistischen Trend zu Übertreibung und Skandalisierung. Gilt das demnach auch für die Qualitätsmedien, also für die seriösen Tages- und Wochenzeitungen, für ein Nachrichtenmagazin wie den „Spiegel“ sowie für ARD und ZDF?
Bei den Printmedien fehlt mir der persönliche Einblick, da weiß ich zu wenig über die internen Debatten. Tatsache ist, dass wir in Deutschland von „taz“ bis „Welt“ eine gute publizistische Meinungsvielfalt haben. Es fällt aber auf, dass es bei den genannten Themen die starke Tendenz gibt, in eine bestimmte Richtung zu schreiben und zu senden. Die Qualitätsmedien lassen da eine Lücke, und in diese Lücke stößt die AfD. Bei der Corona-Berichterstattung zum Beispiel wurde kein Diskurs zugelassen. Menschen, die eine abweichende Haltung vertreten und einzelne Maßnahmen infrage gestellt haben, sind konsequent verunglimpft worden. Ich möchte aber eine grundsätzliche Differenzierung zwischen Printorganen sowie ARD und ZDF vornehmen. Ob ich eine Zeitung oder den „Spiegel“ kaufe, ist meine freie Entscheidung, aber für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk muss ich zahlen, ob ich das Angebot nutze oder nicht. Er muss daher für alle da sein. Deshalb haben die Sender auch die Verantwortung, nicht nur zu skandalisieren, sondern hintergründig zu berichten und die ganze Breite eines Diskurses zu bestimmten Themen abzubilden. Manchmal wäre es gar nicht schlecht, nicht sofort zu reagieren, sondern sich drei Tage später ausgeruht und reflektiert mit einem Sachverhalt zu beschäftigen. Publikationen, die von Verkaufszahlen leben, können das nicht; ARD und ZDF dagegen schon.
Sie kommen immer wieder auf die Corona-Berichterstattung zurück. Ihr Vorwurf legt eine Art Gleichschaltung der Medien nahe. Das klingt wie eine Verschwörungserzählung.
Ich würde nie von Gleichschaltung sprechen, und eine Verschwörung würde bedeuten, dass die Berichterstattung von finsteren Mächten gesteuert wird; das ist natürlich Quatsch. Ich sehe die Ursache eher in der Selbstreferenzialität des Journalismus und dem Unwillen, sich gegen eine vorherrschende Meinung zu stellen.
Seit Jahren gibt es immer wieder neue Vorschläge für eine Reformierung des öffentlich-rechtlichen Systems. Ein von der Rundfunkkommission der Länder eingesetzter Zukunftsrat ist zu dem Ergebnis gekommen: Die Sender seien reformwillig, aber nicht reformfähig. Sehen Sie das auch so?
Das Zitat stammt von der Verlegerin Julia Jäkel, sie hat als Vorsitzende des Zukunftsrats tiefe Einblicke ins Management von ARD und ZDF gewinnen dürfen. Sie und die sieben anderen Mitglieder des Rats hatten ein ernsthaftes Interesse daran, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine Funktion, die er in einer Demokratie unbestritten hat, wirklich wahrnimmt. Dieses Interesse teilen sehr, sehr viele Menschen: in der Politik, im Medienbetrieb und unter den Bürgerinnen und Bürgern. Die weitaus überwiegende Mehrheit wünscht sich eine funktionierende Demokratie, und dazu gehören unabdingbar auch ARD und ZDF. Aber wenn es nicht gelingt, das System schnellstmöglich zu reformieren, strukturell wie auch inhaltlich, dann haben wir ein dauerhaftes Problem.
Die weitaus überwiegende Mehrheit wünscht sich eine funktionierende Demokratie, und dazu gehören unabdingbar auch ARD und ZDF.
Ist das eigentliche Problem nicht der demografische Wandel? Junge Leute nehmen das Programm doch gar nicht mehr wahr.
Das ist in der Tat eine große Gefahr. Wenn das Stammpublikum irgendwann ausstirbt und niemand nachrückt, bekommt das System natürlich ein erhebliches Legitimationsproblem. Andererseits gab es diese Diskussion bereits, als ich vor 20 Jahren Berufsanfänger war. Ich denke ohnehin, dass die Überalterung des Publikums nur eine weitere Gefahr ist. Das zentrale Problem ist der generelle Vertrauensverlust: Die Menschen wenden sich in Scharen ab, viele wird man auch nicht mehr zurückgewinnen; oder es wird zumindest sehr, sehr lange dauern, um das Vertrauen wiederherzustellen.
Das gilt vor allem für den Osten. Ist der Zug dort nicht längst abgefahren?
Es wird jedenfalls mit jedem Jahr schwieriger, die Zahlen sind in der Tat alarmierend, erst recht, wenn man sich anschaut, wie die Wähler von AfD und BSW über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk denken. Wer Bündnis 90/Die Grünen wählt, hat großes Vertrauen in die Berichterstattung, bei AfD- und BSW-Wählern ist es sehr gering.
Viele Wählerinnen und Wähler gerade der AfD bewegen sich in Informationsblasen und nehmen eine Berichterstattung, die von ihrer Meinung abweicht, gar nicht mehr wahr. Sind die für die Qualitätsmedien und damit auch für die Demokratie nicht ohnehin verloren?
Diesen Eindruck könnte man haben, aber ich halte es dennoch für möglich, in die Blasen hineinzugehen und sich aktiv auf einen Diskurs einzulassen; auch wenn man dafür ein dickes Fell braucht. Wichtiger ist meiner Ansicht nach jedoch der indirekte Weg. Ich erwarte von politischem Journalismus grundsätzlich, dass das Regierungshandeln kritisch hinterfragt wird, ganz egal, wer gerade an der Macht ist. Ich habe bei meiner Arbeit als Journalist häufiger gehört: „Das können wir nicht machen, das spielt nur der AfD in die Karten.“ Das halte ich für ein ganz schlechtes Argument.
Über den Autor und sein Buch:
Tilo Bernhardt (Jahrgang 1977), Journalist und Systemischer Berater, ist ab 2006 beim öffentlich-rechtlichen Informations- und Dokumentationssender Phoenix ausgebildet worden und war dort drei Jahre Redakteur. Anschließend war er beim ZDF unter anderem Mitglied der „heute“-Redaktion. 2013 wechselte er als Redakteur und Autor für verschiedene Formate zum SWR. 2020 bis 2024 war er in gleicher Funktion Mitarbeiter der Produktionsfirmen Bewegte Zeiten und objektiv media. Bernhardt ist aktives Mitglied des Bündnisses Sahra Wagenknecht. Am 26. März 2026 erscheint sein Buch Sieben Vorschläge für einen besseren öffentlich-rechtlichen Rundfunk (Schüren-Verlag). Darin analysiert er anhand vieler Studien und persönlicher Erfahrungen die aktuelle Situation im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und beschreibt die systemischen Probleme innerhalb der Sender.
Und wie kann es gelingen, ein junges Publikum wieder stärker anzusprechen?
Es gibt zum Beispiel immer wieder Bestrebungen, die Jugend mitbestimmen zu lassen und innovative Ansätze auszuprobieren, damit das Programm auch für jüngere Leute attraktiver wird. Mitunter wird sogar eine Art „Start up“-Philosophie verfolgt. Aber diese Versuche scheitern jedes Mal kläglich und haben meines Erachtens nur eine Feigenblattfunktion: Seht her, wir haben doch die Jugendplattform funk. Gleiches gilt für die seltenen Fälle, in denen jemand mit Anfang 30 eine leitende Position bekommt. Damit kann man sich schmücken, aber das sind seltene Ausnahmen. Dabei liegt es doch auf der Hand, dass ein Programm für junge Leute auch von Angehörigen derselben Generation gemacht werden sollte.
Sie fordern unter anderem eine völlig neue Zusammensetzung der Aufsichtsgremien, etwa in Gestalt eines Bürgerrats. Eine solche Entscheidung müsste in der Politik fallen. Ist das im Sinn des Sprichworts „Wer einen Sumpf trockenlegen will, darf nicht die Frösche fragen“ nicht illusorisch?
Ja, in der Tat: Warum sollten die Parteien freiwillig darauf verzichten, über die Gremien Einfluss auf die Sender zu nehmen? Das ist der Knackpunkt. Viele werden die ganze Problematik dieses Konstrukts erst erkennen, wenn die AfD mal irgendwo mit einer Mehrheit regiert, zum Beispiel ab Herbst in Sachsen-Anhalt, und dann dafür sorgt, dass es den MDR in seiner jetzigen Form nicht mehr gibt. Es ist daher umso wichtiger, dass die Parteien erkennen: Um die Demokratie sattelfest zu machen, müssen sie ihren eigenen Einfluss reduzieren. Dass die Politik so viel Einfluss auf die Sender hat, ist ein echtes Demokratieproblem. Das gilt im Übrigen meiner Ansicht nach auch für die Wahl der Richterinnen und Richter am Bundesverfassungsgericht. Beides sind grundsätzliche Konstruktionsfehler.
Sie berufen sich unter anderem auf Hanns Joachim Friedrichs und sein 1995 im „Spiegel“-Interview formuliertes journalistisches Credo: „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten. […] Nur so schaffst du es, dass die Zuschauer dir vertrauen.“ Sie behaupten dagegen, viele Journalisten verhielten sich wie Aktivisten, die die Demokratie retten wollen. Warum ist das problematisch?
Journalisten sollen die Demokratie stärken, aber wenn ich sie retten will, erreiche ich eher das Gegenteil. Wenn ich mich nicht mit einer Sache gemein mache, berichte ich über einen Sachverhalt so, wie er sich mir darstellt, unabhängig von den Folgen. Wenn man den Diskurs zulässt, und damit auch unbequeme Wahrheiten und Wahrnehmungen, wird das die Demokratie automatisch stärken. Das Bundesverfassungsgericht hat 2009 in einer Urteilsbegründung zum Thema Meinungsfreiheit festgestellt: „Auch Meinungen, die auf eine grundlegende Änderung der politischen Ordnung zielen, müssen wir tolerieren. Das Grundgesetz vertraut auf die Kraft der freien Auseinandersetzung als wirksamste Waffe auch gegen die Verbreitung totalitärer und menschenverachtender Ideologien.“ Ich finde, das ist eine starke Formulierung, die außerdem Mut macht. Wir sollten lernen, auch völlig abstruse oder rechtsradikale Meinungen auszuhalten.
Wenn man den Diskurs zulässt, und damit auch unbequeme Wahrheiten und Wahrnehmungen, wird das die Demokratie automatisch stärken.
Wenn Sie keine Hoffnung hätten, dass sich etwas ändert, hätten Sie vermutlich das Buch nicht geschrieben. Aber wie realistisch ist es, dass sich etwas ändert?
Ich würde mich schon freuen, wenn die Menschen aufgrund meiner Ausführungen erkennen, wie wichtig der öffentlich-rechtliche Rundfunk für unsere Demokratie ist und dass sich dringend jetzt etwas ändern muss, denn in ein paar Jahren wird es vermutlich zu spät sein, weil die AfD die Schwächen des Systems zu ihren Gunsten ausnutzen wird. Sie wird in den Sendern Personen installieren, die ihr genehm sind, und vermutlich auch die Gelder radikal kürzen.
Tilo Bernhardts Vorschläge zur Qualitätssteigerung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks:
1.
Es braucht bessere Aufsichtsgremien in den Sendern. Diese sollten eher bürgernah besetzt sein. Bisher ist der politische Einfluss zu groß.
2.
Es braucht mehr Transparenz und klarere Regeln für Redakteure, damit die persönliche Nähe zur Politik und die eigenen politischen Vorlieben sichtbarer und mehr hinterfragt werden.
3.
Fokus auf den Inhalt, nicht auf die Quote. Durch den Quotendruck entsteht oft eine zugespitzte, zu einseitige, häufig auch zu negative Berichterstattung.
4.
Eine wirklich objektive und neutrale Berichterstattung. Die Sender sollten möglichst viele Fakten und Sichtweisen transportieren und alle Meinungen berücksichtigen.
5.
Die Sender sollten mutiger und moderner werden und mehr ausprobieren (und auch verwerfen) dürfen.
6.
Mehr konstruktiver Journalismus würde dabei helfen, der allgemeinen Nachrichtenverdrossenheit entgegenzuwirken und stärker konkrete Lösungen zu gesellschaftlichen Problemen aufzuzeigen.
7.
Die Redaktionen und Sender müssten insgesamt unabhängiger agieren können.
Mit dem im Dezember 2025 in kraftgetretenen Reformstaatsvertrag hat die Politik ARD und ZDF mehrere konkrete Maßnahmen vorgegeben.
Welche TV-Sender wegfallen
Im TV-Bereich sieht der Katalog eine Reduzierung der linearen Spartenkanäle vor. Das betrifft konkret den Bildungssender ARD alpha, das Info-Angebot Tagesschau24 sowie das von der ARD überwiegend als Wiederholungsprogramm genutzte One. Außerdem sollen ARD und ZDF die weiteren Spartenkanäle gemeinsam veranstalten. Bei KiKA, Arte, 3sat und dem nur im Internet verbreiteten Jugendangebot funk ist das schon lange der Fall. Nun gilt die Kooperation auch für das Informationsangebot Phoenix, das im Wesentlichen mit Beiträgen von ARD aktuell und ZDF heute gestaltet wird; hinzu kommen wie gewohnt die Parlaments- und Ereignisberichterstattung sowie begleitende Gesprächssendungen. An ZDFneo, der Mainzer Spielwiese für Serien, die sich vorwiegend an ein junges Publikum richten, beteiligt sich nun auch die ARD. Aus Tagesschau24 und ZDFinfo wird ein Sender mit dem schlichten Namen „info“. Die gemeinsam veranstalteten Angebote bestehen somit ab Januar 2027 neben dem deutsch-französischen Kulturkanal Arte aus 3sat (Federführung ZDF), KiKA (MDR), funk (SWR), info (ZDF), Neo (ZDF) und Phoenix (WDR).

Tilo Bernhardt (Foto: privat)
Tilo Bernhardt ist Journalist und Systemischer Berater. Er machte seine Ausbildung beim öffentlich-rechtlichen Informations- und Dokumentationssender Phoenix und war dort sowie bei anderen TV-Sendern und Medienproduktionsfirmen als Redakteur und Autor tätig.

Tilmann P. Gangloff (Foto: privat)
Tilmann P. Gangloff ist freiberuflicher Medienfachjournalist.
