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Kinder und Jugendliche in der Krise

Gegenwärtige Herausforderungen und neue Perspektiven

Rainer J. Kaus, Hartmut Günther (Hrsg.)

Bielefeld 2025: transcript
Rezensent/-in: Bernward Hoffmann

Buchbesprechung

Online seit 20.10.2025: Link

Kinder und Jugendliche in der Krise

Das Buch bietet die schriftlichen Fassungen von Beiträgen, die im Oktober 2022 auf einem internationalen psychologischen Symposium an der Universität Köln gehalten wurden. Von 13 Beiträgen sind acht in englischer Sprache verfasst, obwohl die meisten AutorInnen aus dem deutschsprachigen Raum kommen oder dort arbeiten. Das unterstreicht die internationale Perspektive. 

Wie so oft in Sammelbänden bzw. Veranstaltungsdokumentationen sind die Beiträge uneinheitlich. Bei einigen Texten ist der Bezug zur Rahmenthematik nur schwer zu erkennen, etwa beim an sich interessanten Transkript des Vortrags von Michael Buback zur späten Reflexion der Ermordung seines Vaters durch Terroristen. Auch der Beitrag von Thomas Schirren mit dem Titel „Die wütenden Schüler“, der die griechische Rhetorik und Greta Thunbergs Protest gegenüberstellt, wirkt in diesem Kontext eher befremdlich.

Das Symposium sollte die Herausforderungen thematisieren, mit denen Kinder und Jugendliche in der heutigen Gesellschaft konfrontiert sind: emotionale und physische Entwicklungskrisen sowie aktuelle Belastungen durch Migration, Krieg, Pandemie und Medien. Der Initiator Dr. Rainer J. Kaus rückt eine These in den Mittelpunkt der Analysen: Die Krisen der Sozialisation und Adoleszenz drehen sich im Wesentlichen um die Konformität mit herkömmlichen Wertekanons oder um die Verweigerung derselben; dem stellt Kaus das Konzept einer abgestuften Wertedemokratie entgegen. 

Vier Beiträge diskutieren wichtige Aspekte zum Rahmenthema: Meike Watzlawik gibt einen Überblick zum Konstrukt Identität; sie erläutert die Bedeutung von Narrationen bei der Identitätsbildung und die Relevanz von nonverbalem Kommunikationsverhalten, etwa in Jugendkulturen, sowie die Möglichkeiten und Gefahren von Identitätssuche in Social Media. Drei Folgebeiträge behandeln die Problematik von Flucht und Migration für junge Menschen, die Auswirkungen frühkindlicher Belastungen durch Traumata und die Chancen von Therapien. Susannah Sherry behandelt die psychischen Herausforderungen für Heranwachsende während der COVID-19-Pandemie, die Auswirkungen auf ihre psychische Gesundheit und die mögliche Rolle einer virtuellen Psychotherapie.

Das Buch gibt einen akademischen Diskurs mit Schwerpunkt Psychologie wieder. Für die Praxis des direkten (medien‑)pädagogischen Umgangs mit Kindern und Jugendlichen findet sich wenig Konkretes. Vier Beiträge thematisieren die Rolle der Medien. Der erste Beitrag mit dem vielsagenden Titel „Medienkompetenz beginnt mit Medienabstinenz“ gibt bei entsprechend medienkritischer Ausrichtung einen oberflächlichen Überblick, spiegelt aber in keiner Weise angemessen den medienpädagogischen Fachdiskurs. Rafael D. Ornstein geht im Beitrag zu Videospielen von zwei konkreten Fällen in seiner psychotherapeutischen Praxis aus und gibt dann einen guten Überblick über psychische Gefahren beim Gaming. Ein weiterer Beitrag untersucht die Gefahren und Vorteile immersiver virtueller Realität für Kinder. Immersivität meint, sich in einer simulierten Umgebung psychisch präsent zu fühlen und möglichst den Unterschied zur Realität zu vergessen. Das kann positiv genutzt werden, etwa in therapeutischen Kontexten, aber natürlich auch negative Folgen gerade für Kinder haben. Sie sind eine anfällige Benutzergruppe und den Interessen eines kommerziellen Überwachungskapitalismus besonders ausgeliefert. Zu Wirkungen von VR auf Kinder, auch zur Nutzung in Lernkontexten, gibt es nur wenige Forschungen. Die Schutzrechte von Kindern werden im zweiten Teil des Beitrags ausführlich und allgemein in Bezug auf Social Media diskutiert. Die subtilen Möglichkeiten von VR im Zugriff auf kinästhetische Daten zur Überwachung und Beeinflussung werden dem Recht auf eine freie Entfaltung zu einer autonomen Persönlichkeit gegenübergestellt.

Ein Folgebeitrag behandelt die Dominanz der Algorithmen und vergleicht sehr philosophisch die „Turingmaschinen“ mit dem menschlichen Geist, dem die Fähigkeit zur mentalen Bewegung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vorbehalten bleibe. KI basiert auf Mustererkennung und kann nur vergangene Daten extrapolieren, was ihre Vorhersagefähigkeiten einschränkt. Die Annahme, dass die Zukunft eine Wiederholung der Vergangenheit ist, sei problematisch.

Wer in diesem Sammelband konkrete Analysen und Anregungen zu gegenwärtigen Krisen von Kindern und Jugendlichen sucht, wird nur teilweise fündig.

Prof. i. R. Dr. Bernward Hoffmann



Rainer J. Kaus/Hartmut Günther (Hrsg.): Kinder und Jugendliche in der Krise. Gegenwärtige Herausforderungen und neue Perspektiven. (Kulturen der Gesellschaft Bd. 66). Bielefeld 2025: transcript. 240 Seiten, 44,00 Euro