Kolumne: Echt abgefuckt
Aleks hat klare Vorstellungen von der Sexfrequenz in seiner Beziehung: „Einmal im Monat kann ich nicht akzeptieren, das ist viel zu wenig“, erläutert der 35-Jährige in der Realityshow Temptation Island VIP, deren 6. Staffel aktuell auf RTL+ läuft. Vorangegangen war ein „Lagerfeuer“-Moment – so nennt das Format, das sich den Treue-Test von Liebespartner:innen auf die Fahnen schreibt, seinen zentralen Konfliktpunkt. Dem Lagerfeuer-Setting geht ein perfider Aufbau voraus: Die Kandidat:innen, bestehend aus vier Heteropaaren, werden – nach Männern und Frauen getrennt – in zwei Häusern untergebracht, haben keinen Kontakt miteinander und bekommen Gelegenheiten zum Flirten. Leicht bekleidete, als „Verführer:innen“ bezeichnete Singles des anderen Geschlechts feiern nämlich permanent mit den vier gebundenen Männern respektive Frauen wilde Poolpartys, auf denen Alkohol in Strömen fließt; sie massieren, kokettieren und charmieren – und zeigen sich als verständige, offenherzige „Versuchungen“.
Währenddessen laufen die Realitykameras. Bei dem, was in jener „Lagerfeuer“-Konfrontation dann präsentiert wird, handelt es sich somit um observatorische angebliche Beweise oder zumindest Hinweise auf das Fehlverhalten der/des Partner:in. Aleks hat sich z. B. sehr betrunken, Chiara hat Männern ihre Poledance-Talente gezeigt. Und auch Marwin ist hochgradig konsterniert – seine Freundin Melissa hat in vertrauter Runde ausgeplaudert, dass er bei einem Blowjob schon nach 20 Sekunden gekommen sei. „Sie stellt mich dar, als ob ich irgendein Lutscher wäre“, bringt es der fassungslose Mann (versehentlich?) auf den Punkt, „das hat mich wirklich komplett gefickt.“
Es ist offensichtlich, was die Produktionsfirma mit dem bereits seit 2001 in den USA laufenden Format bezweckt – angeknackste Beziehungen werden durch den inhärenten manipulativen und provozierenden Voyeurismus jedenfalls nicht gerettet. Nach dem Motto „Der Lauscher an der Wand hört seine eigene Schand“ haben sich stattdessen, so lässt es sich nachlesen, die meisten der Paare, die ihre Treue auf die Probe stellen wollten, nach oder während der Produktion getrennt. Wie üblich geht es also um das Demonstrieren des angeblichen Fehlverhaltens anderer – auf dass man sie bemitleide oder verspotte.
Die Wortwahl spielt dabei eine wichtige Rolle. Denn sie trägt nicht nur zur Solidarität innerhalb der Gruppe bei und sorgt für (gespielte oder echte) kollektive Empörung, sondern spiegelt Ambivalenzen und Konflikte. Viel lässt sich aus Aleks’ Aussage herauslesen, nur einmal Sex pro Monat „nicht akzeptieren“ zu können – ein Satz, der von zustimmenden Kommentaren seiner „Bros“ begleitet wurde: Natürlich darf sich Aleks, so wie jeder Mensch in jeder konsensuellen Beziehung, jederzeit über zu wenig (oder zu viel) Sex beschweren – wie viel Sex man zu brauchen meint, ist subjektiv. Doch Aleks, ein bärtiger, mit deutlich maskulinen Attributen (breite Schultern, Muskeln) ausgestatteter Boxer, „kann“ die Häufigkeit „nicht akzeptieren“. Diese spezifische Formulierung bedeutet nicht: „Ich wünsche mir mehr“, sondern impliziert die Unmöglichkeit, die Wahl der Partnerin anzuerkennen. Einmal im Monat Sex, das ist für Aleks untragbar. Das Wort „Samenstau“ (früher: „Kavaliersschmerzen“), in beiden Fällen nichts als ein medizinischer Mythos, fällt nicht direkt. Aber es winkt am Horizont.
ALARM! Aleks lässt seinen FRUST raus! | Temptation Island VIP | Staffel 6 (Temptation Island, 11.11.2025)
Im Konflikt zwischen Marwin und Melissa, den die Serie in einen Zusammenhang mit Melissas Tätigkeit beim Erotik-Bezahl-Portal OnlyFans und ihrer Kleiderwahl stellt, fällt hingegen mehrmals der Satz: „Ich bin – oder: werde – gefickt.“ Ähnlich klingt es bei Chiara, deren Stangentanz vor den Verführern ihrem Partner Wladi beim „Lagerfeuer“-Moment präsentiert wird: „Man sieht, wo die Pussy ist, da war ich gefickt, Alter.“ So beschreibt er seinen Ärger über ihr in seinen Augen unangemessenes Verhalten. Chiara nutzt den Terminus ebenfalls: „Er hat mich hingestellt wie ein Opfer, deswegen fuckt mich das erst recht ab“, erklärt sie den Mitkandidatinnen.
„Gefickt sein“, das sich als deutsche Übersetzung von „I’m fucked“ durchgesetzt hat, ist (neben „Fuck you“ und „Fuck off“) eine der am meisten verbreiteten und am sorglosesten genutzten sexualisierten Beleidigungen. Interessant ist dabei die grammatikalische Form des Passivs – sie impliziert, nicht Akteur:in, sondern Empfänger:in zu sein, keine Kontrolle zu haben. Dabei wäre „gefickt sein“, nimmt man die Kandidat:innen und ihren zur Schau gestellten Sexhunger ernst, doch eigentlich ein erstrebenswerter Zustand. Aber die passive, überwiegend mit der weiblichen Sexualität konnotierte Variante bedeutet das Gegenteil.
Ihr rüder Umgangston hat das Ex-Pärchen Aleks und Vanessa gar in eine weitere aktuelle Realityshow katapultiert: In der Sendung Prominent getrennt, in der Realitydarsteller:innen das auswalzen können, was sich anderswo andeutete, werden die verbalen Beleidigungen mit Beschreibungen realer Gewalt verbunden. Sie habe „sehr viel Angst“ vor ihm gehabt, behauptet Vanessa und benutzt mit der Formulierung „gehorchen müssen“ einen mit Autorität und Gewalt besetzten Begriff. „Sei mal dankbar, dass ich dein Schöpfer bin!“ So vergleicht sich Aleks ihr gegenüber später mit einer Divinität und wiederholt gegenüber den Männern: „Ich bin eigentlich ihr Schöpfer, ohne mich wär’ sie nix.“
So KRASS wird Staffel 5! SNEAK PEEK | Prominent getrennt (RTL+, 17.04.2026)
Worte sind eben entlarvend. In einem Interview, das der Ex-Filmproduzent und verurteilte Straftäter Harvey Weinstein im Gefängnis gab, sprach er davon, dass Frauen bei einer Einladung in sein Hotelzimmer „genau wussten, was von ihnen erwartet wurde“. Das Wörtchen „erwarten“ macht Weinsteins Motiv und seine misogyne Haltung deutlich: Der Mann war es nicht gewohnt, dass jemand seine Erwartungen nicht erfüllt – und versteht noch immer nicht, dass man Sex nicht erwarten, sondern sich nur wünschen oder erhoffen kann.
Aber vielleicht lernt zumindest Aleks mittlerweile dazu: Zeitgleich zur Realitykarriere soll dank Leser:innen-Vorabfinanzierung nämlich bald sein Buch mit dem Titel Maskulin – ohne Maske erscheinen. Es trägt die an Manosphere-Slogans erinnernde Unterzeile Wie Männer Verantwortung übernehmen und ihrer Familie Sicherheit geben. Der Ankündigungstext spricht jedoch davon, dass Aleks alles hatte, „was als männlich gilt – nur keine Ahnung, wer er wirklich ist. Von Love Island bis zum Boxring spielte er die Rolle des starken Mannes perfekt. Doch als seine Welt zusammenbricht, bricht auch die Maske. Erstmals seit seiner Kindheit weint er und erkennt: Die Härte war nur eine weitere Form der Schwäche.“ Schon eine Zeile weiter heißt es allerdings markig, Aleks erzähle im Buch „vom schmerzhaften Weg zurück zu echter Männlichkeit“. Hoffentlich bedeutet das für ihn, Entscheidungen seiner Partnerin zu akzeptieren. Auch die hinsichtlich der Sexfrequenz.
