Kolumne: Nichts Neues vom Hexer
Ein Lieblingswort des großen Rächers Donald Trump ist „witch hunt“, Hexenjagd. Als deren Opfer sieht er sich selbst; und gejagt fühlt er sich von den Medien. In seiner Identifikation mit einer so eindeutig weiblichen Zuschreibung wie „witch“ beginnt der plumpe Macho – vom goldenen Löffel im Mund, mit dem er geboren wurde, zum Alphamännchen gegeldadelt – fast ein wenig zu schillern. Aber das nur nebenbei bemerkt. Schließlich geht es hier um Rache. Längst ist der Gejagte zum Jäger geworden, und seit dem Gaza-Friedensdeal gilt er nicht mehr nur seiner Anhängerschaft als das, was er am liebsten sein möchte: der mächtigste Mann der Welt. Und Macht bedeutet für einen wie ihn (den Schulhof-Bully als Staatschef) keineswegs, seine niederen Triebe zu zügeln. Sondern sie ausleben zu können.
Als Bewegung zur Rache inszenieren Trump und seine Leute ihr autokratisches Projekt; und das Framing dazu übernehmen sie aus den klassischen Vergeltungserzählungen des Films.“
Auf dem Drang nach Rache fußt die Ideologie der MAGA-Sekte. „America“ wieder „great“ zu machen, soll heißen, es all jenen heimzuzahlen, die in den letzten Jahrzehnten am Herrschaftsanspruch des weißen Mannes/des großmäuligen Ignoranten/des paranoiden Rassisten/des bigotten Muschigrapschers gerüttelt haben. Als Bewegung zur Rache inszenieren Trump und seine Leute ihr autokratisches Projekt; und das Framing dazu übernehmen sie aus den klassischen Vergeltungserzählungen des Films. Ob sie in der Karibik Fischerboote und deren Besatzung abschießen lassen und diese mörderische Willkür zum Kampf gegen mächtige Narco-Banden erklären oder ob sie auf von Demokraten regierte Städte in den USA die Nationalgarde loslassen: Immer brummt ein Subtext von Das Imperium schlägt zurück mit. Selbst die demonstrative Verachtung für rechtsstaatliche Institutionen wirkt vorgeformt im Umgang der Star-Wars-Totalitären mit der „Verfassung der Republik“.
Wenn also der Imperator-Verschnitt mit dem Kürbis-Make-up seine Rachelust auf ihm missliebige oder in Ungnade gefallene Medien richtet – etwa indem er das „Wall Street Journal“ auf 10 Mrd. oder die „New York Times“ auf 15 Mrd. US-Dollar zu verklagen versucht oder indem er beim Fernsehsender CBS die Absetzung von Stephen Colberts Late Show erpresst –, kommt es zu einer frankensteinhaften Rückkopplung: Ein Präsident, der selbst ein Medienprodukt ist und daherredet, als wären wir alle im falschen Film, wendet sich rasend gegen die Instanz, die ihn geschaffen hat.
Ein Präsident, der selbst ein Medienprodukt ist und daherredet, als wären wir alle im falschen Film, wendet sich rasend gegen die Instanz, die ihn geschaffen hat.“
Wobei die Rückkopplung leider nicht als Pointe taugt, denn es ist mit ihr nicht getan. Neben den Medien, die der Jagd auf den Hexer bezichtigt werden, gibt es schließlich auch jene, die ihm zu Willen sind. Wenn ein Geschöpf wie Trump sich an den Medien rächt, mag auf formal-logischer Ebene ein Paradox eintreten. Das pragmatische Ziel aber ist die Gleichschaltung.
Ehe wir nun dieses Stichwort für den Sprung über den Atlantik und ins Mutter- oder Vaterland der Gleichschaltung nutzen, noch ein kurzer Schlenker zum Thema „Feindbildschärfe“. So wie das Weltraum-Fantasy-Genre hat auch der MAGA-Kosmos Bedarf an klangvollen Namen für schwer fassbare Bedrohungen. Beispielsweise „Antifa“. Das Wort wird dort, anders als etwa „Antichrist“, „antiabortionist“ oder „antibiotic“, nicht auf dem A, sondern auf dem I betont: Antifa. Eine für die Rächer sehr praktische sprachliche Macke. Der Wortbestandteil „Anti“ wird verschleiert, der Begriff klingt wie irgendwas aus dem eh verdächtigen Spanischen; und die erschütternde Wahrheit, dass hier eine Bewegung, die sich gegen den Faschismus richtet, zur Terrorgruppe erklärt wird, löst sich im Propagandanebel auf.
„Wir werden sie jagen.“ So brachte einst – genauer gesagt im ersten Jahr der ersten Trump-Präsidentschaft und gut zwei Jahre nach Angela Merkels „Wir schaffen das“ – Hundekrawatte Alexander Gauland die politische Strategie der AfD, speziell im Umgang mit den Unionsparteien, auf eine Formel nach dem Geschmack ihrer Wählerschaft. Potenziell verwirrendes Vorgeplänkel à la „Hexenjagd“ übersprang er: Im Land des „Vogelschisses“ (ebenfalls Zitat A. G.) und im Triumphgefühl eines Einzugs in den Bundestag reichte es, die Opfer- bzw. Racheerzählung am Ende der kleinen Jagdfieber-Tirade anzudeuten: „Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen.“
Sie hatten es also schon mal, das Land, das „Volk“, zumindest nach eigener Einschätzung. Wann das gewesen sein mag, sei aus Platzgründen dahingestellt, zumal es das zutiefst übersichtliche Heimatfilm-Idyll, zu dem AfDeutschland nach einer Phase der „wohltemperierten Grausamkeit“ und der forcierten „Remigration“ wieder werden soll, ja auch nie gegeben hat. Außer natürlich im Heimatfilm.
Hüben wie drüben sind Racheimpulse, Rachepläne der Hauptantrieb für die neu-autokratischen Kräfte, Leitfädchen für politisches Handeln in Zeiten der enthemmten Polarisierung. Und hier wie dort zielen die Rachegelüste großenteils auf die Medien ab. In den USA auf aufmüpfige private Netzwerke, hier hingegen auf die öffentlich-rechtlichen „Systemmedien“, deren Unwesen im Dienst eines „Parteienkartells“ mit „Zwangsgebühren“ finanziert wird: Das rechtsextreme Neusprech unserer Tage und Breiten entfaltet seinen vollen Glanz, wenn es gilt, eine angebliche Gleichschaltung zu behaupten, um eine geplante Gleichschaltung zu rechtfertigen.
Hüben wie drüben sind Racheimpulse, Rachepläne der Hauptantrieb für die neu-autokratischen Kräfte, Leitfädchen für politisches Handeln in Zeiten der enthemmten Polarisierung.“
Es wäre eine Gleichschaltung mit den Mitteln des fortgeschrittenen 21. Jahrhunderts. Nicht auf die altmodische Tour, wie bei Putin/Orbán/Erdoğan, mit Staatsmedien unter Regierungskontrolle und Unterdrückung der Privaten. Dieser Zug ist bis auf Weiteres abgefahren, wenn man sich seit Jahren über „Sprechverbote“, „Meinungskorridore“ und „Zensur“ bei den Öffentlich- Rechtlichen ereifert. Zudem weht im Arbeitskreis „Kultur und Medien“ der AfD ein besonders frischer Wind: Unter den acht Mitgliedern und stellvertretenden Mitgliedern des Arbeitskreises befinden sich allein sieben Exemplare der vom linksgrün versifften Mainstream systematisch gecancelten Bevölkerungsgruppe „weißer Mann“. Und einer von ihnen ist kein Geringerer als Alexander Gauland.
Die Rache an den Medien muss also fürchterlich werden: zwar keine Milliardenklagen, dafür eine Gleichschaltung im Namen der „uneingeschränkten Pressefreiheit“. So einschränkende Errungenschaften wie „de[r] Postkolonialismus oder [die] Gender-Ideologie“ wären dann ruckzuck waidgerecht erledigt; und es stünden „eine Verschlankung der Strukturen sowie die Abschaffung der GEZ-Zwangsgebühren“ ins deutsche Haus. Was dann noch vom öffentlich-rechtlichen Programm oder gar Bildungsauftrag übrig bliebe, könnte ja – Hex-hex! – die KI gestalten. Natürlich „im Sinne einer Besinnung auf die eigene Kultur“. Uneingeschränkt.
Alle Zitate aus dem vorigen Absatz sind der Netzseite des Arbeitskreises „Kultur und Medien“ der AfD entnommen. Darauf einen Heimatfilm aus der Konserve und einen kräftigen Schluck Antifa.
