Leben wie früher
Die Dokuserie „Schule ohne Smartphone“
Schule ohne Smartphone: Klingt wie eine Dokumentation über den Plan des baden-württembergischen Kultusministeriums, Lehranstalten zur „handyfreien Zone“ zu erklären. Der Titel sagt aber nur die halbe Wahrheit. Genau genommen müsste die dreiteilige SWR-Serie „Leben ohne Smartphone“ heißen, denn darauf haben sich rund 100 Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 18 Jahren aus der Südwestpfalz eingelassen.
Zu Beginn des wissenschaftlich begleiteten Experiments schließen sie gemeinsam mit dem Moderator Tobias Krell ihre Telefone in einen Käfig. Fortan werden sie aus freien Stücken gut drei Wochen lang „digital detox“ betreiben, digitale Entgiftung: kein Smartphone, kein Tablet, keine Spielekonsole. Ein derartiges Dasein, vermeintlich vom Rest der Welt abgenabelt, wäre selbst für die meisten Erwachsenen unvorstellbar, aber für die Generation jener Jugendlicher, die an manchen Tagen über zehn Stunden auf ihr Smartphone starren, bedeutet es die Höchststrafe. Dass die Schülerinnen und Schüler einer integrierten Gesamtschule mitgemacht haben, verdient daher echte Anerkennung. Es stand allen frei, das Experiment jederzeit abzubrechen. Bis auf einen Teilnehmer haben alle durchgehalten.

Die Kinder und Jugendlichen schließen gemeinsam mit dem Moderator Tobias Krell ihre Telefone in einen Käfig. (Bild: SWR)
„Mein Leben fühlt sich so leer an“
Einige der Jungen und Mädchen haben eine Kamera bekommen, um ein Videotagebuch zu führen: „Ich vermiss’ mein Handy so krank“, sagt June (14). Jannat (15) bekennt: „Mein Leben fühlt sich so leer an.“ Weil viele mit der geschenkten Zeit nichts anzufangen wissen, machen sie aus lauter Langeweile endlich mal ihre Hausaufgaben gründlich (und ohne ChatGPT) oder gehen früh ins Bett. Einem Jungen ist es gar gelungen, seine schulischen Leistungen innerhalb der drei Wochen signifikant zu verbessern. Weil alle mit einem Sensor ausgestattet wurden, der ihre Bewegungen und das Schlafverhalten misst, zeigt sich auch in dieser Hinsicht ein positives Ergebnis: Die meisten haben zur Freude ihrer Mütter, die sie morgens nicht mehr mühsam aus dem Bett holen müssen, mehr geschlafen als vorher, weil sie nicht mehr bis spät in der Nacht aufs Smartphone gestarrt haben; viele haben sich mehr bewegt.
Nicht immer gute Beispiele: die Eltern
Sehr aufschlussreich ist auch eine Gesprächsrunde mit einigen Eltern. Als Erstes stellt sich heraus, dass sie keine Ahnung haben, wie viel Zeit ihr Nachwuchs tatsächlich am Smartphone verbringt; die Nutzungsdauer wird zum Teil drastisch unterschätzt. Dr. Konstantin Mechler, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Oberarzt am Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI), erläutert, warum man von Jugendlichen nicht erwarten dürfe, dass sie ihre Telefone beiseitelegten: Ihre Hirnareale für Belohnung und Reizsuche würden sich früher und stärker entwickeln als die Kontrollareale. Deshalb könne man an ihr Verhalten nicht die gleichen Maßstäbe anlegen wie bei Erwachsenen. Allerdings gehen die Eltern nur selten mit gutem Beispiel voran. Deshalb haben auch sie von dem Experiment profitiert: Viele haben ihre Kinder solidarisch unterstützt; plötzlich gab es wieder Brettspielabende. Die 13‑jährige Tamina hat zudem einen Test im Rahmen des Tests gewagt und ihre Geburtstagsfeier unter das Motto „Feiern wie früher“ gestellt: Alle Gäste mussten ihr Telefon abgeben. Das Fest war ein voller Erfolg. Taminas wichtigstes Geschenk war ein MP3-Player. Sie nimmt sich vor, auch nach Ablauf der drei Wochen „mehr retro“ zu leben.
Einblicke ins Seelenleben
Im KiKA gibt es seit vielen Jahren Doku-Soaps, in denen Jungen und Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren einige Wochen ohne ihre Eltern und gänzlich auf sich selbst verbringen: anfangs in einer WG, später an verschiedenen europäischen Reisezielen. Zunächst waren auch diese Serien eine Art Sozialexperiment; irgendwann wurden sie aus Zielgruppensicht ein reiner Zeitvertreib. Schule ohne Smartphone ist zwar ebenfalls überraschend kurzweilig, ansonsten aber nicht mit den Jungs-WG- oder Mädchen-WG-Produktionen zu vergleichen. Die für ARD Wissen entstandene Serie richtet sich ohnehin in erster Linie an ein erwachsenes Publikum, ist aber wegen der sehr offenen und oftmals eindrucksvoll reflektierten Einblicke ins Seelen- und Gefühlsleben der Jugendlichen, von denen einige mehr und mehr in den Vordergrund rücken, auch für Gleichaltrige ein Gewinn; Autorin Antonia Simm hat die entsprechenden Mitwirkenden gut ausgewählt und ihre Aussagen sehr plausibel zusammengestellt.
„Phantomschmerzen“
Ähnlich aufschlussreich sind die wissenschaftlichen Beiträge. Die Schülerinnen und Schüler haben ebenso wie eine Kontrollgruppe, deren Mitglieder ihr Telefon nicht abgegeben haben, vorher und nachher einen Konzentrationstest absolviert. Die Ergebnisse diverser internationaler Studien lassen auf einen Zusammenhang zwischen Smartphone-Nutzung und schlechterem Schlaf, Konzentrationsproblemen sowie einer hohen psychischen Belastung bis hin zu depressiven Symptomen schließen. Deshalb sollten beide Gruppen in einem Fragebögen angeben, wie oft ihnen in den letzten sechs Monaten beispielsweise „ohne Grund zum Weinen zumute“ gewesen sei. Erste Reaktionen auf den vorübergehenden Verlust des Smartphones, vermutet Laura Heinrichs, Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche und wie Mechler am Mannheimer ZI beschäftigt, würden „Frust, Langeweile und Gereiztheit“ sein. Mechler erwartet „Phantomschmerzen“, weil die Telefone „fast wie ein Körperteil“ seien, und rechnet mit regelrechten Entzugserscheinungen.
Der Abschied vom Smartphone wird zum Teil inklusive Abschiedskuss zelebriert; einige Kinder haben ihren Geräten Namen gegeben. Der Smartphone-Käfig ist mit einem Vorhängeschloss gesichert. Als Krell den Schlüssel umdreht, ertönt das aus Gefängnisfilmen bekannte Geräusch einer ins Schloss fallenden Zellentür.
Die erste Erkenntnis dieser ohne Armbanduhr aufwachsenden Generation: Niemand weiß die genaue Uhrzeit. Auf dem Pausenhof ist die Nutzung von Smartphones verboten. Früher wurde im toten Winkel geraucht, heute gibt es dort eine „Handyecke“, aber die Jugendlichen, die sich hier versammelt haben, sitzen mit leeren Händen da. Auch Krell spürt eine „Phantomvibration“ in der verwaisten Hosentasche.
Das Smartphone als Suchtreiz
Um herauszufinden, ob man wirklich von Suchtverhalten sprechen kann, fährt Krell mit zwei Kindern ins Uniklinikum Heidelberg. Im Rahmen eines Reiz-Reaktions-Experiments untersucht Dr. Robert Christian Wolf, Professor für Kognitive Neuropsychiatrie, wie ihre Gehirne reagieren. Erst werden ihnen neutrale Fotos gezeigt, dann sehen sie Aufnahmen mit eindeutigem Smartphone-Bezug. Die MRT-Bilder zeigen deutlich: Auf Alltagsgegenstände reagiert ihr Gehirn gar nicht, aber beim Smartphone-Menü werden umgehend jene Bereiche aktiviert, die für Aufmerksamkeit, Handlungskontrolle und das Belohnungssystem zuständig sind; das Muster ist auch aus der Alkohol- und Drogensucht bekannt. Beim zweiten Besuch drei Wochen später ist die Reaktion viel schwächer.

Dr. Robert Christian Wolf, Professor für Kognitive Neuropsychiatrie, untersucht im MRT die Reaktion der Kinder auf Bilder mit und ohne Smartphone-Bezug.
Suchtexperte Daniel Ott, Projektleiter an Zentrum für Suchtprävention Villa Schöpflin in Lörrach, erklärt, dass Apps und Spiele oft mit „Dark Patterns“ arbeiten. Der Begriff („dunkle Muster“) stammt aus der Verhaltensökonomie und bezieht sich auf manipulative Tricks, die dafür sorgen, dass die Nutzerinnen und Nutzer dranbleiben oder wiederkommen. Im Leben einiger Teilnehmerinnen des Experiments spielt vor allem Snapchat eine wichtige Rolle: Wer mit einer anderen Person täglich Fotos und Videos austauscht, wird mit einer Flamme belohnt; ein Mädchen hat bereits über tausend. Wird der Kontakt auch nur einen Tag unterbrochen, erlöschen alle Flammen. Snapchat ist daher ein gutes Beispiel dafür, wie raffiniert diese Apps mit Hilfe einer „sozialen Währung“ zur ständigen Nutzung animieren. TikTok mit seiner nie endenden Videoflut ist ohnehin Verführung pur, wie die Jugendlichen bestätigen: nur mal kurz reingeschaut, und schon sind zwei Stunden verflogen. Das kann sich dann am Wochenende auch mal auf bis zu 15 Stunden pro Tag summieren.
Der Begriff fällt zwar nicht, doch letztlich geht es um den Horror Vacui, die Scheu vor der Leere. In der Malerei steht er für das Bedürfnis, sämtliche leere Flächen auszufüllen. Der moderne Mensch hat die Fähigkeit verloren, Stille und Nichtstun auszuhalten, aber gerade daraus entsteht oft Kreativität. Auch dafür liefert das Experiment Belege: Ein Mädchen hat angefangen zu malen, ein anderes hat in den drei Wochen acht Bücher gelesen. Ein Junge hat die „Handypause“ genutzt, um Boxen zu lernen, ein anderer hat eine Seifenkiste gebaut. Viele haben zum ersten Mal ihre Heimat erkundet, zu Fuß oder mit dem Fahrrad.
Der Moderator hat Heimweh
In dem ebenfalls von der Produktionsfirma Megaherz hergestellten Wissensmagazin Checker Tobi (BR, seit 2013) hat der Moderator hundertfach bewiesen, dass er sich sowohl mit Kindern und Jugendlichen als auch mit erwachsenen Sachverständigen auf Augenhöhe austauschen kann. Dank seiner Schlagfertigkeit sind die drei Folgen stellenweise sogar witzig. Entscheidender ist jedoch, dass Krell das Experiment nicht bloß moderiert und begleitet hat. Weil er als umtriebiger Medienmensch erreichbar bleiben musste, hat er sich für die dreiwöchige Dauer ein Gerät aus der Frühzeit der mobilen Telefonie zugelegt. Trotzdem räumt auch er in seinem Videotagebuch ein, es werde gerade „richtig ätzend“, auf den gewohnten Kontakt zu Freunden und Familie verzichten zu müssen; er habe Heimweh. Ein anderes Mal filmt er sich beim Joggen in einer für ihn völlig fremden Gegend und fragt sich, ob er wieder zurückfinden wird.
Auch die Kontrollgruppe war sensibilisiert
Die Smartphones sind vermutlich nicht die einzige Ursache für Stress und Ängste, aber einen Zusammenhang gibt es offenbar durchaus, wie das Experiment belegt: Neben der Konzentrationsleistung hat sich auch das allgemeine Wohlbefinden der Jungen und Mädchen innerhalb der drei Wochen stark verbessert. Faktoren wie schlechte Stimmung, Antriebsschwäche und Traurigkeit sind stark zurückgegangen, verblüffenderweise selbst bei der Kontrollgruppe, wenn auch nicht so ausgeprägt. Offenbar hatte schon allein die Sensibilisierung für das Thema einen positiven Effekt. Darauf zielt auch eine App, die in Zusammenarbeit mit dem Bundesdrogenbeauftragten Hendrik Steek in der Lörracher Villa Schöpflin entwickelt worden. freii soll Kinder und Jugendliche im Alter von 11 bis 15 Jahren sowie ihre Eltern im Rahmen eines dreiwöchigen Programms aufklären und wieder mehr „offline“ verbrachte Zeit fördern. Durch den Elternbereich führt der Arzt und Moderator Eckart von Hirschhausen.

