Mediale Verzerrung so hoch wie noch nie
Wie deutsche Leitmedien über Gewalt berichten
Am 13. Februar 2025 fährt ein 24-jähriger Mann mit einem Auto in eine Demonstration der Gewerkschaft ver.di am Münchner Stiglmaierplatz und tötet eine 37-jährige Ingenieurin und deren zweijährige Tochter. Der Tatverdächtige ist afghanischer Herkunft. Rund 1.000 Berichte erscheinen dazu (Seitler 2025). Die ARD sendet am Abend einen Brennpunkt (ARD 2025).
Keine drei Wochen später passiert etwas Ähnliches: Ein Mann fährt in eine Menschenmenge und tötet zwei Personen. Bald darauf kursiert in sozialen Medien das Ausweisfoto des angeblichen Tatverdächtigen. Es soll ein Migrant sein – eine Falschinformation, wie die Polizei klarstellt (Tedesco 2025). Festgenommen wird ein 40-jähriger Deutscher ohne Migrationshintergrund. Das Medienecho flaut ab. Es gibt nur halb so viele Berichte wie bei der Amokfahrt zuvor und keinen Brennpunkt der ARD (Seitler 2025).
Beide Gewalttaten unterscheiden sich vor allem in einem Aspekt: der Nationalität des Tatverdächtigen. Dies ist kein Sonderfall, sondern deutsche Medienrealität, wie die diesjährige Auswertung im Rahmen unserer Langzeitanalyse seit 2007 zeigt.
Verzerrung in der deutschen TV-Gewaltberichterstattung: Höchststand seit 2007
In der Berichterstattung über Gewalt wird im deutschen Fernsehen fast ausschließlich über ausländische Tatverdächtige berichtet, die laut Polizeilicher Kriminalstatistik ein Drittel (34,3 %) der Tatverdächtigen ausmachen. Jeder vierte Bericht über Gewaltdelikte im Inland aus den Abendnachrichten und Boulevardmagazinen der acht reichweitenstärksten überregionalen Fernsehsender1 verweist auf die Herkunft der Tatverdächtigen (25,4 %). Wenn die Herkunft genannt wird, sind 94,6 % der Tatverdächtigen nicht deutsch, nur 5,4 % der Tatverdächtigen sind deutsch. Das ist der höchste bislang gemessene Wert im Verlauf der Langzeitanalyse seit 2007. Dieses Muster der Verzerrung zulasten von Nichtdeutschen ist über alle Analysewellen seit 2007 hinweg hochsignifikant (Hestermann 2010; Hestermann 2023).
Die Anteile bei öffentlich-rechtlichen Beiträgen (95,7 %) und privaten TV-Formaten (92,9 %) unterscheiden sich kaum. Jeweils ein einziger Beitrag berichtet von einem ausdrücklich deutschen Tatverdächtigen (hallo deutschland [ZDF], 13.01.2025; RTL Aktuell [RTL], 13.01.2025). (siehe Abb. 1)

Abb. 1: Deutsche und nicht deutsche Tatverdächtige nach Fernsehberichterstattung 2025 im Vergleich zur Polizeilichen Kriminalstatistik 20242 (Quelle: Eigene Datenanalyse, Hestermann 2025)
„Welt“ und „taz“: Fokus auf ausländische Tatverdächtige
In den reichweitenstarken überregionalen Tageszeitungen („Bild“, „Süddeutsche Zeitung“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Welt“ und „taz“) wird die Herkunft häufiger als im Fernsehen genannt, in jedem dritten Bericht (33,0 %). Bei den Zeitungsberichten mit Herkunftsnennung sind 90,8 % der Tatverdächtigen nicht deutsch. Den höchsten Anteil erzielen die „Welt“ und die „taz“ – sie erwähnen im Untersuchungszeitraum ausschließlich nicht deutsche Tatverdächtige. Bei der „Süddeutschen Zeitung“ ist der Anteil ausländischer Tatverdächtiger mit 72,7 % am geringsten. (siehe Abb. 2)

Abb. 2: Deutsche und nicht deutsche Tatverdächtige nach Zeitungsberichterstattung 2025 im Vergleich zur Polizeilichen Kriminalstatistik 20243 (Quelle: Eigene Datenanalyse, Hestermann 2025)
Muslimisch geprägte Herkunftsländer werden besonders häufig genannt
Ein weiteres Muster zeigt sich sowohl in den untersuchten Fernsehformaten als auch in den überregionalen Tageszeitungen: Soweit die Herkunft genannt wird, stammen 70,3 % (Fernsehen) bzw. 70,1 % (Printmedien) der Tatverdächtigen aus muslimisch geprägten Ländern. Hierbei wurden jene Herkunftsländer erfasst, die explizit genannt oder als arabisch umschrieben wurden und deren Bevölkerungsmehrheit muslimisch ist. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik ist der Anteil dieser Länder mit 15,8 % deutlich geringer.4 Personen aus muslimisch geprägten Herkunftsländern sind somit in den Medien mehr als vierfach überrepräsentiert.
Wahlkampfthema „Migration“
Seit Beginn der Langzeitanalyse 2007 wird jeweils eine Woche aus den ersten vier Kalendermonaten erfasst. Da 2025 vorgezogene Wahlen zum 21. Deutschen Bundestag stattfanden, bot sich die Möglichkeit, die Ergebnisse vor und nach einer Bundestagswahl zu vergleichen.
Nach dem ARD-DeutschlandTREND hatten die repräsentativ Befragten das Thema „Zuwanderung“ mit 37 % zum Topthema erklärt (Infratest dimap 2025). Das Thema dominierte den Wahlkampf, wie die „FAZ“ kommentierte: „Der Schock nach dem Attentat von Aschaffenburg, die folgenden Migrationsdebatten im Bundestag, die anschließende Brandmauer-Diskussion und die daraus folgenden Demonstrationen haben eine Dynamik entfaltet, die kaum Raum für anderes lässt.“ (Heid 2025)
Eine entsprechende Aufladung der Gewaltberichterstattung lässt sich allerdings nicht nachweisen. Zwar wird in den 254 Fernseh- und Zeitungsberichten vor der Wahl die Herkunft von Tatverdächtigen mit 34,2 % häufiger genannt als in den 244 Beiträgen danach mit 26,8 %. Dieser Unterschied ist aber medienwissenschaftlich nicht signifikant. Bei den Beiträgen mit Herkunftsnennung ist der Anteil ausländischer Tatverdächtiger mit 92,5 % vor der Wahl ähnlich hoch wie danach mit 91,2 %.
Methodik
Die vorliegende Erhebung bezieht sich auf einen Untersuchungszeitraum von vier Wochen aus dem Jahr 2025: 13.01.–19.01.2025, 03.02.–09.02.2025, 06.03.–12.03.2025, 07.04.–13.04.2025. Bei Ausfällen wurden die nächstmöglichen Publikationstage berücksichtigt. Untersucht wurden – wie in den Vorjahren seit 2007 – die reichweitenstarken bundesweiten Fernsehsender ARD, ZDF, RTL, SAT.1, ProSieben, Kabel Eins, VOX und RTLZWEI. Sie erreichen einen Zuschauermarktanteil von insgesamt 53,0 % beim Publikum ab 3 Jahren, 55,0 % bei den 14- bis 49-Jährigen (Statista 2025). Für die aktuelle Untersuchung wurden aus 272 TV-Sendungen 168 TV-Beiträge über Gewaltkriminalität in Deutschland erfasst.
In die Analyse gingen zudem – wie seit 2019 – die auflagenstarken bundesweiten Tageszeitungen ein: „Bild“, „Süddeutsche Zeitung“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Welt“ und „taz“. Sie erzielen eine Gesamtverbreitung von 9,6 Mio. Personen (Statista 2024). Für die aktuelle Untersuchung wurden aus 116 Zeitungsausgaben 330 Beiträge erfasst. Als Gewaltkriminalität gelten alle Straftaten gegen das Leben, die sexuelle Selbstbestimmung und die persönliche Freiheit sowie Rohheitsdelikte nach den entsprechenden Straftatenschlüsseln der Polizeilichen Kriminalstatistik.
Filterkriterium für ausländische Herkunft ist die explizite Zuordnung (z. B. Türkin, südländisch, Kind arabischer Eltern) oder die Nennung eines nur für Nichtdeutsche möglichen Status (z. B. Bürgerkriegsflüchtling, Asylbewerberin) in den entsprechenden Beiträgen. Damit wird die mediale Perspektive gespiegelt, die nicht in gleicher Weise standardisiert und trennscharf wie amtliche Statistiken ist.
Die Mediendaten vergleichen wir mit den Kriminalstatistiken der Polizei, die allerdings nicht alle, sondern nur die bekannt gewordenen Delikte enthalten, das sogenannte Hellfeld. Doch werden diese Daten gleichbleibend und zuverlässig erfasst. Überdies berichten Medien in aller Regel aus dem Hellfeld und nutzen die Polizei besonders intensiv als Informationsquelle.
Entwickelt wurde die Methode am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) und am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung (IJK) in Hannover, unterstützt von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).5 Diese Analyse wird zeitgleich auch vom Mediendienst Integration veröffentlicht.
Anmerkungen:
1 Fernsehnachrichten: Tagesschau(ARD), heute (ZDF), RTL Aktuell (RTL), :newstime (SAT.1), :newstime (ProSieben), Vox-Nachrichten (VOX), RTLZWEI News (RTLZWEI), :newstime (Kabel Eins)
TV-Boulevardmagazine: Brisant (ARD), hallo deutschland (ZDF), Explosiv – Das Magazin (RTL)
2 PKS N = 799.984 Tatverdächtige bei Straftaten gegen das Leben, die sexuelle Selbstbestimmung und die persönliche Freiheit sowie Rohheitsdelikten (Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik [PKS] 2024, Tabelle 40 und Tabelle 50 [die Zahlen von 2025 sind noch nicht verfügbar, der Vergleich wird später aktualisiert]).
TV N = 146 Tatverdächtige aus 168 Beiträgen über Gewaltkriminalität in Deutschland aus Fernsehnachrichten und TV-Boulevardmagazinen von ARD, ZDF, RTL, SAT.1, ProSieben, Kabel Eins, VOX und RTLZWEI, die sich in vier Programmwochen Januar bis April 2025 auf Gewaltdelikte im Inland beziehen (Quelle: Medienanalyse Hestermann, Macromedia University of Applied Sciences, Hamburg)
3 PKS N = 799.984 Tatverdächtige bei Straftaten gegen das Leben, die sexuelle Selbstbestimmung und die persönliche Freiheit sowie Rohheitsdelikten (Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik [PKS] 2024, Tabelle 40 und Tabelle 50 [die Zahlen von 2025 sind noch nicht verfügbar, der Vergleich wird später aktualisiert]).
Print N = 263 Tatverdächtige aus 330 Beiträgen über Gewaltkriminalität in Deutschland aus dem überregionalen Teil der Bundesausgaben von „Bild“, „Süddeutsche Zeitung“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Welt“ und „taz“ aus vier Wochen Januar bis April 2025 (Quelle: Medienanalyse Hestermann, Macromedia University of Applied Sciences, Hamburg)
4 Als muslimisch geprägte Länder werden die folgenden in den untersuchten Gewaltberichten explizit genannten oder als arabisch bezeichneten Länder erfasst, die in Nordafrika und im Nahen Osten der Arabischen Liga angehören: Ägypten, Afghanistan, Algerien, Bahrain, Bosnien, Guinea-Bissau, Irak, Jemen, Jordanien, Kasachstan, Katar, Kosovo, Kuwait, Libanon, Libyen, Marokko, Oman, Saudi- Arabien, Syrien, Türkei, Tunesien, die palästinensischen Autonomiegebiete und die Vereinigten Arabischen Emirate. Die Bevölkerung dieser Länder ist nach den Statistiken des Pew Research Center jeweils mehrheitlich muslimisch (Quelle: Hackett u. a. 2025).
5 Die Transkription der Fernsehbeiträge sowie Erfassung und Codierung der TV- und Zeitungsberichte übernahmen Studierende der Macromedia University of Applied Sciences, Campus Hamburg. Dafür danke ich Jasper Bartels, Cilian Cordes, Enis Ben Faiza, Leo Fröscher, Lukas Fürste, Nike-Marie Grenz, Finja Keimer, Nicolas Manstein und Moïse Uwamungu. Die hier vorgestellte Studie wurde auch vom Mediendienst Integration veröffentlicht.
Literatur:
ARD: Brennpunkt: München unter Schock. In: ARD, 13.02.2025. Abrufbar unter: https://www.tagesschau.de
Hackett, C./Stonawski, M./Tong, Y./Kramer, S./Fengyan Shi, A./Zanetti, N.: Religious Composition by Country, 2010–2020. In: Pew Research Center, 09.06.2025. Abrufbar unter: https://doi. org/10.58094/5shf-2d69
Heid, T.: Wahlkampf: Worüber wir auch streiten sollten. In: faz.net, 10.02.2025. Abrufbar unter: https://www.faz.net
Hestermann, T.: Fernsehgewalt und die Einschaltquote. Welches Publikumsbild Fernsehschaffende leitet, wenn sie über Gewaltkriminalität berichten. Baden-Baden 2010
Hestermann, T.: Die Fieberkurve steigt. Trends der TV-Berichterstattung. In: mediendiskurs, 4/2023/27 (Ausgabe 106), S. 44–48. Abrufbar unter: https://mediendiskurs. online
Infratest dimap: ARD-Deutschland- TREND Januar 2025. Repräsentative Studie im Auftrag der ARD. In: Infratest dimap, Januar 2025. Abrufbar unter: www.infratest-dimap.de
Seitler, P.: Analyse: Medieninteresse nach Mannheim halb so groß wie nach Magdeburg und München. In: BuzzFeed, 10.03.2025. Abrufbar unter: https://www.buzzfeed.de
Statista: Reichweite der überregionalen Tageszeitungen in Deutschland laut ma 2023 und 2024 Pressemedien II. In: Statista, Juli 2024. Abrufbar unter: https://de.statista.com
Statista: Zuschauermarktanteile ausgewählter TV-Sender in Deutschland im Jahr 2024. In: Statista, Januar 2025. Abrufbar unter: https://de. statista.com
Tedesco, A.: Todesfahrt in Mannheim: Diese Fake News kursieren im Internet. In: SWR3 Faktencheck, 05.03.2025. Abrufbar unter: https://www.swr3.de
