Mediatisierter Maskulinismus als gewaltlegitimierende Radikalisierung
Mediatisierter Maskulinismus als gewaltlegitimierende Radikalisierung
Gegenwärtig wird öffentlich sowie popkulturell eine jüngere Welle des Maskulinismus diskutiert. Die heterogene Bewegung teils reichweitenstarker Akteure1 verbindet reaktionäre Geschlechterrollenbilder – vor allem des erfolgsorientierten, kontrollierenden Mannes – mit Sexismus, Antifeminismus, Frauen- und Queerfeindlichkeit. Ihre Botschaften sind rechtsoffen (Weiss/Koban/Matthes 2024).
Unklar ist, wieweit der Trend geschlechterbezogene Gewalt („gender-based violence“) begünstigt. Beschwichtigten in früheren Debatten, etwa zum Porno-Rap, noch Medienpädagog:innen, wirken die gegenwärtigen Einschätzungen geschlossener. Der Eindruck einer ernst zu nehmenden Gewaltlegitimation wird oft mit steigenden Fallzahlen im Hellfeld von Partnerschaftsgewalt oder Hasskriminalität begründet. Zusammenhänge zum Maskulinismus können jedoch höchstens vermutet werden. Zudem sind Kriminalstatistiken aufgrund von Faktoren wie kontextabhängiger Anzeigebereitschaft nur bedingt aussagekräftig. Im Folgenden wird daher theoriegeleitet reflektiert, welche Bedingungen im Zusammenhang des jüngeren Maskulinismus Gewalt begünstigen. Mediatisierter Maskulinismus wird dazu als eigenständiges sexistisches Radikalisierungspotenzial betrachtet.
Junge Menschen stehen im Fokus, weil sie eine wichtige Zielgruppe des Maskulinismus darstellen (Çağlar u. a. 2025; Haslop u. a. 2025).
Mediatisierung: Parasoziale Interaktion und epistemischer Wahrheitsanspruch
Der für den täglichen Gebrauch etwas sperrige Begriff „Mediatisierung“ umschreibt, dass digitale Medien sämtliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens weiterentwickeln. Digitalisierung wird als Bedingung von Mediatisierung betrachtet. Sie meint jedoch den technischen Umwandlungsprozess von Informationen mittels eines binären Systems. Erst dessen soziale Bedeutung, genauer, dass es zur Norm geworden ist, Beziehungen konnektiv zu führen, bzw. wie weit Technik in unser alltägliches Leben hineinwirkt, kennzeichnet den Prozess der Mediatisierung. Folglich werden junge Menschen auf einem Online-offline-Kontinuum sozialisiert (Krotz 2017).
In dieser Lebenswirklichkeit binden Influencer:innen ihre Follower:innen mittels parasozialer Interaktion. Sie stellen durch Einblicke in ihr Denken, Privatleben, die Art der Content-Produktion oder durch eine Einbindung von Follower:innen medienpsychologische Intimität her. Dies erwirkt Vertrauen in vertretene Positionen und angebotene Informationen (Johnson/McCall 2025). Sogenannte „alternative Onlinemedien“ beanspruchen zudem epistemische Autorität (Vaarala 2025). Sie vermitteln einen Wahrheitsanspruch, der durch nicht öffentliches Wissen oder kulturelle Authentizität proklamiert wird. Setzt man diese Strategien von Influencer:innen in eine Beziehung zur Bedeutung digitaler Medien für junge Menschen, sollte in Betracht gezogen werden, dass User:innen sich mit rezipierten Inhalten prinzipiell identifizieren.
Auch der Maskulinismus ist mediatisiert. Wechselseitig dürften sich seine Follower allein wegen der beschworenen Macher-Doktrin eher als Akteure denn reine Konsumenten verstehen (Haslop u. a. 2025).

Maskulinismus als gewaltlegitimierendes Radikalisierungspotenzial
Einen anschlussfähigen Erklärungsansatz online-medial gewaltbegünstigender Normverschiebungen, d. h. für Radikalisierungsdynamiken, stellt das 3N-Modell dar. Die drei „N“ stehen für die Vorbedingungen „Need for Significance“, also das Bedürfnis nach Bedeutsamkeit, „Narrative“ respektive Erzählung/Narrativ und „Network“, Netzwerk/Gruppierung (Kruglanski u. a. 2022; Ellenberg u. a. 2024).
Need for Significance
Sozialpsychologisch wird das Bedürfnis nach Signifikanz eng mit menschlichem Streben nach Anerkennung verbunden. Soziologisch geht die Bereitschaft, sich an gesellschaftlichen Normen zu orientieren und an gesellschaftlichen Zielen zu beteiligen, mit dem Streben nach Anerkennung einher. Wird dieses Verhältnis gestört, weil Spannungen zwischen unterschiedlichen Normerwartungen sowie dem eigenen Befähigungserleben, an gesellschaftlichen (Ziel‑)Erwartungen zu partizipieren, entstehen, streben Menschen auch dann nach Selbstwirksamkeit, wenn dies mit anerkannten Normen kollidiert. Soziale Desintegration in Form sich radikalisierender Auffassungen, wie Gewalt sei probat, wird wahrscheinlicher (Bélanger u. a. 2019; Kruglanski u. a. 2022). Großgesellschaftliche Krisen, Machtverschiebungen, Kriege und ökonomische Unsicherheiten gelten als solche Störpotenziale. Zu Abspaltungen des Bedürfnisses nach Signifikanz können genauso biografische Übergangskrisen führen. Die verdichtete Geschlechtersozialisation der Jugendphase zählt dazu, wenn es Jungen misslingt, sich zwischen disparaten Erwartungen vielfältigen Mannseins, sorgender, hinterfragter und hegemonialer Männlichkeit zu orientieren.
Ängste vor Bedeutungsverlust, Gefühle relativer Benachteiligung, ein geringes Selbstwertgefühl oder kollektiver Narzissmus sind Prädikatoren problematischer Bedürfnisse nach Signifikanz. Sie begünstigen eine Offenheit für Verheißungserzählungen (Kruglanski u. a. 2022). Der Maskulinismus bietet mit seinen vereinfachenden Selbstwirksamkeitsversprechungen ein verlockendes Angebot in dieser Risikokonstellation (Haslop u. a. 2025).
Narrative
Das Spektrum des Narrativs reicht von Fitness-, Dating- bis zu Finanztipps, die als Container reaktionärer Geschlechterrollenbilder Halt geben: Es existiere eine verheißungsvolle, eigentliche Ordnung. Die Entscheidung hierfür liege in der eigenen Hand.
Übergänge zu problematischen Verschwörungsmythen sind fließend und unter den Akteuren verbreitet. Im Zentrum steht die Behauptung, Männer würden systematisch unterdrückt (Çağlar u. a. 2025). Solche Narrative folgen einer Grievance-Culprit-Struktur, d. h., Gefühle fehlender Signifikanz werden in Zorn über deren vermeintliche Ursachen und in Schuldzuweisungen umgewandelt (Kruglanski u. a. 2022; Ellenberg u. a. 2024). Schuld wird projiziert, ein Rechtfertigungsrahmen für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit geschaffen und durch sexistische Implikationen des Feindbildes ein Handlungskonzept mitgeliefert: Die Durchsetzung „natürlicher“ Hierarchien als Unterwerfung nicht männlicher Positionierungen und Lebensformen sei Widerstand.
Wenn die „natürliche Geschlechterordnung“ sexistisch-sexualisiert gebettet ist, stellen entsprechende Formen ihrer Durchsetzung kein moralisches Problem dar (Gotell/Dutton 2016). Der Verschwörungscharakter fördert Misstrauen. Er eignet sich, um sachliche Gegenargumente als Beleg der Verschwörung zu deuten, d. h., um Rezipienten zu isolieren.
Network
Mediatisierter Maskulinismus wird in unterschiedlichen Netzwerken verhandelt. Ihre offene Form sind Kommentarspalten. Ihre geschlossene sind Gruppen in unregulierten Messenger- oder Social-Media-Diensten.
Studien weisen darauf hin, dass destruktive Kommunikationsmuster, wie sie die Narrative des Maskulinismus fördern, tendenziell in algorithmische und/oder zwischenmenschliche Echokammern führen (Bainbridge u. a. 2025). Kruglanski u. a. (2022) erörtern weiter, dass eine Bindung an derartige Netzwerke antisoziale Überzeugungen stärke. Gehört Gewaltakzeptanz zum Einstellungsmuster der geteilten Realität, muss von Gewaltbereitschaft ausgegangen werden. Eine durch sexistisch projizierte Feindbilder beförderte Desintegration legitimiert Gewalt, d. h., sie lässt auf ein ernst zu nehmendes Gewaltpotenzial maskulinistischer Subkulturen schließen.
Gewaltakzeptanz begünstigt mediatisierte Gewalt
Wie groß diese radikalisierten Untergruppierungen und wie fließend ihre Grenzen sind, ist schwer zu sagen. Dabei kennzeichnet sexistische Gewaltakzeptanz nicht erst die Legitimation von Femiziden. Sie beginnt überall dort, wo Personen es für zulässig halten, die geschlechtliche oder sexuelle Selbstbestimmung anderer zu verletzen, um eigene Bedürfnisse durchzusetzen. Erneut drängen sich vergleichende Skalierungsfragen auf. War nicht Vergewaltigung in der Ehe bis in die 1990er-Jahre strafrechtlich kein Verbrechen? Bildeten nicht queerfeindliche Stereotype noch in den Nullerjahren eine Grundlage für Blockbuster oder die Verleihung des Bambi-Medienpreises? Wie valide sind daneben skandalisierende Umfrageergebnisse (Plan International Deutschland 2023), denen zufolge ein Drittel der jungen Männer antwortet, es sei akzeptabel, wenn im Streit mit der Partnerin die Hand ausrutsche?
Aus den Praxiserfahrungen spezialisierter Einrichtungen, die zu sexualisierter Gewalt arbeiten, sowie der Forschung ist bekannt, dass Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung überdurchschnittlich oft von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ausgehen. Mediatisierte sexualisierte Gewalt wird von Gewaltausübenden bisweilen gegenläufig etikettiert, beispielsweise indem nicht konsensuell verbreitete Nacktaufnahmen vorrangig unter dem Aspekt des Statusgewinns oder als nicht real bagatellisiert werden (Vobbe/Kärgel 2022). Danach liefert der aktuelle Maskulinismus jenseits offensichtlicher, subkulturell geschlossener Radikalisierung und ungeachtet der verschwimmenden Unterschiede zwischen Hands-on- und Hands-off-Gewalt nuancierte Bagatellisierungsangebote für Gewalt. Abseits quantitativer Korrelationen zwischen Gewalt und Maskulinismus ist der Maskulinismus ein gewaltlegitimatorisches Problem. Demgegenüber erleben Gewaltbetroffene auch in Fällen spektral online ausgelöster Gewalt – etwa durch künstlich generierte Nudes – Mehrfachbelastungen, die mit den Folgen von Hands-on-Gewalt vergleichbar sind (ebd.).
Anmerkung:
1 Auf gendersensible Schreibweise wird verzichtet, wenn ausschließlich männliche Personen gemeint sind.
Literatur:
Bainbridge, T. F./Ryan, M./Golley, S./Kakoschke, N./Brindal, E.: Toxic behaviour facilitates echo chamber formation: An agent-based modelling simulation of science attitudes based on Spiral of Silence Theory. In: PLoS One, 6/2025/20. DOI: 10.1371/journal.pone.0323849
Bélanger, J. J./Moyano, M./Muhammad, H./Richardson, L./Lafrenière, M.-A. K./ McCaffery, P./Framand, K./Nociti, N.: Radicalization Leading to Violence: A Test of the 3N Model. In: Frontiers in Psychiatry, 2019/10. DOI: 10.3389/fpsyt.2019.00042
Çağlar, G./Hammer, D./Drath, C./Matlach, P./ Schwarz, K.: Mapping the Germanosphere. A Pilot Study. SCRIPTS Working Paper No. 57. Berlin 2025. Abrufbar unter: https://www.scripts-berlin.eu
Ellenberg, M./Speckhard, A./Kruglanski, A. W.: Beyond Violent Extremism: A 3N Perspective of Inceldom. In: Psychology of Men & Masculinities, 3/2024/25. DOI: 10.1037/men0000439
Gotell, L./Dutton, E.: Sexual Violence in the ‚Manosphere‘: Antifeminist Men’s Rights Discourses on Rape. In: International Journal for Crime, Justice and Social Democracy, 2/2016/5, S. 65–80. DOI: 10.5204/ijcjsd.v5i2.310
Haslop, C./Ringrose, J./Cambazoglu, I./ Milne, B.: Mainstreaming the Manosphere’s Misogyny Through Affective Homosocial Currencies: Exploring How Teen Boys Navigate the Andrew Tate Effect. In: Social Media + Society, 1/2025/10. DOI: 10.1177/20563051241228811
Johnson, K./McCall, M.: Trust in Pod: Listener Trust of News Content Heard on Different Genre Podcasts. In: Media and Communication, Februar 2025/13. DOI: 10.17645/mac.9182
Krotz, F.: Sozialisation in mediatisierten Welten. Mediensozialisation in der Perspektive des Mediatisierungsansatzes. In: D. Hoffmann/F. Krotz/D. Reißmann: Mediatisierung und Mediensozialisation. Prozesse – Räume – Praktiken. Wiesbaden 2017, S. 21–40
Kruglanski, A. W./Molinario, E./Ellenberg, M./ Di Cicco, G.: Terrorism and conspiracy theories: A view from the 3N model of radicalization. In: Current Opinion in Psychology, 3/2022/47. DOI: 10.1016/j.copsyc.2022.101396
Plan International Deutschland (Hrsg.): Spannungsfeld Männlichkeit. So ticken junge Männer zwischen 18 und 35 Jahren in Deutschland. Hamburg 2023. Abrufbar unter: https://www.plan.de
Vaarala, V.: Podcasting the Truth: Challenging Journalistic Knowledge and Building Epistemic Authority in Independent YouTube Podcasts. In: Media and Communication, Februar 2025/13. DOI: 10.17645/mac.8984
Vobbe, F./Kärgel, K.: Sexualisierte Gewalt und digitale Medien. Reflexive Handlungsempfehlungen für die Fachpraxis. Wiesbaden 2022
Weiss, P./Koban, K./Matthes, J.: A narrow gateway from misogyny to the far right: empirical evidence for social media exposure effects. In: Information, Communication & Society, 2/2024/28, S. 2.377–2.395. DOI: 10.1080/1369118X.2024.2445637
