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Medienethik ist Menschenethik

Lothar Mikos im Gespräch mit Christian Schicha

Medienethische Fragen spielen im Jugendschutz eine wichtige Rolle. Das zeigt sich nicht nur bei der Forderung nach einem Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche, sondern auch in aktuellen Debatten um Deepfakes. Wie reagiert die Medienethik auf solche Debatten und technologischen Entwicklungen? Hat sie Antworten auf Fragen, die sich durch Algorithmen, Bildmanipulationen, Deepfakes und KI ergeben? Darüber sprach Prof. i. R. Dr. Lothar Mikos mit Dr. Christian Schicha, Professor für Medienethik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen.

Online seit 15.04.2026: Link

Sie haben innerhalb weniger Jahre drei Bücher zum Thema „Ethik“ veröffentlicht: Angefangen mit Medienethik, gefolgt von Bildethik und schließlich Kommunikationsethik. Welche Idee stand dahinter, warum in dieser Reihenfolge?

Es waren zunächst keine drei Bände geplant. Ich hatte eine Anfrage vom UVK-Verlag erhalten, ob ich eine Medienethikmonografie schreiben möchte. 2010 hatte ich bereits einen Medienethiksammelband mit Carsten Brosda herausgegeben*. Im ersten Band, Medienethik*, war bereits ein Kapitel zur Bildethik integriert, das sich u. a. mit der Bildbearbeitung beschäftigte. Da sich dieser Bereich aber so rasant entwickelt hat, habe ich eine weitere Monografie geschrieben, die die lange Geschichte der analogen Bildbearbeitung erörtert – von Stalins Retuschen bis hin zu aktuellen digitalen Formen*. Durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz werden zunehmend professionell gestaltete künstliche Aufnahmen erzeugt, die über ein hohes manipulatives Potenzial verfügen. Zudem sind in dem Bildethikband auch weitere Themen – von der Dokumentations- und Kunstfotografie über die Kriegs- und Terrorberichterstattung bis hin zu politischen Karikaturen – angesprochen worden. 

Im letzten Band über Kommunikationsethik* geht es dann neben der Gender-Debatte auch um Cancel Culture, kulturelle Aneignung, die „Bild“-Zeitung und Talkshows, wo kontroverse Debatten ausgetragen werden. Alle drei Bände enthalten jeweils eine kommentierte Auswahlbibliografie zu den entsprechenden Themenschwerpunkten. Darüber hinaus werden Initiativen vorgestellt, die einen konstruktiven Ansatz für eine gelungene Medienbildung und Kommunikationskultur liefern. 

Momentan werden KI-generierte Deepfakes diskutiert, deren Machart man kaum erkennen kann. Wie kann man dann Transparenz herstellen und Produzenten in die Verantwortung nehmen?

Also ich denke, die erste Ebene – und da geht es jetzt in Europa und Deutschland in die richtige Richtung – ist zum Beispiel das Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Es ist wichtig zu verstehen, dass Plattformen nicht nur Geld verdienen und ansonsten unbeteiligte Akteure sind, sondern auch Diskursteilnehmende und Diskussionsvermittelnde mit öffentlicher Debattenmacht. An dem Prozess sind Menschen und Unternehmen beteiligt, die neben Werten und Normen primär ökonomische Ziele haben. Es gibt keine objektiven Zugänge und neutralen Nachrichten. Es geht auch um egoistische und kommerzielle Interessen, Machtfragen und strukturelle Zusammenhänge, wie Medien organisiert und kontrolliert werden. Dabei ist es zentral, dass alle Akteure in diesem Bereich bei Verfehlungen auf den jeweiligen Plattformen zur Verantwortung gezogen und gegebenenfalls auch reguliert und sanktioniert werden müssen.
 


Es gibt keine objektiven Zugänge und neutralen Nachrichten. Es geht auch um egoistische und kommerzielle Interessen, Machtfragen und strukturelle Zusammenhänge, wie Medien organisiert und kontrolliert werden.



Vom Grundsatz her kommen wir mit dem klassischen Konzept von der Individualethik über die Organisationsethik bis zur Publikumsethik nicht weiter; wir müssen die neuen Dimensionen des Kommunikationsaustausches über digitale Kanäle verstehen. Zum einen sind wir alle Producer, also Produzenten und Konsumenten in einem. Wir artikulieren uns und können an öffentlichen Debatten partizipieren, was positiv zu bewerten ist. Aber wir haben oft nicht die Qualitätsstandards, die im klassischen Journalismus vermittelt werden. Transparenz ist wichtig, um erkennen zu können, wer sich artikuliert und welche Interessen und Machtgefüge dahinterstehen. 

Brauchen wir angesichts von Deepfakes und anderen Entwicklungen eine KI-Ethik oder eine Digitalethik?

Es gibt Konzepte zu Maschinenethik, Technikethik und Roboterethik. Die Stuttgarter Kollegen Petra Grimm, Harald Pechlaner und Oliver Zöllner haben ein Buch über digitale Ethik herausgegeben*, das theoretische Zugänge, Werte, Diskurse und Praxisfelder umfasst. Der Sammelband von Jessica Heesen zur Medien- und Informationsethik* setzt sich u. a. mit Informationsgerechtigkeit und Hackerethik auseinander, während die aktuelle Monografie Ethik der Digitalisierung von Hauke Behrendt* Künstliche Intelligenz als Werkzeug und Akteur begreift. Algorithmische Fairness und Diskriminierung werden ebenso reflektiert wie Privatheit und informationelle Selbstbestimmung. Da werden diese Problemfelder angesprochen. Hier sind rechtliche Maßstäbe und Regulierungsmaßnahmen wichtig, um Persönlichkeitsrechte und geistiges Eigentum zu schützen. Es geht darum, zielgerichtet gegen Fake News, Polarisierung und Populismus vorzugehen, um die Demokratie zu schützen. Die mit den neuen technischen Entwicklungen einhergehenden Probleme müssen öffentlich diskutiert und transparent gemacht werden. Dabei sollten ethische Werte und Normen mit einbezogen werden.

Sie haben das Netzwerkdurchsetzungsgesetz angesprochen. Welche Rolle spielt Ethik denn im Recht? Sind Gesetze immer ethisch begründet?

Das Recht verfügt über einen Strafkatalog und hat die Möglichkeit zu sanktionieren. Die Ethik setzt eher auf Reflexion und Steuerung. Sie zeigt auf, welche Werte und Normen gegebenenfalls verletzt werden, und versucht, Einsicht und Empathie zu wecken. Es geht um das Postulat der Nichtschädigung anderer und die Überlegung, welche Folgen das eigene Handeln oder Unterlassen haben könnte. In vielen Fällen reicht dieses normative Instrumentarium aber nicht aus. Wenn Menschen im analogen oder digitalen Raum zum Beispiel mit Hatespeech, Mobbing oder Deepfakes angegriffen werden, sind juristische Sanktionen gegenüber den Tätern ebenso erforderlich wie eine Medienregulierung, die Rahmenbedingen schafft, dies zu verhindern. 
 


Das Recht verfügt über einen Strafkatalog und hat die Möglichkeit zu sanktionieren. Die Ethik setzt eher auf Reflexion und Steuerung.



Ein anderes aktuelles Thema ist das Verbot von Social Media für unter 16-Jährige. Wie bewerten Sie das aus medienethischer Sicht?

Ich gehe davon aus, dass Jugendliche in der Lage sind, derartige Verbote zu umgehen. Aber wir brauchen schon einen vernünftigen Jugendschutz, der reguliert. Zu Recht gibt es hier Altersgrenzen. Die öffentlich-rechtlichen und privaten Medienanbieter machen das ja, nur im Internet findet das nicht statt. Die größten Klicks generieren Pornografie und Gewaltdarstellungen. Das sind lukrative Geschäftsmodelle der Plattformen. Deshalb sträuben die sich gegen ein Verbot. Jetzt aber zu sagen, wir brauchen ein Verbot ab 14 oder ab 16 Jahren, das löst das Problem nicht. Besser wäre eine möglichst frühe Medienerziehung, ein Fach wie Medienkunde, bei der die Aufklärung und nicht das Verbot im Mittelpunkt stehen. Die verantwortlichen CEOs bei META, Google und X verfügen über eine ungeheure finanzielle Macht, werden aber für Normverstößen auf ihren Plattformen nur unzureichend zur Verantwortung gezogen.  

Das ist zwar ein Teil der Realität, aber die muss ja auch immer an Idealen gemessen werden. Sie sagen zwar, da könne die Ethik nichts ausrichten, aber sie hat doch eine Idee davon, wie es idealerweise sein sollte?

Faktisch fungiert die Ethik mit ihren Normen und Werten zunächst als regulative Idee, um abstrakte Leitbilder zunächst auf der Idealebene in den Fokus zu nehmen, um dann auf der Praxisebene eine Abstufung vornehmen zu können, die sich an den Realitäten orientiert. Faktisch gibt es Macht, ökonomische und strukturelle Zwänge sowie Egoismen und Lügen. Es existieren politische Rahmenbedingungen, unter denen eine freie Meinungsäußerung nicht möglich ist, weil sonst die Verhaftung droht. Aber es sollte trotz dieser fehlenden Handlungsspielräume als regulative Idee an all dem, was in der Erklärung der Menschenrechte, dem Völkerrecht oder in den Artikeln 1 und 5 unseres Grundgesetzes steht, festgehalten werden. 

Daher können wir uns hier im demokratischen Deutschland frei äußern und die Mächtigen kritisieren. Insofern habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, obwohl die in Teilen rechtsextreme AfD in Deutschland auch eine Gefahr für die Demokratie darstellt. Aber ich sehe natürlich auch die politischen Umstände in anderen Ländern. Neben menschenfeindlichen Diktaturen gibt es auch rechtspopulistische Strömungen u. a. in den USA, in Italien, den Niederlanden, Ungarn und Frankreich. Sie richten sich gegen die Gewaltenteilung und freie Medien. Es gibt wieder antisemitische Strömungen. Das ist ein Riesenproblem, das Zivilcourage und Unterstützung für die Betroffenen erfordert. Meine Aufgabe als Medienethiker besteht zunächst darin, die klassischen Werte und Normen auf der Idealebene als regulative Idee zu propagieren, ohne die Sachzwänge und Rahmenbedingungen der politischen und ökonomischen Praxis aus den Augen zu verlieren. 
 


Meine Aufgabe als Medienethiker besteht zunächst darin, die klassischen Werte und Normen auf der Idealebene als regulative Idee zu propagieren, ohne die Sachzwänge und Rahmenbedingungen der politischen und ökonomischen Praxis aus den Augen zu verlieren.



Sie schreiben, dass sich Ethik zwar immer an gutem und gerechtem Handeln orientiert, es aber am Ende in dem Verständnis gar keine objektiven Werte gibt für Ethik.

Werte wandeln sich, und das ist besonders dann positiv zu bewerten, wenn Freiheit, Gleichberechtigung und Toleranz zunehmen. Dass die Ehescheidung in Deutschland ebenso zulässig ist wie gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften und das Frauenwahlrecht allgemein akzeptiert ist, ist zu begrüßen. 

Menschenwürde ist ein universeller Wert. Wenn man reflektiert durchs Leben geht, sollte man auch die Nichtschädigung anderer im Blick haben, im optimalen Fall auch das Engagement für andere, um Unterstützung zu leisten. Das ist aber nur begrenzt möglich und oft eine Überforderung. Da muss man auch Einschränkungen machen und sich auf den Kontext konzentrieren, den man im Rahmen von Familie, Freunden und Kollegen tatsächlich hat. Finanzielle Unterstützung gegenüber Hilfsbedürftigen sollte stattfinden, falls dies möglich ist. 

Meines Erachtens gibt es im Bereich der angewandten Ethik aber keine objektiven Wahrheiten wie in der Mathematik oder in den Naturwissenschaften, wo Beweise geführt werden können. Trotzdem sollten wir an Normen und Werten festhalten, die Menschlichkeit und Empathie postulieren.

Was ich hierbei wichtig finde, ist die Kategorie der Allgemeingültigkeit ohne den Verweis auf politische oder religiöse Autoritäten. Letztendlich geht es um Konzepte, die das menschliche Miteinander für ein gutes Leben einfach besser machen und möglichst viele mitnehmen. 

Um Orientierung zu bieten, ist es sinnvoll, im Rahmen der normativen Reflexion verschiedene Bereichsethiken zu berücksichtigen, die prüfen, inwiefern abstrakte Werte wie Verantwortung, Transparenz, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und Nichtschädigung sich auf den jeweiligen Ebenen umsetzen lassen. Dabei kann es wie in meinen Büchern um ethische Aspekte bei Medien, Bildern und Kommunikationsprozessen gehen.

Ebenso wichtig ist es aber auch, sich mit normativen Dimensionen im Umgang mit Künstlicher Intelligenz, Algorithmen und Maschinen auseinanderzusetzen. Medien können genauso wenig eine Ethik entwickeln wie Bilder. Die angewandte Ethik ist immer eine Menschenethik, die in Beziehung zu anderen Kontexten steht. Trotzdem sind Begriffe wie die Medienethik und Bildethik neben anderen wichtig, weil damit ein entsprechender Schwerpunkt gesetzt werden kann und auch anhand von Fallstudien die Praxis- und Problemfelder exemplarisch definiert werden können. Die Gemeinsamkeit bei allen Formen der angewandten Ethik sind eben diese Werte- und Normorientierungen wie Menschenwürde, Gewaltfreiheit, Transparenz, Schutz der Persönlichkeits- und Menschenrechte sowie Mitbestimmung. In Bezug auf die Medienkompetenz hat sich im Zuge der neuen Medienentwicklung das normative Leitbild der digitalen Souveränität entwickelt, das neben technischer Kompetenz auch normative Aspekte der Handlungsautonomie und Selbstbestimmung einschließt. 
 


Die angewandte Ethik ist immer eine Menschenethik, die in Beziehung zu anderen Kontexten steht. 



All diese Leitbilder sind wichtig, um Maßstäbe für ein gutes und gerechtes Leben zu liefern. Dabei ist der Einfluss der angewandten Ethik sicherlich überschaubar. Gleichwohl kann sie Impulse setzten, die im optimalen Fall auch auf der Ebene der Wirtschafts- und Unternehmensethik sowie in der politischen Ethik Wirkung entfalten können. Sofern das nicht funktioniert, sollte darauf hingewiesen werden, dass ethisches Verhalten die Reputation von Menschen und Institutionen durchaus verstärken kann, während menschenfeindliche Aktivitäten dazu beitragen können, dass Vertrauen und Zustimmung sinken. Insofern gibt es gute Gründe, sich an ethischen Leitlinien innerhalb und außerhalb der Medien zu orientieren. 

 

Erwähnte Literatur

Hauke Behrendt:
Ethik der Digitalisierung (transcript 2025)

Petra Grimm, Harald Pechlaner, Oliver Zöllner (Hrsg.):
Medien – Ethik – Digitalisierung. Aktuelle Herausforderungen (Franz Steiner Verlag 2023) 

Jessica Heesen (Hrsg.): 
Handbuch Medien- und Informationsethik (J. B. Metzler/Springer 2016) 

Christian Schicha: 
1 Medienethik. Grundlagen, Anwendungen, Ressourcen (UVK/UTB 2019)
2 Bildethik. Grundlagen, Anwendungen, Bewertungen (UVK/UTB 2021)
3 Kommunikationsethik. Grundlagen, Debatten, Lösungsansätze (UVK/UTB 2025) 

Christian Schicha, Carsten Brosda (Hrsg.):
Handbuch Medienethik (VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010) 
 

Dr. Christian Schicha ist Professor für Medienethik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen. Er war Sprecher der Fachgruppe Kommunikations- und Medienethik in der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft, ist Mitglied des Netzwerks Medienethik und Mitherausgeber der Schriftenreihe Kommunikations- und Medienethik im Nomos Verlag.

Dr. Lothar Mikos ist Professor i.R. für Fernsehwissenschaft an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF (Potsdam) und Honorarprofessor für Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin. Sein Forschungsschwerpunkt ist die digitale Transformation des Fernsehens.