Medienkompetenz als zentrale Bildungsaufgabe im digitalen Zeitalter
Dem Extremismus im Feed begegnen
Die Jahre der neonazistischen „Schulhof-CDs“ sind vorbei. Rechtsextreme – so wie Demokratiefeinde aller Art – stehen längst nicht mehr, wie es klischeehafte Darstellungen einst suggerierten, vor dem Schulgelände und warten auf den Pausengong, um ihre Propaganda in die Kinderzimmer tragen zu lassen. In Zeiten des Internets und sozialer Medien müssen sie hierfür keine Ressourcen mehr aufwenden. Schließlich bietet der digitale Raum viel niedrigschwelligere Wege, junge Zielgruppen für die eigene demokratiezersetzende Sache zu begeistern.
Zwar werden diese veränderten Dynamiken rechtsextremer Kommunikation, insbesondere mit Blick auf jugendliche Adressat*innen, seit Jahren intensiv diskutiert, doch fehlt es an effektiven Präventions- und Gegenstrategien, um der professionellen Vereinnahmung von Onlineplattformen wirkungsvoll entgegenzutreten. Sichtbar wird dies etwa in der wachsenden Zustimmung junger Wähler*innengruppen zur in Teilen als gesichert rechtsextrem eingestuften Alternative für Deutschland (AfD), die nicht zuletzt von ihren strategisch inszenierten Social-Media-Auftritten profitiert.
Gleichwohl ist stets Vorsicht geboten, wenn Wahlerfolge der AfD vorschnell allein auf die digitalen Strategien der Partei zurückgeführt werden (vgl. Fielitz u. a. 2024).
Torpedierte Potenziale digitaler Partizipationsräume
Allerdings ringen längst nicht nur rechtsextreme Parteien wie etwa auch die Freien Sachsen oder Gruppierungen wie verschiedene Ableger der Identitären Bewegung um die Aufmerksamkeit jugendlicher Nutzer*innen. Inzwischen haben sich zahlreiche augenscheinlich partei- und bewegungsunabhängige Influencer*innen-, Podcaster*innen- und Streamer*innen-Persönlichkeiten etabliert. Sieht man jedoch genauer hin, fällt auf, dass auch diese vermeintlich unabhängigen Meinungsmacher*innen innerhalb der Szene hervorragend vernetzt sind und teils explizit bestimmten Parteien und Organisationen zuarbeiten. So begleitete der bekannte rechtsradikale YouTuber Leonard Jäger alias „Ketzer der Neuzeit“ im vergangenen Jahr den AfD-Parteitag in Riesa – mit dem offiziellen Akkreditierungsabzeichen der „AfD-Medien“ um den Hals (vgl. Ketzer der Neuzeit 2025).
Nicht nur Jäger, sondern auch seine Kolleg*innen bedienen sich dabei gängiger Social-Media-Ästhetiken, vermischen bewusst scheinbar harmlosen Lifestyle-Content mit menschenfeindlicher Ideologie und vertreiben häufig sogar eigenen Merch. Ihre großen Communitys – in Jägers Fall aktuell weit über 500.000 YouTube-Abonnent*innen – bestehen längst nicht mehr nur aus gefestigten Szene-Mitgliedern. Die durchdachte Digitalstrategie rechtsextremer Akteure hat dazu beigetragen, ihre Ideologie mainstreamfähig zu machen. Radikalsein wird als hipper, junger und ehrenhafter Lifestyle inszeniert.
Jäger und seine Mitstreiter*innen verkehren dabei den partizipativen, potenziell inklusiven Grundgedanken sozialer Plattformen in sein Gegenteil: Theoretisch kann schließlich jede*r Nutzer*in auf sozialen Medien den gesellschaftlichen Diskurs aktiv mitgestalten – und das scheinbar meist sogar kostenlos, sofern man lediglich die direkten monetären Kosten betrachtet (vgl. Bezold/Hohlfeld/Knieper 2026). Menschen müssen heute nicht mehr darauf hoffen, bei etablierten Medien Gehör zu finden, um öffentlich wahrgenommen zu werden. Sie benötigen lediglich einen Internetzugang. Der digitale Raum hat sich rasch zu einem zentralen, wenn nicht inzwischen zum zentralsten Ort politischer Meinungs- und Willensbildung entwickelt (vgl. ebd.).
Doch in einen diskursiven Raum, in den grundsätzlich jede*r senden kann, können folglich auch die Feinde dieses demokratischen Diskurses senden. So kommt es, dass Leonard Jäger die Aussage eines Interviewpartners, der Schwangerschaftsabbrüche bemerkenswert selbstverständlich als „moderne[n] Holocaust“ bezeichnet (vgl. Ketzer der Neuzeit 2026, 1:28:06–1:28:52), unwidersprochen stehen lassen, veröffentlichen und damit Hunderttausende Nutzer*innen erreichen kann, von denen viele einem sehr jungen Zielpublikum angehören.
Zum Dilemma demokratischer digitaler Teilhabe
Rechtsextreme Akteure erreichen junge Menschen im digitalen Raum mit solchen kruden Anschauungen genau auf den Plattformen, auf denen sie sich tagtäglich aufhalten (vgl. ARD/ZDF-Forschungskommission 2025, S. 57) und mitunter auch über das politische Geschehen informieren (vgl. mpfs 2025, S. 46). An diesem Punkt in die noch vulnerablen jugendlichen Meinungs- und Willensbildungsprozesse einzugreifen, verwandelt ihre Social-Media-Strategien zuverlässig in reale Radikalisierungserfolge.
Dass junge Menschen vor diesen digitalen Angriffen auf die Ausbildung ihres demokratischen Bewusstseins geschützt werden sollen, ist unumstritten. Doch wie dieser Schutz ausgestaltet sein sollte, ist immer wieder Gegenstand hitziger medialer Schlagabtausche. Regelmäßig kippen Diskussionen über mögliche Lösungsansätze in polarisierende Verbotsdebatten. Dass Social-Media-Verbote für Jugendliche naheliegen und insbesondere für politische Entscheidungsträger*innen attraktive Handlungsoptionen darstellen, ist nachvollziehbar. Immerhin scheint sich das Problem auf diese Weise im wahrsten Sinne des Wortes effektiv „abschalten“ zu lassen. Dem steht jedoch ein massiver Eingriff in die Informations- und Partizipationsfreiheit junger Menschen gegenüber: Je nach Ausgestaltung der Maßnahmen würden sie (zumindest zeitweise) ihrer wichtigsten Informationsquellen beraubt.
Schlussendlich können Verbote allenfalls örtlich und zeitlich begrenzte Schutzräume schaffen: Handyverbote in Schulen gelten nur dort, nicht jedoch im privaten Bereich. Ein Social-Media-Verbot bis 14 oder 16 Jahre gilt nur für Jugendliche dieser Altersgruppe. Sobald junge Menschen diese Schutzräume verlassen – und das werden sie zwangsläufig –, müssen sie sich im digitalen Raum eigenständig zurechtfinden.
Dass Social-Media-Verbote für Jugendliche naheliegen und insbesondere für politische Entscheidungsträger*innen attraktive Handlungsoptionen darstellen, ist nachvollziehbar.
Medienkritische Reflexions-, Werturteils- und Handlungsfähigkeit
Die heutige digitale Welt ist unüberschaubar komplex. Sobald User eine Social-Media-App auf ihrem Smartphone öffnen, werden sie von einer unmittelbaren Informationsflut erfasst, die perfekt personalisiert auf sie zugeschnitten ist, um sie möglichst lange zu fesseln. Unsere „For You“-Pages präsentieren den idealen Mix aus lustigen Memes, süßen Katzenvideos, Nachrichten zum aktuellen Weltgeschehen und Werbung. Zwischendrin: immer mehr offensichtlich und weniger offensichtlich KI-generierter Content. Die Algorithmen sorgen dafür, dass wir alle dieselben und letztlich doch vollkommen unterschiedliche Inhalte konsumieren.
In diesem undurchsichtigen digitalen Chaos zwischen „fake“ und „real“, zwischen demokratischen und demokratiezersetzenden, zwischen von der Meinungsfreiheit gedeckten und nicht gedeckten Aussagen unterscheiden zu können, erfordert ganz bestimmte Kompetenzen. Kein*e Nutzer*in wird mit diesen Fähigkeiten geboren; sie müssen erlernt werden. Die Medienpädagogin Nina Köberer plädiert in diesem Zusammenhang für digitale Mündigkeit als zentrales Bildungsziel (vgl. Köberer 2022, S. 203). Prozesse der Digitalisierung verändern jugendliche Lebenswelten maßgeblich (vgl. ebd., S. 202). Köberer betont, dass junge Menschen längst nicht mehr nur Konsument*innen, sondern auch Produzent*innen und Verbreiter*innen mitunter problematischer Onlineinhalte sind (vgl. ebd., S. 201). Anknüpfend an Immanuel Kants „Sapere aude!“ versteht sie den Menschen im digitalen Raum – unabhängig von seinem Alter – als zur Mündigkeit fähiges, aktiv handelndes Subjekt (vgl. ebd., S. 205 ff.). In den „medial verfasst[en]“ Lebenswelten junger Menschen wird Medienkompetenz demnach zu einem normativen Konzept mit ethischer Relevanz (vgl. ebd., S. 206).
Köberer fordert deshalb die Förderung der Ausbildung kritischer Reflexions- und Werturteilsfähigkeit im Umgang mit digitalen Inhalten (vgl. ebd., S. 206 f.; S. 210). Über diese Urteilsfähigkeit hinaus auch tatsächlich handlungsfähig zu werden, sieht sie als Kernaufgabe von Medienkompetenz (vgl. ebd., S. 207). Sie schließt: „Denn wenn ein wesentliches Bildungsziel ist, Menschen zu befähigen, zu (selbst‑)reflexiven und mündigen Subjekten zu werden, dann gilt es, Selbstbewusstsein und Ich-Stärke zu fördern sowie die Bereitschaft, Verantwortung – für sich selbst, sein Handeln als auch die Gemeinschaft – zu übernehmen“ (ebd., S. 210).
Verbote als Prima Ratio – Folgen für Bildung und Teilhabe
Nina Köberers Argumentation verdeutlicht nicht nur, warum Verbote oder populistisch zugespitzte binäre Debatten darüber den Kern der aktuellen Problemlagen angesichts der tatsächlichen Gefahren für junge Menschen durch digitale und insbesondere soziale Medien weder erfassen noch lösen können. Denkt man ihren Ansatz im Hinblick auf die entsprechend diskutierten Maßnahmen weiter, werden auch die potenziell fatalen Folgen deutlich, die pauschale Verbote oder das undifferenzierte Verbannen von Endgeräten und Onlineinhalten aus dem Schul- und Bildungskontext nach sich ziehen könnten.
Zwar wird die grundsätzliche Bedeutung von Medienkompetenz im deutschen Bildungssystem inzwischen durchaus anerkannt, jedoch kommt ihr fast nirgends die Bedeutung eines eigenständigen, schulform- und jahrgangsübergreifenden Pflichtfaches zu. In aller Regel verharrt sie nach wie vor im veralteten Status einer „je nach Situation in den Ländern“ (vgl. KMK 2016, S. 23) umzusetzenden Ideensammlung, die sich in den besten Fällen unterdessen immerhin in Überarbeitungen einzelner Fachlehrpläne oder in der Erstellung von losen Kompetenzrahmenkonzepten niederschlägt (vgl. KMK 2025, Anlage II). Meist wird jedoch schlussendlich schlicht eine Integration in bereits bestehende Fächer erwartet (vgl. KMK 2016, S. 24 f.; KMK 2025, Anlage II). Die konkrete Ausgestaltung dieser Integration wird wiederum häufig den einzelnen Schulen oder sogar einzelnen Lehrpersonen überlassen (vgl. KMK 2016, S. 26; KMK 2021, S. 16; KMK 2025, S. 4 f.).
Dass sich angesichts der Mammutaufgabe einer erfolgreichen Vermittlung von Medienethik und Medienkompetenz in einer sich rasant wandelnden digitalen Welt ein Gefühl der Überforderung, insbesondere bei Lehrpersonen, Eltern und Schüler*innen, breitmacht, ist daher nur nachvollziehbar. Ebenso verständlich ist es, dass Verbote – von manchem Beteiligten – folglich als scheinbar entlastende Lösung wahrgenommen werden. Doch um erkennen zu lernen, was Meinung und was Propaganda, was News und was Desinformation ist, bedarf es der Auseinandersetzung mit entsprechenden Inhalten in einem unterstützenden und zielgruppenorientierten Rahmen. So ist es doch das wesentliche Bildungsziel schulischer Kontexte schlechthin, „Menschen zu befähigen, zu (selbst‑)reflexiven und mündigen Subjekten zu werden“ (Köberer 2022, S. 210). Dieser Selbstanspruch kann in einer digitalisierten Welt schlicht nicht auf analoge Erfahrungsräume beschränkt bleiben.
Ein Plädoyer für Medienbildung auf Augenhöhe
Doch institutionalisierte Medienbildung ist nicht gleichbedeutend mit erfolgreicher Medienbildung. Denn neben der fehlenden oder zumindest unzureichenden Verstetigung entsprechender Konzepte haben derzeitige Präventions- und Gegenstrategien ein grundsätzliches Kommunikationsproblem. Häufig wird mit abstrakten oder veralteten Beispielen gearbeitet; und Lehrpersonen fehlt es an Wissen über digitale Logiken, Trends und die konkrete Bedeutung digitaler Angebote im Leben junger Menschen. Infolgedessen wird an der Zielgruppe vorbeikommuniziert. Junge Menschen wissen, wie soziale Medien aus Userperspektive funktionieren, denn sie nutzen sie tagtäglich. Viele von ihnen kennen beispielsweise auch zentrale Akteure der rechtsradikalen Influencer*innen-Szene, wie Leonard Jäger, nur allzu gut und sind sich durchaus bewusst, wie Social Media strategisch von Parteien wie der AfD eingesetzt wird.
Institutionalisierte Medienbildung ist nicht gleichbedeutend mit erfolgreicher Medienbildung.
Eine Medienbildung, die junge Menschen als Teil ihrer vollständig digitalisierten Lebenswelt ernst nimmt, muss daher bei komplexeren und aktuelleren Themen ansetzen – etwa bei den Funktionsweisen von Algorithmen, der (politischen) Macht von Plattformbetreibern sowie bei kontinuierlich zu aktualisierender Aufklärung über digital verbreitete Szene-Codes.
Die Auseinandersetzung mit diesen Themen muss in einem sensiblen pädagogischen Rahmen erfolgen, damit problematische Inhalte nicht lediglich reproduziert werden, sondern Jugendliche lernen, Aussagen – wie jene in Jägers Videos – eigenständig kritisch einzuordnen und darüber hinaus im Sinne Köberers auf Basis ihrer medienethischen Einschätzungen handlungsfähig zu werden. Nur so können junge Menschen auf Augenhöhe dabei unterstützt werden, sich in ihrer digitalen Realität zurechtzufinden.
Eine vollumfängliche Erfüllung dieser hochanspruchsvollen Bildungsaufgabe darf jedoch keinesfalls von einzelnen Lehrpersonen erwartet werden, die Medienkompetenz und Medienethik einfach in ihr fachfremdes Profil integrieren sollen. Hier mangelt es dem derzeitigen Bildungssystem an systematischen Ansätzen, die weder Lehrpersonal in die alleinige Verantwortung nehmen noch an einzelne Schulen, Schulformen oder Landesgrenzen gebunden sein dürfen – denn die digitalen Strategien demokratiefeindlicher Akteure machen nicht halt vor bestimmten Altersgruppen, Bildungszugängen oder Landesgrenzen.
Literatur:
ARD/ZDF-Forschungskommission: ARD/ZDF-Medienstudie 2025. ARD/ZDF 2025. Abrufbar unter: https://www.ard-zdf-medienstudie.de
Bezold, V./Hohlfeld, R./Knieper, T.: Memes als Instrument politischer Beteiligung. In: N. Kersting/J. Radtke/S. Baringhorst (Hrsg.): Handbuch Digitalisierung und politische Beteiligung. Wiesbaden 2026 (im Erscheinen)
Fielitz, M./Sick, H./Schmidt, M./Donner, C.: Social-Media-Partei AfD? Digitale Landtagswahlkämpfe im Vergleich. Frankfurt am Main 2024. Abrufbar unter: https://archiv.otto-brenner-stiftung.de
Ketzer der Neuzeit: Diese Frage traf Alice Weidel unerwartet … In: YouTube, 04.02.2025. Abrufbar unter: https://www.youtube.com
Ketzer der Neuzeit: ‚Er hat ein Messer!‘ – Was dann passierte, werde ich nie vergessen. In: YouTube, 23.01.2026. Abrufbar unter: https://www.youtube.com
Köberer, N.: Medienethik praktisch – (Digitale) Mündigkeit als Bildungsziel. In: C. Berndt/T. Häcker/M. Walm (Hrsg.): Ethik in pädagogischen Beziehungen. Bad Heilbrunn 2022, S. 201–212. https://doi.org/10.35468/5960-15
Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs): JIM-Studie 2025. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12-bis 19-Jähriger. Stuttgart 2025. Abrufbar unter: https://mpfs.de
Sekretariat der Kultusministerkonferenz (KMK): Bildung in der digitalen Welt. Strategie der Kultusministerkonferenz. Berlin 2016. Abrufbar unter: https://www.kmk.org
Sekretariat der Kultusministerkonferenz (KMK): Lehren und Lernen in der digitalen Welt. Die ergänzende Empfehlung zur Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 09.12.2021). Berlin 2021. Abrufbar unter: https://www.kmk.org
Sekretariat der Kultusministerkonferenz (KMK): Jahresbericht der Kultusministerkonferenz zur Bildung in der digitalen Welt (Beschluss der KMK vom 18.12.2025), Berichtszeitraum: 01.08.2024 bis 31.07.2025. Berlin

