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Online erlebte Grenzverletzungen

Eva Lütticke im Gespräch mit Katharina Kärgel

Wenn intime Bilder sich unkontrolliert verbreiten oder Grenzverletzungen aus dem Chat in den Alltag hineinwirken, zeigt sich: Digitale Medien beenden Gewalt nicht, sie verlängern sie. Katharina Kärgel beschreibt im Gespräch mit mediendiskurs, wie mediatisierte sexualisierte Gewalt funktioniert, warum einfache Verbote nicht schützen und durch welche Formen von Prävention Betroffene tatsächlich gestärkt werden können.

Printausgabe mediendiskurs: 30. Jg., 1/2026 (Ausgabe 113), S. 10-14

Vollständiger Beitrag als:

Wie definieren Sie mediatisierte sexualisierte Gewalt?

Mediatisierte sexualisierte Gewalt ist zunächst ein Sammelbegriff. Gemeint sind Verletzungshandlungen, bei denen die eigenen Bedürfnisse absichtsvoll gegen die sexuelle Selbstbestimmung oder das Einvernehmen einer anderen Person durchgesetzt werden. Das Spezifische ist, dass digitale Medien dabei eine doppelte Rolle spielen können: Sie können ein Hilfsmittel sein, um Gewalt anzubahnen, etwa über Snapchat oder TikTok, aber auch selbst der Ort sein, an dem die Gewalt stattfindet. Das kann z. B. das nicht einvernehmliche Veröffentlichen intimer Bilder in einer WhatsApp-Gruppe sein oder auch die ungewollte Konfrontation mit sexualisierten Inhalten im Vereinschat.

In der öffentlichen Debatte dominieren diesbezüglich Begriffe wie Cybergrooming oder Sextortion. Ihrer Meinung nach greift das zu kurz. Was übersehen wir systematisch, wenn wir digitale sexualisierte Gewalt so eng definieren? 

Diese Begriffe greifen zu kurz, weil sie suggerieren, dass es sich um klar abgrenzbare Onlinephänomene handelt. Tatsächlich bewegt sich sexualisierte Gewalt aber meist auf einem Kontinuum zwischen online und offline. Digitale Medien werden genutzt, um Kontakte herzustellen, Vertrauen aufzubauen oder Druck auszuüben – und das kann in physische Übergriffe übergehen. Gleichzeitig zeigen sich die Folgen von online erlebten Grenzverletzungen auch offline. Die psychosozialen Belastungen – etwa Gefühle von Ohnmacht, Scham, Schuld oder Trauer – sind körperlich spürbar und verschwinden nicht mit dem Beiseitelegen digitaler Endgeräte. Auch Reaktionen des sozialen Umfeldes wirken in den Offlinealltag hinein. Wenn beispielsweise intime Bilder im Klassenchat kursieren, kann das im Schulalltag zu Abwertung oder Ausgrenzung führen. Genau deshalb sprechen wir von mediatisierter Gewalt. Der Begriff macht deutlich, dass digitale Medien nicht einfach ein eigenständiger, abgrenzbarer Raum sind, sondern eng mit unseren Beziehungen, Kommunikationsweisen und schließlich mit Gewaltverhältnissen verwoben sind. 
 


Aktuelle Entwicklungen wie die Verbreitung von Manosphere- oder Red-Pill-Narrativen zeigen sehr deutlich, wie stark bestimmte Onlinekulturen misogyn geprägte Weltbilder stabilisieren und teilweise auch radikalisieren können.“



Sie und Ihr Co-Autor Frederic Vobbe beschreiben in Ihrem Buch Sexualisierte Gewalt und digitale Medien. Reflexive Handlungsempfehlungen für die Fachpraxis die Transzendierung mediatisierter sexualisierter Gewalt. Was verstehen Sie darunter, was bedeutet das für Betroffene und für mögliche Prävention? 

Während Gewalt in analogen Kontexten meist an konkrete Situationen, Orte und Zeitpunkte gebunden ist, lösen digitale Medien diese Begrenzungen teilweise auf. Über mobile Endgeräte kann Gewalt jederzeit und überall stattfinden. Intime Bilder, Videos oder Chats können auch Jahre später und über Ländergrenzen hinweg erneut verbreitet werden. Mit dem Begriff der Transzendierung beschreiben wir genau das: Gewaltdynamiken setzen sich über Zeit und Raum hinweg fort. Damit verbunden ist eine Mehrfachbetroffenheit. Wenn Inhalte im sozialen Umfeld erneut auftauchen, kommt es häufig zu Schuldzuweisungen, Abwertung oder Ausgrenzung. Zugleich erleben Betroffene eine Form des Wiedereinholens, wenn sie im Alltag wiederholt mit den Folgen der Gewalt konfrontiert werden, etwa durch erneute Verbreitung oder Kontaktversuche der Gewaltausübenden. Für die Prävention heißt das, Betroffene darauf vorzubereiten und dabei zu unterstützen, mit dieser Ungewissheit umzugehen, ohne ihnen die Verantwortung zuzuschreiben. Schutz sollte daher weniger als abgeschlossener Raum gedacht werden, sondern als etwas, das über verlässliche Beziehungen und stabile Unterstützungsstrukturen entsteht. Diese bleiben auch dann tragfähig, wenn Belastungen erneut auftreten, und stärken die Handlungsspielräume der Betroffenen. 

Ist digitale sexualisierte Gewalt im Kern ein Macht- und Geschlechterproblem, also primär kein Medienproblem? 

Sexualisierte Gewalt ist eng mit gesellschaftlichen Ungleichheiten und heteronormativen Vorstellungen von Geschlecht, Sexualität und Macht verbunden. In der Fachdebatte wird nicht unbegründet von sexualisierter Gewalt als Gewalt im Geschlechterverhältnis gesprochen. Aktuelle Entwicklungen wie die Verbreitung von Manosphere- oder Red-Pill-Narrativen zeigen sehr deutlich, wie stark bestimmte Onlinekulturen misogyn geprägte Weltbilder stabilisieren und teilweise auch radikalisieren können. Das kann dazu beitragen, Gewalt zu legitimieren oder zu normalisieren. Täter:innenstrategien passen sich diesen gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen an und instrumentalisieren sie für ihre Zwecke. 

Sie zeigen, dass Täter:innen gezielt mit Nähe und Vertrauen arbeiten. Warum ist gerade diese scheinbare Freiwilligkeit so gefährlich? 

Nähe und Vertrauen sind ja zunächst einmal etwas Positives und Grundvoraussetzung für gelingende Beziehungen. Genau das macht die Dynamik aber so komplex: Grenzverletzungen finden häufig in Beziehungen statt, die wir als vertraut, emotional oder verbindlich erleben. Betroffene bewegen sich vor diesem Hintergrund im Spannungsfeld von Beziehungserwartungen, emotionalem Druck und der Angst vor Beziehungsverlust. Gewaltausübende Personen setzen genau hier an. Sie bauen gezielt Vertrauen und Nähe auf, etwa durch Aufmerksamkeit, romantische Signale oder das Teilen intimer Inhalte, und reagieren auf Zurückhaltung oder ein Nein nicht selten mit Entzug, Druck oder subtilen Drohungen. 
 


Grenzverletzungen finden häufig in Beziehungen statt, die wir als vertraut, emotional oder verbindlich erleben.“



Welche Rolle spielen Scham und Selbstbeteiligung? 

Viele Betroffene fragen sich, ob sie etwas hätten anders machen können, insbesondere wenn sie sich auf sexualisierte Kommunikation eingelassen oder intime Bilder geteilt haben. Diese Gedanken sind sehr verbreitet, auch weil sie gesellschaftlich immer wieder gespiegelt werden. Den Begriff „Selbstbeteiligung“ halte ich in diesem Zusammenhang allerdings für schwierig, weil er nahelegt, Betroffene seien in irgendeiner Form mitverantwortlich für die Gewalt. Das ist nicht der Fall. Die Verantwortung liegt immer bei denjenigen, die Grenzen überschreiten und Vertrauen missbrauchen. Die Zuschreibung von Mitverantwortung oder Mitschuld, ob von außen oder verinnerlicht, kann Schamgefühle verstärken und dazu führen, dass es Betroffenen schwerfällt, sich anzuvertrauen oder Hilfe in Anspruch zu nehmen. 

Sie betonen, dass digitale Medien Teil der Identitätsentwicklung sind – auch der sexuellen. Warum führt genau das oft zu Fehleinschätzungen durch Erwachsene? 

Ich möchte an dieser Stelle nicht pauschalisierend von Fehleinschätzungen durch Erwachsene sprechen. Vielmehr ist es für Erwachsene – und im Übrigen auch für Jugendliche – eine große Herausforderung, zwischen sexualisiert‑grenzachtenden und -grenzverletzenden Dynamiken zu unterscheiden. Jugendliche bewegen sich schließlich online in Kontexten, in denen sie Informationen zu Sexualität suchen, daten oder sich auf Social Media im Rahmen von Selbstfindung und Anerkennung auch selbstsexualisierend darstellen. Gerade weil diese Dynamiken häufig in Beziehungen von Nähe und Vertrauen eingebettet sind, wird die Einordnung zusätzlich erschwert. Das liegt auch daran, dass oft zentrale Informationen fehlen oder unklar sind – etwa, wie ehrlich das Gegenüber in Bezug auf Motive und Absichten ist. Wichtig ist daher, Jugendliche darin zu stärken, ihre eigenen Grenzen wahrzunehmen und einordnen zu können, ohne sie vorschnell zu verunsichern oder zu delegitimieren.

Viele Präventionsansätze arbeiten mit Verboten („Schick keine Bilder!“). Warum greifen solche Botschaften Ihrer Meinung nach zu kurz? 

Verbote gehen an der Lebensrealität junger Menschen vorbei und verschieben die Verantwortung für Schutz auf sie selbst. Verbote suggerieren irrtümlich, dass das Beachten des Verbots die Gewalt hätte verhindern können. Das verstärkt Scham und kann dazu führen, dass Betroffene sich zurückziehen und schwieriger Zugang zu Unterstützung finden. Wirksame Prävention setzt deshalb anders an. Sie orientiert sich an den tatsächlichen Lebenswelten junger Menschen, nimmt ihre Bedürfnisse ernst und schafft Räume, in denen sie lernen, eigene Grenzen wahrzunehmen, Unsicherheiten einzuordnen und Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Entscheidend ist, dass Grenzverletzungen benannt werden und Betroffene Unterstützung erfahren, ohne zusätzlich beschämt zu werden. Vertrauen zu zeigen oder Nähe zuzulassen, ist kein Fehlverhalten. 

Ein Zitat aus Ihrem Buch zeigt drastisch, wie Betroffene Schuld zugeschrieben bekommen: „Du hättest ja einfach blocken können.“ Warum hält sich dieses Narrativ so hartnäckig? 

Solche Opfermythen halten sich deshalb so hartnäckig, weil sie, wie wir aus der Forschung wissen, gesellschaftlich entlastend wirken. Indem Verantwortung auf Betroffene verschoben wird, entfällt die Auseinandersetzung mit den eigentlichen Ursachen von Gewalt. Hinzu kommt ein Bedürfnis nach Kontrolle: Die Vorstellung, man hätte sich selbst anders verhalten und wäre dann nicht betroffen gewesen, erzeugt ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. Dabei wird ausgeblendet, dass mediatisierte sexualisierte Gewalt oft im sozialen Nahraum stattfindet, mit Druck, Abhängigkeiten oder emotionaler Bindung einhergeht und sich nicht einfach durch einen Klick beenden lässt. 

Jenseits der Handlungsempfehlungen für Fachkräfte: Was empfehlen Sie als Kodizes für Kinder und Jugendliche sowie Eltern, wenn sie mit digitalen sexualisierten Grenzverletzungen konfrontiert sind? 

Solche Situationen sind oft schwer einzuordnen und emotional belastend. Reaktionen wie Wut, Ohnmacht oder starker Handlungsdruck sind verständlich, können aber etwa durch Verbote oder Kontrolle für das Kind zusätzlichen Druck erzeugen. Hilfreicher ist es, zunächst gemeinsam zu klären, was passiert ist – und sich dabei selbst Unterstützung zu holen. Ziel ist eine Form von Unterstützung, die sowohl die Bedürfnisse des Kindes als auch die eigene Belastung der Eltern berücksichtigt und Handlungssicherheit auf beiden Seiten stärkt. Für die Orientierung von Kindern und Jugendlichen ist wesentlich, dass Unsicherheiten und widersprüchliche Gefühle wichtige Hinweise sind. Wenn sich etwas gleichzeitig gut und komisch anfühlt, sollte das ernst genommen werden. Ein Nein ist jederzeit möglich, auch im Nachhinein. Entscheidend ist, damit nicht allein zu bleiben: Sich anzuvertrauen kann helfen, wieder mehr Sicherheit zu gewinnen. 
 


Entscheidend ist, dass Grenzverletzungen benannt werden und Betroffene Unterstützung erfahren, ohne zusätzlich beschämt zu werden.“



Ihr Ansatz fordert Fachkräfte dazu auf, die eigenen Vorannahmen und Deutungsmuster zu reflektieren. Was sind typische blinde Flecken in der Praxis? 

Als potenzielle blinde Flecken lassen sich Situationen beschreiben, in denen digitale Medien sehr stark aus einer Risiko- oder Defizitperspektive heraus betrachtet werden. Wenn sie primär als Gefahrenraum verstanden werden, besteht das Risiko, dass sich Kinder und Jugendliche nicht ernst genommen fühlen oder eine kritische Bewertung ihres Verhaltens erwarten. Eng damit verbunden sind mögliche implizite Verantwortungszuschreibungen. Bestimmte Fragen oder Gesprächsführungen können ungewollt an gesellschaftlich verbreitete Narrative anschließen und dadurch Scham verstärken, etwa dann, wenn der Fokus zu stark auf dem Verhalten der betroffenen Person im Moment der Gewalt liegt statt auf dem Gewaltakt selbst. Ein weiterer möglicher blinder Fleck betrifft die Einordnung mediatisierter sexualisierter Gewalt, etwa wenn ihre Folgen unterschätzt oder digitale Grenzverletzungen als weniger schwerwiegend eingeordnet werden als Gewalt in analogen Kontexten. Entscheidend ist eine reflexive professionelle Haltung, die solche eigenen Deutungsmuster immer wieder mit in den Blick nimmt, vorschnelle Bewertungen vermeidet und gleichzeitig klar die Verantwortung dort verortet, wo sie liegt – nämlich bei denjenigen, die Gewalt ausüben. 

Der Fall von Collien Fernandes hat eine breite öffentliche Debatte ausgelöst. Welche konkreten Veränderungen wären aus Ihrer Sicht notwendig, damit aus Aufmerksamkeit auch strukturelle Konsequenzen folgen? 

Öffentliche Aufmerksamkeit ist ein wichtiger Ausgangspunkt, führt aber nicht automatisch zu gesellschaftlicher Sensibilisierung. Das zeigt sich daran, dass Opfermythen und subtile Schuldzuweisungen weiterhin wirksam sind. Aufmerksamkeit erzeugt hier häufig kurzfristige Empörung. Wenn daraus strukturelle Konsequenzen entstehen sollen, braucht es vor allem drei Ebenen. Erstens eine nachhaltige Sensibilisierung in Bildung, Fachpraxis und Öffentlichkeit, die auch diese gesellschaftlichen Deutungsmuster aktiv adressiert. Dazu gehört auch die klare Einordnung, dass sexualisierte Gewalt häufig im sozialen Nahfeld stattfindet und kein Randphänomen ist. Zweitens eine gezielte Qualifizierung der Fachpraxis hinsichtlich der erlebten Handlungssicherheit im Umgang mit den dynamischen Entwicklungen mediatisierter sexualisierter Gewalt, etwa durch KI-generierte Inhalte, Deepfakes oder neue Plattformlogiken. Drittens eine stärkere strukturelle Verantwortung von Plattformen und Regulierung. 

Welche Wünsche würden Sie in Richtung von Plattformanbietern formulieren, um dabei zu unterstützen, sexualisierte Übergriffe einzudämmen? 

An Plattformanbieter:innen würde ich vor allem den Wunsch richten, Verantwortung stärker strukturell zu übernehmen. Schutz darf nicht nur nachgelagert greifen, sondern muss in der Architektur der Plattformen verankert sein. Dazu gehört, dass Schutzmechanismen nicht nur als optionale Einstellungen verfügbar sind, sondern als Standard. Ein zentraler Punkt ist die konsequente Erkennung und schnelle Entfernung von Missbrauchsabbildungen, einschließlich Deepfakes. Ebenso wichtig ist eine stärkere Prävention durch Design: Plattformen sollten Risiken bereits in der Nutzung reduzieren, etwa durch bessere Kontrolle über Weiterleitungen, Sichtbarkeit und Verbreitung von Inhalten. Gleichzeitig braucht es mehr Transparenz darüber, wie algorithmische Systeme funktionieren und welche Inhalte sie verstärken. Denn diese Logiken können auch dazu beitragen, dass sexualisierte oder grenzverletzende Inhalte schneller verbreitet werden, als sie moderiert werden können – und damit genau jene Dynamiken von Kontrolle, Druck und wiederholter Betroffenheit verstärken, die Betroffene ohnehin erleben. Plattformen sollten zudem enger mit spezialisierten Fachberatungsstellen zusammenarbeiten, um Schutzkonzepte fachlich fundiert weiterzuentwickeln.

Eva Lütticke studierte Medienwissenschaften (M.A.) an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF. Zurzeit arbeitet sie als Redakteurin bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).

Katharina Kärgel, M.A. Soziologie, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der SRH University und Erste Vorsitzende des Heidelberger Instituts für Sozial- und Verhaltenswissenschaften (HDISV). Sie forscht zu mediatisierter sexualisierter Gewalt sowie zu Gewalt im Leistungssport.