Rape and Revenge
Rache-Kulturen und sexualisierte Gewalt in intermedialer Perspektive
Göttingen 2024: V&R unipress
Rezensent/-in:
Lothar Mikos
Rape and Revenge
Die Herausgeberin Christine Künzel weist in ihrem einleitenden Beitrag darauf hin, dass keine Eindeutschung des Ausdrucks „Rape and Revenge“ vorgenommen wurde, da es keine vergleichbare Alliteration gebe. Außerdem würden in dem englischen Begriffspaar „die beiden Begriffe Vergewaltigung und Rache zu einer Formel verschmolzen, die eine quasi-natürliche (Ab-)Folge von Ursache und Wirkung suggeriert“ (S. 12). Dieser Zusammenhang wird in den 16 Beiträgen des Bandes aus analytischer, historischer, interkultureller und kulturwissenschaftlicher Perspektive diskutiert. Dabei geht es in erster Linie um fiktive Darstellungen in Film, Literatur und Popmusik. Das reicht von Ovids Metamorphosen bis hin zu aktuellen Romanen. Im Zentrum dieses englisch-deutschen Buches stehen allerdings Filme und Serien. Zahlreiche Beiträge behandeln den Film Promising Young Woman (USA/UK 2020), aber auch die Netflix-Serie 13 Reasons Why (USA 2017–2020) ist Gegenstand der Analyse.
Künzel unterscheidet in ihrem Beitrag zwei Formen der Bewältigung traumatischer sexueller Gewalterfahrungen in fiktionalen Geschichten: 1) einen pädagogischen Umgang, 2) einen Fokus auf sexuelle Selbstbestimmung, „dass der Wille der Betroffenen durch den sexualisierten Gewaltakt nicht respektiert bzw. gebrochen wurde“ (S. 19). Ersteres ist bei Promising Young Woman der Fall. Der Film wird in dem Beitrag von Sabine Sielke im Kontext der #Me-Too-Bewegung diskutiert. Im pädagogischen Ansatz geht es darum, indirekte Rache zu üben, indem der oder die Täter in ein juristisches Verfahren gezwungen werden. Im zweiten Fall kommt es dann zu direkter Rache, gewissermaßen als Endpunkt der weiblichen Selbstermächtigung. Wie im genannten Film auch kommt es in 13 Reasons Why zum Suizid des Opfers sexueller Gewalt. In der Serie geht es um einen Rachesuizid und bildet somit „eine entscheidende Überlagerung von Selbsttötung und Vergeltung“ (S. 152), wie Sarah K. Becker darstellt. Dabei klafften allerdings die Inszenierung der erlittenen Gewalt der Protagonistin und der Racheplot auseinander (vgl. S. 153). Diese Inszenierungsweise geht laut der Autorin „auf Kosten der ernsthaften und sensiblen Beschäftigung mit den Folgen sexualisierter Gewalt“ (S. 156). Das Potenzial der Selbstermächtigung werde dadurch verschenkt.
Der Medienwissenschaftler Jakob Larisch setzt sich in seinem Beitrag mit Rape-and-Revenge-Filmen im Kontext des Strafrechts auseinander. Am Beispiel des ehemals indizierten Horrorfilms I Spit On Your Grave (USA 1978) sowie dessen Remake aus dem Jahr 2010 diskutiert der Autor die Kategorien des § 131 StGB, Gewaltverherrlichung, Gewaltverharmlosung und Verletzung der Menschenwürde. Er stellt fest, dass Filme, bei denen diese Kategorien Anwendung finden, vor allem dann in den behördlichen Blick geraten, wenn es um die affirmative Darstellung von Selbstjustiz geht (vgl. S. 135). Selbstjustiz weise auf eine Lücke in der Gesetzgebung oder Strafverfolgung hin. Larisch wertet das Gewaltdarstellungsverbot als einen „Akt der Symbolpolitik“, weil es die strukturellen, gesellschaftlichen Ursachen von Gewalt nicht bekämpfe (S. 137).
Die Beiträge geben einen guten Eindruck von der Debatte um das Rape-and-Revenge-Thema vor allem in Romanen und Filmen, unter anderem auch, weil interkulturelle Perspektiven aus Indien und Nigeria einbezogen werden. Das Thema wird weiter zu diskutieren sein, wozu der Band wertvolle Anregungen liefert.
Prof. i. R. Dr. Lothar Mikos
