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Reden alle mit?

Eine Langzeitanalyse politischer Vielfalt in der MDR-Sendung „Fakt ist!“

Nina Schmidtmann, Lisa Schmiedlin, Markus Seifert

Polit-Talkshows sollen ein Schaufenster politischer und gesellschaftlicher Vielfalt sein – doch wer bekommt tatsächlich das Wort? Der Beitrag untersucht dies am Beispiel der MDR-Sendung Fakt ist!. Die Ergebnisse verweisen auf ein Spannungsfeld, in dem öffentlich-rechtliche Talksendungen zwischen Vielfalt und dem Umgang mit kontroversen Akteuren agieren: Trotz großer Themenbreite deuten sie darauf hin, dass die Repräsentation parteipolitischer und gesellschaftlicher Vielfalt nicht in allen Bereichen ausgeglichen ist, insbesondere mit Blick auf die AfD und das BSW.

Online seit 15.01.2026: Link

Wer redet mit – und wer nicht?

In Thüringen hat sich die politische Landschaft in den vergangenen zehn Jahren deutlich verändert: Die Gewichte zwischen den Parteien haben sich verschoben, und mit dem BSW ist ein neuer Wettbewerber hinzugekommen. Bei der Landtagswahl 2024 wurde die AfD erstmals stärkste Kraft, während Die Linke deutlich an Rückhalt verlor.

Solche Verschiebungen stellen auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vor Herausforderungen. Mit seinem Programm bestimmt er nicht nur die Themen öffentlicher Diskurse. Er soll auch ein möglichst breites Meinungsspektrum abbilden. Dies hat bereits das Bundesverfassungsgericht festgelegt und damit öffentlich-rechtliche Medien zu einer ausgewogenen Berichterstattung verpflichtet (BVerfG 1961). Ausgewogenheit kann unter anderem anhand der Sichtbarkeit von Themen und Akteuren erfasst werden.

Politische Vielfalt zeigt sich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen in den „unterschiedlichen politischen Perspektiven und Stimmen, die in den Programmen repräsentiert werden“ (Ritzi 2019, S. 76).

Besonders im Vorfeld von politischen Wahlen sind Sendungen dem Grundsatz der abgestuften Chancengleichheit anzupassen: Allen Parteien müssen faire Chancen im politischen Wettbewerb eingeräumt werden. Beruhen Sendungen grundsätzlich auf einem schlüssigen journalistischen Konzept, können sich Rundfunkanstalten aber auf die Presse- und Rundfunkfreiheit (Art. 5 Abs. 1 Grundgesetz) berufen und dürfen eigenständig entscheiden, welche Diskussionspartner sie zu einer Fernsehdiskussion einladen.

Doch das Misstrauen wächst: Weil öffentlich-rechtliche Sender politisch linkslastig erschienen, hätten sie ein Akzeptanzproblem, so Kulturstaatsminister Weimer im Herbst 2025 (Deutschlandfunk 2025). Und erst vor wenigen Wochen hatte eine Frau aus Bayern vor dem Verwaltungsgericht in München gegen den Beitragsbescheid des Bayerischen Rundfunks (BR) geklagt: Sie weigerte sich, ihren Rundfunkbeitrag zu bezahlen, weil ARD, ZDF und das Deutschlandradio ihren Programmauftrag nicht erfüllten und zu einseitig berichten würden (Bräutigam/Raillon 2025).

Gerade politische Talkformate wie Fakt ist! (MDR) stehen in der öffentlichen Kritik, gesellschaftliche und parteipolitische Vielfalt nicht angemessen zu repräsentieren.

In Medienkritik und Publikumsdebatten wird bemängelt, dass häufig dieselben Gäste eingeladen und ähnliche Positionen vertreten würden, was den Korridor politischer Meinungen verenge. Aktuelle Studien zeigen, dass in politischen Talkshows häufig männliche, ältere und politisch etablierte Akteure dominieren. Dagegen bleiben Perspektiven etwa von Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund oder aus Ostdeutschland oft unterrepräsentiert (Faas/Krewel 2022).

Zudem konzentriert sich die Gästeliste oftmals stark auf Parteipolitikerinnen und ‑politiker sowie Journalistinnen und Journalisten, während Akteure aus Verbraucherschutz, NGOs oder Gewerkschaften deutlich seltener auftreten – ein Muster, das Fröhlich und Hillje (2020) als strukturelles Ungleichgewicht beschreiben. Zwar ist die Themenvielfalt hoch, doch wird sie stark durch aktuelle Krisen bestimmt, was phasenweise zu einer einseitigen Agenda führen kann. Damit bleibt offen, wie umfassend Talkshows gesellschaftliche Vielfalt tatsächlich abbilden – und wo die Grenzen dieser Vielfalt liegen.
 

Wie vielfältig ist Fakt ist! wirklich?

Die Studie an der Universität Erfurt ging zwei Fragen nach: 

  1. Inwiefern erfüllt Fakt ist! den gesetzlichen Auftrag zur politischen Vielfalt?
  2. Wie setzt die Redaktion diesen Anspruch konkret um? 
     

Studiensteckbrief*

Schritt 1: Quantitative Inhaltsanalyse

Untersuchte Sendungen: 154 (alle Fakt ist!-Sendungen aus den Jahren 2013 bis 2024)
Ziel: Erhebung der Akteurs- und Themenvielfalt

Schritt 2: Qualitative Aussagenanalyse

Untersuchte Sendungen: 11 (01.09.2023–01.09.2024; Fakt ist! aus Erfurt)
Ziel: Erhebung der Positionen der Gäste und Zuordnung zu Aussagen in den Wahlprogrammen der Parteien

Schritt 3: Redaktionsgespräch

Methode: Gruppendiskussion anhand eines Leitfadens mit Elementen einer Fokusgruppe
Teilnehmende: 2 Redaktionsmitglieder
Zeitpunkt: 29.04.2025
Themen: Verständnis politischer Vielfalt, Umsetzung politischer Vielfalt innerhalb der Redaktion, gemeinsame Reflexion der Ergebnisse der Inhalts- und Aussagenanalyse (Schritte 1 und 2)

*An der Umsetzung der Studie waren weiterhin beteiligt: Josepha Gladitz, Merle Marie Linnemann, Caroline Preuß sowie Maxie Sophie Widon.


Vielfalt ja – aber mit Einschränkungen

Die Langzeitanalyse zeigt: In der Themenwahl wird der Anspruch auf Vielfalt durchaus eingelöst. Zwischen 2013 und 2024 wurden in der MDR-Talkshow Fakt ist! alle politisch relevanten Oberthemen mindestens einmal aufgegriffen. Am häufigsten vertreten waren „Staat, Politik und Landesentwicklung“ (34 %), gefolgt von „Gesellschaft und Soziales“ (28 %). 

Dass politische und gesellschaftliche Inhalte zahlenmäßig überwiegen, deutet darauf hin, dass die Sendung ihrem öffentlich-rechtlichen Auftrag gerecht wird.

Bürgerstimmen sind über die Jahre präsenter geworden, vor allem im Publikum der Sendung. Das lässt sich damit erklären, dass die Erfurter Redaktion die Sendung als Bürgertalk versteht. Auf dem Podium dominieren jedoch weiterhin klassische politische und wissenschaftliche Akteure.

Eine parteipolitische Bandbreite ist grundsätzlich erkennbar. Auffällig: CDU, AfD und BSW kommen in aktuelleren Sendungen häufiger mit ihren Positionen zu Wort als andere Parteien wie die FDP. Bemerkenswert ist, dass die Häufigkeit parteipolitischer Aussagen nicht zwangsläufig der Anzahl der eingeladenen Parteienvertreterinnen und ‑vertreter entspricht. Die CDU ist sowohl über die teilnehmenden Akteure als auch inhaltlich über die Aussagen präsent, die ihr typischerweise zugeschrieben werden. AfD- und BSW-Positionen sind ebenfalls stark inhaltlich vertreten, doch finden sich aus diesen Parteien deutlich weniger Akteure auf dem Podium. Unterschiede zeigen sich auch zwischen Podium und dem mitdiskutierenden Publikum: 

Während die Positionen der CDU in der Runde der Expertinnen und Experten dominierten, wurden im Publikum häufiger Positionen der AfD und des BSW geäußert.

Die Vielfalt der Talkgäste zu bewerten, ist schwierig, weil die Auswahl stark von den jeweiligen Sendungsthemen abhängt. Je nach inhaltlicher Ausrichtung kommen unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zu Wort: Vertreterinnen und Vertreter von Parteien oder Gewerkschaften, aber auch von Kirchen oder Bildungseinrichtungen. Eine Gästevielfalt ist also nicht an einzelnen Sendungen ablesbar, sondern zeigt sich erst über einen längeren Zeitraum hinweg und über eine Reihe von Sendungen. 

Das wurde auch im Gespräch mit der Redaktion deutlich. Diese sieht ihre Aufgabe darin, durch redaktionell begründete Auswahlprozesse Ausgewogenheit zu gewährleisten – und nicht sämtliche politischen Positionen in jeder Einzelsendung abzubilden. Die Redaktion betont ihr Bestreben um eine ausgewogene Auswahl der Gäste, verweist jedoch auf strukturelle Hürden wie die unausgeglichene Geschlechterverteilung in der Besetzung von Ämtern oder auch kurzfristige Absagen von Gästen. Gleichzeitig arbeite sie stets unter begrenzten finanziellen Ressourcen sowie mit der Verbindlichkeit von Sendezeiten und einem festen Programmschema.

Zudem betont die Redaktion, dass die Themenauswahl frei von politischer Einflussnahme bleibe, und wertet dies als Ausdruck ihrer journalistischen Unabhängigkeit. Thematisch liege der Schwerpunkt auf gesellschaftlich und politisch relevanten Inhalten, was auch durch die quantitative Inhaltsanalyse bestätigt wird. Dies entspricht einer Programmgestaltung gemäß dem öffentlich-rechtlichen Auftrag. Insgesamt sieht sich das Team mit Fakt ist! eingebettet in das Gesamtangebot des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – politische Ausgewogenheit sei demnach ein längerfristiger Balanceakt, kein Anspruch an jede einzelne Ausgabe. 

Auch der Umgang mit den Parteien AfD und BSW kam im Redaktionsgespräch zur Sprache. Die Verantwortlichen betonen, dass sie keine Ausgrenzung betreiben würden, sondern dass sich ihre Gästeauswahl an journalistischen Kriterien orientiere. Positionen würden demnach nicht nach Wahlergebnissen vergeben, sondern entsprechend der Relevanz für die jeweilige Sendung. Die Redaktion macht ihr Bemühen um das sachliche Abbilden kontroverser Themen deutlich. Hierbei würden keine bestimmten Parteien grundsätzlich ausgeschlossen. Die Einladung von AfD-Vertreterinnen oder ‑Vertretern hatte in der Vergangenheit für teils heftige Kritik gesorgt. Damit berührt die Redaktion eine grundsätzliche Frage: 

Wie viel Raum sollen strittigen bis extremistischen Stimmen im Sinne der Meinungsvielfalt eingeräumt werden, ohne dass es zulasten von demokratischen Werten geht? Wo genau verlaufen hier die Grenzen?
 

Ausblick

Die Studie bietet einen präzisen Einblick, wie politische Vielfalt in Fakt ist! umgesetzt wird – inhaltlich wie in den redaktionellen Strukturen. Sie zeigt, dass die Sendung ihren Anspruch als Bürgerdialog ernst nimmt und zugleich in einem Spannungsfeld arbeitet: zwischen dem Auftrag, unterschiedliche Positionen abzubilden, und der Herausforderung, mit destruktiven  oder demokratiefeindlichen Akteuren umzugehen.

Zukünftig könnte ein Vergleich mit den Standorten Magdeburg und Dresden helfen, regionale Unterschiede in Themenwahl, Gästestruktur und redaktionellen Routinen zu erfassen. Darüber hinaus wäre ein Blick auf bundesweite Polit-Talkshows aufschlussreich: Wie unterscheiden sie sich hinsichtlich des Abbildens politischer Vielfalt von regionalen Formaten? Denkbar sind auch Wirkungsstudien, die die Wahrnehmung politischer Repräsentation in politischen Talkshows wie auch auf Social-Media-Plattformen in der Bevölkerung untersuchen.

Schließlich lohnt es sich, politische Vielfalt stärker mit gesellschaftlicher Vielfalt zu verknüpfen und die Schnittmengen aufzuzeigen. In der Studie zeigen sich Hinweise darauf, dass bestimmte Perspektiven – etwa im Hinblick auf Herkunft, Hautfarbe oder Geschlecht – in der Sendung bisher eher randständig vorkommen. Eine gezielte, systematische Analyse dieser Dimensionen könnte helfen, mögliche blinde Flecken in Talkformaten zu identifizieren.
 

Quellen:

Bräutigam, F./Raillon, P.: Hohe Hürden für Klagen gegen Rundfunkbeitrag. In: tagesschau, 15.10.2025. Abrufbar unter: www.tagesschau.de (letzter Zugriff: 05.12.2025)

Deutschlandfunk: Kulturstaatsminister Weimer unterstellt ARD, ZDF und Deutschlandradio „politisch links geneigt“ zu sein – scharfe Kritik vom DJV. In: Deutschlandfunk, 03.10.2025. Abrufbar unter: www.deutschlandfunk.de (letzter Zugriff: 05.12.2025)

Faas, T./Krewel, M.: Politische Talkshows in der Pandemie. Eine Untersuchung zur Vielfalt von Gesprächssendungen im deutschen Fernsehen. In: Media Perspektiven, 11, 2022, S. 539–547. Abrufbar unter: www.media-perspektiven.de (letzter Zugriff: 06.01.2026)

Fröhlich, P./Hillje, J.: Die Talkshow-Gesellschaft. Repräsentation und Pluralismus in öffentlich-rechtlichen Polit-Talkshows. In: Das Progressive Zentrum 2020. Abrufbar unter: www.progressives-zentrum.org (letzter Zugriff: 06.01.2026)

Ritzi, C.: Politische Öffentlichkeit zwischen Vielfalt und Fragmentierung. In: J. Hofmann/K. Norbert/C. Ritzi/W. Schünemann: Politik in der digitalen Gesellschaft: Zentrale Problemfelder und Forschungsperspektiven. Bielefeld 2019, S. 61–82

Nina Schmidtmann absolvierte an der Universität Erfurt ein Bachelor-Studium in den Fächern Kommunikationswissenschaft und Lehr-, Lern- und Trainingspsychologie. Sie hat als Social-Media-Managerin gearbeitet und ist aktuell in Hamburg im Marketingbereich beschäftigt.

Lisa Schmiedlin arbeitet in der FUNKE Zentralredaktion in Berlin und war u.a. für die Berliner Morgenpost tätig. Ab Februar 2026 studiert sie im Master-Studiengang Kultur und Wirtschaft an der Universität Mannheim.

Dr. phil. Markus Seifert ist Senior Lecturer am Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Erfurt. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der (visuellen) politischen Kommunikation. In seiner Promotion beschäftigte er sich mit den Wirkungen des Internets auf die politische Kommunikation der Bürgerinnen und Bürger.