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Resonanz und Entfremdung auf Facebook

Möglichkeiten und Voraussetzungen digitaler Weltbeziehungen

Lisa Waldenburger

Bielefeld 2025: transcript
Rezensent/-in: Lothar Mikos

Buchbesprechung

Online seit 01.12.2025: Link

Resonanz und Entfremdung auf Facebook 

Soziale Medien sind gerade wieder Thema in der politischen Diskussion, wenn über deren Verbot für Kinder und Jugendliche diskutiert wird. Medienpädagogische und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse bleiben dabei oft genug außen vor. Das Rad kann nicht mehr zurückgedreht werde, auch wenn sich manche Politiker oder Eltern dies wünschen. Die Soziologin Lisa Waldenburger hat sich in ihrer Dissertation damit beschäftigt, ob die Nutzung von Facebook zu positiven Erlebnissen führen kann oder aber zu Entfremdung und Enttäuschung. Sie geht davon aus, dass sich „die grundlegende Frage nach der Dauerhaftigkeit der Digitalisierung sich nicht mehr“ stellt, denn: „Viele der Innovationen der Digitalisierung, wie das Mobiltelefon, der Computer oder auch das Internet, sind mittlerweile unreflektierter Teil sozialer Handlungen, deren Nutzung zumeist nur auffällt, wenn sie […] nicht funktioniert“ (S. 25). Aktivitäten auf Facebook und anderen Plattformen werden von der Autorin als soziale Handlungen gesehen, deren Strukturen sie offenlegen will.

Ausgehend vom Konzept der Resonanz, wie es der Soziologe Hartmut Rosa entwickelt hat, untersucht sie in einer aufwendigen empirischen Studie, ob es bei Facebook zu positiven Resonanzerfahrungen kommen kann. Das zugrunde liegende theoretische Konzept der Resonanz soll hier nicht ausführlich referiert werden, nur so viel: Resonanz bezeichnet eine „Qualität der Weltbeziehung“ (S. 28), die „sich als dynamisches Interaktionsgeschehen zwischen Subjekt und Welt charakterisieren“ lässt (S. 30). Diese Beziehung ist durch fünf Kernmerkmale gekennzeichnet: 1) Affizierung, also „die Fähigkeit, sich durch ein Gegenüber berühren zu lassen“ (ebd.), 2) „Fähigkeit der Selbstwirksamkeit“ (S. 31), 3) die Veränderung des Subjekts durch Selbst-Transformation, 4) ein entgegenkommender Resonanzraum und 5) die generelle Unverfügbarkeit von Resonanz, denn sie lässt sich „nicht erzwingen oder im Voraus planen“ (S. 32). Alltagssprachlich wird Resonanz häufig mit Glück gleichgesetzt, das Konzept weist aber darüber hinaus.

Wie sieht es nun mit dem Resonanzerleben auf Facebook aus? Lisa Waldenburger hat dazu Leitfadeninterviews mit Nutzer*innen der Plattform durchgeführt. Aus allen Interviewten hat sie 17 Personen ausgewählt, sieben männliche und zehn weibliche Facebook-Nutzer im Alter von 21 bis 70 Jahren, die „sich besonders durch die vielfältigen Nutzungsgewohnheiten in Bezug auf Facebook“ auszeichnen“ (S. 92). Aus diesem Personenkreis hat sie dann fünf „Idealtypen“ (S. 178) gebildet: 1) den Aficionado, 2) die Pragmatistin, 3) den Kritiker, 4) die Darstellerin und 5) die Abwesende. Letzterer Typ nutzt Facebook nur passiv. 

Im Vergleich der Idealtypen stellt sich heraus, dass vor allem der Aficionado (und eingeschränkt auch die Pragmatistin) positive Resonanzerfahrungen auf der Plattform machen (vgl. S. 212). Diese beiden Typen zeichnen sich vor allem durch eine Offenheit aus. Kritiker und Abwesende dagegen mit ihrer abweisenden Haltung gegenüber der Welt verbauen sich damit auch die Möglichkeit von positiven Resonanzmomenten auf Facebook (vgl. S. 213). 

Die Beispiele zeigen, dass Resonanzerfahrungen auf der Plattform auch von Persönlichkeitsmerkmalen der Nutzer*innen abhängen, die ihnen auch außerhalb von Facebook eigen sind. Alle Typen haben auf der Plattform jedoch auch Erfahrungen von Entfremdung gemacht. „So zeigt sich deutlich, dass Entfremdungserfahrungen im Medium am ehesten durch die Fremdbestimmung und die Funktionsweise des Mediums an sich ausgelöst werden“ (S. 216), dennoch sei Facebook keine „Entfremdungswüste“ (S. 217), wie die Autorin schreibt. 

Vielmehr gibt es einen Zusammenhang zwischen Resonanz und Entfremdung. Das macht Waldenburger unter anderem am Phänomen der „Likes“ deutlich. Dazu stellt sie fest: „Likes sind zusammenfassend erstens zu unspezifisch in ihrer intendierten Motivation, zweitens durch das Medium selbst auf Quantifizierung und Ökonomisierung ausgerichtet und drittens verhindern sie durch den geringen Aufwand beim Gegenüber das Entstehen eines resonanten Beziehungsmodus“ (S. 226). Es gibt eine „Verzahnung von Resonanz und Entfremdung“ (S. 237), denn „Resonanzerfahrung bedarf eines sensiblen Subjekts, welches sich zur Welt öffnet und damit das Potenzial der Entfremdung zwangsläufig vergrößert“ (S. 239). Insgesamt zeigt sich jedoch, „dass die Digitalisierung nicht zwingend ein genereller Verhinderungsgrund für das Erleben von Resonanz ist“ (S. 255), sondern es „kann auf Grund seiner Vielfältigkeit auf verschiedene Weisen Resonanz, je nach dem Vorhandensein subjektiver Antennen, stiften“ (S. 265). In ihrem Fazit weist die Autorin auf den engen Zusammenhang von Resonanz und Entfremdung hin, in der Realität liegen beide nah beieinander (vgl. S. 282). 

Insgesamt bietet das Buch von Lisa Waldenburger eine ausgesprochen differenzierte Auseinandersetzung mit der Erfahrung von Resonanz und Entfremdung auf Facebook, die den Blick der Leser*innen weitet. Zugleich werden neue Forschungsperspektiven eröffnet, wenn die Autorin feststellt, dass die Bilder – sie sprich von Bildhaftigkeit – auf den sozialen Medien wahrscheinlich positive Resonanzerfahrungen fördern. So schreibt sie: „Demnach würden die sozialen Medien und der Drang zur Selbstdarstellung das Bewusstsein für Resonanz schärfen und die Subjekte in der Konsequenz glücklicher sein – so zumindest die These“ (S. 265). Ob das tatsächlich so ist, sollte Gegenstand weiterer Forschung sein. 

Prof. i. R. Dr. Lothar Mikos


Lisa Waldenburger: Resonanz und Entfremdung auf Facebook. Möglichkeiten und Voraussetzungen digitaler Weltbeziehungen. Bielefeld 2025: transcript. 312 Seiten, 49,00 Euro