Sein heißt, medial stattfinden
Ihr Buch ist im Oktober 2025 erschienen und reiht sich in eine lange Literaturliste ein, die sich mit dem Thema beschäftigt. Was war Ihnen wichtig, mit diesem Buch herauszuarbeiten?
In der Tat beackere ich das Feld seit über 25 Jahren – immer fokussiert auf aktuelle Themen. Dieses Buch will gewissermaßen den Gesamtzusammenhang darstellen, die verschiedenen Puzzleteile zusammenfügen und dabei eine beschreibende Perspektive einnehmen, die nicht allzu sehr einer Pädagogisierung erliegt. Ausgehend von den grundlegenden Lebenslagen und Lebensbedingungen junger Menschen in Deutschland, die ja vielfach mit den digitalen Lebenswelten verschränkt sind, spannt sich der Bogen von theoretisch-konzeptionellen Überlegungen über die veränderten Freizeit- und Medienwelten von Kindern und Jugendlichen sowie die persönlichen Lebenskontexte, die ihren Medienumgang rahmen, bis hin zu den möglichen Chancen und Risiken für das Auf- und Heranwachsen, die dann auch empirisch vertieft werden.
Sie sprechen von einem neuen Sozialisationstypus in der digitalen Welt. Wie kann der beschrieben werden?
Mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung greife ich hier die fachlichen Perspektiven von Sozialisationsforschung, Kommunikationswissenschaft und Pädagogik auf, die meist schon vor vielen Jahren Facetten eines grundlegend veränderten Auf- und Heranwachsens junger Menschen herausgearbeitet haben. Die Orientierungs- und Suchprozesse in der Welt digitaler Vorlagen, die Beschleunigung von quasi allem, das Wegbrechen des Schonraums Kindheit und das Agieren der Jugend im riskanten Experimentierraum getreu dem Motto „Sein heißt, medial stattfinden“, das veränderte Austausch- und Vernetzungshandeln in den Handlungsräumen entgrenzter digitaler Kommunikation und die wahrgenommenen neuen Möglichkeiten von Beteiligung und gesellschaftlicher Partizipation sind hier die zentralen Bezugspunkte.
Sie empfehlen eine aktive Begleitung durch Eltern und Fachkräfte. Was meinen Sie damit und wie kann mit dem Dilemma umgegangen werden, dass Regulierung und Schutz oft mit Einschränkung von Autonomie und Kreativität kollidieren?
Mit einer aktiven Begleitung meine ich, wie schon zu Zeiten von Fernsehen, Zeitschriften und Radio gefordert, dass Eltern Interesse am Medienumgang ihrer Kinder zeigen, zu Beginn hin und wieder mit dabei sind und damit auch Bindung und Beziehung stärken. Mit den zunehmenden Autonomien Heranwachsender sollten Eltern wie pädagogische Fachkräfte zumindest Interesse an den Medienerfahrungen ihrer Schützlinge zeigen, indem sie mit ihnen im Gespräch bleiben – sowohl was die positiven als auch die negativen Erfahrungen anbetrifft. Regulierung und Schutz im Erzieherischen sind nicht zwangsläufig mit Einschränkungen von Autonomie und Kreativität verbunden. Wir haben seit vielen Jahren das sinnvolle Konzept, dass sich junge Menschen in einem geschützten Raum am besten frei entfalten können. Ohnehin sehe ich Einschränkungen von Eigenaktivität und Kreativität junger Menschen im digitalen Raum weniger durch die ohnehin nur marginal vorhandene Regulierung im Netz, auch nicht durch das „Laufenlassen“ in vielen Familien, sondern vor allem durch die zunehmend personalisiert ausgesteuerten Kurzinputs, die junge Menschen in den letzten Jahren bei TikTok, Insta, YouTube & Co. vom Kreativ- in den Konsummodus gebracht haben.
Mit einer aktiven Begleitung meine ich, wie schon zu Zeiten von Fernsehen, Zeitschriften und Radio gefordert, dass Eltern Interesse am Medienumgang ihrer Kinder zeigen, zu Beginn hin und wieder mit dabei sind und damit auch Bindung und Beziehung stärken.“
Teilweise fehlen Eltern selbst digitale Kompetenzen oder sie sind verunsichert. Wie können Fachkräfte und Institutionen diese Ambivalenz auffangen?
Interessanterweise haben die Eltern von heute in ihrer Kindheit und Jugend meist selbst bereits ihre Erfahrungen mit digitalen Endgeräten und Anwendungen gemacht. Die frühen sozialen Netzwerkdienste, Onlinecommunitys, Videoplattformen und Computerspiele helfen ihnen in der heute von Social Media, Streaming und vernetzten Spielwelten umspannten Welt nur bedingt weiter. Die eigenen digitalen Kompetenzen steigen und Verunsicherungen sinken, wenn sich die Erziehenden die Dinge von ihren Kindern zeigen und erklären lassen. Und auch dann, wenn sie die an sie gerichteten etablierten Unterstützungsangebote kennen und die dort gegebenen Tipps im Erzieherischen umsetzen. Dahinter steht ja ein jahrelanges Engagement von Fachkräften und Institutionen, auch von Medienanbietenden selbst. Die Frage ist nur, wie wir es in der Breite zu den Erziehenden bekommen.
Neben all den Chancen und Potenzialen, die ein Aufwachsen in der Digitalität mit sich bringt, welche Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen zeichnen sich zunehmend ab?
Fokussiert auf neun markante Bereiche der Entwicklung und Sozialisation junger Menschen habe ich im Buch das durchaus unübersichtliche Feld strukturiert, welche Implikationen der Umgang mit digitalen Endgeräten und Anwendungen haben kann. Im Bereich der Identitätsbildung stehen einem bestärkenden Austausch unter Peers etwa die riskanten Selbstinszenierungen und unrealistischen Lebensentwürfe anderer gegenüber. Viele Jahre bekannt sind auch die förderlichen Aspekte eines aktiven Lernens beim Gaming und mögliche Sprachentwicklungsstörungen, Aufmerksamkeitsdefizite etc. bei Kindern durch lange Bildschirmzeiten. In den letzten Jahren – und das prägt heute auch den öffentlichen Diskurs – ist vor allem von den negativen Folgen einer exzessiven Social-Media-Nutzung für die mentale Gesundheit die Rede, etwa was ein problematisches Vergleichsverhalten und die zwanghafte Nutzung (FOMO) anbetrifft. Das Potenzial von Flow-Erleben und Gefühlsregulation wird hier zuweilen vergessen. Eng verbunden mit dem digitalen Austausch- und Vernetzungshandeln stehen dann auch die soziale und sexuelle Entwicklung sowie die politische Sozialisation junger Menschen heute unter digitalen Vorzeichen.

Daniel Hajok: Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt
Stuttgart: 2025 Kohlhammer. 274 Seiten, 34,00 Euro (E-Book 33,99 Euro)
Sie konstatieren, dass die digitalen Kommunikations- und Interaktionsrisiken im Leben junger Menschen in letzter Zeit relevanter geworden sind. Welche Erfahrungen machen Heranwachsende da?
In dem Maße, wie sich das Soziale immer weiter ins Netz verlagert hat und der kommunikative Austausch der Menschen zunehmend digital erfolgt, sind die Kommunikations- und Interaktionsrisiken im Leben von Kindern und Jugendlichen eine wichtige Größe geworden. Zentraler Hintergrund ist die zeitliche, räumliche und soziale Entgrenzung des digitalen Austauschs, die schon vor über 20 Jahren im Fachdiskurs systematisiert wurde und faktisch die Hemmschwellen im sozialen Miteinander sinken lässt. Seitdem reden wir von 15 bis 20 Prozent jungen Menschen mit Cybermobbingerfahrung. Gleicht man die Erkenntnisse des Hell- und Dunkelfeldes mit den endlich vorliegenden Daten zu den persönlichen Erfahrungen ab, dann ist davon auszugehen, dass mit den immer früheren Zugängen zur digitalen Welt die Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen mit Cybergrooming und nicht zuletzt die sexuellen Grenzverletzungen unter Heranwachsenden deutlich zugenommen haben.
Auch beim eigenen Medienhandeln junger Menschen nehmen wir zunehmend Verhaltensrisiken wahr: Cybermobbing, Mutproben, Challenges oder auch selbstverletzendes Verhalten sind hier Beispiele. Inwiefern müssen aus Ihrer Sicht dazu Medienkompetenzkonzepte überdacht und angepasst werden?
Die im eigenen Medienhandeln begründeten Risiken treiben mir als Jugendmedienschützer schon lange die Sorgenfalten in die Stirn. Fehlende Prävention nicht zuletzt im schulischen Kontext ist hier ein zentraler Faktor. Vielerorts wird leider vergessen, dass es noch immer an Aufklärung und Sichtbarmachen von Grenzen im Vorfeld des Eintauchens in digitale Welten fehlt und die nachgelagerten Interventionen dann nicht nur zu spät kommen, sondern am Beispiel der Kriminalisierung Jugendlicher durchaus moralisch bedenklich erscheinen. Die Übertragung der Konzepte, mit denen man gewaltfreie Kommunikation bereits in der Grundschule fördert, auf den in Kürze anstehenden Klassenchat, das gemeinsame Aushandeln von Regeln, wie man hier miteinander umgeht, ist dringend erforderlich. Das Konzept des Safer Sexting gibt es seit über zehn Jahren. Es zielt nicht darauf ab, etwas aus der Welt zu bekommen, was man nicht aus ihr herausbekommt, sondern den riskanten Austausch weniger riskant zu machen. Bezogen auf die gefährlichen Challenges und die Nahelegung von Selbstschädigungen ist neben den professionellen Zugängen zur Eigengefährdung auch die Sensibilisierung für Fremdgefährdungen angezeigt.
Die im eigenen Medienhandeln begründeten Risiken treiben mir als Jugendmedienschützer schon lange die Sorgenfalten in die Stirn.“
Bezüglich der Interaktions- und Verhaltensrisiken: An welchen Stellen halten Sie Regulierungs- oder Verbotsforderungen für wirkungslos oder gar kontraproduktiv?
Regulierungs- und Verbotsforderungen wie die aktuelle Diskussion um „Social Media ab 14 Jahren“, die ja nach aktuellen Daten auch Eltern befürworten, scheitern an den dafür noch fehlenden gesetzlichen Grundlagen und dem Erziehungsprivileg. Beim Handyverbot an Schulen stellt sich die Frage, wie man hier im Unterricht die Potenziale und Grenzen von ChatGPT für Schule und Hausaufgaben – immerhin das häufigste Nutzungsmotiv junger Menschen – am eigenen Gerät sicht- und erlebbar machen will. Gerade bei den Interaktionsrisiken kommen wir in unserer gesamtgesellschaftlichen Systematik weiterhin nicht darum herum, die Anbietenden zu verpflichten, zumindest Tools in ihre Angebote zu integrieren, die den Austausch und die Vernetzung der jungen Nutzer:innen über eben diese Dienste sicherer machen. Wie Safe-Search-Funktionen, begleitete und eingeschränkte Modi bei den Diensten zeigen, müssen diese aber von den Eltern aktiviert werden. Auch bei den neuen KI-Lösungen wird es zunächst so bleiben, dass mit dem Herunterladen der App erstmal alle Türen offen sind und nur einige davon von Eltern zum Schutz ihrer Kinder im Nachhinein geschlossen werden können. Das Wissen Erziehender um die Risiken und die Möglichkeiten ihrer Minimierung bleibt essenziell. Die Transparenz der vorgehaltenen Tools, Inhaltsdeskriptoren und Benennung möglicher Interaktions- und Kostenrisiken ist nur ein erster Schritt.
Wo sehen Sie die größten Forschungslücken in der empirischen Jugendmedienforschung und wie müsste Forschung in den nächsten fünf Jahren aussehen, um digitale Lebenswelten adäquat zu erfassen?
Eigentlich bräuchte die heutige Jugendmedienforschung nur die Daten, die den Anbietenden durch das systematische Erfassen all dessen, was junge Menschen mit ihren digitalen Endgeräten und den Diensten tun, selbstverständlich zur Verfügung stehen. Ganz im Ernst: Natürlich muss die Forschung möglichst genau das nachzeichnen, was junge Menschen in der digitalen Welt treiben. Abseits großer Repräsentativbefragungen macht sie das auch. Die Analysen dessen, was junge Menschen in ihren Angeboten öffentlich posten und kommentieren, sind längst nicht mehr zählbar. Und auch die Übersichten zur eigenen Nutzung des Smartphones quasi als Dreh- und Angelpunkt von allem, die Bildschirmzeiten insgesamt und für die genutzten Apps speziell, werden durchaus mit einbezogen. Die Frage der dahinterstehenden Motive, Nutzungsroutinen und Nutzungskontexte würde ich indes nicht in das Feld von Big Data und KI-Modellen schieben. Hier gibt es noch immer gute methodische Zugänge, die aus den Selbstauskünften Befragter auch Verborgenes hervorschälen und sozial erwünschtes Antwortverhalten minimieren können. Nicht zu vergessen ist auch, dass die großen Befragungsreihen längerfristig spannende Entwicklungen aufzeigen können.
Gerade rund um Weihnachten, einer Zeit, in der viele Kinder neue digitale Geräte bekommen, treten Medienkonflikte in Familien besonders deutlich zutage. Was beobachten Sie in solchen Übergangssituationen, und was wären aus Ihrer Sicht kluge Strategien, um Erwartungen, Regeln und Freiräume gut auszuhandeln?
Das ist ja der Klassiker, dass Endgeräte, Computerspiele, Gutscheinkarten, kostenpflichtige Dienste zum Geburtstag oder eben Weihnachten in den Besitz junger Menschen übergehen. Sinnvoll ist hier, die Erfüllung des Wunsches nicht nur in Aussicht zu stellen, sondern bereits im Vorfeld mit dem eigenen Kind vorurteilsfrei ins Gespräch zu gehen, mit einem offenen Wieso, Weshalb, Warum. Und vor allem: vorab und gemeinsam die Regeln auszuhandeln, ja sogar schriftlich zu vereinbaren, wie das Kind und ich als Elternteil dann mit dem neuen Ding im Leben umgehen. Klare Regeln zu den Nutzungszeiten, gern separat für unter der Woche und an den Wochenenden, und genutzten Diensten, Apps, Spielen etc. sind hier das A und O. Auch alltagspraktische Fragen wie das Einrichten des Endgerätes, der Einsatz von Schutzvorkehrungen und Nutzungsprofilen, die Einbindung in den erzieherischen Alltag und die Festlegung medienfreier Orte wie den Küchentisch und das Bett sowie Gespräche über grundlegende Funktionen, Potenziale und Risiken sollten Thema sein.

Daniel Hajok (Foto: privat)
Dr. Daniel Hajok ist Honorarprofessor am Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Erfurt und Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Kindheit, Jugend und neue Medien (AKJM) in Berlin.

Camilla Graubner (Foto: sh/fsf)
Camilla Graubner ist Redaktionsleiterin von „mediendiskurs“. Sie studierte Soziologie, Psychologie und Kommunikationswissenschaften.

Eva Lütticke (Foto: sh/fsf)
Eva Lütticke studierte Medienwissenschaften (M.A.) an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF. Zurzeit arbeitet sie als Redakteurin bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).