The Politics of Serial Television Fiction
Structural Developments, Narrative Themes, and the Nonlinear Turn
Bielefeld 2015: transcript
Rezensent/-in:
Lothar Mikos
Narrative Komplexität und Machtkämpfe in politischen Serien
Spätestens seit der Jahrtausendwende mit der Ausstrahlung von West Wing: Im Zentrum der Macht (USA 1999–2006, NBC) und der ersten Netflix-Originalserie House of Cards (USA 2013–2018, Netflix) haben politische Serien, die vorgeben, Einblicke ins Machtzentrum zu bieten und die komplexen Beziehungen und Ränke von Politiker*innen und Medien zu thematisieren, Konjunktur. Kein Wunder also, dass auch die Wissenschaft verstärkt Interesse an diesem Genre zeigt. Der Kulturmanager und ‑wissenschaftler Sebastian Naumann widmet sich in seiner Dissertation der Entwicklung politischer Serien und nimmt dabei nicht nur Produktionen angloamerikanischer Herkunft in den Blick.
Zunächst zeichnet der Autor die Entwicklung von Fernsehserien und den Weg der Erzählung von Politik im Spielfilm in den Serienbereich nach. Dabei thematisiert er unter anderem die konfliktreiche Beziehung zur historischen Wirklichkeit und das Verhältnis zum Realismus (vgl. S. 68 ff.). Wenn es um Serien geht, steht die „serielle Dramatisierung von Politik“ (S. 74) im Mittelpunkt. Zudem entwickelt er ein Modell zur Analyse von Serien, das drei Logiken miteinander verknüpft: 1) eine extratextuelle pragmatische Logik, die auf eine historische Wirklichkeit rekurriert, 2) eine dramatische Logik, die sich auf die Erzählweise und ästhetische Inszenierung bezieht, sowie 3) eine intradiegetische Logik, die der „Sammlung natürlicher, wirtschaftlicher, moralischer, politischer und gesellschaftlicher Gegebenheiten und Gesetze, die die fiktionale Welt bestimmen“, folgt (S. 98). Die drei Logiken unterscheiden sich zwar, stehen jedoch in wechselseitiger Abhängigkeit.
Der Autor nennt sein Analysemodell „kontextuell“, weil er es als integratives Modell versteht, das „textuelle und historische Kritik von populären TV-Serien“ vereint (S. 142). Dieses Instrumentarium wendet er auf die Analyse von sieben Serien an: The Crown (UK 2016–2023, Netflix), Veep – Die Vizepräsidentin (USA 2012–2019, HBO), Eichwald, MdB (D 2015–2019, ZDFneo), The Politician (USA 2019–2020, Netflix), Diener des Volkes (UKR 2015–2019, 1+1), Baron Noir (F 2016–2020, Canal+) und House of Cards. Besonders aufschlussreich ist seine Analyse der ukrainischen Serie mit Wolodymyr Selenskyj in der Hauptrolle (S. 241 ff.), die noch einmal die „historischen Parallelen zwischen der Serie und der Präsidentschaftswahl 2019“ in der Ukraine deutlich macht (S. 284) und zeigt, wie populistische Logik seriell dramatisiert wird.
Insgesamt bescheinigt der Autor den politischen Serien einen „strukturellen Konservatismus“, der aber eher ein „Ergebnis der dramatischen Logik der seriellen Wiederholung, als eine allgegenwärtige neoliberale Überzeugung in ihren historischen Akteursnetzwerken“ darstellt (S. 392). Schließlich können die fiktionalen Politiker*innen in den Serien nur innerhalb des politischen Systems agieren, in das sie eingebunden sind.
Das Buch bietet eine erhellende Lektüre zu den Parallelen zwischen politischen Serien und politischen Entwicklungen im 21. Jahrhundert. Leider haben sich kleine Ungenauigkeiten eingeschlichen, etwa wenn die NBC-Serie West Wing fälschlich als HBO-Produktion geführt wird. Das schmälert aber nicht die erkenntnisreiche Lektüre.
Prof. i. R. Dr. Lothar Mikos
Sämtliche Zitate wurden aus dem englischsprachigen Original vom Rezensenten ins Deutsche übertragen.
Sebastian Naumann: The Politics of Serial Television Fiction. Structural Developments, Narrative Themes, and the Nonlinear Turn. Bielefeld 2025: transcript. 432 Seiten, 59,00 Euro (auch Open Access)
