Toleranz statt Schlagabtausch
Tatsächlich haben Dilemmadiskussionen das Potenzial, eine positive Einstellungsänderung zu bewirken. Daher werden sie vermehrt in der Wertebildung angewandt (Koch u. a. 2007). Pädagoginnen und Pädagogen nutzen sie gezielt, um moralisches Urteilsvermögen und Toleranz zu fördern (Lind 2009; Maroshek-Klarman 1997; Kohlberg 1976). Eine der etabliertesten Methoden ist die Konstanzer Methode der Dilemmadiskussion (KMDD).
Die Konstanzer Methode der Dilemmadiskussion
Bei der KMDD diskutieren zwei Gruppen gegeneinander, um ihre Argumente möglichst überzeugend zu präsentieren. Nach der eigentlichen Debatte folgt ein entscheidender Moment: Beide Gruppen müssen die Argumente der Gegenseite in eine moralische Rangfolge bringen (Lind 2019; 2009). Diese Aufgabe ist essenziell, da die Teilnehmenden dadurch erkennen sollen, dass die andere Seite nicht per se verwerfliche Ansichten hat, sondern durchaus moralisch vertretbare Gründe. So entsteht ein Perspektivwechsel. Dies liegt am Kern des moralischen Dilemmas: Beide Seiten befürworten eine moralisch vertretbare Entscheidung (Dieringer 2019).
Diese Methode funktioniert nur bei echten moralischen Dilemmata, nicht bei Faktenstreitigkeiten oder fundamentalen Wertunterschieden. Wenn etwa über die Ausgaben für Tierschutz gestritten wird, vertreten die Parteien nicht zwei moralisch gleichwertige Positionen, sondern verschiedene ethische Logiken (Prinzipienethik – auch wenn es mich alles kostet, tue ich es, weil es richtig ist – versus Folgeethik – wenn ich kein Geld mehr habe, ist niemandem gedient). Es geht bei der Dilemmadiskussion also nicht darum, zwei unterschiedliche politische Parteien (z. B. konservativ versus liberal) diskutieren zu lassen, sondern zwei Gruppen, die beide in einer Dilemmafrage moralisch vertretbare Ansichten innehaben. Ein klassisches Beispiel ist hingegen die Debatte über das Recht auf Abtreibung: Schutz des ungeborenen Lebens versus Selbstbestimmungsrecht der Frau.
Die KMDD hat großes Potenzial, Toleranz zu fördern, ohne an Spannung zu verlieren. Allerdings ist die KMDD – wie auch andere vergleichbare Dilemmadiskussionen – aufwendig in der Durchführung. Dilemmadiskussionen erfordern geschulte Moderation, Zeit und finanzielle Ressourcen (Althof 2015; Lind 2019).
Dilemmadiskussionen, ob im Klassenzimmer, im digitalen Raum oder im Fernsehstudio, zeigen, dass Streit nicht zwangsläufig spaltet.“
Digitale Dilemmadiskussion – effizient und wirksam
In der Promotionsstudie von Stefanie Witter wurde untersucht, wie Dilemmadiskussionen digital und damit effizienter eingesetzt werden können. Die Ergebnisse liefern praxisnahe Hinweise, wie eine positive Einstellungsänderung auch digital gelingen kann. In den Studien wurden zwei unterschiedliche Formate beachtet: zum einen Livediskussionen, die auf der Videoplattform Zoom durchgeführt wurden, und zum anderen aufgezeichnete Diskussionen, die als Videos eingesetzt wurden.
Die Ergebnisse zeigen: Bei Livediskussionen sollte die Moderation betonen, dass sich hier zwei gesellschaftliche Lager gegenüberstehen und dass es für beide Seiten viele Befürworter gibt – es handelt sich also nicht um die Ansicht einer diskutierenden Einzelperson, sondern um die Sicht einer ganzen Gruppe. Wird beiden Gruppen Gewicht verliehen, fühlen sie sich in ihren jeweiligen Standpunkten ernst genommen. Diese Wahrnehmung ist zentral für eine positive Einstellungsänderung, da sichtbare Gruppenunterschiede paradoxerweise Verständigung begünstigen können (Brown/Hewstone 2005). Auch wenn eine Betonung der Gruppen und damit der Zwiespältigkeit im ersten Moment unsinnig erscheint, so stellte sich dieser Aspekt als Schlüsselfaktor für eine positive Einstellungsänderung heraus, da sich beide Seiten gehört statt überhört fühlten.
Die Studienergebnisse zeigen weiterhin, dass auch auf Video aufgezeichnete Diskussionen die Toleranz der Zuschauer und Zuschauerinnen fördern und im Gegensatz zur aktiven Diskussionsteilnahme in vielerlei Hinsicht sogar vorteilhaft sind. Sie reduzieren den mentalen Ressourcenaufwand des Zuschauers, da man ja nicht gleichzeitig teilnimmt, sondern nur beobachtet. Zudem polarisierten sich die Rezipienten hier nicht, während das in den Livediskussionen der Fall war. In Livedebatten neigen Menschen dazu, sofort zu kontern, statt zuzuhören (McGuire 1961). Bei Videoformaten dagegen ist „hochqualitatives Zuhören“ (Kluger/Itzchakov 2022) möglich, also ein konzentriertes, verstehendes Aufnehmen fremder Argumente. Für Talkshows ist das eine gute Nachricht: Aufgezeichnete Formate können nicht nur informieren, sondern auch Toleranz fördern.

Was Talkshows daraus lernen können
Dennoch: Nicht jede Dilemmadiskussion ist zwingend toleranzfördernd. Im Gegenteil: Wenn Diskussionen ausarten, können sie auch negative Auswirkungen mit sich bringen (Lind 2019).
Die Studien von Witter wurden nicht unter strengen Laborbedingungen durchgeführt, die Teilnehmenden waren bei sich zu Hause in gewohnter Umgebung – wie auch beim Fernsehen einer Talkshow. Es sind also die Struktur und Bedingungen einer toleranzfördernden Diskussion in Talkshows prinzipiell herstellbar. Doch wie? Dafür liefert u. a. die Kontakthypothese aus der Sozialpsychologie (Allport 1954) wichtige Hinweise:
(1) gleicher Status der Teilnehmenden,
(2) gemeinsame Ziele,
(3) ein unterstützendes normatives Klima und
(4) die Möglichkeit des anschließenden Austauschs (Spears/Tausch 2023).
In der KMDD werden die ersten drei Bedingungen durch einfache Regeln umgesetzt, die in Talkshows ebenfalls angewandt werden könnten. Die Teilnehmenden könnten sich abwechselnd gegenseitig aufrufen, statt von der Moderation aufgerufen zu werden. Dadurch soll laut der KMDD eine Statusgleichheit zwischen den Gruppen entstehen (1). Sie alle sollten das vorher festgelegte Ziel verfolgen, einem Konsens näherzukommen und einander verstehen zu lernen (2). Zudem sollten die Teilnehmenden während des Diskussionsverlaufs die gegnerischen Argumente nach ihrer moralischen Wertigkeit sortieren. Dadurch vergegenwärtigen sie sich, dass sie trotz unterschiedlicher Ansichten einer allgemein akzeptierten Moral (Beauchamp 2021) folgen, wodurch sich ein gemeinsames normatives Klima verfestigt (3). Schwieriger dürfte die vierte Bedingung – der nachträgliche Austausch – sein. Für Talkshows wäre etwa ein begleitender moderierter Chatraum denkbar, der auch nach der Sendung geöffnet bleibt.
Gerade die dritte Bedingung, Aktivierung einer gemeinsamen moralischen Grundlage, gilt als besonders wirksam: Gruppen mit einer gemeinsamen Gruppenmoral weisen eine höhere Tendenz zu einer intergruppalen Kooperation auf als andere Gruppen (Grigoryan u. a. 2023). In Witters Studie berichteten Teilnehmende, dass die moralische Rangfolge der Gegenargumente entscheidend für ihren Perspektivwechsel war.
TV-Shows und Talkshows können von diesen Ergebnissen lernen: Sie könnten die vier Bedingungen der Kontakthypothese in die Praxis umsetzen und dabei die KMDD beispielhaft als Vorbild nehmen. Zudem könnten sie beide Seiten konkret als gegensätzliche Lager benennen und akzeptieren – die Lager bleiben unterschiedlich, aber werden nicht abgewertet.
Wenn Gegensätze sichtbar gemacht, moralische Gemeinsamkeiten betont und faire Diskussionsstrukturen geschaffen werden, kann aus der vielfältig beklagten Polarisierung der Gesellschaft Verständigung entstehen.“
Beispielhafte Adaption der Vorschläge für die ZDF-Sendung 13 Fragen
Das vom ZDF geführte Format Unbubble (ZDF, seit 2020) strahlt Sendungen aus, die unterschiedliche Gruppen aus ihrer jeweiligen Blase herausführen sollen, um sie mit anderen Gruppen in den Austausch zu bringen. 13 Fragen ist eine dieser Sendungen und greift gesellschaftlich strittige Themen auf. Sie ähnelt in Struktur und Ton einer moderierten Dilemmadiskussion, allerdings ohne explizit ein moralisches Dilemma zu formulieren, stattdessen finden sich ethische Dissense: 13 Fragen zu Fotzen-Feminismus (ZDF, 17.09.2025). Oder: Offene Beziehung: 13 Fragen über Freiheiten (ZDF, 27.08.2025). Oder auch: 13 Fragen zum Thema Milliardäre (ZDF, 23.04.2025).
Auch bei diesen offenen ethischen Fragestellungen stehen auf beiden Seiten moralisch und ethisch vertretbare Prinzipien, womit die Grundvoraussetzung für eine Dilemmadiskussion gegeben ist. In der Sendung stehen sich sechs Teilnehmende gegenüber und beziehen zu 13 von der Moderation gestellten Fragen Stellung. Spannung wird aufgebaut, indem die Teilnehmenden versuchen, einander zu überzeugen: Wenn der Gegenseite zugestimmt wird, darf ein Schritt nach vorne gemacht werden, bei Ablehnung ein Schritt zurück. Es wird also kontrollierter Kontakt zwischen zwei Gruppen hergestellt. Damit hat das Format das Potenzial, eine positive Einstellungsänderung zu initiieren. Zudem wird beiden Seiten zugestanden, eine eigene Gruppe mit eigenen Ansichten zu sein. Damit wird bereits beiden Gruppen Gewicht verliehen und sie fühlen sich in ihren Standpunkten ernst genommen – so wie oben erläutert. Dieser Faktor könnte von der Moderation allerdings noch stärker betont werden, indem sie bei ihrer Einführung konkret die Gruppenunterschiede benennt und die Zuschauer dabei miteinbezieht. Auch sie sollen sich als Teil der einen oder anderen Gruppe fühlen. Diese klare Gruppenbenennung sollte zudem stets über die gesamte Sendung hinweg erfolgen.
Zudem könnte man die vier Bedingungen der Kontakthypothese ebenfalls ins Format übersetzen. Hier könnte konkret von der KMDD (Lind 2019) gelernt werden, indem sich die Gruppenmitglieder gegenseitig aufrufen, statt von der Moderation aufgerufen zu werden. Zusätzlich könnte die Gleichrangigkeit der beiden Lager fortlaufend erwähnt werden (1). Außerdem müsste das Ziel beider Gruppen klarer benannt und ebenfalls fortlaufend wiederholt werden (Konsensfindung). Dabei ist zu beachten, dass auch hier die Zuschauer zur Zielerreichung beitragen könnten (z. B. durch Kommentarfunktionen) (2). Darüber hinaus könnten die Gruppen jeweils eine moralische Rangfolge der Gegenargumente bilden (3). Konkret für die Umsetzung hieße das, dass die Argumente während der Diskussion stichpunktartig mitgeschrieben und für die Zeit der Rangfolgenerstellung eingeblendet werden. So könnten Zuschauer ebenfalls mitmachen und wären stärker involviert. Das Moderationsteam könnte vorher prüfen, welche Argumente es für beide Seiten gibt und ob die Erstellung einer moralischen Rangfolge sinnvoll ist, da dies nicht bei allen Konflikten der Fall ist (siehe oben). Zudem müsste der weitere Kontakt zum Austausch (4) für die Zuschauer bereitstehen (siehe oben). So ließe sich das Format als praktisches Beispiel politischer Bildung weiterentwickeln.

Fazit
Dilemmadiskussionen, ob im Klassenzimmer, im digitalen Raum oder im Fernsehstudio, zeigen, dass Streit nicht zwangsläufig spaltet. Wenn Gegensätze sichtbar gemacht, moralische Gemeinsamkeiten betont und faire Diskussionsstrukturen geschaffen werden, kann aus der vielfältig beklagten Polarisierung der Gesellschaft Verständigung entstehen. Talkshows, die diese Prinzipien aufgreifen, könnten mehr leisten, als nur Meinungsshows zu sein: Sie könnten Orte gelebter Toleranz werden. Einen Versuch wäre es wert.
Literatur:
Allport, G.: The nature of prejudice. Boston 1954
Althof, W.: Just Community Sources and Transformations: A Conceptual Archaelogy of Kohlberg’s Approach to Moral and Democratic Schooling. In: D. Garz/E. Nowak/B. Zizek (Hrsg.): Kohlberg Revisited: Moral Development and Citizenship Education. Rotterdam 2015, S. 51–89. Abrufbar unter: https://doi.org/10.1007/978-94-6300-079-6_4
Beauchamp, T. L.: Der ‚Vier-Prinzipien‘-Ansatz in der Medizinethik. In: N. Biller-Andorno/S. Monteverde/T. Krones/T. Eichinger (Hrsg.): Medizinethik. Wiesbaden 2021, S. 71–90. Abrufbar unter: https://doi.org/10.1007/978-3-658-27696-6
Brown, R./Hewstone, M.: An Integrative Theory of Intergroup Contact. In: Advances in Experimental Social Psychology, Dezember 2005/37, S. 255–343. Abrufbar unter: https://doi.org/10.1016/S0065-2601(05)37005-5
Dieringer, V.: Dilemma und Dissens. Zur Relevanz der Unterscheidung zweier Typen moralischer Konflikte für ethische Fallbesprechungen. In: Onlinezeitschrift für Beratungswissenschaft und Supervision „FoRuM Supervision“, 54/2019/27, S. 8–20. Abrufbar unter: https://doi.org/10.4119/fs-3151
Grigoryan, L./Seo, S./Simunovic, D./Hofmann, W.: Helping the ingroup versus harming the outgroup: Evidence from morality-based groups. In: Journal of Experimental Social Psychology, März 2023/105, S. 1–10. Abrufbar unter: https://doi.org/10.1016/j.jesp.2022.104436
Kluger, A. N./Itzchakov, G.: The Power of Listening at Work. In: Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, 1/2022/9, S. 121–146. Abrufbar unter: https://doi.org/10.1146/annurev-orgpsych-012420-091013
Koch, C./Hegemann, H./Grosch, F./Wehner, M.: Urteil und Dilemma (Themenblätter im Unterricht Nr. 64). Bundeszentrale für politische Bildung, April 2007. Abrufbar unter: https://www.bpb.de
Kohlberg, L.: Moralstufen und Moralerwerb: Der kognitiventwicklungstheoretische Ansatz. In: L. Kohlberg (Hrsg.): Die Psychologie der Moralentwicklung. Frankfurt am Main 1976, S. 123–174
Lind, G.: Moral ist lehrbar. Handbuch zur Theorie und Praxis moralischer und demokratischer Bildung. München 20092
Lind, G.: Moral ist lehrbar! Wie man moralisch-demokratische Fähigkeiten fördern und damit Gewalt, Betrug und Macht mindern kann. Berlin 20194
Maroshek-Klarman, U.: Miteinander – Erfahrungen mit Betzavta [1997]. Adaption in: S. Ulrich/T. Henschel/E. Oswald: Praxishandbuch für die politische Bildung (Band 1). Gütersloh 20013
McGuire, W.: The Effectiveness of Supportive and Refutational Defenses in Immunizing and Restoring Beliefs Against Persuasion. In: Sociometry, 2/1961/24, S. 184–197. Abrufbar unter: https://doi.org/10.2307/2786067
Schwarz, G.: Konfliktmanagement. Konflikte erkennen, analysieren, lösen. Wiesbaden 20149. Abrufbar unter: https://doi.org/10.1007/978-3-8349-4598-3
Spears, R./Tausch, N.: Vorurteile und Intergruppen-beziehungen. In: J. Ulrich/W. Stroebe/M. Hewstone (Hrsg.): Sozialpsychologie. Berlin 20237, S. 497-542. Abrufbar unter: https://doi.org/10.1007/978-3-662-65297-8
ZDF: Unbubble. In: ZDF, seit 2020. Abrufbar unter: https://www.zdf.de
ZDF: Superjachten, Privatjets & Co. In: ZDF, 23.04.2025. Abrufbar unter: https://www.zdf.de
ZDF: Offene Beziehung – (nur) Freifahrtschein zum Fremdgehen? In: ZDF, 27.08.2025. Abrufbar unter: https://www.zdf.de
ZDF: Fotzig, bratty, bold: der bessere Feminismus? Diskussion in 13 Fragen. In: ZDF, 17.09.2025. Abrufbar unter: https://www.zdf.de

Stefanie Witter (Foto: privat)
Stefanie Witter ist Doktorandin an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg in Kooperation mit der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt im Fachbereich „Medienkommunikation“. Zudem ist sie staatlich anerkannte Sozialpädagogin und studierte International Social Work with Refugees and Migrants (MA) an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt.

Frank Schwab (Foto: Universität Würzburg)
Dr. Frank Schwab ist Professor für Medienpsychologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

Dagmar Unz (Foto: privat)
Dr. Dagmar Unz ist Professorin für Kommunikationswissenschaft und Medienpsychologie an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt.