Aktuelle Themen:
GEWALT   |  ALTERSVERIFIKATION  |  KI  |  SOCIAL MEDIA

 

Transkulturelle Medien und Kommunikation

Nadja-Christina Schneider

Baden-Baden 2025: Nomos Verlagsgesellschaft
Rezensent/-in: Lothar Mikos

Buchbesprechung

Online seit 09.12.2025: Link

Transkulturelle Medien und Kommunikation 

In öffentlichen und (kultur-)politischen Debatten um kulturelle Aneignung oder koloniale Ausbeutung und den Raub von Kulturgütern geht vieles durcheinander, denn die Fakten sind komplizierter als viele Aktivist*innen meinen. Die Südasienwissenschaftlerin Nadja-Christina Schneider versucht diese Debatten auf ebenso theoretische wie faktenbasierte Grundlagen zu stellen. Dabei zeigt sich, wie komplex und kompliziert manche kulturellen Beziehungen sind. Vor allem aber wird in ihrem Buch deutlich, dass sich die Gesellschaften in aller Welt in den letzten Jahrhunderten kulturell gewandelt haben und im Zusammenhang mit einem kulturellen Erbe nicht von nationalstaatlich geprägten Kulturen ausgegangen werden kann. 

Schneider diskutiert die verschiedenen Dimensionen des Kulturbegriffs in modernen Gesellschaften: a) Interkulturalität meint „die Bedingungen des Zusammentreffens zweier oder mehrerer Kulturen“ (S. 13), b) Multikulturalität die Koexistenz von verschiedenen Kulturen innerhalb einer Gesellschaft, c) Plurikulturalität die „inhärente Vielfalt jeder Kultur“, und d) Transkulturalität giltals dynamischer Kulturbegriff, der den permanenten Wandel von Kulturen einbezieht. Mit dieser Begrifflichkeit wird „die moderne Vorstellung von homogenen und scheinbar klar voneinander abgrenzbaren Kulturen“ (ebd.) in Frage gestellt. Wenn Kulturen gewissermaßen immer im Fluss sind, dann hat dieses Verständnis deutliche Auswirkungen auf die oben genannten Debatten. 

Der Autorin gelingt eine entemotionalisierte Betrachtung, die kulturelle und (post‑)koloniale Phänomene auf eine differenzierte und sachliche Basis stellen. Auch wenn Schneider Transkulturalisierung „als fortlaufenden Prozess der Geschichte“ beschreibt, der viele Identitäten hervorbringt, die sich aus verschiedenen Kulturen speisen, wird in der öffentlichen (Medien‑)Diskussion und der politischen Debatte von einem Zusammenhang von Kultur und Territorium (z. B. Regionen oder Nationalstaaten) ausgegangen. Das entspricht jedoch nicht mehr den transkulturellen Realitäten. Denn die moderne Geschichte – zu der auch Kolonialismus und Imperialismus gehören – wird „als ein Ensemble von transkulturellen Verflechtungen verstanden“ (S. 54). Gerade die zunehmende Mobilität in Zeiten der Globalisierung sowie Arbeitsmigration und Fluchtbewegungen haben dazu geführt, dass die Frage nach den kulturellen Wurzeln (roots) um die Frage nach den kulturellen Wegen (routes) ergänzt werden muss. Damit ist der „Versuch einer Loslösung von der Idee eines territorialen Ursprungs und damit verknüpften Mythos der Rückkehr“ verbunden (S. 81). Das hat zum einen Folgen für die Rückgabe von Kulturgütern, wenn diese „nicht mehr als ausschließlich nationales Eigentum verstanden werden“ (S. 129), und andererseits Folgen für die Diskussion um kulturelle Aneignung, wenn Mobilität ein zentrales Element von Transkulturalität ist. Das macht die Autorin am Beispiel des Yoga deutlich, das in seiner heutigen Form aus einer Verbindung der ursprünglichen Körperhaltungen mit britischen Fitnessübungen während der Kolonialzeit in Indien entstanden ist (vgl. S. 114 f.). Zudem sei Yoga in Indien eine von nationalistischen Hindus unter der Regierung Modi vereinnahmte Praxis, die „historisch von höherstehenden Kasten dominiert wurde“ (S. 116) und mit Diskriminierung einhergehe. Tieferstehende Kasten sehen im Yoga unter anderem „ein Instrument ihrer Unterdrückung“ (ebd.). Es bleibt kompliziert. 

Am Ende des Bandes zeigt die Autorin drei Forschungsfelder transkultureller Medienpraktiken auf: transkulturelle Erinnerungsarchive, transregionale Filmkooperationen und mediatisierte urbane Protestpraktiken. 

Insgesamt bietet das Buch einen hervorragenden Überblick über die theoretische Basis von kultureller Aneignung und Postkolonialismus. Da die Autorin viel mit praktischen Beispielen arbeitet, geraten auch die theoretischen Überlegungen sehr anschaulich. Wer sich an den aktuellen Debatten um die Rückgabe von Kulturgütern oder um kulturelle Aneignung kompetent beteiligen möchte, kommt um das Buch von Nadja-Christina Schneider mit ihrem differenzierten und differenzierenden Blick nicht herum.

Prof. i. R. Dr. Lothar Mikos


Nadja-Christina Schneider: Transkulturelle Medien und Kommunikation. Baden-Baden 2025: Nomos. 169 Seiten, 21,90 Euro (eBook: 21,90 Euro)