Verloren im Wandel?
Gesellschaftliche Ängste und Veränderungen als Erzählgegenstände im Film
The Change
Während der Feier zu ihrem 25. Hochzeitstag begegnet die Universitätsprofessorin Ellen (Diane Lane) einer früheren Studentin: Liz (Phoebe Dynevor) ist die neue Freundin ihres Sohnes Josh (Dylan O’Brien). Ellen ahnt, dass dieses Zusammentreffen nichts Gutes bedeutet. Wegen rechtsextremer Thesen in ihrer Masterarbeit, die Ellen betreut hatte, wurde Liz seinerzeit stark angefeindet und verließ die Universität in Ungnade. Jetzt hat sie aus ihren Thesen, eine neue Nation als diktatorischen Einparteienstaat aufzubauen, zusammen mit Josh, der bislang ein erfolgloser Schriftsteller war, ein Buch gemacht. Es heißt The Change und wird ein Bestseller. Was Ellen einst als absurdes politisches Hirngespinst belächelte, wird nun bald zur Roadmap für die Zerstörung der Demokratie in den USA, wobei Liz und Josh zu politischen Führern der Bewegung werden.
Doch damit nicht genug, dass Liz Ellens liberale politische Weltsicht komplett auf den Kopf stellt, sie nutzt die unterschwelligen Spannungen und die Aufdeckung versteckter und im Zusammenleben überspielter Geheimnisse in der Familie von Ellen und ihrem Mann Paul (Kyle Chandler), einem erfolgreichen Koch und Restaurantbesitzer, geschickt für ihren Versuch, nicht nur Josh, sondern ebenso seine Geschwister Cynthia (Zoey Detch) und Birdie (Mckenna Grace) geschickt gegen Ellen auszuspielen und auf ihre Seite zu ziehen. Einzig Joshs Schwester Anna (Madeleine Brewer), eine erfolgreiche Kabarettistin, wehrt sich auf ihre Weise, bis sie gewaltsam von rechtsgerichteten Schlägertrupps darin gehindert wird, weiter aufzutreten. Sie geht in den Untergrund und leistet Widerstand.
Während Ellen noch daran glaubt, dass am Ende der gesunde Menschenverstand dem rechtspopulistischen Aufstand ein Ende setzen wird, und Paul hofft, dass alles schon nicht so schlimm kommt, setzt Birdie, die Liz anfänglich auf den Leim gegangen war, mit einer radikalen Tat ein Fanal gegen den Wandel zur Diktatur, reißt damit die Familie aber endgültig in den Abgrund.
Regisseur Jan Komasa entfaltet in The Change (USA 2025) die düstere Vision von der Zerstörung einer Familie durch sich wandelnde politische Umstände, wobei seine Geschichte geradezu idealtypisch der Dramaturgie des bürgerlichen Trauerspiels folgt.
Trailer The Change (Tobis, 18.09.2025)
Der „postfaschistische Weg“
Angesichts des realen politischen Szenarios in den USA kann man den Eindruck gewinnen, dass das Geschehen in The Change tatsächlich von der Leinwand herunterspringen und im wahren Leben – zumindest in den USA – bald bittere Realität werden könnte.
Nach dem ersten Jahr von Donald Trumps zweiter Amtszeit als US-Präsident konstatierte der Historiker Sven Reichardt, dass „unter Trump II […] viel systematischer an der Umgestaltung der amerikanischen Demokratie gearbeitet [wird] als in seiner ersten Amtszeit“ (Schloemann/Zick 2026). Faschismusforscher Reichardt bezeichnet die aktuellen Entwicklungen in den USA als eine Form des „Postfaschismus“ (ebd.), wobei er einräumt: „Noch kann man ihn abwählen, noch ist das ohne Probleme möglich“ (ebd.). Noch funktioniert die US-Demokratie und eine aktive Zivilgesellschaft organisiert Massenproteste gegen die Maßnahmen der Trump-Administration, zuletzt nach den Todesschüssen durch ICE-Beamte in Minneapolis im Januar 2026.
Das demokratische Hollywood ist Bestandteil dieses Widerstands. Die Filmemacher entwickeln hierbei unterschiedliche Erzählstrategien.
Schocktherapie
Filme wie Komasas The Change (nach der Kinoauswertung nun bei Amazon Prime) oder Alex Garlands Civil War (GB/USA 2024, aktuell bei Netflix) verabreichen dem Publikum eine Art Schocktherapie, um es aufzurütteln. Garland, Autor und Regisseur des meisterhaften KI-Thrillers Ex Machina (GB 2014) sowie neben Danny Boyle als Drehbuchautor kreativer Kopf der 28 Days-Filmreihe (GB/USA 2002–2025), weiß genau, wie man mögliche, zumeist düstere Weiterentwicklungen sozialer und politischer Tendenzen in der Fiktion weiterdenkt.
In Civil War kommt es in Kalifornien und Texas zu massiven Aufständen, nachdem sich der US-Präsident (Nick Oferman) verfassungswidrig eine dritte Amtszeit erkämpft hat. Diese münden in einen zweiten Amerikanischen Bürgerkrieg. Zeitlich beginnt der Film wenige Tage, bevor die Rebellen Washington, D.C. erobern und die Regierungstruppen und deren Verbündete besiegen. Fotojournalistin Lee (Kirsten Dunst) macht sich mit ihren Kollegen Joel (Wagner Moura) und Sammy (Stephen Henderson) sowie der jungen Fotografin Jessi (Cailee Spaney), die sie während einer Demonstration vor einem Selbstmordattentat gerettet hatte, von New York aus auf den Weg nach Washington. Lee und Joel wollen das letzte Interview mit dem Präsidenten führen, bevor sein Regime fällt. Auf der gefahrvollen Reise werden sie mit den brutalen Auswirkungen des Bürgerkriegs konfrontiert: Sie sehen gefolterte Menschen, erleben Lynchjustiz und weiße Rassisten, die Mitbürger anderer Hautfarbe drangsalieren und kaltblütig erschießen. Bei der Flucht der Journalistengruppe vor rechtsextremen Milizionären stirbt Lees Mentor Sammy. Und schließlich wird es Jessie sein, die die Fotos von der Ermordung des Präsidenten durch die Rebellen macht, nachdem Lee im Weißen Haus bei dem Versuch, Jessie vor dem Kugelhagel der Secret-Service-Agenten zu retten, selbst getroffen zu Boden sinkt und stirbt.
Trailer Civil War (KinoCheck, 18.01.2024)
So unbehaglich und zunehmend grausam die Reise der Fotojournalistin Lee und ihrer Kollegen für das Publikum auch wird, die Schreckensvision des Bürgerkriegs bildet letztlich nur den spektakulären Hintergrund für einen Actionfilm. Das brutale Geschehen vermittelt sich in dramatischen Kamerabewegungen, schnell geschnittenen Montagesequenzen, unterlegt mit einer treibenden Filmmusik – so befriedigt der Film einerseits die Sensationslust der Zuschauenden, während zugleich die mahnende Botschaft wiederholt wird, es niemals so weit kommen zu lassen.
Garlands Film rekurriert zwar auf die Angst beim Zuschauer, dass sich die aktuellen politischen Konflikte in den USA zu einem Bürgerkrieg ausweiten könnten; die durch die Figuren vertretenen moralischen und kritischen politischen Positionen bleiben aber durchweg Attitüde, das Szenario des Bürgerkriegs weitgehend unerklärt, und die politische und militärische Lage wird nur in wenigen Dialogen bruchstückhaft erläutert.
Demgegenüber ist Komasos Filmdrama The Change weitaus beängstigender. Hier bleibt der Zuschauer nicht außenstehender Beobachter, sondern wird konfrontiert mit dem Eindringen einer bösen politischen Macht in die Privatsphäre. Die dargestellte Familie und ihre Mitglieder dürfen als Prototypen einer liberalen demokratischen Gesellschaft gesehen werden. Daher bieten sie diverse Identifikations- und Empathie-Angebote für das Publikum an, sodass deren Existenzbedrohung und ‑vernichtung psychologisch tiefgreifend wirkt und den Zuschauer nachhaltig mitreißt
Im Kanon der US-Filme, die auf aktuelle gesellschaftliche Transformationsprozesse Bezug nehmen, bildet Komasas Film eine seltene Ausnahme. Zumeist nutzen Regisseure lediglich einzelne Versatzstücke aus der aktuellen politischen US-amerikanischen Realität als Hintergrundszenario ihrer Filmplots. So zeigt beispielsweise der Autor und Regisseur Paul Thomas Anderson in seiner hochgelobten und mittlerweile preisgekrönten Actionkomödie One Battle After Another (USA 2025) eine Aktivistengruppe im Kampf gegen Abschiebepraktiken, die denen der Einwanderungsbehörde ICE in der zweiten Amtszeit von Präsident Trump ähneln. Der Film karikiert den rassistischen Offizier Steven Lockjaw (Sean Penn), der die Abschiebetruppe leitet. Bei dessen Figurenzeichnung hat Anderson sich offensichtlich durch die reale Person des Gregory Bovino inspirieren lassen, dem ICE-Chef, der nach den Todesschüssen von Minneapolis abgelöst wurde, bis dahin äußerst martialisch aufgetreten war und durch seine Kleidung u. a. zum Ausdruck brachte, dass er offenbar BDSM-Sexpraktiken favorisierte (vgl. Häntzschel 2026). Anderson stattet seine Offiziersfigur nun mit eben jenen sexuellen Vorlieben aus, belässt es in seiner schwarzen Komödie aber nicht bei einer bloßen Übernahme, sondern zeigt augenzwinkernd, welche Probleme seine Figur durch den sadomasochistischen Sex mit einer schwarzen Aktivistin in seinem rechtsextremen Umfeld bekommt (vgl. Barg 2025).
Trailer One Battle After Another (Warner Bros., 24.07.2025)
Weltuntergang als Mysterienspiel
In Sam Esmails Thriller Leave the World Behind (USA 2023) machen Clay und Amanda Sanford (Ethan Hawk/Julia Roberts) mit ihren Kindern Archie und Rose (Charlie Evans/Farrah Mackenzie) einen spontanen Kurzurlaub in einer Luxusvilla auf Long Island. Schnell kommt es zu merkwürdigen Zwischenfällen: Ein riesiger Tanker fährt offenbar manövrierunfähig auf den nahe gelegenen Strand. Es kommt zu Stromausfällen. Die Telekommunikation bricht zusammen. Passagierflugzeuge stürzen vom Himmel. Die Tiere des Waldes rotten sich zusammen und bedrohen die Hausbewohner. Flugblätter in arabischer Schrift mit feindseligen Botschaften werden von einer riesigen Drohne abgeworfen.
Esmails Film zeigt, wie die Familie und der wenig später auftauchende Besitzer des Hauses George Scott (Mahershala Ali) und seine Tochter Ruth (Myha’la Herrold) auf die Bedrohungen reagieren. Die Figuren reimen sich viele Erklärungen zusammen, doch letztlich liefert Leave the World Behind nur ein bildgewaltiges Weltuntergangsszenario ohne jede plausible Auflösung des Plots. Der von Higher Ground Productions, einem Medienunternehmen von Ex-US-Präsident Barack Obama und seiner Frau Michelle, mitproduzierte Film bündelt alle möglichen, individuellen, aktuell in der Gesellschaft kursierenden Ängste zu einem Mysterienspiel, das das Publikum ratlos zurücklässt und die Geschichte der Sanfords mit einem bösen und sarkastischen, gleichwohl offenen Schluss enden lässt.
Trailer Leave the World Behind (Netflix, 24.10.2023)
Atomkriegsängste
Weniger effektheischend als vielmehr erschreckend realistisch geht Kathrin Bigelows Netflix-Film A House of Dynamite (USA 2024) mit einer elementaren gesellschaftlichen Angst, der Angst vor einem Atomkrieg, um: Eine mit Atomsprengköpfen bestückte Interkontinentalrakete wird von einer unbekannten gegnerischen Nation vom Pazifik aus auf die USA abgefeuert. Das in Alaska stationierte Kommando der US-Armee erfasst das Objekt auf ihren Bildschirmen erst über dem Nordatlantik. Als die Rakete die Flugbahn ändert, errechnen Ballistiker Chicago als Ziel des Atomangriffs. Aus der ersten Annahme, es könne sich um eine Testrakete handeln, wird nun die Gewissheit, dass es sich um einen Ernstfall handelt. In der Kommandozentrale wächst die Anspannung der Soldaten im Umfeld des leitenden Offiziers Major Gonzalez (Anthony Ramos). Und als das vom Pentagon befohlene Abfangmanöver mit bodengestützten Raketen von der Alaska-Basis misslingt, bricht offene Panik aus. Bis zum Einschlag der Atombombe in Chicago bleiben nur noch wenige Minuten.
Actionspezialistin Bigelow verzichtet auf jede übermäßige Dramatik, sie zeigt vielmehr ganz nüchtern, dass es schwer ist, eine Atomrakete aufzuhalten, wenn sie erst einmal in der Luft ist: „Hit a bullet with a bullet“ ist fast unmöglich. Diese militärische Perspektive verbindet Bigelow in ihrem Episodenfilm mit zwei weiteren Perspektiven, mit der von militärischen, politischen und diplomatischen Entscheidern in Washington, D.C. sowie mit der Perspektive des US-Präsidenten (Idris Elba). Hierbei belässt die Dramaturgie des Films die jeweiligen Episoden und deren Perspektiven auf das Geschehen nicht für sich, sondern verzahnt sie auf raffinierte Weise in der erzählten Zeit des Films, die die letzten 19 Minuten vor dem Raketeneinschlag umfasst.
Ähnlich wie Leave the World Behind endet Bigelows Geschichte mit einem offenen Schluss. Doch während Esmails Fiktion nur ein spektakuläres Spiel mit allen möglichen gesellschaftlichen Ängsten präsentiert, animiert der Schluss von A House of Dynamite dazu, über die reale, im Alltag verdrängte Gefahr durch eine Welt voller Atomwaffen nachzudenken. Eine sehr aktuelle Mahnung, gerade jetzt, nachdem am 4. Februar 2026 der New-START-Vertrag zwischen den USA und Russland ausgelaufen ist. Er hatte die Zahl der Atomwaffen der USA und Russlands bislang begrenzt (vgl. Klüver/Nienhuysen 2026). Unter Trump und Putin dürfte nun ein neues Wettrüsten beginnen, an dem sich China und weitere Atommächte wohl schnell beteiligen werden. Zukünftig wird es nicht weniger, sondern wohl noch mehr Sprengstoff im Haus der Welt geben.
Trailer A House of Dynamite (KinoCheck Heimkino und KinoCheck, 25.09.2025)
Fazit
Auf aktuelle deutsche Produktionen konnte in diesem Beitrag leider nicht eingegangen werden. Die politische Realität der Bundesrepublik, in der sich zum Glück derzeit nicht so krass wie in den USA gleichwohl doch deutliche Tendenzen zu Demokratiedefiziten und Rechtspopulismus zeigen, findet im aktuellen deutschen Kino keine Reflexionsfläche. Eine aktuelle Studie der Universität München zu Akteurskonstellationen und Wirklichkeitskonstruktionen in deutschen Kinofilmen bestätigt, dass nur „in den Geschichtsfilmen […] das politische Geschehen […] fast immer einen prominenten Platz ein[nimmt]“ (Wiedemann 2025, S. 251). Die Mehrheit der Gegenwartsfilme entwirft demgegenüber „eine im Großen und Ganzen funktionierende Gesellschaft“ (ebd., S. 242), in der „der Staat […] kaum in Erscheinung tritt“ (ebd., S. 243).
Thomas Wiedemann untersuchte, ergänzt durch Experteninterviews und Dokumente, 40 geförderte deutsche Kinofilme, die in einen Zeitraum von neun Jahren ins Kino gekommen waren. Dabei arbeitete er die durch das Fördersystem favorisierten Erzählstandards heraus. Es wird deutlich, dass das Fördersystem positive Gesellschaftsbilder forciert. Und da die Prioritätensetzung der Förderer bei den Produktionsfirmen nicht unbemerkt bleibt, fließt sie in die Auswahl der Stoffe und Genres mit ein, um die Förderchancen der eigenen Produktionen zu erhöhen.
„Deep Endings“ oder pessimistische Sichtweisen auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen wie in den zuvor beschriebenen US-Filmen werden vermieden. Deutsche Kinofilme zeichnen sich vielmehr oft durch eine Harmonisierung der dargestellten Konflikte im Schlussteil aus. Solche Leinwandappelle an (gesellschaftlichen) Zusammenhalt sind ohne Zweifel wichtig, nutzen sich aber auf die Dauer ab, wirken einschläfernd, ja vielleicht sogar entpolitisierend. Demgegenüber bietet – wie zuvor anhand der US-Filme gezeigt wurde – die direkte, zum Ende hin offene, manchmal auch sarkastische und pessimistische Darstellung politischer Realität und deren Auswirkungen dem Publikum hinreichend Anlässe zum aktiven Mit- und Nachdenken über das Gesehene. Vielleicht ermuntern solch offene Erzählstrategien sogar zum Widerspruch.
Quellen:
Barg, W. C.: Körperbilder – so alt wie das Kino selbst. In: mediendiskurs.online, 29.12.2025. Abrufbar unter: mediendiskurs.online (letzter Zugriff: 16.02.2026)
Häntzschel, J. (2026): Oberster Stilist der Grausamkeit. In: sueddeutsche.de, 19.01.2026. Abrufbar unter: www.sueddeutsche.de (letzter Zugriff: 16.02.2026)
Klüver, R./Nienhuysen, F.: Bahn frei für ein neues atomares Wettrüsten. In: sueddeutsche.de , 04.02.2026. Abrufbar unter: www.sueddeutsche.de (letzter Zugriff: 16.02.2026)
Schloemann, J./Zick, T.: „Trump würde nie sagen, dass er der neue Hitler ist“. Interview mit dem Historiker Sven Reichardt.In: sueddeutsche.de, 19.01.2026. Abrufbar unter: www.sueddeutsche.de (letzter Zugriff: 16.02.2026)
Wiedemann, T.: Deutscher Kinospielfilm. Akteurskonstellationen und Wirklichkeitskonstruktion im Zeichen des Filmfördersystems. Köln 2025
