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Vom Einzelnen zur Gemeinschaft

Die Filme der Sektion „Generation“ der 76. Internationalen Filmfestspiele Berlin

Moritz Stock

Wie jedes Jahr wurde auch bei den 76. Internationalen Filmfestspielen Berlin ein besonderer Fokus auf den internationalen Kinder- und Jugendfilm gelegt. In den Sektionen „Generation Kplus” und „Generation 14plus” wurden 41 Kurz- und Langfilme präsentiert, die einen genaueren Blick auf den Kinder- und Jugendfilm abseits des Kinomainstreams ermöglichten. Mit dieser Sektion, die über eine eigene Kinder- und Jugendjury verfügt und Schulklassen Raum für die Erkundung der Filme bietet, gibt die Berlinale einer besonders kinoaffinen Zielgruppe die Möglichkeit zu einer diverseren Filmsozialisation.

Online seit 11.03.2026: Link

Insbesondere die 6- bis 9-Jährigen (73 % dieser Altersgruppe waren 2024 mindestens einmal im Kino) und die 10- bis 14-Jährigen (79 %) gehen überdurchschnittlich oft ins Kino. Bei den 15- bis 19-Jährigen waren es mit 62 % etwas weniger, aber immer noch fast doppelt so viele wie der Durchschnitt (32 %). Auf die Altersgruppe von 0 bis 14 Jahren entfielen 21 % aller verkauften Kinotickets (Filmförderungsanstalt 2024). In dem demografisch alten Land Deutschland ist das Kino damit weiterhin ein junger Ort.

Dementsprechend dominieren bei den „Top 25 Filmtiteln“ (Filmförderungsanstalt 2025) nach Anzahl der verkauften Tickets Familienfilme, die jedoch ausschließlich aus Adaptionen, Fortsetzungen oder Remakes bestehen. An der Spitze des Kinojahres 2025 stand die Videospiel-Adaption Ein Minecraft Film, gefolgt von der Disney-Realverfilmung Lilo &Stitchder Fortsetzung Paddington in Peru und Mufasa – Der König der Löwen.

Kommerziell erfolgreiche Jugend- und Coming-of-Age-Filme findet man im deutschen Kino dagegen kaum noch. Der Versuch, an den populären Jugendfilm der 2000erJahre anzuknüpfen, als Filme wie Crazy oder Mädchen, Mädchen von einem breiten jugendlichen Publikum im Kino gesehen wurden, schlug im Jahr 2025 mit Mädchen, Mädchen! Hot Girl Summer fehl. 

Filme und Jugenderzählungen haben sich in Streamingumfelder wie Netflix, Amazon Prime Video oder den öffentlich-rechtlichen Anbietern funk (hier ist besonders das transmediale Erzählexperiment DRUCK zu nennen) oder ZDFneo verschoben. Gerade Amazon Prime hatte mit The Summer I Turned Pretty und Maxton Hall zwei populäre Formate auf der Plattform, die gerade auch von Jugendlichen intensiv und leidenschaftlich rezipiert wurden. Aktuell dominiert bei jungen Zuschauenden die kanadische Produktion Heated Rivalry die Diskussion in den sozialen Medien.
 

Trailer Heated Rivalry (KinoCheck Heimkino, 30.01.2026)


 

Die Sektion „Generation“ der Berlinale 2026

Die Stärke der „Generation“ besteht darin, einem jungen Publikum Lust auf das gemeinsame Schauen internationaler Kinder- und Jugendfilme zu machen, die im regulären Kinobetrieb nicht gezeigt werden oder untergehen würden. Das gemeinsame Schauen und anschließende Diskutieren mit dem Filmteam im Kinosaal regen zudem dazu an, über verschiedene filmische Ausdrucks- und Erzählformen sowie die Filmproduktion nachzudenken. So entsteht ein vielschichtiger Blick auf das Kino. Insbesondere die Arbeit an einem Filmset, die Entwicklung eines Drehbuchs und der Werdegang der häufig jungen Darsteller:innen interessierten die Kinder und Jugendlichen in den Publikumsgesprächen.

Die gezeigten Filme deckten auch im Jahr 2026 eine große Bandbreite an Themen ab und strebten an, über die Gefühlswelten von Kindern und Jugendlichen, soziale Strukturen zu erfassen, die das Heranwachsen beeinflussen.
 

A Family

Im niederländischen Beitrag A Family wurden viele Nah- und Detailaufnahmen von Gesichtern eines Geschwisterpaars gezeigt, das unter der Trennung und dem Scheidungsprozess seiner Eltern leidet. Durch die parallele Erzählstruktur, die in der Montage die Lebenswelten der Figuren lange trennt, entstehen verschiedene Perspektiven auf häufig gleiche Situationen. Die Geschwister realisieren erst spät, dass sie im Trennungsprozess ihrer Eltern den gleichen Schmerz teilen und sich gegenseitig stützen können. Aus anfänglicher gefühlter Isolation wird hier in der finalen Einstellung eine Einheit.
 

A Family  (NLD, BEL 2026 | Regie: Mees Peijnenburgg | © Jasper Wolf)


 

Ghost School

Die Frage, wie man in einem Kinderfilm größere und komplexere Verflechtungen von Ungleichheiten thematisieren kann, zeigt der pakistanische Film Ghost School. Wie auch in anderen Beiträgen der diesjährigen „Generation“ setzt sich ein junger Mensch dort in Bewegung.

In dem Film der britisch-pakistanischen Regisseurin und Drehbuchautorin Seemab Gul steht das zehnjährige pakistanische Mädchen Rabia im Zentrum. Der Film steigt mit der Schließung von Rabias Schule in die Erzählung ein. Angeblich ist ein Lehrer von Geistern besessen. Im Laufe der Handlung folgt der Film Rabia dabei, wie sie das Rätsel um die geschlossene Schule zu lösen versucht. Dabei wird sie mit den vielschichtigen politischen Verstrickungen und Machtstrukturen ihres Heimatlandes konfrontiert. In vielen Dialog und Begegnungssequenzen wird offengelegt, wie ein Kind lernt, die gesellschaftliche Ordnung, die ihr Leben bestimmt und vorstrukturiert, zu erkennen und zu hinterfragen. Wie so oft im Kinderfilm werden scheinbar zementierte gesellschaftliche Gegebenheiten durch die Augen eines neugierigen, veränderungswilligen Kindes hinterfragt und auf die Probe gestellt. Dabei geht es auch darum, wie Kinder kleingehalten werden und wie wenig ihnen zugetraut wird. Gleichzeitig wird über die willensstarke und kritische kindliche Hauptfigur emphatisch gezeigt, wie einem kindlichen Publikum gesellschaftspolitische Themen vermittelt werden können.
 

Ghost School (PAK, DEU, SAU 2025 | Regie: Seemab Gul | © Zamarin Wahdat)


 

Atlas of the Universe

Auch der rumänische Kinderfilm Atlas of the Universe von Paul Negoescu begleitet ein Kind, das allein auf Reisen ist. Der Film ist weniger direkt mit politischen Themen aufgeladen als Ghost School und erschafft aus kleinen, auf den ersten Blick unscheinbaren Szenarien eine ganz eigene Poesie.

Der Ausgangspunkt der Geschichte ist denkbar einfach: Ein kleiner Junge aus einem rumänischen Dorf wird von seiner Mutter beauftragt, in der Stadt neue Schuhe zu kaufen. Dort erhält er versehentlich nur zwei linke Schuhe; ein Kind aus einem anderen Dorf hat vermutlich die rechten Schuhe. Nun begibt sich der Junge auf den Weg, um zu dem rechten Schuh zu kommen. Der Film besteht aus einer ruhigen Aneinanderreihung von kleinen solidarischen Begegnungen. Eine besondere Sequenz zeigt den Jungen auf einem Jahrmarkt mit einem Mädchen der ungarischen Minderheit. Sie können sich nicht durch Worte, sondern allein durch Gesten verständigen. Das Mädchen repariert seine alten Schuhe, anschließend gehen sie gemeinsam auf die Kirmes. Der Film ist ein Highlight der Kinderfilmsektion, weil er es versteht, die große, weite Welt mit den Augen eines Kindes in kleine, anrührende Episoden der Mitmenschlichkeit herunterzubrechen.
 

Atlas of the Universe (ROU, BGR 2026 | Regie: Paul Negoescu | © Razvan Marinescu)


 

The Lights They Fall

Ein weiterer Film, der von rastlosen Bewegungen erzählt und einen Jugendlichen zu Fuß begleitet, ist der deutsche Debütfilm The Lights They Fall. Er handelt von permanenter Bewegung als Mittel des Ausweichens und Verdrängens. Ein junger Mann wandert durch die Außenbezirke Berlins, während seine Mutter im Sterben liegt. Der Film von Regisseur und Drehbuchautor Saša Vajda kriecht tief in die ambivalenten Gefühlswelten seines Protagonisten hinein und verbindet diese mit urbanen Landschaftsaufnahmen. Hier wird sehr ruhig und eindringlich auf den Schmerz und die Überforderung der Hauptfigur eingegangen. Wir sehen jemanden, dem es schwerfällt, sich seinen Freunden zu öffnen und eine Sprache für seine gegenwärtige Lage zu finden.
 

The Lights They Fall (DEU 2026 | Regie: Saša Vajda | © Tom Otte, VajdaFilm)


 

Sunny Dancer

Auch der schottische Eröffnungsfilm Sunny Dancer dreht sich um anfängliche Vereinzelung und Einsamkeit angesichts schwerer Krankheit, zeigt aber auch die Kraft jugendlicher Gemeinschaften. Er handelt Jugendlichen, die an Krebs erkrankt sind oder waren und in einem Sommercamp aufeinandertreffen. Trotz des schweren Themas ist es ein leichtfüßiger, humorvoller und einfühlsamer Film, der das Publikum der ausverkauften Vorstellung im Haus der Kulturen der Welt spürbar mitgerissen und oft zum Lachen gebracht hat. Eindrucksvoll transportiert dieser die Bandbreite jugendlicher Gefühlslagen – von Aggression über Verknalltheit bis hin zu Zusammenhalt und geteilter Betroffenheit. Es ist ein sehr effektvoller, klassischer Jugendfilm, der charismatisch und unbeschwert von Solidarität als Trost erzählt.
 

Sunny Dancer (GBR 2026 | Regie: George Jaques | © Colin J Smith, SUNNY DANCER Distribution Limited)


 

Chicas Tristes

Immer wieder ging es in den Filmen der diesjährigen Generation um das Spannungsfeld von Vereinzelung und gemeinschaftlicher Eingebundenheit. Der von der Jugendjury als bester Jugendfilm ausgezeichnete mexikanische Film Chicas Tristes handelt von zwei Freundinnen, die lernen müssen, im Angesicht einer sexuellen Gewalttat eine gemeinsame Sprache für das Erlebte zu finden. Der alltagsrealistische, beeindruckend gespielte Film thematisiert Gewalt in jugendlichen Nahbeziehungen und eine patriarchale Gesellschaft, der mit Solidarität und gegenseitigem Verständnis entgegengetreten wird. Die junge Filmcrew aus Mexiko trat in den Publikumsgesprächen bewusst als Kollektiv ohne feste Hierarchien auf und unterstrich damit die Perspektive des Films, die trotz der Schwere des Themas nicht ohne Hoffnung ist.

Der Film überzeugte sowohl die Jugendjury als auch die Internationale Jury für den Besten Film in Generation 14plus und wurde mit dem Gläsernen Bären ausgezeichnet.

 

Chicas Tristes (MEX, ESP, FRA 2026 | Regie: Fernanda Tovar | © Rosa Hadit Hernández, Colectivo Colmena)


 

What Will I Become?

Dass Film kein passives Medium ist, sondern die Kreativen hinter und vor der Kamera sowie das Publikum im Kino eine kollektive Gestaltungsmacht haben, wurde vom Team hinter dem Dokumentarfilm What Will I Become? sowohl im Film selbst als auch im Publikumsgespräch unterstrichen. Der Film basiert auf der unfassbaren Statistik der American Academy of Pediatrics, dass 51 % der Transjungen in der Vergangenheit Suizidversuche unternommen haben (vgl. Toomey et al. 2018). Die beiden Regiepersonen, die selbst trans sind und Suizidversuche überlebt haben, erzählen die Geschichten von zwei Transjungen, die durch Suizid gestorben sind. Der eine, Blake, war online sehr aktiv auf dem Social Blog Tumblr und wurde am Ende seiner Schulzeit als „Home Coming King” ausgezeichnet. Nach der Schule war er Aktivist für die Rechte und Sichtbarkeit von Transpersonen sowie für die „Black Lives Matter”-Bewegung. Zu dem anderen, Kyler, wird so gut wie kein Bild- oder Filmmaterial gezeigt. Er ist lediglich in einer kurzen Videoaufnahme, in der er Klavier spielt, zu sehen. Der Film enthält viele Gespräche mit seinen Eltern und stellt seine Geschichte und Gefühlswelten mithilfe verschiedener Animationsformen nach. Dazu wird ein Gedicht, das Kyler verfasst hat,von Transkünstler:innen als Song vertont und dadurch sehr plastisch zum Leben erweckt. 

Der Film begibt sich tief in die Gefühlswelten von Transjugendlichen, zeigt deren Isolation und versucht, durch den Film ein Aufbrechen dieser zu erzeugen. Zu Recht wurde What Will I Become? von Amnesty International mit dem Preis für einen besonders wichtigen Film zum Thema Menschenrechte ausgezeichnet. Durch Nachrichtenausschnitte und vor allem durch Kommentarspalten in sozialen Medien zeigt der Film, wie sehr die grundlegenden Rechte, wenn nicht sogar das Existenzrecht von Transmenschen in den USA und anderswo infrage gestellt werden. Die gezeigten Einzelschicksale werden als Teil eines grundlegenderen Problems verstanden. Ein Film, der nicht nur abbilden will, sondern ein Schrei nach Vernetzung und Veränderung ist.
 

Trailer What Will I Become? (Deep Dive Films, 19.01.2026)



Fazit

Die Filme der diesjährigen Generation unterstreichen in verschiedenen filmischen Formen den Wunsch einer jungen Generation von Filmschaffenden, das Medium Film und den Raum Kino nicht nur für passive Unterhaltung zu nutzen, sondern als Ort der Begegnung, des Austauschs und der Solidarität über Ländergrenzen hinweg. Im Gegensatz zum regulären Kinobetrieb geht es nicht um die Wiederholung von Altbekanntem, sondern darum, über den Film die eigene Sicht auf die Welt zu teilen und Anschlüsse sowie Identifikationen herzustellen.

Aktuelle Jugendstudien weisen immer wieder auf die Einsamkeitserfahrungen junger Menschen hin. Nicht nur das gemeinsame Schauen und Diskutieren von Filmen, sondern auch das eigene Filmemachen kann dabei helfen, miteinander in Beziehung zu treten. Genau wie das Filmteam aus dem Film Chicas Tristes dezidiert als Kollektiv und nicht als einzelne, voneinander getrennte Gewerke verstanden werden will, bleibt auch dieser Impuls von der diesjährigen Auflage der Generation hängen: voneinander lernen, einander verstehen und dieses Verständnis für gemeinschaftliche Kreativität nutzen.

 

Literatur:

Filmförderungsanstalt: Kinoreichweite in Deutschland ab 0 Jahren. Anteil in der Bevölkerung und Häufigkeit von Kinobesuchen auf Basis einer Ad-hoc-Studie des CPS GfK-Panels, 2024. Abrufbar unter: www.fffa.de (letzter Zugriff: 08.03.2026)

Filmförderungsanstalt: Top 25 Filmtitel – 1. Halbjahr 2025. Auswertung nach soziodemografischen, kino- und filmspezifischen Merkmalen auf Basis des YouGov Shopper Konsumentinnenpanels, 2025. Abrufbar unter: www.ffa.de (letzter Zugriff: 08.03.2026)

Toomey, R. B., Syvertsen, A. K., Shramko, M.: Transgender Adolescent Suicide Behavior. In: Pediatrics, 142, 4/2018. Abrufbar unter: doi.org/10.1542/peds.2017-4218 (letzter Zugriff: 10.03.2026)