Aktuelle Themen:
GEWALT   |  ALTERSVERIFIKATION  |  KI  |  SOCIAL MEDIA

 

Von Lügenpresse und abgehobenen Eliten

Journalismus- und Demokratievertrauen in Sachsen

Judith Kretzschmar, Markus Beiler, Uwe Krüger, Florian Döring

Bielefeld 2025: transcript
Rezensent/-in: Claudia Töpper-Ko

Buchbesprechung

Online seit 24.11.2025: Link

Von Lügenpresse und abgehobenen Eliten

Die an der Universität Leipzig entstandene Publikation untersucht Motive, Erfahrungen und Deutungsmuster, die das Misstrauen der Bürger*innen in Sachsen gegenüber Journalismus und Politik prägen. Da die hierfür ursächlichen Wahrnehmungen in standardisierten Befragungen häufig unterbelichtet bleiben, haben sich die Autor*innen für einen qualitativen Zugang entschieden, der „die subjektiven Sinnwelten und individuellen Interpretationen der sächsischen Bürgerinnen und Bürger“ (S. 50) in den Blick nimmt – also jener Region, in der Medienskepsis und Politikverdrossenheit seit Jahren besonders stark ausgeprägt sind (vgl. S. 48). 

Methodisch überzeugt der Band durch eine sorgfältige qualitative Analyse. 61 Leitfadeninterviews wurden zwischen 2021 und 2023 durchgeführt (pandemiebedingt teilweise online) und mittels einer „adaptierten Form der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2018: 97–121)“ (S. 118) ausgewertet. 

Im Ergebnis zeigt sich, dass viele Befragte Themen wie „Corona“, „Migration“ oder „internationale Politik“ als medial einseitig dargestellt wahrnehmen. Medien erscheinen ihnen moralisierend und parteiisch. Dieses Misstrauen ist eng mit genereller Politikverdrossenheit verschränkt und geht mit einem Gefühl mangelnder Repräsentation einher. Aus diesem Empfinden der Entfremdung erwächst ein generelles Misstrauen gegenüber Journalismus und Politik.

Die Studie ergänzt damit bereits vorliegende quantitative Untersuchungen um qualitative Einsichten und liefert eine eindringliche Momentaufnahme. Zwar präsentiert sie nur wenige gänzlich neue Befunde, überzeugt jedoch durch dichte Beschreibungen und Offenheit gegenüber den Perspektiven der Befragten. 

Kritisch anzumerken ist, dass die Studie aufgrund ihrer methodischen Anlage stark auf Defizite fokussiert ist. Positive Mediendynamiken werden wenig angesprochen und könnten Anknüpfungspunkte für weitere Forschung bieten. Für die Medien- und Politikwissenschaft ist das Werk dennoch bedeutsam: Es ergänzt die dominierenden quantitativen Ansätze um die subjektive Dimension und wirft ein wichtiges Schlaglicht auf die komplexen Ursachen von Medienskepsis und Demokratieentfremdung. 

Für Praxisakteure sind die Implikationen eher indirekter Natur – die bekannten Forderungen nach mehr Dialog, lokaler Verankerung und Transparenz werden bestätigt, jedoch nicht grundlegend neu begründet. Der eigentliche Wert der Untersuchung liegt vor allem in ihrer explorativen Perspektive.

Dr. Claudia Toepper-Ko


Judith Kretzschmar/Markus Beiler/Uwe Krüger/Florian Döring: Von Lügenpresse und abgehobenen Eliten. Journalismus- und Demokratievertrauen in Sachsen. Bielefeld 2025: transcript. 330 Seiten, 35,00 Euro