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„Vor Mord schrecken wir alle zurück.“

Eva Lütticke im Gespräch mit Silke Heimes

Rache hat viele Facetten, gerade im digitalen Raum. Dr. Silke Heimes ist Autorin, Professorin für Journalismus und Ärztin. Im Interview spricht sie über die Dynamiken von Scham, öffentlicher Bloßstellung und den Einfluss von Social Media. Dabei geht es auch um ihr Buch The truth behind your lies. #nofilter, das zeigt, wie nah Fiktion und Realität für Jugendliche beieinanderliegen können.

Printausgabe mediendiskurs: 29. Jg., 2/2025 (Ausgabe 112), S. 22-27

Vollständiger Beitrag als:

In The truth behind your lies. #nofilter rächt sich Außenseiter Jan an der „coolen“ Clique seiner Schule, die ihn jahrelang schikanierte. Heimlich installiert er Kameras in einer Ferienhütte, in der die Gruppe nach dem Abitur einige Tage verbringt, und streamt die Aufnahmen teils live ins Netz, um seine Mitschüler:innen vor aller Augen bloßzustellen.

 

Gab es für Sie ein Schlüsselerlebnis oder eine Beobachtung, die Sie inspiriert hat, The truth behind your lies. #nofilter zu schreiben? 

Der Ausgangspunkt war tatsächlich nicht das Thema „Rache“, sondern der Untertitel #nofilter. Mich hat interessiert, was auf Social Media passiert, dieses Showbusiness, in dem sich alle inszenieren. Ich hatte viele Studien gelesen, die zeigen, dass depressive Symptome bei Jugendlichen zunehmen, auch durch Instagram. Viele vergleichen sich dort: „Die anderen haben ein großartiges Leben, und meins ist beschissen.“ Dann kam dieser Hashtag #nofilter auf, unter dem Influencer:innen zeigten, wie sie wirklich leben, um klarzumachen: Auch bei uns ist nicht alles perfekt. Das hat mich inspiriert. Ich habe überlegt, wie man darum eine Geschichte aufbauen könnte, um zu zeigen: Bei anderen sieht es auch nicht besser aus. 
So entstand die Idee einer Clique. In der Schule gibt es ja die Gruppen, die „en vogue“ sind, und die Außenseiter, die nicht dazugehören und im Zweifel sogar gemobbt werden. Das ist Alltag. Verstärkt wird es durch den digitalen Raum, weil Demütigung und Scham dort sofort öffentlich werden – viel stärker, als wenn es nur im Klassenraum oder auf dem Schulhof geschieht. Das war mein Ausgangspunkt. 

Inwiefern spielt die Öffentlichkeit bei der Ausübung von Rachehandlungen im digitalen Raum eine Rolle? 

Die meisten, die so etwas tun, sind ja nicht per se böse Menschen. Sie haben eine Idee: „Ich will mich rächen“ oder: „Das ist ungerecht, das zeige ich jetzt allen.“ Es gibt zunächst einen Moment des Zögerns, in dem das Gewissen und die Moral anspringen: „Ist das wirklich richtig, was ich vorhabe?“ Häufig kommt dann ein Push aus dem Netz: Die Community fordert Nachschub, befeuert das Ganze und drängt zur Aktion. In diesem Moment ist der Kipppunkt erreicht und die Person, die rächen will, wird von den anderen sozusagen über die Klippe gestoßen. 
 


Vieles, was man online postet, würde man einer Person von Angesicht zu Angesicht vermutlich nie sagen.“ 



Hat sich durch die Öffentlichkeit, die Social Media schafft, das biblische Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ verändert? 

Im digitalen Raum ist die Hemmschwelle insgesamt niedriger, sowohl für Angriffe als auch für Gegenschläge. Vieles, was man online postet, würde man einer Person von Angesicht zu Angesicht vermutlich nie sagen. Da wäre man deutlich zurückhaltender. Ich glaube, dadurch läuft vieles aus dem Ruder, weil man sich vermeintlich verstecken kann. Vermeintlich deshalb, weil es ja nie wirklich anonym ist. 

Dadurch kann so etwas wie eine Rachespirale entstehen? 

Ja, ich denke schon. Ich beschäftige mich gerade viel mit den Themen „Deep­nudes“ und „Deep­fakes“, da passiert im Moment enorm viel. Immer wieder gibt es Fälle, in denen Bilder von jungen Mädchen gefälscht werden, die dann nackt im Netz landen. Das ist hochdramatisch, weil diese Bilder dort für immer bleiben. Die Betroffenen sind oft erst 15 oder 16 Jahre alt, wenn sie sich später bewerben, kann ein Arbeitgeber auf diese Bilder stoßen. Der Kontext ist dann längst verloren, es bleibt nur dieses eine Bild. Das befeuert natürlich auch die Wut, weil der Schaden so groß ist. Spannend war in einer Leserunde auf LovelyBooks, dass die Meinungen zur Figur Jan sehr auseinandergingen: Manche sagten, das Unrecht sei so schlimm, dass er jedes Recht habe, sich zu rächen – „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Andere fanden, die Figur sei „voll der pathologische Nerd“, und meinten: rächen ja, aber bitte auf eine andere Weise. Da hat das Buch die Leserschaft sehr gespalten. 

Warum war es Ihnen wichtig, beide Perspektiven aufzuzeigen? Also einmal die vom Täter Jan und dann aber auch die von der Clique und insbesondere von Emmy. 

Genau, Sie sagen „Täter“. Aber ich denke eher: nein, das Opfer. In meinen Augen gibt es keine klare Täter-Opfer-Zuschreibung, sondern immer ein Pingpong, ein Wechselspiel. Wir alle sind zugleich Opfer und Täter – fast in jedem Augenblick. Jeder trägt etwas dazu bei, dass solche Verhältnisse entstehen; und wir wechseln auch schnell die Rolle, wenn es darauf ankommt. 

Spielt bei der moralischen Einordnung die Öffentlichkeit eine Rolle, die sozusagen die Position einer moralischen Instanz einnehmen kann?

Auf Social Media entstehen Bubbles. Und tatsächlich ist es so: Wenn eine Community sagt: „Du hast vollkommen recht, so ist es“, dann verschiebt sich das Rechts- und Unrechtsbewusstsein. Man hat das Gefühl, im Recht zu sein, es stehe einem zu – und die Community bestätigt das auch noch. So entstehen innerhalb dieser Bubble-Communitys eigene Gesetze, die oft ganz anders aussehen als unsere moralischen, gesamtgesellschaftlichen Vorgaben.

Spannend ist ja auch, dass diese Räume von außen oft gar nicht wahrgenommen werden. Entwickelt sich gerade dadurch noch einmal eine ganz eigene Dynamik? 

Ja, genau. In dem Moment denke ich ja nicht: „Das ist nur meine kleine Bubble, vielleicht 2 % der Bevölkerung.“ Sondern ich nehme es als real wahr, so, als würden alle so denken. 
 


Wir alle sind zugleich Opfer und Täter – fast in jedem Augenblick.“



Verändert sich dadurch auch das Nutzungsverhalten von Jugendlichen im Umgang mit Social Media und Onlinemedien? 

Ich glaube schon. Wir alle wollen für das, was wir tun, Zustimmung und keine Ablehnung. Wenn ich also von einer Bubble Zustimmung bekomme, bewege ich mich lieber dort als in einer Community, in der ich auf Kritik stoße. Da greift auch der Confirmation Bias: Ich habe eine Idee im Kopf und suche gezielt nach Artikeln oder Communitys, die diese bestätigen – ohne im Blick zu haben, dass es auch gegenteilige Stimmen gibt. In der Medizin sieht man das auch: Wenn man von einem Verfahren überzeugt ist, sucht man Studien, die es positiv darstellen, und übersieht, dass es ebenso viele gibt, die das Gegenteil behaupten. 
 


In Ihrem Buch stellt Jan heimlich Videos der Clique online, die nicht weiß, dass sie gefilmt wird. Welche anderen Formen von digitaler Rache begegnen uns im Netz? 

Ich sehe das ganz stark in WhatsApp-Klassenchats – und das entsetzt mich immer wieder. Man glaubt gar nicht, was dort los ist. Das Problem: Man kann sich kaum entziehen. Wer nicht in diesen Chats ist, ist automatisch außen vor. Ich habe das auch bei meinen Studierenden beobachtet: Wer nicht mitmacht, verpasst sowohl Informationen zum Unterricht als auch zu Freizeitaktivitäten. In diesen Chats werden dann ständig kleine Sidekicks verteilt. Und wenn man darauf reagiert, heißt es schnell: „Sei doch nicht so piefig, verstehst du keinen Spaß?“ Da passieren dauernd subtile Grenzüberschreitungen. 

Ich kann mir vorstellen, dass gerade durch die schnelle technologische Entwicklung, etwa im Bereich KI, in solchen Gruppen auch sehr einfach Material erstellt werden kann, das andere vielleicht gar nicht so lustig oder toll finden. 

Ja, absolut. Es wird gefakt, gefakt, gefakt – und dann heißt es: „Es ist doch nur künstlich erstellt, regt euch nicht so auf. Ich habe ja niemanden wirklich nackt fotografiert.“ Aber in der Wahrnehmung der Menschen spielt das keine Rolle. Wenn ich ein Nacktbild sehe, macht mein Kopf daraus ein reales Bild, selbst wenn ich weiß, dass es KI-generiert ist. 

Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede in den Rachehandlungen? 

Also, als Frau würde ich natürlich sagen: Ja. Tatsächlich weiß ich es nicht genau. Aber gerade bei TikTok fällt mir auf, wie stark dort toxische, falsch verstandene Männlichkeit gepusht wird. Da heißt es dann, Frauen müssten sich unterwürfig verhalten; und wer seine Frau nicht „im Griff“ habe, sei kein richtiger Mann. Das nehme ich im Moment sehr stark wahr, wobei das sicher auch mein Bias ist, weil ich mich gerade intensiv mit dem Thema beschäftige. 
 


In Bubble-Communitys entstehen eigene Gesetze, die oft ganz anders aussehen als unsere moralischen, gesamt- gesellschaftlichen Vorgaben.“ 



Es gibt klassische Rachetaten wie Mord oder Vergewaltigung – also schwerste Verbrechen. Aber daneben auch kleinere Formen von Rache. Befördert Social Media gerade diese kleineren Formen der Rache noch zusätzlich? 

Genau, das meine ich auch mit der niedrigen Hemmschwelle. Es sind vermeintlich harmlose Taten, bei denen dann gesagt wird: „Stell dich nicht so an, ich habe doch nur etwas gepostet.“ Aber in Wahrheit sind es kleine Tode, die da stattfinden. Und das ist fatal. Vor Mord schrecken wir alle zurück. Doch diese vielen kleinen Angriffe summieren sich – und gerade auf Social Media kann das dramatische Folgen haben. Wir wissen, dass Menschen, die online bloßgestellt werden, manchmal sogar Suizid begehen. Insofern wird aus diesen kleinen Taten am Ende eben doch etwas, das man auch Mord nennen könnte. 

Ich finde auch, dass dadurch der öffentliche Raum nicht mehr für alle gleichermaßen zugänglich bleibt, weil man sich stärker zurückzieht. Spielt für Jugendliche das Thema „Scham“ eine große Rolle? 

Ja, absolut. Die Angst wird geschürt. Und es gibt genug Ängste unter Jugendlichen, denn Aufwachsen in der heutigen Zeit ist total beängstigend. Und dann kommt noch die Sorge hinzu, etwas Falsches zu posten, nicht den richtigen Ton zu treffen, nicht cool genug zu sein oder einen Trend zu verpassen. Diese „Fear of Missing Out“ ist stark: „Ich habe es nicht kapiert, ich habe etwas verpasst, ich bin hintenan“ – und schon wird man sehr schnell bloßgestellt. 

Wie kam es dazu, dass Sie sich bewusst entschieden haben, zu diesem Thema einen Jugendroman zu schreiben? 

Tatsächlich habe ich in der Psychiatrie gearbeitet und dort gemerkt, wie schwer es selbst Erwachsenen fällt, ihr eigenes Standing zu bewahren, wenn um sie herum die Welt durchdreht. Für Jugendliche ist das noch viel schwieriger. Wer aus einem gefestigten Elternhaus kommt, hat vielleicht noch Halt – aber viele haben den nicht. Es gibt so viele vernachlässigte Kinder, auch Wohlstandsvernachlässigung. Sie haben kaum eine Chance, Werte zu lernen und zu halten. Wenn dann Hetze beginnt und man nicht mitmacht, ist man sofort außen vor. Versucht man sogar, die Hetze zu stoppen, richtet sie sich schnell gegen einen selbst. Für Jugendliche ist das unfassbar schwierig. 
Auf dem Jugendbuchmarkt dominieren derzeit zwei Genres: Fantasy und Romantasy – jetzt kommt noch Dark Romance dazu: „Schlag mich und ich lieb dich.“ Damit geben wir den Jugendlichen problematische Beziehungsideen. Dem wollte ich etwas entgegensetzen. Mit meinem neuen Buch Who’s to blame spreche ich eine meines Erachtens wichtige Frage an: Wer trägt Schuld an dem Desaster, das wir erleben? Es geht wieder um Täter, Opfer – und darum, dass wir alle beteiligt sind. Anfangs dachte ich, ein realistisches Jugendbuch sei kaum verkäuflich. Aber das stimmt nicht. In meinen 90-minütigen Lesungen, auch über Themen wie Amokläufe und deren Hintergründe, merke ich, wie interessiert die Jugendlichen sind. Es gibt ein großes Bedürfnis, diese Themen anzusprechen, weil sie Teil ihrer Realität sind. 

The truth behind your lies. #nofilter ist für viele Jugendliche sehr nah an der Realität, enthält aber auch einige wirklich krasse Szenen. Gab es eine Szene, die Sie aus ethischen oder moralischen Gründen unbedingt einbauen wollten, um die Rahmung des Buches zu unterstützen?

Sagen wir so: Es gab ein No-Go: Niemand darf in dem Buch sterben. Gerade für Jugendliche ab 14 plus war mir das wichtig. Spannend war beim ersten Buch, wie unterschiedlich die Reaktionen waren. Erwachsene sagten oft: „Das ist doch übertrieben, jeder Jugendliche hat da ein Problem: Drogen, Essstörungen, Ritzen.“ Die Jugendlichen selbst dagegen meinten: „Das ist normaler Alltag.“ Für sie ist diese Belastung längst Normalität geworden. Ritzen etwa gilt für viele nicht mehr als Krankheit, sondern als Ventil zur Druckentlastung.

Ich würde gern noch einmal auf die Figur Jan zurückkommen. Sie haben gesagt, er sei Opfer – während ich ihn sofort als Täter betitelt habe. Sehen Sie ihn auch deshalb als Opfer, weil er sich durch das Streamen und die Öffentlichkeit, die er selbst geschaffen hat, wieder verletzlich macht? 

Genau da setzt das Ende des Buches an. Wir haben überlegt: Zeigen wir die Konsequenzen, die danach kommen? Denn klar ist, dass auch Jans Leben ruiniert ist. Für das, was er getan hat, wird er mit erheblichen Jugendstrafen rechnen müssen. Es ist also keineswegs ein Befreiungsschlag, nach dem alles vorbei ist. Das zeigt auch die Spirale, von der Sie vorhin gesprochen haben: Jede Tat zieht Folgen nach sich. Und je heftiger die Tat, desto dramatischer sind die Auswirkungen – für alle Beteiligten. 

Wer sich rächt, soll zwei Gräber graben. 

Wahrscheinlich. 

Welchen Satz sollte man denken, bevor man etwas postet, um es jemandem heimzuzahlen? 

Das klingt vielleicht etwas sehr moralisch, aber wichtig ist für mich der Perspektivwechsel: Wie würde ich mich fühlen, wenn es mir selbst passieren würde? 

Silke Heimes studierte Medizin und Germanistik. Sie ist Ärztin, Poesietherapeutin und Autorin. 2007 gründete Silke Heimes das Institut für kreatives und therapeutisches Schreiben (IKUTS), das sie seither leitet.

Eva Lütticke studierte Medienwissenschaften (M.A.) an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF. Zurzeit arbeitet sie als Redakteurin bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).