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„Wir könnten noch viel stärker strahlen“

Tilmann P. Gangloff

Wer hierzulande Fiction und Animation für Kinder herstellt, muss einen langen Atem haben. Die Produktionsbranche hat ohnehin das Gefühl, dass ihr Beitrag zur gesamtwirtschaftlichen Leistung des Landes nicht ausreichend gewürdigt wird, aber Produktionen für die jüngste Zielgruppe werden auch bei der Förderung nicht angemessen unterstützt.

Online seit 02.10.2025: Link

Manchmal ist es auch eine Frage der Perspektive, ob ein Glas halb voll oder halb leer ist. Allerdings lassen sich nicht alle Wahrnehmungsunterschiede auf diese Weise erklären. Die Sender, beklagt die hiesige Produktionsbranche, kümmern sich zu wenig um den Bereich Animation. Michael Stumpf, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Kinder und Jugend, widerspricht energisch: „Wir werden in den kommenden Jahren so viel Geld in Animation investieren wie schon lange nicht mehr. Das gilt insbesondere für Animation aus Deutschland.“ Aber auch bei Filmen und Serien heißt es, habe das Engagement der Sender deutlich nachgelassen. Von Privatsendern wie Super RTL oder Disney sei in dieser Hinsicht ohnehin nicht viel zu erwarten, doch ARD und ZDF hätten ihre Investitionen ebenfalls reduziert. 

Als Beleg dienen unter anderem die Märchenfilme. Die ARD hat im Rahmen ihrer Reihe Sechs auf einen Streich zuletzt nur noch einen neuen Film gezeigt. Das ZDF stellt seine Märchenperlen, die gerade in den letzten Jahren dank der optisch oftmals spektakulären und entsprechend preiswürdigen Filme von Ngo The Chau (allen voran Das Märchen vom Frosch und der goldenen Kugel, 2022) immer wieder Glanzpunkte gesetzt hatte, sogar ganz ein. 
 

Trailer Das Märchen vom Frosch und der goldenen Kugel (PROVOBIS Film GmbH, 05.12.2022)



Die Entscheidung dürfte in erster Linie strategische Gründe haben: Wenn ARD und ZDF demnächst ihre Mediatheken vereinigen, werden sich die beiden Märchenreihen angesichts der vielen Überschneidungen ohnehin gegenseitig Konkurrenz machen. Tapfer versichert Jens Christian Susa, Geschäftsführer der Provobis Filmproduktion, er sei „stolz darauf, dass wir das Märchenportfolio des ZDF mit unseren Produktionen maßgeblich mitgestaltet haben.“ Das allerdings ist eine bescheidene Untertreibung: Provobis prägt die Reihe seit vielen Jahren – mit vielfach ausgezeichneten Filmen, die aufgrund der oftmals verwendeten Fantasy-Elemente zum Teil sehr aufwendig und somit teuer produziert wurden. Als Tellux-Tocher gehört das Unternehmen zu den katholischen Bistümern. Der Verlust der Märchenperlen-Reihe dürfte besonders wirtschaftlich erhebliche Folgen für sie haben.
 

Zu wenig Zuspruch aus der Politik

Ist das Beispiel repräsentativ? Sparen die Sender generell bei Fiction für Kinder? „Nein“, sagt Corinna Mehner, Gründerin und Geschäftsführerin von Blue Eyes Fiction (Woodwalkers) und Mitglied des Gesamtvorstands der Produktionsallianz. Hiesige Animation hingegen sei „sowohl bei Kinofilmen wie auch im Serienbereich sehr hochwertig und entsprechend aufwendig. Den beklagenswerten Sendertrend, sich über den Weg der finanziellen Beteiligung an Koproduktionen preiswerteres Programm zu beschaffen, beobachten wir schon länger.“ Anders als etwa in Frankreich müsse in solchen Fällen keine einheimische Produktionsfirma beteiligt sein. Die Produktionsallianz bemühe sich darum, das zu ändern. „Leider sind wir noch nicht weitergekommen“, muss Mehner einräumen: „Der Filmbranche wird in der Politik im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen immer noch nicht die Bedeutung beigemessen, die ihr unserer Ansicht nach gerade mit Blick auf Kinder zukommt. Wir haben ein ausgezeichnetes Kreativpersonal, unsere Produktionen strahlen weit über die Landesgrenzen hinaus, aber wir könnten noch viel stärker strahlen, wenn wir mehr Zuspruch aus der Politik hätten.“ Es sei daher unbedingt vonnöten, dass die Finanzierung von Animationsserien finanziell stärker gefördert werde: „Geschieht das nicht, sehe ich die Gefahr, dass unser Know-how verschwinden könnte.“

Wie schwierig es ist, wenn sich ein Unternehmen auf Animation spezialisiert hat und zudem für höchste Ansprüche stehen will, erlebt Ralf Kukula seit vielen Jahren. Der Gründer und Geschäftsführer von Balance Film hat mit Fritzi – eine Wendewundergeschichte (2019) einen der besten deutschen Kinderfilme der letzten Jahre produziert. Nicht minder preiswürdig war die Serie Fritzi und Sophie – Grenzenlose Freundschaft (2024, MDR, WDR, SWR) sowie die innovative und vom MDR als „Animadok-Serie“ bezeichnete Ergänzung Auf Fritzis Spuren – Wie war das so in der DDR?. Sie bedient sich des gleichen Stils, ist aber im Grunde eine Doku-Reihe. „Diese Produktfamilie“, erzählt Kukula, „hat uns 15 Jahre beschäftigt. Die ersten Jahre haben wir damit verbracht, die für uns relevanten Marktteilnehmer von dem Stoff zu überzeugen, weil wir Pionierarbeit leisten mussten.“ Leider sei „Fritzi“ kein „Türöffner“ gewesen; es bleibe daher „ein Kampf, wenn man Partner für derart anspruchsvolle Projekte finden will. Gerade bei den Sendern gibt es eine ausgeprägte Tendenz, Kosten zu sparen.“ 
 

Trailer Fritzi – eine Wendewundergeschichte (KinoCheck Familie, 21.08.2019)



„Zu solchen Konditionen nicht finanzierbar“

Auch die Finanzierung von Kinokoproduktionen sei zumindest im Kinderfilmbereich generell problematischer geworden: „Die Sender wollen lieber reine TV-Formate. Wenn ich aber auch Fördermittel haben will, wird es bei Serien schwierig, Fördergelder zu akquirieren, gerade auf Bundesebene, weil wir dafür bei den Herstellungskosten Mindestminutenpreise generieren müssten, die weit weg sind vom Markt.“ Der German Motion Picture Fund (GMPF), ein Förderprogramm des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), unterstützt die Produktion hochbudgetierter Serien und Filme, die nicht im Kino ausgewertet werden. Der GMPF, bedauert Kukula, „kofinanziert Serien jedoch nur dann, wenn sie in den Herstellungskosten einen Minutenpreis von 30.000 Euro nicht unterschreiten. Der Gesetzgeber weiß, dass in Deutschland Animationsserien zu solchen Konditionen nicht finanzierbar sind und schließt damit diese Filmgattung faktisch komplett aus.“ Bei der Novellierung der Filmförderung sei es nicht gelungen, die Finanzierungsbasis für Animation zu verbreitern. 

Dahinter verbirgt sich nach Ansicht Kukulas ein grundsätzliches Problem: „Animation wird hierzulande traditionell nur im Zusammenhang mit Kindern gesehen. In den Sendern gibt es jenseits der Abteilungen für Kinderfernsehen keine Redaktion, die sich mit Animation befasst, und Kinderfilme genießen generell nicht die gleiche Wertschätzung wie Programm für Erwachsene.“ Trotzdem klingt der Produzent nicht resigniert, was wohl auch mit seiner großen Erfahrung zu tun hat: „Produktionsfirmen wie wir sitzen am Katzentisch, aber das kenne ich nicht anders, seit ich mich vor 30 Jahren selbstständig gemacht habe.“
 

1,3 % fürs Kinderfernsehen

Gabriele M. Walther (Prinzessin Lillifee), Gründerin und Geschäftsführerin von Caligari Film, wird ebenfalls grundsätzlich. Sie fragt sich, inwiefern bei den Programminvestitionen der öffentlich-rechtlichen Sender auf eine Generationengerechtigkeit geachtet werde: „Es kursiert die Zahl, dass 1,3 % der Rundfunkgebühren der ARD fürs Kinderfernsehen vorgesehen sind.“ Das sei einerseits natürlich viel zu wenig, aber andererseits lasse sich die Zahl „nicht wirklich beurteilen, da die Sender keine Informationen darüber teilen, welche konkrete Summe tatsächlich ins Programm fließt, wie hoch dabei der Anteil an deutschen Produktionen und Lizenzeinkäufen ist.“ Auch Walther, Mitglied des Gesamtvorstands der Produktionsallianz sowie stellvertretende Vorsitzende der Sektion Animation, hat den Eindruck, „dass sehr viel mehr Geld öffentlich-rechtlicher Sender als Koproduktionsbeteiligung an internationalen Serien ins Ausland fließt, als dies umgekehrt der Fall ist.“ Dabei seien deutsche Animationsfilme für Kinder „national wie international die erfolgreichsten Programme: Vor diesem Hintergrund bringen höhere Investitionen in diesen Bereich auch bessere Renditen für Sender und Produzenten. Von mehr deutschem Programm profitieren nicht nur die Kinder, sondern die Animationswirtschaft insgesamt.“ Im Namen der Produktionsallianz appelliert sie daher auch an die Kultusministerien der Länder, dafür zu sorgen, dass den Kinder- und Jugendredaktionen mehr Geld zur Verfügung gestellt werde: „Ohne einen entsprechenden Anstoß aus der Politik wird sich nichts ändern.“
 


Unsere alternde Gesellschaft ist weder kindgerecht noch ist sie gerecht zu Kindern. (Michael Stumpf, ZDF-Hauptredaktion Kinder und Jugend)


 

Kinder haben keine Lobby

Ein ARD-Funktionär bestreitet jedoch, dass weniger Fiction oder Animation für Kinder produziert werde. „Es stimmt zwar, dass die Produktionskosten im Gegensatz zu den redaktionellen Etats gestiegen sind, aber das gleichen wir durch Veränderungen bei der Finanzierung aus: Produktionen werden nicht mehr voll-, sondern nur noch teilfinanziert.“ Gegen einen höheren Etat hätte Michael Stumpf trotzdem sicher nichts einzuwenden. Der ZDF-Abteilungsleiter verweist auf einen übergeordneten Aspekt: „Mir erscheint es oft so, als ob wir in Deutschland ganz generell ein Problem mit Kindern haben. Das zieht sich durch sämtliche Lebensbereiche, von der Bildung bis zu den Medien. Unsere alternde Gesellschaft ist weder kindgerecht noch ist sie gerecht zu Kindern. Wer für Kinder arbeitet, muss grundsätzlich um Aufmerksamkeit kämpfen; und natürlich auch um Geld.“ Die Produktionsbranche versucht laut Corinna Mehner schon lange, das Augenmerk stärker auf diese Altersgruppe zu lenken: „Leider haben Kinder hierzulande keine Lobby. Fürs Kinderfernsehen gilt das ganz besonders, das Umfeld von Kindersendungen ist für die werbetreibende Wirtschaft einfach nicht interessant genug, aber wir brauchen unbedingt noch mehr deutsche Eigenproduktionen für Kinder, schließlich geht es dabei auch um die Vermittlung gesellschaftlicher, demokratischer und kultureller Werte, und schon allein unsere vielen hervorragenden Kinderbücher bieten einen unerschöpflichen Fundus an tollen Geschichten.“
 

„Auf Sicht“

Ein Beleg dafür sind unter anderem die Ergebnisse der 2013 gegründeten Initiative „Der besondere Kinderfilm“. Sie hat sich als wichtiger Baustein in der komplexen deutschen Förderlandschaft etabliert und nicht unerheblich zur Ausdifferenzierung des deutschen Kinderfilms beigetragen. 13 Produktionen sind bislang auf den Markt gekommen, zwei weitere sind in der Endfertigung. 

Unter den „Besonderen Kinderfilmen“ sind vielfach preisgekrönte Produktionen wie Auf Augenhöhe (2016), Into the Beat (2020) und Mission Ulja Funk (2023). Jüngster Erfolg ist Sieger sein, 2024 als bester Kinderfilm mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet; das war bereits die dritte „Lola“ für einen „Besonderen Kinderfilm“. Sieger sein hatte laut Margret Albers, zuständige Projektmanagerin beim Förderverein Deutscher Kinderfilm, innerhalb eines Jahres mehr als 100.000 Zuschauer. Angesichts der durch das Aus der Ampelkoalition unterbrochenen Reform der Filmförderung räumt Albers jedoch ein, dass die gesamte Produktionsbranche derzeit „auf Sicht“ fahre: „Die weiteren Säulen der Transformation, also Investitionsverpflichtung und Steueranreizmodell, sind immer noch in Arbeit. Wer heute Kinderfilme produziert, hat es ohnehin mit mehr Fragezeichen zu tun als vor der Pandemie, die vielen Unternehmen auch noch in den Knochen steckt.“
 

Trailer Sieger sein (KinoCheck Familie, 05.04.2024)



Fortsetzung folgt? Fraglich.

Im Vergleich zur gesamten Filmbranche, sagt Philipp Budweg, Geschäftsführer von Lieblingsfilm (zuletzt unter anderem Kannawoniwasein), sehe es für den Kinderfilm in der Tat nicht schlecht aus. Der Produzent mahnt jedoch, „dass die errungenen Erfolge auch weiterhin gefördert, unterstützt und finanziell ausreichend ausgestattet werden müssen. Es wäre fatal, hier den Rotstift anzusetzen.“ Auch Ewa Karlström, die gemeinsam mit Andreas Ulmke-Smeaton und Bernd Schiller die Geschicke von SamFilm führt, betrachtet die derzeitige Lage beim Kinderfilm differenziert. „Es ist eine paradoxe und gleichzeitig bedrohliche Situation: Das erfolgreichste Genre im Kino sind Kinder- und Familienfilme, aber gleichzeitig wird es zunehmend schwieriger, sie zu finanzieren.“ Die Produzentin veranschaulicht das Problem konkret am Beispiel der aktuellen Produktion Ein Mädchen namens Willow. Der Film ist mit weit über 500.000 verkauften Tickets einer der erfolgreichsten deutschen Kinofilme des ersten Halbjahrs 2025. Es sei mehr als fraglich, ob eine Fortsetzung selbst mit erheblichen Budgetkürzungen zu stemmen sein werde: „Für die Finanzierung eines Kinofilms war es üblich, dass ein Sender 30 bis 45 % für die TV-Rechte beisteuert. Bei einem Kinderfilm werden einem derzeit circa 5 % angeboten, in Ausnahmefällen vielleicht 10 %. Damit kann ein Film unmöglich finanziert werden.“ Die Situation erfordere daher dringend Handlungsbedarf, wenn man das momentan erfolgreichste deutsche Kinogenre sowie das Publikum von morgen nicht verlieren wolle.
 



Anmerkung:

Die verwendeten Zitate stammen aus Recherchegesprächen, die der Autor mit den Gesprächspartnerinnen und ‑partnern geführt hat.