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„Wir sind da, um körperliches Erzählen zu ermöglichen.“

David Assmann im Gespräch mit Ita O’Brien

Knapp zehn Jahre nach der Einführung der Intimacy on Set Guidelines spricht die Pionierin der Intimitätskoordination Ita O’Brien über professionelle Standards beim Drehen intimer Szenen, Machtstrukturen am Set und die Verantwortung der Branche. Sie erklärt, warum klare Choreografie und Einverständnis keine Einschränkung, sondern Voraussetzung für künstlerische Freiheit sind – und weshalb Respekt, Vorbereitung und Transparenz auch jenseits von Sex­szenen unverzichtbar bleiben.

Printausgabe mediendiskurs: 29. Jg., 2/2025 (Ausgabe 112), S. 88-94

Vollständiger Beitrag als:

Vor zehn Jahren haben Sie begonnen, ein Problem zu lösen, von dem damals kaum jemand wusste, dass es existiert: den Mangel an Standards und Schutzmaßnahmen beim Dreh von Sexszenen. Was hat Sie darauf gebracht? 

Es war tatsächlich ein sehr organischer Prozess. Ich hatte ein Theaterstück geschrieben, das die Dynamik zwischen Täter und Opfer erforschte. Dabei stellte ich mir die Frage: Wie kann ich einen Probenraum gestalten, der es Schauspieler:innen ermöglicht, offen und sicher zu arbeiten, während sie solche missbräuchlichen Dynamiken darstellen? 
Zu dieser Zeit unterrichtete ich „Bewegung“ an mehreren Schauspielschulen in London und wurde eingeladen, meine Ideen zu professionelleren Strukturen für intime Inhalte in meine Kurse einzubringen. Während ich das machte, konnte ich kontinuierlich reflektieren: Was hat funktioniert? Was nicht? Und diese Erkenntnisse anschließend in den Lehrplan des nächsten Jahres einfließen lassen. Im Herbst 2016 fragten meine Studierenden schließlich: Das ist großartig für die Schule, aber was passiert eigentlich in der Branche? 
Also präsentierte ich meine Ansätze im Juli 2017 der Personal Managers’ Association (PMA). Ihre unmittelbare Reaktion war: „Oh mein Gott, das brauchen wir unbedingt.“ Kurz darauf kamen die Enthüllungen über Harvey Weinstein sowie die #MeToo- und Time’s-Up-Bewegungen. Plötzlich erkannte die Branche: Wir haben übergriffiges Verhalten ignoriert, das muss sich ändern. Als dann die neuen Verhaltenskodizes verfasst wurden, war ich vorbereitet – mit einem praktischen Rahmen, wie man mit intimen Inhalten respektvoll und professionell umgehen kann. 

Damals haben Sie die Intimacy on Set Guidelines eingeführt, die bis heute die Grundlage Ihrer Arbeit bilden. 

Ja. Bis dahin gab es keinen klaren Prozess, um intime Szenen zu entwickeln und zu drehen. Oft bat der Regisseur oder die Regisseurin die Schauspieler:innen einfach, zu improvisieren, ihnen „etwas anzubieten“. Die Annahme war: Weil wir alle Menschen sind und Sex haben, braucht man dafür keine Choreografie. Dabei ist selbstverständlich, dass man für einen Tanz eine Choreografin oder einen Choreografen und für eine Kampfszene eine Stuntkoordination braucht. 
Doch sexueller Ausdruck ist etwas zutiefst Persönliches. Was wir auf der Bühne oder Leinwand zeigen, sind nicht wir selbst – es sind die Figuren, die wir darstellen. Genau deshalb braucht es auch hier eine Choreografie, so wie beim Tango oder einem Schwertkampf. Und die Verletzungen, die bei dieser Arbeit entstehen können, sind nicht nur körperlicher, sondern auch emotionaler oder psychischer Art. Wann immer jemand sagte: „Bei intimen Szenen ist es immer peinlich“, war dieses Unbehagen bereits ein Anzeichen unprofessioneller Arbeitsbedingungen, ja sogar eine Form von Übergriff. 
Bevor es die Richtlinien gab, fühlten sich Regisseur: innen und Produzent:innen oft unwohl dabei, über intime Inhalte offen zu sprechen, aus Angst, man könnte ihnen eine unangemessene Fixierung unterstellen. Die Richtlinien schufen erstmals einen professionellen Rahmen, der solche Gespräche ermöglichte. 
Manchmal werde ich gefragt: „Brauchen wir intime Szenen überhaupt?“ Und ich sage immer: Natürlich brauchen wir sie. Kunst sollte das Menschliche widerspiegeln – wie und wen wir lieben, aber auch, welche Formen von Missbrauch es gibt. Doch das muss professionell, transparent und respektvoll geschehen. Wenn diese Strukturen vorhanden sind, können alle offen, freudig und kreativ arbeiten.
 


Wir müssen aufhören, Intimitätskoordination als Einschränkung von Kreativität zu begreifen – tatsächlich stärkt sie alle Beteiligten darin, ihre beste Arbeit zu leisten.“



Ihre Richtlinien beruhen auf dem Grundprinzip der Transparenz – niemand am Set sollte überrascht oder unter Druck gesetzt werden, etwas zu tun, dem vorher nicht zugestimmt wurde. Doch das Unterzeichnen der Richtlinien ist nur der Anfang. Wie entsteht in der Praxis eine intime Szene im Zusammenspiel mit Schauspielensemble und Team? 

Es ist interessant, wie oft diese Arbeit immer noch vor allem als Risikovermeidung verstanden wird. Natürlich sind die Richtlinien entwickelt worden, weil es zuvor weder Strukturen noch ein Bewusstsein dafür gab, dass intime Szenen eine Form von Körperchoreografie sind, die denselben professionellen Ansatz erfordert wie ein Stunt oder ein Tanz. Doch sobald die Richtlinien umgesetzt werden, geht es nicht mehr nur um das Vermeiden von Risiken – sie verändern die gesamte Haltung gegenüber intimen Erzählformen. 
Sie haben Transparenz erwähnt, eines der vier grundlegenden Prinzipien. Die anderen sind Zustimmung und Einverständnis, klare Choreografie sowie der bewusste Abschluss nach der Szene. Zusammen schaffen diese Elemente einen professionellen Rahmen, der es allen Beteiligten – von der Produzentin über den Regisseur bis zu den Schauspieler:innen – ermöglicht, mit intimen Inhalten offen, kreativ und sicher umzugehen. Es ist im Grunde wie bei einer Stuntkoordination: Die Regie hat eine Vision, es werden Storyboards erstellt, Proben geplant, Sicherheitsmaßnahmen festgelegt – und dann wird die Szene umgesetzt. Mit genau diesem Mindset arbeiten wir auch bei intimen Szenen. 
Als Intimitätskoordinatorin unterstütze ich den kreativen Dialog zwischen Regie und Schauspiel. Wir besprechen, worum es in der Szene geht, welche Emotionen sie transportieren soll und welches Bild die Regie im Kopf hat. Wenn das klar ist, legen wir gemeinsam fest, welche Form von Nacktheit und Berührung gezeigt wird – und choreografieren die Szene entsprechend. Wir arbeiten außerdem eng mit den Abteilungen „Kostüm“ und „Maske“ sowie natürlich mit der Kamera zusammen. All das ist Teil eines professionellen Prozesses, um eine gute Szene zu gestalten – strukturiert, transparent und zugleich künstlerisch lebendig. 

Intimacy Coordination bedeutet, Schauspieler:innen zu ermächtigen – ihnen buchstäblich Macht zu geben. Macht, die früher bei Regie oder Produktion lag. Haben Sie es mit Regisseur:innen zu tun, die Schwierigkeiten haben, diese Macht abzugeben, oder die das Konzept der Intimitätskoordination grundsätzlich ablehnen? 

Ja, und das ist interessant – diese Vorstellung von „Macht“ stammt eigentlich aus einer Außenperspektive. Wenn ein Produktionsteam wirklich versteht, was die Intimacy on Set Guidelines und die Rolle der Koordinatorin oder des Koordinators leisten, geht es in der Praxis nicht um Machtverlust, sondern um das Teilen kreativer Verantwortung innerhalb einer professionellen Struktur. Wir müssen aufhören, Intimitätskoordination als Einschränkung von Kreativität zu begreifen – tatsächlich stärkt sie alle Beteiligten darin, ihre beste Arbeit zu leisten.
Wenn Produzent:innen und Regie erkennen, dass die Richtlinien nichts wegnehmen, sondern Zeit, Raum und Struktur schaffen, verstehen sie, dass sie nicht nur die Schauspielerinnen und Schauspieler, sondern das gesamte Team stärken – Kostüm, Maske, Licht, Kamera. Außerdem stellen sie sicher, dass Darstellende nicht unter Druck geraten, etwa bei Fragen der Nacktheit, ohne vorherige Zustimmung. Niemand würde einem Stunt-Performer sagen, er solle einfach ohne Probe und Sicherheitsvorkehrungen von einem Baum springen. Doch genau das war in intimen Szenen über Jahre hinweg gängige Praxis. Der Vergleich liegt auf der Hand: Die Richtlinien schränken Kreativität nicht ein – sie machen sie überhaupt erst möglich. 
Dieser Ansatz führt zudem zu besserem Erzählen. Durch eine präzise Choreografie können wir körperliche und emotionale Details einbeziehen, die eine Szene glaubwürdig und wahrhaftig wirken lassen. Das nehme ich sehr ernst – ich bilde mich fortlaufend bei Paartherapeutinnen und ‑therapeuten weiter, um die Anatomie von Erregung und auch von Dysfunktion besser zu verstehen. So habe ich etwa an dem Film Men Up mitgearbeitet, der von der Entwicklung von Viagra handelt. Dort stand Dysfunktion im Mittelpunkt, eine völlig andere Form von Intimität. Wenn eine Szene die körperliche und emotionale Anatomie richtig trifft, kann das Publikum in der Geschichte bleiben, anstatt von etwas irritiert zu werden, das sich falsch anfühlt. Es glaubt weiter an die Figuren und konzentriert sich darauf, was die Szene über sie und ihre Beziehung erzählt. Genau darum geht es beim authentischen Erzählen. 

Manche würden einwenden, dass die sorgfältige Vorbereitung intimer Szenen die Spontaneität zerstört, die sich auf anderem Wege nicht wieder herstellen lässt. 

Das Gegenteil ist der Fall: Klare Choreografie und Einverständnis schaffen mehr Freiheit, nicht weniger. Wenn Schauspieler:innen genau wissen, wo sie anfassen dürfen und wo nicht, wenn sie keine Angst haben müssen, zu Nacktheit gedrängt zu werden oder etwas Heikles improvisieren zu müssen, können sie sich vollständig auf ihre Rolle konzentrieren. Genau dann entsteht echte Spontaneität – innerhalb eines sicheren Rahmens. 
Natürlich passen wir manchmal Dinge spontan an. Eine Schauspielerin könnte z. B. sagen: „Was wäre, wenn wir vom Bett heruntergleiten, statt am Rand zu stoppen?“ – Und wir sagen: „Großartig, lasst uns das proben und sicher integrieren.“ Kreativität bleibt also bestehen – sie wird nur nicht mehr zur Überraschung für das Gegenüber. 
Als ehemalige Musicaldarstellerin und ausgebildete Schauspielerin möchte ich, dass die Darstellenden glänzen. Mein Ziel ist es, ihnen zu helfen, ihr gesamtes Können in das intime Spiel einzubringen, mit derselben künstlerischen Authentizität, die sie auch in jede andere Szene legen. 
Bevor es diese Richtlinien gab, herrschte große Verwirrung: Viele glaubten, dass Schauspieler:innen tatsächlich Anziehung oder „Chemie“ füreinander empfinden müssten, damit Intimität glaubwürdig wirkt. Das ist ein Irrtum – das hier ist Schauspiel, nicht das echte Leben. Und genau in diesem Missverständnis lag der Nährboden für Missbrauch und Manipulation. Heute, da die Darstellenden sich sicher und respektiert fühlen, können sie freier, mutiger und emotional wahrhaftiger spielen, weil sie persönlich nicht mehr gefährdet sind.
 

Ita O’Brien © Nicholas Dawkes



Wenn eine Serie über mehrere Staffeln hinweg mit einer Intimitätskoordinatorin arbeitet und das Team dabei Erfahrung sammelt – braucht es Sie dann in Staffel 5 überhaupt noch? Oder läuft das irgendwann von selbst? 

Auch wenn das Team den Prozess inzwischen gut kennt, gelten dieselben Sicherheits- und Einverständnisstrukturen immer dann, wenn eine Schauspielerin oder ein Schauspieler simulierte sexuelle Handlungen oder Nacktheit darstellt. Es geht vor allem um Vorbereitung: um die Vision der Regie, Proben, Choreografie und Sicherheitsmaßnahmen – und, ganz wesentlich, um den rechtlichen Rahmen. 
Wenn wir eine Szene proben, wird alles dokumentiert: das vereinbarte Maß an Nacktheit, die Choreografie, die eingesetzten Schutzkleidungsstücke. Daraus entsteht ein rechtlich bindendes Dokument, das als „Simulated Sex and Nudity Waiver“ bezeichnet wird und von der Rechtsabteilung der Produktion, den Agentinnen und Agenten sowie den Schauspielerinnen und Schauspielern unterzeichnet wird. So wissen alle Beteiligten – Darstellende, Produktion, Rechtsvertretung – genau, worauf sie sich geeinigt haben. 
Diese Dokumentation ist nicht nur für den Dreh selbst entscheidend, sondern auch für die Postproduktion. Sie stellt sicher, dass intimes Material respektvoll behandelt wird – etwa indem ungenutzte Aufnahmen gelöscht und nicht für Outtakes oder Blooper Reels verwendet werden. Die Rolle der Intimitätskoordination erstreckt sich also von der Vorproduktion bis in die Nachbearbeitung. Es geht darum, einen klaren Prozess zu etablieren: offene Kommunikation, gegenseitiges Einverständnis und informierte Entscheidungen. Dieser Prozess ist die Grundlage von Professionalität – und sollte bei jeder Produktion, jedes Mal angewendet werden. 

Wenn wir über den Prozess sprechen: Wie früh werden Sie normalerweise in eine Produktion eingebunden – und wie lange bleiben Sie Teil des Projekts? 

Der beste Zeitpunkt, mich ins Team zu holen, ist immer die Vorproduktion. Produzent:innen, die wissen, dass es intime Inhalte geben wird, beziehen mich frühzeitig ein, damit von Anfang an die richtigen Strukturen geschaffen werden können. Gelegentlich bin ich auch schon an der Drehbuchentwicklung beteiligt, etwa wenn in einem Entwurf einfach steht: „Sie haben Sex.“ Dann helfe ich dem Team, diesen Moment konkreter zu denken: Welchen emotionalen Ton hat die Szene? Welche Körperlichkeit erfordert sie? Was erzählt dieser Moment über die Figuren? Idealerweise bin ich also von Beginn an Part des Teams, nehme an Produktionsbesprechungen teil und unterstütze den kreativen Prozess von innen heraus. Ein großer Teil meiner Arbeit besteht darin, Vertrauen und tragfähige Arbeitsbeziehungen aufzubauen. 
In der Vorproduktion führen wir ein sogenanntes Intimacy Meeting mit den Regisseur:innen aller Drehblöcke durch, um die Drehbücher gemeinsam durchzugehen. Wir erstellen ein Formular zur Szenenaufteilung, in dem jede Form von intimen Inhalten erfasst wird – selbst kleine Gesten. Anschließend besprechen wir Szene für Szene: Was wird benötigt? Wie ist die künstlerische Vorstellung? Welches Maß an Nacktheit ist vorgesehen? 
Diese Notizen werden dann mit den Abteilungen „Kostüm“ und „Maske“ sowie natürlich mit der Kamera und der Regieassistenz geteilt. Wenn man von Beginn an ein Part des Teams ist, läuft der gesamte Drehprozess reibungsloser, effizienter – und, ehrlich gesagt, auch kostengünstiger.

Die Branche hat sich in den vergangenen zehn Jahren grundlegend verändert, Intimacy Coordination ist inzwischen ein fester Bestandteil von Film- und Fernsehproduktionen geworden. Hat sich der Beruf selbst weiterentwickelt – über die Begleitung von Sexszenen hinaus? 

Ja, absolut. Zunächst hat sich das Verständnis unserer Arbeit enorm erweitert. In der Anfangszeit ging es vor allem darum, simulierte Sexszenen zu begleiten. Inzwischen erkennen die Menschen, dass unser Aufgabenfeld ein viel breiteres Spektrum umfasst. Wir werden immer dann hinzugezogen, wenn Nacktheit oder körperliche Verletzlichkeit im Spiel ist – das betrifft nicht nur sexuelle Szenen, sondern auch medizinische Darstellungen, etwa Geburten oder In-vitro-Fertilisationen; oder Momente, in denen der Körper einer Figur aus erzählerischen Gründen entblößt ist, etwa auf einem Operationstisch. 
Dann gibt es noch einen weiteren wichtigen Bereich: die körperliche Nähe zwischen Eltern und Kindern. Wenn erwachsene und minderjährige Darsteller:innen in einer Szene körperlich nah sind – etwa beim Umarmen oder Baden –, achten wir darauf, dass es auf der Leinwand natürlich und vertraut wirkt, am Set jedoch sicher und angenehm bleibt. Dabei arbeiten wir eng mit den Eltern oder Erziehungsberechtigten zusammen, schaffen eine spielerische und entspannte Atmosphäre und legen klare Grenzen fest. Unser Tätigkeitsfeld umfasst heute also eine ganze Bandbreite intimer Situationen – alle basierend auf denselben Prinzipien: Respekt, sorgfältige Vorbereitung und gegenseitiges Einverständnis. 
 


Als Intimitätskoordinatorin unterstütze ich keine unnötig erotisierten Inhalte.“



Welche persönlichen Eigenschaften braucht man für diesen Beruf? 

Im Kern sind wir Bewegungsexpertinnen und ‑experten. Alles, was wir tun, basiert auf einem verkörperten Verständnis von Rhythmus, körperlichem Erzählen und Anatomie. Wenn also jemand zu mir kommt und sagt: „Ich bin Juristin und mir liegt der Schutz von Schauspielerinnen und Schauspielern am Herzen – ich wäre eine gute Intimitätskoordinatorin“, dann frage ich immer: „Was ist deine körperliche Praxis?“ Denn dieser Beruf beginnt im Körper, nicht in der Theorie. Wir choreografieren und begleiten körperliches Erzählen – das ist die erste Voraussetzung. 
Darüber hinaus braucht man große Erdung und Präsenz, die Fähigkeit, aufmerksam zuzuhören und unterschiedliche Bedürfnisse zu erkennen. Produzent:innen denken in Logistik und Best Practices, Regie fokussiert auf die künstlerische Vision, Schauspieler:innen brauchen persönliche Sicherheit und kreative Freiheit. Man muss all diese Perspektiven verstehen und sie mit Diskretion und Professionalität in Einklang bringen. 
Zudem ist es wichtig, die Arbeitsweisen der einzelnen Departments zu kennen – Kostüm, Maske, Kamera, Ton, Spezialeffekte –, denn unsere Aufgabe ist es, sich mit allen Teams zu verzahnen, und nicht, sie zu übergehen. Bevor es Intimitätskoordination gab, übernahm häufig die Kostümabteilung die Nachsorge – half den Darstellenden, sich nach schwierigen Szenen zu bedecken oder emotional wieder zu stabilisieren –, obwohl das gar nicht zu ihrem Aufgabenbereich gehörte. Heute teilen wir diese Verantwortung und schaffen klare Strukturen, um sie in diesem Prozess zu unterstützen. 
Diese Rolle erfordert also gleichermaßen Empathie und Koordination, die Fähigkeit, den Überblick zu behalten und zugleich im Moment präsent zu sein. Und vor allem verlangt sie künstlerisches Gespür. Wir sind da, um körperliches Erzählen zu ermöglichen, um emotionale Wahrhaftigkeit in Bewegungen zu übersetzen, die authentisch und sicher sind. 

Gab es Projekte, die Sie abgelehnt haben, weil der Umgang mit Sexualität problematisch war – also auf eine Weise, die selbst durch gute Intimitätskoordination nicht mehr zu retten gewesen wäre? Gibt es für Sie absolute No-Gos? 

Ja, solche Fälle hat es gegeben. Manchmal kommen Produktionen in letzter Minute auf mich zu und sagen: „Wir drehen morgen eine intime Szene, können Sie kommen?“ In den Anfangsjahren habe ich versucht, auch in solchen Situationen zu helfen, weil ich niemanden enttäuschen wollte. Heute weiß ich: Wenn keine Zeit für Vorbereitung bleibt, kann ich meine Arbeit nicht richtig machen. Diese Arbeit basiert auf Kommunikation und Proben – darauf, Vertrauen zwischen Regie und Schauspiel aufzubauen. Fehlt diese Grundlage, ist nicht nur die Intimitätskoordination angreifbar, sondern auch die Darstellenden. Wenn ich also zu spät hinzugezogen werde, lehne ich ab. 
Was Darstellungen sexueller Gewalt betrifft, ist mir wichtig zu betonen: Solche Geschichten sollen und müssen erzählt werden, aber der Rahmen, in dem sie erzählt werden, ist entscheidend. Misogynie oder Übergriffe können dargestellt werden, doch der Entstehungsprozess dieser Szenen muss von Respekt und Achtsamkeit getragen sein. Wenn ich merke, dass eine Produktion mich nur engagiert, um formal „einen Haken zu setzen“, ohne sich wirklich auf den professionellen Prozess einzulassen, lehne ich ebenfalls ab. 
Manchmal zeigt sich in unseren Vorgesprächen auch, dass bestimmte Szenen überflüssig sind – etwa Momente von Nacktheit oder Sexualisierung, die der Geschichte nichts hinzufügen. Wenn wir dann fragen: „Warum gibt es diese Szene? Was erzählt sie über die Figuren? Wie bringt sie die Handlung voran?“ – und keine überzeugende Antwort kommt, ist das ein Warnsignal. In solchen Fällen habe ich Proben angeleitet, in denen Regie und Schauspiel gemeinsam eine alternative körperliche Erzählweise gefunden haben, die sowohl der künstlerischen Vision der Regie als auch den Bedürfnissen der Darstellenden gerecht wurde. Als Intimitätskoordinatorin unterstütze ich keine unnötig erotisierten Inhalte. Meine Verantwortung liegt darin, die künstlerische Integrität zu wahren, indem jede intime Szene einen erzählerischen Sinn hat – respektvoll gegenüber den Darstellenden und im Dienst der Geschichte. 
Was absolute No-Gos angeht: Ich selbst bin damit bisher nicht konfrontiert worden, aber für mich ist reale Sexualität vor der Kamera eine klare Grenze. Wir bewegen uns im Bereich des Dramas – also der simulierten Intimität, nicht echter sexueller Handlungen. Wenn Darstellende zustimmen, echten Sex zu zeigen, verschiebt sich das Genre in den Bereich der Pornografie, die über eigene Strukturen und Einverständnissysteme verfügt. Diese Unterscheidung ist nicht nur für die Schauspielenden wichtig, sondern für das gesamte Team – Kameraführung, Ton, Beleuchtung, alle am Set. Eine Crew dazu aufzufordern, tatsächlichen Sex zu filmen, ist eine völlig andere ethische und professionelle Situation. Für mich gilt daher: In der Welt des Dramas hat realer Sex keinen Platz. 

Im Moment scheint es, als würden einige gesellschaftliche Fortschritte der vergangenen zehn oder 20 Jahre wieder zurückgedreht. Nehmen Sie eine konservative Gegenbewegung wahr? 

Ja, wir leben in besorgniserregenden Zeiten. Vor einigen Jahren gab es eine unglaubliche Welle des Fortschritts – ein neues Bewusstsein dafür, dass Respekt und Professionalität grundlegend sind. Jetzt müssen wir darauf achten, diesen Fortschritt nicht zu verlieren. Wir dürfen ihn nicht als selbstverständlich ansehen. Wir müssen wachsam bleiben. 
Wenn politische Führungspersonen sich frauenfeindlich verhalten und marginalisierten Gruppen Rechte entziehen, prägt das zwangsläufig auch die Welt, in der wir arbeiten. Gerade deshalb trägt unsere Branche eine besondere Verantwortung. Wir sind Geschichtenerzähler: innen – wir halten der Menschheit einen Spiegel vor. Umso wichtiger ist es, dass wir Respekt, Empathie und Gleichberechtigung nicht nur in unseren Geschichten zeigen, sondern auch in der Art und Weise, wie wir sie erzählen. Wir sollten Filme und Serien weiterhin auf die schönste, kreativste, freudvollste und zugleich professionellste Weise gestalten – mit Respekt für alle Beteiligten. 
Als ich 2017 zum ersten Mal öffentlich über diese Arbeit sprach, hoffte ich, dass sie sich innerhalb von fünf Jahren etablieren würde. Der Fortschritt seither war beachtlich – aber wir müssen weiter daran arbeiten: mit fundierter Ausbildung, klaren Qualifizierungsstandards und einer dauerhaft verankerten Kultur des Respekts. Es gibt noch einiges zu tun – doch wir sind auf dem richtigen Weg. 

Ita O’Brien ist die führende Intimitätspraktikerin Großbritanniens und Gründerin von Intimacy on Set, einem Unternehmen, das Dienstleistungen für Fernsehen, Film, Oper und Theater im Umgang mit Intimität, sexuellen Inhalten und Nacktheit anbietet. Seit 2014 entwickelt sie Best-Practice-Richtlinien für Intimität am Set, die in der gesamten Branche weit verbreitet sind und sich für sichere, faire und würdevolle Arbeitsbedingungen einsetzen.

David Assmann ist freier Filmkritiker, Filmemacher und Filmwissenschaftler. Er ist Mitglied des Auswahlgremiums von Berlinale Generation, der Jury für den Kinder & Jugend Grimme­ Preis und seit 2018 Prüfer bei der Frei­willigen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).