Wussten Sie, dass Science-Fiction und Fantasy einmal radikale Gegensätze waren?
Aus heutiger Sicht wirkt die Behauptung irritierend. Beide Genres haben doch so viel gemein: Egal in welchem Medium, sie spielen in Welten, die sich mehr oder weniger dramatisch von unserer heutigen Welt und ihren historischen Vorläufern unterscheiden. Das kann ein Detail sein: Warum läuft ein Dinosaurier durch New York? Was macht da ein Zeitreisender bei der Kreuzigung Christi? Oder aber die Welt ist grundsätzlich anders: Wir befinden uns Hunderte von Jahren in der Zukunft, in einer Welt mit Drachen und Zauberer: innen, auf einem fernen Planeten.
Kern beider Genres ist der Ereignisort, eine fantastische Welt. Aus diesem Grundkonzept entstanden im frühen 20. Jahrhundert eine ganze Reihe unterschiedlicher populärliterarischer Erzählformen. Neben den wichtigsten, Science-Fiction und Fantasy, wurden einige zumindest zeitweise ebenfalls als eigenständig wahrgenommen – etwa Weird Fiction (z. B. H. P. Lovecraft) oder Sword and Sorcery (z. B. Robert E. Howards Conan-Geschichten).
Als Leitdifferenz, anhand der sich Leser:innen, Autoren (Autorinnen gab es in diesen Genres anfangs praktisch nicht) und Verlage orientieren konnten, etablierte sich bald die Idee, dass alles, was in Science-Fiction fantastisch war, rational erklärbar sein musste. Also zumindest theoretisch, tatsächlich schwankte die Plausibilität der Erklärungen von Anfang an stark. In einigen Fällen gaben sich Autoren tatsächlich Mühe, aus gegenwärtigem Wissen zu extrapolieren, die allermeisten Begründungen waren jedoch schlicht unsinnig. Fantasy brauchte so etwas nicht – Zauberer, Hexen, Drachen oder Magie gab es halt.

In den 1950er- und 1960er-Jahren sorgte eine veränderte Realität dafür, dass der Gegensatz zwischen beiden Genres unüberbrückbar wurde. Wissenschaft und Technik, also die Themen von Science-Fiction, bestimmten immer mehr das Alltagsleben, im Guten wie im Schlechten. Einerseits waren da Waschmaschine und Fernsehapparat, Computer und Mondraketen, andererseits die Atombombe. Science-Fiction bedeutete Modernität und die Zukunft, Fantasy dagegen Vergangenheit, Märchen und Aberglaube. Als Konsequenz gab es bald auch separate Fankulturen, in Deutschland etwa neben dem „Science Fiction Club Deutschland“ ([SFCD] gegründet 1955) ab 1966 auch die Abspaltung „Fellowship of the Lords & Ladies of the Lands of Wonder (FOLLOW)“.
Es waren amerikanische Hippies, die eine völlig durchrationalisierte und technisierte Welt ablehnten und deshalb eine zehn Jahre zuvor in Großbritannien erschienene Romantrilogie des Philologen J. R. R. Tolkien für sich entdeckten und ihr zum Welterfolg verhalfen: Der Herr der Ringe. Fantasy wurde allmählich wieder gegenwartstauglich – und die beiden Hauptgenres der Fantastik konnten sich neu begegnen. Wie etwa in Star Wars, auf den ersten Blick typische Science-Fiction, in der es aber auch eine Prinzessin gibt und eine „Macht“, die sehr an Magie erinnert. Und dann ist da noch der Text im Vorspann: „Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis …“
