Allein im System

Der Thriller „Das weiße Schweigen“ bei RTL+ und VOX

Tatjana Trögel

Tatjana Trögel studierte Journalistik und ist freie Autorin. Seit vielen Jahren prüft sie bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).

Programm Das weiße Schweigen
 Thriller, D 2021
SenderRTL+, seit 28.06.2022
VOX, 07.09.2022

Online seit 07.09.2022: https://mediendiskurs.online/beitrag/allein-im-system-beitrag-1124/

 

 

 

Ein deutscher Thriller im Krankenhausmilieu und dann noch auf wahren Begebenheiten beruhend – damit sind Zuschauer:innen als Betroffene des Milieus ohnehin einbezogen. Es geht um einen Ort, der existenzielle Not und Hilfe bedeuten kann, Lebensrettung, aber auch den höchsten vorstellbaren Grad völligen Ausgeliefertseins. Das Drama knüpft an eigene Erfahrungen an, an Schicksale von Angehörigen oder an die Bilder der von Corona betroffenen Patient:innen. In den täglichen Nachrichten konnte man sie hilflos an Atemgeräten hängen sehen, zwischen medizinischem Personal, das in Plastikganzkörperkondomen verborgen ist: Sinnbild des Wellenkamms der Pandemie. Atemlosigkeit der Betroffenen trifft auf Atemlosigkeit der Pflegenden. 

Der Film Das weiße Schweigen bedient wohltuend nicht vordergründig das Klischee des Horrors auf einer Intensivstation und spielt noch im Vor-Covid der Zeitrechnung. Er ist bemüht, durchweg über Menschen die Geschichte eines Systems zu erzählen, das mit einem Serienmörder eine kriminelle Ausnahmeerscheinung als Täter ermöglicht, die durch Wegschauen und Vertuschen zur Monstrosität geriet. Am Beginn und am Ende des Films wird eingeblendet, dass nach einer wahren Geschichte gedreht wurde. Der Fall Niels Högel wurde erst 2019 vor Gericht verhandelt und kann bei vielen aus dem Gedächtnis abgerufen werden.  

Die Rolle des Mörders Rico wird von Kostja Ullmann als emotional unterbelichtete Figur gestaltet, die auch beim Sex nur dem eigenen schnellen Bedürfnis nachgeht und keine näheren Beziehungen darüber hinaus zulassen kann. Die Zuschauer:innen erleben ihn lediglich als drohendes Übel, das zwar auch mal kurz in der Freizeit aufdrehen kann, sonst aber Tabletten schluckend auf den großen Kick hinarbeitet, Herr über Leben und Tod zu sein. Dass der Film als Thriller angekündigt ist, fällt den Zuschauenden dann wieder ein, wenn leere Flure in der Nacht und unheimliche Musik den mörderischen Pfleger imaginieren und er lange im hektischen Rhythmus auf den Brustkorb eines leblosen Körpers drückt, mit Gesten des Triumphes beim Gelingen der Wiederbelebung.
 

Trailer Das weiße Schweigen (RTL+, 28.06.2022)



Wir Zuschauer:innen sind aber mit Julia Jentsch als kompetenter Schwester Clara unterwegs und steigen mit ihr in den Klinikalltag ein, nehmen ihr Mitgefühl und ihre Professionalität wahr, auch wenn sie in den Zwängen des immer wieder artikulierten Pflegenotstands singulär erscheinen. Über sie erleben wir drei Patienten als konkrete Menschen in ihrer Schwäche, ihrem Lebensmut und ihren Ängsten.

Ein Patient, der von Rico erst mit einer Spritze aus dem Leben befördert wurde, um dann wieder reanimiert zu werden, wird seine letzten Stunden in Angst erleben, die er seiner Frau nur noch über die Augen mitteilen kann, bevor er endgültig in den Tod befördert wird. Diese Augen sowie der Zweifel und die Trauer seiner Frau lassen aufscheinen, was die Zahl 85 nachgewiesener Morde kaum auszudrücken vermag. 

In der Gerichtsverhandlung werden die Zuschauer:innen an die Hand genommen und mit dem Versagen eines Systems und den darin agierenden und gefangenen Menschen konfrontiert. Erst als Clara in einer anderen Klinik Verbündete findet, kann sie dagegen angehen. Alle Versuche, mit der befreundeten Stationsschwester, dem Arzt oder der Klinikleitung dem mörderischen Treiben Einhalt zu gebieten, scheiterten und werden in erpresserisch suggerierte Schuldgefühle umgewandelt. 

Der Film hat sich viel vorgenommen. Der Thriller gerät daher eher zum Drama, die korrekte Aufklärung nimmt den Raum für die Figurenzeichnung und gerät mitunter etwas didaktisch. Die Zuschauer:innen können eigene Handlungsvorstellungen und ‑möglichkeiten gerne überprüfen und danach fragen, wie menschliche Überforderung, psychische Störungen und kriminelles Geschehen Hand in Hand gehen können, ohne hinterfragt zu werden. Sie bleiben dabei aber an der Figur der Krankenschwester, die ihrem Gewissen folgt, während die narzisstische Figur des Pflegers kaum Anschlussmöglichkeiten bietet und in den Hintergrund tritt, sodass sie keinerlei Faszination vermitteln kann.

Der Film ist sicher für die Darsteller:innen unter den Möglichkeiten geblieben, aber in dieser Form geeignet, auch von Zuschauer:innen ab 12 Jahren im Hauptabendprogramm ertragen und verarbeitet zu werden. Die nächste Coronawelle mit Bildern aus den Intensivstationen kommt bestimmt. Auch jugendliche Zuschauer:innen sind täglich mit den Möglichkeiten und Grenzen eines Gesundheitssystems als Spielball zwischen Politik und Ökonomie konfrontiert und zwangsläufig genötigt, damit gedanklich oder ganz konkret als Betroffene umzugehen. 
 


Freigegeben ab …
 

Der Thriller beruht auf einer wahren Begebenheit, die als drastischer Einzelfall vor wenigen Jahren vor dem Gericht landete und verurteilt wurde. Er verdeutlicht als fiktionalisierte Handlung sowohl das kriminelle Geschehen um 85 nachgewiesene Morde als auch die Hintergründe, die das Handeln eines Einzelnen und dessen Vertuschung ermöglichten.

Der Mörder wird mehrfach bei absichtlich herbeigeführten Sterbefällen in der Notaufnahme und den daraus folgenden, nicht immer glückenden Reanimationen gezeigt. Hier wurde das Potenzial einer übermäßigen Angsterzeugung im Prüfausschuss diskutiert, da auch einige unheimliche Momente mit Kamerafahrten im Flur und dramatischer Musik verstärkend wirken. Diese Szenen und Genre-Elemente wurden jedoch vorwiegend als Abgrenzung zu einer weiter gehenden Freigabe für das Tagesprogramm gesehen.

Für Zuschauende ab 12 Jahren sind auch die Szenen der Reanimierung zu verkraften, da sie nicht übermäßig lang ausgespielt sind, die betroffenen Patienten und deren Angehörige relativ kurz charakterisiert sind und durch die versachlichenden Überblendungen in die Gerichtsverhandlung klar wird, dass die Fälle in der Rückschau betrachtet werden. So bleibt ein ängstigender emotionaler Einstieg begrenzt.

Hauptfigur und durchgehende Orientierung bleibt immer die Pflegeschwester Clara, deren Prozess des Zweifels und der Suche nach Verbündeten und Konsequenzen auch für 12-Jährige nachvollziehbar gezeichnet ist, sodass der Täter nicht zur faszinierenden Heldenfigur geraten kann.

Es wird zwar ein System von Überforderung, Verdrängung und Vertuschung durch alle Ebenen einer Klinik gezeigt, das wird dann aber vor Gericht deutlich verhandelt. Letztendlich bleiben die Zuschauer:innen klar aufseiten der Krankenschwester, die am Ende durch das Urteil in ihrer Haltung bestärkt wird. Die Schrifteinblendungen am Beginn und Ende des Filmes weisen darauf hin, dass das Gezeigte auf einer wahren Begebenheit beruht, was zwar erschreckend ist, aber auch deutlich den hervorgehobenen Einzelfall betont.
 

Bitte beachten Sie:
Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Weiterlesen:
Sendezeiten und Altersfreigaben

Hinweis:
Pay-TV-Anbieter oder Streamingdienste können eine Jugendschutzsperre aktivieren, die von den Zuschauer:innen mit der Eingabe einer Jugendschutz-PIN freigeschaltet werden muss. In dem Fall gelten nicht die üblichen Sendezeitbeschränkungen und Schnittauflagen. Weitere Informationen zu Vorschriften und Anforderungen an digitale Vorsperren als Alternative zur Vergabe von Sendezeitbeschränkungen sind im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (§ 5 Abs. 3 Nr. 1§ 9 Abs. 2 JMStV) sowie in der Jugendschutzsatzung der Landesmedienanstalten (§ 2 bis § 5 JSS) zu finden.

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Jugendschutz bei Streamingdiensten