Die groteske Saat der Coen-Brüder

Die fünfte Staffel der Serie „Fargo“

Uwe Breitenborn

Dr. Uwe Breitenborn ist hauptamtlicher Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), Dozent, Autor und Bildungsreferent bei der Medienwerkstatt Potsdam.

Programm Fargo (Staffel 5)
 Krimi, USA 2023
SenderMagentaTV, seit 22.11.2013

Online seit 22.12.2023: https://mediendiskurs.online/beitrag/die-groteske-saat-der-coen-brueder-beitrag-1124/

 

 

Bei MagentaTV ist seit November 2023 ein Serien-Juwel zu sehen, das nun bereits in der fünften Staffel angekommen ist. Die Grundlage dafür legten Ethan und Joel Coen sowie die fantastische Hauptdarstellerin Frances McDormand 1996 mit dem oscarprämierten Film Fargo. Die gleichnamige Serie, die erstmals 2014 auf dem Bildschirm auftaucht, erzählt in jeder Staffel aufs Neue krude Geschichten, die durch ein Star-Ensemble lakonisch in Szene gesetzt werden – produziert von den Coen-Brüdern. In der neuen Staffel sehen wir Dorothy „Dot“ Lyon (Juno Temple), die sich der Attacken ihres Ex-Mannes Roy Tillman (Jon Hamm), ihrer Schwiegermutter Lorraine Lyon (Jennifer Jason Leigh) sowie des Killers Ole Munch (Sam Spruell) erwehren muss. Der Serienplot wartet nicht mit einer linearen Geschichte auf, sondern setzt auf ein Panorama bizarrer Handlungsplots und Charaktere, bei denen keine Langeweile aufkommt.
 

Lässiger Feminismus vs. Misogynie

Staffel 5 brilliert durch eine hakenschlagende Dramaturgie, die jedoch nie den Faden der Geschichte aus dem Auge verliert. Im „Tagesspiegel“ war dazu zu lesen: „Der blutige Mix aus ekliger Oberschicht, desperater Mittelschicht und fatalistischer Unterschicht mit dem gewohnten Link in die lokale Verkehrsinfrastruktur (Autohandel oder Parkplätze) trägt über zehn Serienstunden. Der Nihilismus latent lustloser, leicht bräsiger und trotzdem zielstrebiger Opfer, Täter, Ermittler nutzt sich noch immer nicht ab. Ebenso wenig wie die strikte Ernsthaftigkeit Coen’scher Pointen, gepaart mit einer Detailversessenheit, die jeder Kippe bereits dann Handlungsrelevanz verleiht, wenn sie zuvor ewig im Close-up glüht.“ (Freitag 2023)

Diese Staffel kann durchaus als feministische Geschichte gelesen werden, in deren Zentrum starke Frauen stehen, die souverän ihre Interessen durchsetzen; und dies in einer machiavellistischen Welt, in der Middle-West-Machos dominieren. Dem entgegen steht als Protagonistin die unnachgiebige Dorothy , die auf den ersten Blick als durchschnittliches All-American-Girl daherkommt, als engagierte Kümmerin, die bei ihrer Familie – also Scotty und ihrem zu bekümmernden Mann Wayne – nichts anbrennen lässt. So ist der Staffelauftakt eine Schulfest-Schlägerei, in der jene unscheinbare Frau zwei Kontrahenten beiläufig mit einem Taser niederstreckt.
 

Trailer Fargo, Staffel 5 (MagentaTV, 16.11.2023)



Alles in Fargo hat einen doppelten Boden. So ist jeder noch so dumpfe Monolog auch eine philosophische Absonderung über die Daseinsfrage im Hier und Jetzt. Wenn Roy Tillman erklärt, dass seine Ex-Frau Dorothy eine „Zecke“ sei, bei der kein „Quetschen“ oder „sauberes Rausziehen“ helfe, dann ist dies nicht nur eine Charakterisierung des misogynen Roy, sondern es entlarvt auch, was es bedeutet, wenn dieser Mann die Macht hat. Roy resümiert konsterniert, dass er bisher eigentlich nie ein Problem gehabt habe, eine Frau zu brechen. Aber an Dorothy und den anderen Frauen, egal ob Deputy Indira oder Schwiegermutter Lorraine, beißen sich hier alle Männer die Zähne aus. Und Dorothy beruhigt ihre Tochter mit den Worten: „Sowas wie Dämonen gibt es nicht. Nur Männer.“ Für den Fortgang des Plots ist dies alles bedeutungsvoll, aber mehr sei hier nicht verraten.
 


Freigegeben ab …
 

Die bisher geprüften Episoden der Serie erhielten eine Freigabe ab 16 Jahren. Fargo lebt von einer teils ungewöhnlichen Bildsprache und überraschenden dramaturgischen Einfällen. So wird beispielsweise in der siebten Episode Dorothys Missbrauchsgeschichte als Puppenspiel erzählt, was filmkünstlerisch heraussticht und einen beklemmenden Sog entwickelt. Genretypisch dominieren bizarre Szenarien viele Episoden. Sie enthalten teilweise gewalthaltige, düstere und bedrohliche Szenen. Auch durch die Figurenkonstellation existiert oft unterschwellig ein konstantes Bedrohungsszenario mit thrillerartigen Elementen, das von ab 16-Jährigen vor dem Hintergrund ihrer Medienerfahrung mit Distanz verarbeitet werden kann. Die Rahmung der Serie, deren Markenzeichen unter anderem die skurrile Inszenierung von Gewaltakten ist, wurde hinsichtlich des Risikos einer sozialethischen Desorientierung diskutiert. Dieses Wirkungsrisiko ist auch in der sarkastischen Anlage vieler Charaktere, deren Gewaltakzeptanz und Ambivalenz zu finden. Gewalt ist in vielen Facetten präsent und äußert sich nicht nur in expliziten, teils ästhetisierten Gewaltakten. So gibt es immer wieder herablassende, misogyne, teils zynische und gewaltbefürwortende Aussagen der Protagonisten. Die Serie provoziert mit Tabubrüchen, die durch den schwarzen Humor relativiert werden. Ab 16-Jährigen ist zuzutrauen, diese Fargo-typische Dramaturgie hinreichend distanziert wahrnehmen und einordnen zu können.

Quellen:

Freitag, J.: „Fargo“ und kein Ende: Im Stahlbad einer bizarren Bildgewalt. In: Tagesspiegel. 21.11.2023. Abrufbar unter: www.tagesspiegel.de

 

Bitte beachten Sie:
Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

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Sendezeiten und Altersfreigaben

Hinweis:
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Jugendschutz bei Streamingdiensten