Rausch und Risiko

Funktionen riskanten Verhaltens im Jugendalter

Yvonne Niekrenz

Dr. Yvonne Niekrenz ist Soziologin und hat zu den Themen „Kultursoziologie“, „Körpersoziologie“ und „Soziologie des Jugendalters“ geforscht. Sie ist Projektleiterin im Bereich „Demokratiepädagogik“ beim Landesfrauenrat Mecklenburg-Vorpommern.

Aus quantitativen Erhebungen wissen wir, dass im Jugendalter die Tendenz zum abweichenden Verhalten und zur Delinquenz zunimmt. Vom 12. bis zum 20. Lebensjahr steigen Alkoholkonsum, Rauchen, der Gebrauch weicher und harter Drogen, Aggressionen, Zerstörungen und Vandalismus kontinuierlich an – und gehen dann im dritten Lebensjahrzehnt wieder zurück. Heranwachsende suchen das Risiko, suchen den Kick und beeinflussen ihre Wahrnehmungs- und Bewusstseinszustände, indem sie Rauscherfahrungen eingehen. Welche Funktionen hat die Suche nach Rausch und Risiko im Jugendalter? Warum setzen Jugendliche ihren Körper verschiedenen Gefahren aus, betäuben ihn, versuchen seine Leistung mit legalen wie illegalen Substanzen zu steigern oder gehen das Risiko von Verletzungen ein?

Printausgabe mediendiskurs: 28. Jg., 1/2024 (Ausgabe 107), S. 26-31

Vollständiger Beitrag als:

Was ist mit Rausch gemeint?

Umgangssprachlich ist der Begriff „Rausch“ schnell bei der Hand: Der Kaufrausch, der Geschwindigkeitsrausch oder der Alkoholrausch sind gängige Alltagsbegriffe. All diesen Phänomenen sind Enthemmung und Übertreibung des Handelns gemeinsam. Rausch fällt in die Kategorie der außergewöhnlichen (oder nicht alltäglichen) Bewusstseinszustände, bei denen eine Veränderung der Wahrnehmung und des Erlebens eintritt. Damit einher geht eine Einbuße oder der Verlust an Selbstkontrolle sowie Veränderungen im Fühlen und Verhalten. Rausch hat eigene Regeln und andere Raum-Zeit-Bezüge. Das soziale Handeln verändert sich im Rausch hinsichtlich Affektkontrolle und Konventionen, häufig lassen rational-analytische Fähigkeiten zugunsten intuitiver Denkmuster nach.
 


Dabei ist das Bedürfnis nach rauschhaften Zuständen so alt wie die Menschheit selbst und in allen Kulturkreisen sozial und rituell verankert. Es hängt von den jeweiligen Normen und Werten einer Kultur ab, was unter Rausch verstanden wird und welche Räusche als legitim und welche als illegal gelten. Verschiedene Wege führen die Individuen zu einem zeitlich begrenzten Zustand, den wir als Rausch bezeichnen. Neben den stoff- oder substanzgebundenen Formen des Rausches können Rauschzustände auch durch psychische Techniken, z. B. durch heftige Sinnesreize (laute Musik, Lichteffekte) oder das Abschließen von Sinneseinflüssen (Meditation) erzeugt werden. Auch durch Körpermanipulationen wie Schlafentzug, Fasten oder Atemtechniken können Rauschzustände erlangt werden.
 

Rausch als gesellschaftlich dysfunktional

Es gibt ein deutliches Interesse von Gesellschaften, den Rausch zu beschränken. Ein Grund hierfür sind die gesundheitlichen Risiken. Aber nicht nur das. Wer im Rausch die Kontrolle über sich verliert, wird zur gesellschaftlichen Gefahr, handelt „dysfunktional“ (Legnaro 1982a, S. 163). Rausch gilt gemeinhin nicht nur als gesellschaftlich unproduktiv, sondern auch als destruktiv. Rausch bringt kein Ergebnis hervor, dem ein ökonomischer Wert beigemessen wird. Im Gegenteil: Der Rausch verschwendet Ressourcen, durchkreuzt funktionale Zuweisungen, Nützlichkeitserwägungen und Produktionszwänge (vgl. Maffesoli 1986, S. 109). Er steht der Leistungsethik entgegen, stellt Arbeit und Fortschritt als kategorischen Imperativ zumindest für kurze Zeit infrage.
 

Rausch im Jugendalter

Rauscherfahrungen im Jugendalter beziehen sich nicht nur auf den Konsum psychoaktiver Substanzen. In den Fokus gehören auch psychische Techniken wie intensive sportliche Betätigung, Musik und Tanz. Die Suche nach dem Kick im Eingehen von Risiken beispielsweise ist Teil vieler Trendsportarten und Jugendkulturen. Risiken werden hier in Kauf genommen, denn sie treten an die Stelle von Wettkampforientierungen und sind konstitutives Merkmal der sportlichen Praxis. Beim Skateboarding z. B. werden immer wieder Verletzungen riskiert, um aufregende Sprünge zu machen, sehr schnell Fahrt aufzunehmen, den Hang hinabzusausen usw. Wenn alles gelingt, gibt es den Kick, das Gefühl von Omnipotenz, alles schaffen zu können. Man ist angefüllt von Adrenalin, man ist der König oder die Königin der Welt – für einen kurzen Moment. Ein berauschendes Gefühl, das nach Wiederholung oder auch Steigerung ruft. Solche Kicks und auch rauschhafte Bewusstseinszustände können Anstöße bei der Suche nach Identität bieten. Risiken einzugehen bedeutet, sich auf Erfahrungen mit unsicherem Ausgang einzulassen. Durch das Eingehen von Risiken eröffnen sich auch Erfahrungsräume, in denen Eigenständigkeit und Verantwortung erlernt werden und Prozesse der Identitätskonstruktion stattfinden. Es geht hier um die Entwicklung eines eigenen, selbstbestimmten Lebens, das bei Heranwachsenden vor dem Hintergrund einer Ablösung vom Elternhaus zu deuten ist.
 

Rausch und Initiation

Der Rausch und das Risiko entziehen sich den von den Eltern auferlegten Regeln. Die fraglose Autorität der Eltern in der Kindheit ist im Wandel begriffen. Eltern können ihren Kindern diese neuen Verhaltensweisen nicht mehr einfach verbieten. Für Heranwachsende nehmen Rauscherfahrungen also Funktionen innerhalb von Übergangsriten ein. Dem Rausch im Jugendalter kommt in gewisser Weise eine Initiationsfunktion zu, denn die erste Rauscherfahrung von Heranwachsenden kann einem Übergangsritus von der Kindheit zum Erwachsensein gleichkommen. Der erste Rausch ist gewissermaßen eine Wegmarke auf dem Weg in das Erwachsenenleben, denn der oder die Jugendliche demonstriert in der Selbstinitiation die Ablösung von der elterlichen Fürsorge und der Kontrolle über sein/ihr physisches und psychisches Wohlbefinden und gleichzeitig seine/ihre Eigenständigkeit und Autonomie (vgl. Ganguin/Niekrenz 2010, S. 12). Er/Sie entzieht sich damit auch der Aufsicht und Überwachung durch Erwachsene und dekonstruiert deren Machtposition, während gleichzeitig die Peergroup an Bedeutung gewinnt. Rauschrituale sind also auch Trennungsriten, mit denen sich Erwachsenenverhalten erproben lässt und in denen Identitätstransformation inszeniert wird.
 

Erwerb von Risikokompetenz

Für die legalisierten Rauschmittel Alkohol und Tabak gilt: Rauscherfahrungen sind nötig, damit Jugendliche den Umgang mit Rauschmitteln lernen. „Jugendliche müssen sich – gedanklich und handelnd – mit dem Konsum der legalen Drogen beschäftigen und auseinandersetzen können, weil sie sonst in einer von Drogen geprägten Lebensumwelt sozial inkompetent bleiben würden“ (Hurrelmann 1997, S. 211). Der kompetente Umgang mit dem Rausch stellt eine entscheidende Entwicklungsaufgabe für Jugendliche dar, gerade weil Rausch in unserem Kulturkreis ein ambivalentes Phänomen ist. Rausch wird einerseits erwünscht und ersehnt, andererseits dämonisiert und verboten.
 


Für die legalisierten Rauschmittel gilt: Rauscherfahrungen sind nötig, damit Jugendliche den Umgang mit Rauschmitteln lernen



Im Umgang mit dem Rausch spannt sich ein ambivalentes Handlungsfeld auf, das dionysische Zyklen ebenso wie Abstinenzgebote kennt. Mit dieser Ambivalenz von Rauschstreben und Rauschfeindlichkeit müssen Jugendliche umzugehen lernen. Sie müssen sich mit den gesellschaftlichen Konventionen im Themenbereich „Rausch“ auseinandersetzen, müssen diese reflektieren und ihren eigenen Standpunkt entwickeln. Kompetenz im Umgang mit Rausch zu erlangen, bedeutet auch, Risikokompetenz zu erwerben. Ein verantwortungsbewusster und mäßiger Konsum gilt dabei als optimales Entwicklungsziel, aber ein Rausch als Abweichung von der Nüchternheit, als ein Übersteigern des „Normalzustandes“ gehört oft zum Kompetenzerwerb dazu.

Im Rausch wird das Leib-Körper-Verhältnis ausgelotet, werden leiblich-körperliche Grenzerfahrungen gemacht. Diese Erfahrungen sind von Relevanz für die Erfassung der eigenen körperlichen Konstitution – also einerseits, um zu erfahren, wer oder wie man selbst ist bzw. sein kann, andererseits, um zu erfahren, wie sich der eigene Körper manipulieren lässt, wie sich veränderte Zugänge zur eigenen Leiblichkeit erschließen lassen. Mit diesen Erfahrungen experimentieren gerade auch Jugendliche auf der Suche nach einem Verhältnis zu ihrem sich massiv verändernden, pubertierenden Körper. Der Rausch erinnert dabei auch an das Wissen um die Beschränkung des eigenen Seins, denn die Leiberfahrung im Hier und Jetzt macht die Endlichkeit des Leibseins bewusst.
 


Rausch und Vergänglichkeit

Der Rausch ist ebenso endlich wie das Leben selbst, weshalb er häufig auch „der kleine Tod“ genannt wird. Das Individuum begegnet in der Rauschekstase der Gewissheit, dass jedes Sein auf der Erde zeitlich begrenzt ist und dadurch den Zwang zur Gestaltung des Daseins erhält. Nicht umsonst thematisieren beispielsweise Trinksprüche auf die eine oder andere Weise als Memento mori die schnell verstreichende Jugend und den Ablauf der Lebenszeit („So jung kommen wir nicht wieder zusammen.“). Durch die Vereinigung im Jetzt und den Genuss der Lebenszeit versuchen die Akteure, diese tragische Einsicht zu kompensieren.
 

Rausch als kollektive Praxis

Der demonstrative Alkoholkonsum wird zumeist gemeinsam in der Gleichaltrigengruppe praktiziert. Die Gruppe ist der Ort für die Entwicklungserfahrungen und deren Reflexion. Alkoholkonsum erleichtert oft den Zugang zu Gleichaltrigengruppen. Die Erleichterung der Kontaktaufnahme und die Steigerung der Stimmung rühren von der für Rauschzustände häufig beschriebenen wachsenden Entspanntheit und Sorglosigkeit her. Die Gemeinschaft spielt für den Rausch eine entscheidende Rolle. Zwar gibt es den einsamen Rausch ohne Frage ebenso, dieser entspringt aber dem Bedürfnis, sich von seinem Umfeld zu reinigen und zu erholen. Der kollektive Rausch hingegen hat die Integration in die Gruppe zum Ziel. Das kollektive Rauscherleben betont die Gemeinschaft nicht zuletzt durch seine rituelle Rahmung. Dies zeigt sich etwa im Zuprosten, welches das gemeinsame Trinken zumeist einleitet. Es handelt sich beim Zuprosten um eine symbolische Geste mit einem kollektiven Charakter. Trinkrituale dienen der Orientierung und belegen die Gültigkeit von Regeln sowie die Bedeutung der Gemeinschaft in einer anderen Wirklichkeit. Die Gruppenmitglieder erleben sich selbst in der außeralltäglichen Erfahrung des Rausches auf eine andere Weise; aber auch die Gruppe erlangt eine veränderte Deutung.
 


Kollektiver Rausch stellt Sozialbeziehungen her, stärkt und erneuert soziale Bindungen.



Das gemeinsame Erlebnis als außeralltägliche Situation und psychophysische Konstruktion stärkt die verbindenden Kräfte der Gemeinschaft – zumindest für die Dauer des Rausches. Alkoholkonsum markiert sozialen Status und Rang, Zeitintervalle, bedeutsame Ereignisse sowie Gruppenzugehörigkeit. Rituale sind dabei maßgeblich für die Herstellung, Stärkung oder Erneuerung sozialer Beziehungen verantwortlich. Durch Trinkrituale sollen das menschliche Triebverhalten und das Verlangen nach Ausbruch berechen- und steuerbar gemacht und Aggressionen sublimiert werden. Trinkrituale sind gewissermaßen ein Aufruf, gegen den eigenen Körper zu handeln, ein Aufruf zur Initiation, die Integration ermöglicht. Es geht darum, den eigenen Körper für eine begrenzte Zeit auf das Maß des Kollektivs zu erweitern. Rauschregeln setzen einen rituellen Rahmen, der auch die Funktion hat, den Konsum als sozial akzeptiert und kulturell erwünscht zu gestalten.
 

Zusammenfassung

Rausch hat also eine Funktion für individuelle Entwicklung und Alltagsbewältigung – nicht nur von Jugendlichen. Kollektiver Rausch stellt Sozialbeziehungen her, stärkt und erneuert soziale Bindungen. Rausch entfaltet somit eine sozialintegrative Kraft und hat zugleich eine Entlastungs- und Ventilfunktion (vgl. Legnaro 1982b, S. 111). Selbstverständlich sind Rausch und Rauschtrinken hochriskant und potenziell (selbst‑)schädigend. Wenn man aber im Risikoverhalten auch dessen Funktionen betrachtet, ergeben sich Einsichten in die Prozesse von Identitätskonstruktion und Kompetenzerwerb im Jugendalter, die wesentliche Entwicklungsaufgaben darstellen.
 

Literatur:

Ganguin, S./Niekrenz, Y.: Jugend und Rausch. Rauschhaftes Erleben in jugendlichen Erfahrungswelten. In: Y. Niekrenz/S. Ganguin (Hrsg.): Jugend und Rausch. Interdisziplinäre Zugänge zu jugendlichen Erfahrungswelten. Weinheim/München 2010, S. 7–19

Hurrelmann, K.: Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung. Weinheim/München 19975 

Legnaro, A.: Alkoholkonsum und Verhaltenskontrolle – Bedeutungswandel zwischen Mittelalter und Neuzeit in Europa. In: G. Völger/K. von Welck (Hrsg.): Rausch und Realität. Drogen im Kulturvergleich. Reinbek 1982a, S. 153–175

Legnaro, A.: Ansätze zu einer Soziologie des Rausches – zur Sozialgeschichte von Rausch und Ekstase in Europa. In: G. Völger/K. von Welck (Hrsg.): Rausch und Realität. Drogen im Kulturvergleich. Reinbek 1982b, S. 93–114

Maffesoli, M.: Der Schatten des Dionysos. Zu einer Soziologie des Orgiasmus. Frankfurt am Main 1986