True Crime: Die Lust am Verbrechen

David Assmann im Gespräch mit Memo Jeftic

Die Faszination für das True-Crime-Genre ist in den letzten Jahren ungebrochen. Was fesselt die Menschen so sehr an dieser Art von Geschichten? Filmemacher Memo Jeftic wirft in seiner Kulturdokumentation Angstlust – Faszination True Crime einen tieferen Blick auf die Gründe für den Erfolg dieses Genres. Im Interview beleuchtet Jeftic, warum True Crime gerade in einer Zeit von Krisen und Unsicherheiten so eine immense Anziehungskraft ausübt.

Online seit 03.11.2023: https://mediendiskurs.online/beitrag/true-crime-die-lust-am-verbrechen-beitrag-772

 

 

Authentische Kriminalfälle dienten schon immer als Stoff für Geschichten. Aber auch das Genre, das wir heute im engeren Sinne als True Crime bezeichnen, gibt es schon seit fast hundert Jahren, seit Edmund Pearsons Studies in Murder (1924), wie du in deinem Film nachweist. Durchgehend präsent ist es seit den 1960er-Jahren, in literarischer Form seit Truman Capotes Tatsachenroman In Cold Blood (1965), im Fernsehen seit Aktenzeichen XY… ungelöst! (seit 1967). Der Boom, den wir gegenwärtig erleben, begann allerdings erst 2014 mit dem US-Podcast Serial. Die zentrale Frage lautet also nicht: Warum ist True Crime so erfolgreich? Sondern: Warum ist es gerade jetzt so erfolgreich?

Ich glaube, der Frage kann man sich von zwei Seiten nähern. Zum einen liegt es sicherlich an einer vereinfachten technologischen Vervielfältigung von Erzählungen. Nicht ohne Grund hat True Crime vor allem durch die Verbreitung von Podcasts massiv an Zuschauer*innen oder Zuhörer*innen dazugewonnen. Auch das Streaming hat natürlich zum Erfolg beigetragen, diese schnelle und dauernde Verfügbarkeit des kleinen Adrenalinkicks ist ein wichtiger Aspekt.

Ein anderer Aspekt hat mit unserer von Krisen durchschüttelten Realität zu tun, dieser von Coronapandemie, Wirtschaftskrisen, Klimawandel und Kriegen geprägten Gegenwart.“

Dadurch, dass True-Crime-Erzählungen fast immer zu einem Ende kommen, an dem in irgendeiner Form auch Gerechtigkeit erzählt wird – sei es dadurch, dass die Täter verhaftet werden oder sich selbst richten – kommt es in aller Regel zu einem Abschluss der Erzählung, der eine gewisse Grundsicherheit vermittelt. Im Sinne von: Wenn dieses Verbrechen gelöst werden konnte, dann kann die Welt nicht ganz so schlecht sein. Da wird sie schon nicht so chaotisch sein, wie man vielleicht denkt. Es gibt noch Gerechtigkeit, es gibt die Wiederherstellung von Ordnung. Diese beiden Punkte, zum einen die Technologie und zum anderen das Gefühl von Gerechtigkeit und Ordnung, die spielen eine große Rolle.

 

Der Regisseur Joe Berlinger sagt in deinem Film: „True Crime ist eine so beliebte Form des Geschichtenerzählens aufgrund seiner perfekten dramatischen Struktur.“ Gemeint ist die klassische Drei-Akt-Struktur, die noch auf Aristoteles zurückgeht. Dramaturgie ist aber ein erzählerisches Prinzip, es entspringt der Fiktion, der Narration, der Literatur. Verbrechen und ihre Aufklärung sind also besonders narrativ, das Leben imitiert hier die Kunst. Funktionieren True-Crime-Serien, ‑Bücher und ‑Podcasts deswegen so gut, weil sie von einer Realität handeln, die wiederum die Form von erzählten Geschichten angenommen hat, wie sie uns, etwa in Form von Märchen, von klein auf vertraut sind?

Definitiv. Das ist eine Beobachtung, die ich immer wieder gemacht habe. Auch in Gesprächen mit Fans wurde uns das immer wieder gespiegelt, dass eben diese Verquickung besonders reizvoll ist. Von realen Ereignissen einerseits, von denen man auch weiß, dass sie real sind, und denen dann andererseits dramaturgische Modelle quasi übergestülpt werden, um sie möglichst effizient, spannend oder interessant erzählen zu können. Das beschränkt sich nicht nur auf die drei Akte, sondern auf ganz viele Elemente in der True-Crime-Erzählung, die wir auch aus fiktionalen Krimis kennen. Es gibt immer einen Bösen, zum Beispiel in Form eines Serientäters, und es gibt immer einen Guten in Form des Polizisten oder eines Opfers, das sich wehrt. Es werden immer gewisse Konfliktzentren dargestellt; das hat man ja in der Realität nicht immer, und ich glaube, dass man es auch bei vielen True-Crime-Fällen nicht wirklich hat, sondern es erst in dieser Verdichtung entsteht, die am Stoff vorgenommen wird, um möglichst spannungsgeladen erzählen zu können. Im Laufe der Arbeit an dem Film kam mir der Gedanke, ob man True Crime nicht weniger durch den Inhalt definieren sollte, sondern eher durch diese spezifische verdichtete Erzählform, die noch ergänzt wird durch die Psychologisierung der Täter und Opfer.
 

Hobbyermittler (Filmstill aus der Dokumentation Angstlust – Faszination True Crime)


 

Die Medienpsychologin Johanna Börsting erklärt in deinem Film: True-Crime-Konsum löst zunächst eine negative Primär-Emotion – Hass, Ekel, Verachtung – aus, die dann wiederum eine positive Sekundär-Emotion bewirkt, weil man erkennt, dass die Primär-Emotion gegenüber der Tat moralisch richtig ist: Ich fühle und denke richtig über die Tat. Mit True Crime versichern wir uns, auf der richtigen Seite zu stehen, uns gegenüber dem Verbrechen moralisch korrekt zu positionieren. Aber ist das nicht sehr primitiv: Wir schauen uns schlimme Sachen an und freuen uns, dass wir sie korrekt als schlimm identifizieren?

Ich beantworten das mal mit einer Anekdote aus meinem Leben. Ich habe einen Migrationshintergrund und mache in meinem privaten Umfeld auch gerne Witze darüber. Ich leiste mir das, weil ich in meiner – wie sie es nennt – Sekundär-Emotion natürlich weiß, wo ich im politischen Spektrum stehe und wie ich mich moralisch gegenüber solchen Themen positioniere. Deswegen ist das dann für mich vereinbar, denke ich, hoffe ich. Aber das tun wir ja oft. Wir haben diese widersprüchlichen Gefühle nicht nur bei True Crime. Wir haben sie auch bei Kriegsfilmen oder zum Beispiel wenn unsere Kinder mit Spielzeugwaffen spielen, wo der erste Reflex als Elternteil zunächst einmal ist: Krieg ist etwas Schlechtes, Krieg ist kein Spiel. Und wir es dennoch dulden oder für uns akzeptieren, weil wir uns natürlich zugleich gewiss sind, wie wir uns zum Thema Krieg positionieren. Das klingt jetzt ein wenig nach Küchenpsychologie, aber ich glaube, die Haltung gegenüber True Crime wird man nicht auf einen einfachen Nenner bringen können. Die Komplexität von Gefühlen spiegelt sich auch in unserer Haltung gegenüber zweifelhaften Unterhaltungsmedien, die auf den ersten Blick vielleicht amoralisch sind, aber eigentlich duldbar, weil wir wissen, wie wir uns zu ihnen positionieren müssen.
 

In ihrem jüngsten Film Diese Sendung ist kein Spiel (2023) arbeitet die Filmemacherin Regina Schilling heraus, was ihrer Auffassung nach die implizite Agenda der Sendung Aktenzeichen XY… ungelöst! ist: jungen Frauen die Gefahren der Welt vor Augen führen, auf dass sie sich auf ihren Platz in der Welt besinnen – eben zu Hause, beim Ehemann und den Kindern. Dabei werden die statistischen Gefahren teilweise grob verzerrt: In Deutschland und den meisten anderen Ländern werden mehr Männer als Frauen Opfer von Gewaltverbrechen, und die größte Gefahr für Frauen geht nicht von Fremden, sondern von ihrem unmittelbaren Umfeld aus. Inzwischen ist die Frau, die sich in die Welt hinauswagt und von einem Fremden getötet wird, so etwas wie das Standardschema von True-Crime-Erzählungen. Warum, glaubst du, hat sich diese reaktionäre Erzählung seit den 1960er-Jahren bis heute erhalten?

Das knüpft an die Frage der Dramaturgie an: Weil Dramaturgie natürlich immer auf Effizienz ausgelegt ist. Rotkäppchen würde nicht so gut funktionieren, wenn es um eine 40-jährige Frau in einem roten Kleid ginge. Rotkäppchen funktioniert, weil es ein Kind ist. In dem Bemühen, eine möglichst effektive Geschichte zu erzählen, ist das attraktivste Opfer zugleich das vulnerabelste, nämlich die junge Frau. Ich habe allerdings das Gefühl, dass man sich in ganz aktuellen True-Crime-Erzählungen auch davon löst.

Und dass die laute Kritik an der Fokussierung auf junge weiblich gelesene Opfer bei vielen Macherinnen und Machern ankam und man jetzt das Augenmerk langsam auf andere Opfergruppen lenkt als die unschuldige junge Studentin im zweiten Semester, die gerade erst durchstarten wollte, aber dann an den falschen Kommilitonen gerät.“

Ich glaube auch, dass man dieser Geschichte ein bisschen überdrüssig geworden ist. Selbst die beinharten True-Crime-Fans wollen nicht vierzig-, fünfzigmal die gleiche Story erzählt bekommen, weil sich wahrscheinlich die Adrenalinpumpe irgendwann abnutzt und man dann doch auch neue Inhalte braucht, neue Loopings auf der Spannungsachterbahn.

Joe Berlinger beschreibt in deinem Film auch die Motivation für seine Arbeit. Er nennt den Moment, in dem er merkte, dass seinen Töchtern der Name Ted Bundy nichts sagt. Wie stehst du zu diesem warnenden Element von True Crime, das sich ja in erster Linie an Frauen richtet, dieses moritatenhafte „Seht, was mit dem Mädchen geschah, das zu einem fremden Mann ins Auto stieg“?

Ich bin sehr unsicher, was diesen Punkt betrifft. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es für gewisse Gefahrensituationen den Blick schärft, aber auch, dass es nach hinten losgehen kann. Also wenn ich jetzt meiner Tochter – ich habe keine, aber wenn ich eine hätte – dreißig True-Crime-Formate vorlegen würde, in denen Menschen mit Migrationshintergrund Täter sind, dann könnte sie vielleicht schon den Eindruck gewinnen: Okay, von diesen Bevölkerungsgruppen geht eine erhöhte Gefahr aus. Ich gebe Regina Schilling durchaus Recht darin, dass der Blick von True-Crime-Formaten auf die Welt auch immer zu unserem Blick wird. In einer Welt, in der es nur wenige Fernsehformate gab und Aktenzeichen XY… ungelöst! fast schon eine monolithische Informationsunterhaltung am Abend war, hat das sicherlich einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Gerade das Thema Trampen ist für unsere Generation mit negativen Bildern aufgeladen, vor allem für Frauen. Sicherlich haben Formate wie Aktenzeichen XY… ungelöst!, aber auch Spielfilme, in denen das Trampen eine fast schon stereotype Gefahrensituation ist, dazu beigetragen. In dieser Hinsicht denke ich, dass True Crime durchaus den Blick auf die Realität verändern kann.

Die Warnungen erreichen definitiv ihre Adressatinnen: 90 % derjenigen, die True-Crime-Podcasts hören, sind weiblich, erfahren wir in deinem Film. Wie erklärst du dir diese unheimliche Popularität gerade bei Frauen?

Das ist ein Forschungsfeld, das noch nicht in Gänze erschlossen ist. Es gibt sehr viele unterschiedliche Theorien dazu. Die simpelste ist, dass Frauen stärker auf Audioreize reagieren, also auch auf eine gesprochene Erzählung, als auf visuelle Informationen. Die extreme Darstellung von Gewalt im Kino und im Fernsehen war demzufolge immer eher eine Männerdomäne, und in der erzählten Überlieferung erfüllt sich für die Frauen quasi das Gleiche nur auf andere Art und Weise. Das ist eine Theorie.

Eine weitere ist, dass Frauen sich hingezogen fühlen zu dem Genre, weil sie Einblick bekommen in Berufe, die ihnen normalerweise verwehrt bleiben, wie dem des Kommissars. Eine andere häufig genannte Theorie ist, dass Frauen True Crime konsumieren, um sich gegen Gefahrensituationen zu wappnen, weil ihnen diese Formate auch suggerieren, es geht hier um dich, dieses Format wurde für dich entwickelt, es soll dir eine Warnung sein.“

Es gibt die Theorie, dass Frauen sich zu True Crime hingezogen fühlen, weil sie sich für die Psychologisierung interessieren. Deswegen ist als einer der wenigen Frauenberufe in diesem ganzen Crime-Genre ja auch der Beruf der Profilerin so beliebt, weil Frauen ein besonderes Einfühlungsvermögen, eine Empathiebegabung nachgesagt wird. Du siehst, es gibt sehr viele Gründe und es werden immer neue gefunden, weil diese Faszination immer noch eine Art Rätsel darstellt. Ich glaube, dass das Erfolgsgeheimnis von True Crime bei Frauen eine Kombination aus all diesen Faktoren ist. Man darf auch nicht vergessen, dass Frauen in Bezug auf die Vermarktung von True Crime das Zielpublikum schlechthin sind. Zum Beispiel gibt es gerade im Podcastbereich häufig Frauen als Doppelbesetzung in der Moderation, um diesen Freundinnenaspekt zu unterstützen: Hier unterhalten sich zwei Freundinnen über etwas und du kannst zuhören und auch eine Art Freundin sein oder einfach dabei sein und mithören, wenn wir uns hier einen Tee machen und uns gegenseitig Schauergeschichten erzählen. Dieser Marketingaspekt funktioniert tatsächlich und ist ein sehr wichtiger Faktor. Es gibt aber auch Ausnahmen. Einer der erfolgreichsten True-Crime-Podcasts in den USA ist Crimetown, in dem es um organisierte Kriminalität geht. Der erreicht hauptsächlich ein männliches Publikum, weil die Erzählung von organisierter Kriminalität nahezu ausschließlich eine von Männern dominierte ist. Die Protagonist*innen sind fast nur Männer. Es gibt zwar auch Ehefrauen, aber die sind dann eben ein Teilaspekt einer sehr männlich dominierten Erzählung.

In deinem Film hören wir zwei gegensätzliche Thesen zur Popularität von True Crime bei Frauen, die du vielleicht kurz kommentieren kannst. Die Autorin Samira El Ouassil meint, Frauen wappnen sich mit True-Crime-Konsum für reale Gefahrensituationen. Sie lernen dadurch, Psychopathen zu erkennen oder Auswege aus gefährlichen Situationen zu finden. Leuchtet dir das ein?

Ich glaube schon, dass True Crime vor allem für Frauen den Sinn schärfen kann, mögliche Gefahrensituationen früher zu erkennen. Welche Frau geht denn heute noch durch den dunklen Park? Das ist eine Message, die ankam, weil sie einem derart eingetrichtert wurde. Es müssen auch gar nicht so schlimme Sachen sein. Der unglaubliche Erfolg von The Tinder Swindler, was im Grunde genommen auch eine True-Crime-Doku ist, hat vor allem bei Frauen sehr viel damit zu tun, dass die Gefahr an so jemanden zu geraten, gar nicht so klein ist, weil Onlinedating so omnipräsent geworden ist. Wenn man diese Doku gesehen hat und auf seinem Handy eine Nachricht von jemandem bekommt, der sich vier Wochen nachdem man sich kennengelernt hat, 10.000 Dollar leihen möchte, dann weiß man: Okay, das habe ich doch schon mal gesehen, das kenne ich doch irgendwoher. Ich glaube, diese Wirkung hat es durchaus. Wie gut True Crime tatsächlich dafür geeignet ist, sich zu informieren oder zu wappnen, das ist eine andere Frage.
 

Trailer The Tinder Swindler (Trailer Master, 09.02.2022)



Die Gegenposition kommt von der Regisseurin Helene Hegemann, die berichtet, dass viele in ihrem Freundeskreis True-Crime-Podcasts zum Einschlafen hören. Ihr zufolge bietet True Crime die ungemein beruhigende Vergewisserung, dass dem Bösen mit bürokratischen Mitteln beizukommen ist. Ist da in deinen Augen etwas dran?

Ja, definitiv. Darin liegt ja auch der unglaubliche Erfolg des Tatorts begründet: dass er am Ende der Woche ein letztes Mal Ordnung herstellt, bevor es am Montag wieder ins Alltagschaos zurückgeht. Diese Funktion erfüllt True Crime auch. Das gilt aber natürlich nicht für alle Formate. Der „Zeit“-Podcast Verbrechen ist zum Beispiel kein Adrenalinformat, sondern ein Einordnungsformat. Aber beides funktioniert. Zum einen Einordnungsformate, die alles einem Platz zuweisen und wo, wie bei einer To-do-Liste, am Ende alles abgehakt wird: Ich habe diesen verstanden, ich habe jene verstanden, ich habe den Fall verstanden, ich habe die Ermittlungen verstanden, ich habe die Auflösung verstanden. Du machst deine Häkchen dran und die Welt ist wieder okay. Und dann gibt es natürlich auch die Adrenalinformate, die ähnlich funktionieren wie eine Achterbahn, wo man einen kurzen Adrenalinrush hat. Oder wie Märchen, die immer auch Grusel verursachen und ein Happy End haben, was das Kind dann in einen ruhigen Schlaf versetzt, weil auf das Adrenalin immer der beruhigende Ausgleich folgt. Ich glaube, True Crime kann all das zugleich sein, ohne dass die eine Spielart die andere kannibalisiert.


Ein Vorwurf gegen True-Crime-Sendungen ist, dass sie immer den spektakulären Einzelfall erzählen, dabei aber die systemische oder strukturelle Komponente, etwa bei Gewalt gegen Frauen oder Minderheiten, vernachlässigen. Wie stehst du dazu?

Im Spielfilm stehen Einzelschicksale oft für Exemplarisches. Das ist ein Transfer, den letztlich das Publikum machen muss. Ich glaube, ich würde diesen Vorwurf verneinen, einfach weil Verbrechen so individuelle Angelegenheiten sind. Ich frage mich auch, wie der Spagat gelingen soll, wie man es hinkriegen könnte, aus dem Exemplarischen etwas Systemisches zu machen. Und es gibt ja auch Gegenbeispiele.

Ich habe True-Crime-Stoffe über Serienvergewaltiger gesehen, in denen es bei der Ermittlungsarbeit um die Frage ging, warum viele Frauen überhaupt keine Anzeige erstatten. Das hat ja oft damit zu tun, dass die Polizei systemisch ablehnend reagiert oder dass Zeugenaussagen oder Anzeigen nicht mit dem angemessenen Ernst behandelt werden.“

So vielfältig wie True Crime ist, wird es wohl alles geben, was man sich vorstellen kann in diesen über 100 Podcasts, die es auf dem deutschen Markt gibt. Was ich an solcher Kritik auch schwierig finde ist, dass sie oft die niedersten Beispiele heranzieht. Wollen wir die Film- oder Kulturgeschichte an ihren schlechtesten Beispielen messen? Das tun wir nicht. Der Mediendiskurs neigt dazu, die etablierten Kunstformen oder Erzählformen an ihrem besten Output zu messen und bei neueren Erzählformen die niedersten Beispiele heranzuziehen. Das sieht man etwa am Videospieldiskurs, da wird das Medium auch gerne anhand der schlechtesten und dubiosesten Vertreter beurteilt. Deswegen finde ich die Kritik, die an True Crime geübt wird, in dieser Hinsicht schwierig. Es gibt sogar eine Untersuchung von einer deutschen Akademikerin, die analysiert hat, wie journalistisch sauber bei True-Crime-Podcasts gearbeitet wird, und das Ergebnis war: überraschend gut (vgl. Kläs/Birkner 2020). Die Zahl der Podcasts, über die man sagen kann, dass sie gewisse journalistische Standards eingehalten haben, war prozentual viel, viel höher, obwohl True Crime per se eigentlich ein Entertainmentprodukt ist. Das ist natürlich ein hohes Gut. Es ist ja eines der Qualitätskriterien für True Crime, dass zumindest versucht wird, sehr wahrhaft und faktengetreu zu erzählen, und man das auch nicht aufs Spiel setzen würde für einen einfachen erzählerischen Effekt.

Glaubst du, das Genre True Crime ist irgendwann auserzählt? Oder geht es einfach immer weiter? Neue Verbrechen geschehen schließlich jeden Tag.

Ich glaube, es wird ein fester Begleiter unserer Unterhaltung bleiben. Schon fiktionale Kriminalstoffe sind unglaublich erfolgreich, und mit True Crime hat man die Variante mit dem Extrakick des „Auf einer wahren Begebenheit“-Effekts. Die Vergangenheit ist irgendwann einmal auserzählt, dann sind auch die Fälle auserzählt, die für die Öffentlichkeit und eine öffentliche Recherche greifbar sind. Aber es wird auch in Zukunft immer Ungerechtigkeiten geben, die wahnsinnig interessant und zugleich das löblichste Feld für True Crime sind, nämlich die „social justice“ bzw. die juristische Gerechtigkeitsvariante. Also durch die Arbeit an einem True-Crime-Stoff Gerechtigkeit herzustellen, wo keine ist. Das wird sich noch sehr lange halten. Ich glaube, wir erleben gerade eine Abkehr von True-Crime-Formaten mit Ekelfaktor. Die Serienmörder sind allmählich alle durchgearbeitet. Dagegen gibt es viele Bereiche unseres Lebens, die von True-Crime-Formaten noch nicht oder kaum bearbeitet wurden: Verbrechen in der Politik zum Beispiel, Verbrechen in der Wirtschaft, Verbrechen im Sport. Da ist noch vieles offen und viel Recherche möglich. Und da ist auch ein nicht enden wollender Strom an neuen Stoffen garantiert, weil Verbrechen nun einmal Teil unseres Lebens und unserer Gesellschaft sind. Solange das so ist, wird es auch mit True Crime weitergehen.

Eine weitere denkbare Möglichkeit wäre eine Entwicklung des Genres zu immer radikaleren, kontroverseren Schilderungen, zum Beispiel zu mehr Empathie für die Täter oder zur Befürwortung von Selbstjustiz. Siehst du solche Tendenzen?

Die Tendenz sehe ich aktuell nicht. Ich glaube, die „edgyness“ hat sich spätestens mit der Amazon-Serie German Crime Story erschöpft. Das ist eine fiktionalisierte Nacherzählung des Säurefass-Mörders, der in den 1980ern und 1990ern mehrere Frauen in seinem Keller umgebracht und in Säurefässern entsorgt hat. Das klingt schon furchtbar und ist visuell noch viel drastischer. Dieses Format hat viel Kritik eingefahren, weil das Publikum durchaus eine Grenze kennt, die man als Produzent*in auch nicht überschreiten will, weil man sein Publikum sonst verliert. Auch Themen wie Kindsmord tauchen extrem selten in True Crime auf. Es gibt eine Schmerzgrenze und ich glaube, dass man sich der Schmerzgrenze jetzt gewahr ist und sich langsam wieder von ihr entfernt.

Du hast dich lange intensiv mit True Crime beschäftigt. Wie stehst du heute zu dem Boom? Wo siehst du einen Reiz des Genres, eine Existenzberechtigung über den offensichtlichen Erfolg hinaus? Anders gefragt: Was kann True Crime, was andere Genres nicht können?

Ich glaube, der Aspekt der „social justice“, der sozialen Gerechtigkeit, ist sehr wichtig, weil viele Menschen in der Geschichte der BRD mit einem Ohnmachtsgefühl konfrontiert waren, im Sinne von: Hier, in diesem Land, kann mir keiner helfen. Vor allem was marginalisierte oder systemisch benachteiligte Gruppen betrifft, seien es Frauen, Menschen mit Migrationsvorder- oder ‑hintergrund, queere Menschen, also Menschen, die zumindest früher nicht innerhalb einer gesellschaftlichen Norm verortet wurden.

Ich glaube, dass solche Formate sehr gut dafür geeignet sind, durchaus auch emotionalisierend auf diese Ungerechtigkeiten hinzuweisen und unter Umständen etwas zu ändern.“

Und natürlich auch dafür, dranzubleiben an einer Sache, also Dinge nicht versanden zu lassen im ständigen Strom aus klassischem Newsjournalismus, der sich naturgemäß anderen Themen widmen muss, sondern sich festbeißen zu können, sich über einen längeren Zeitraum seriell einer Sache anzunehmen. Da sehe ich nach wie vor eine große Chance in True Crime. Eine weitere Chance liegt ich in der Erzählform, die sicherlich auch zur Umsetzung anderer dokumentarischer Stoffe hilfreich sein kann. Also zu überlegen, wie man ein Publikum begeistern kann, auch für Themen, die vielleicht auf den ersten Blick langweilig sind. Da kann True Crime ein Vorbild sein: Wie kann ich mehr Konflikt reinbringen? Wie kann ich effizient, wie kann ich möglichst effektiv erzählen? Wie kann ich den Stoff durch Psychologisierung spannender machen?

Hast du ein Lieblings-True-Crime-Stück? Einen heißen Tipp?

Ich mag True-Crime-Stoffe, in denen es gar nicht so sehr um das Verbrechen an sich geht, sondern das Verbrechen genutzt wird, um etwas Größeres zu erzählen. In der Hinsicht mag ich Joe Berlingers Reihe Paradise Lost wahnsinnig gerne, in der es um den Fall von drei Jugendlichen geht, denen angelastet wurde, drei andere Jugendliche in einer Art satanischem Ritual umgebracht zu haben. Der wichtigste Grund, warum der Verdacht auf diese drei Jugendlichen fiel, ist, dass sie große Heavy-Metal-Fans waren und sich auf eine Teenager-Art-und-Weise in einem popkulturellen Rahmen mit Satanismus auseinandergesetzt haben. Das reichte aus, um den Verdacht auf sie zu lenken. Aber worum es in dem Film eigentlich geht, ist das Leben in der Provinz und wie schnell man in diesem Rahmen Verdacht dadurch auf sich lenkt, dass man nicht der Norm entspricht, dass man Sonderling ist. Wie schnell da Vorverurteilung stattfinden, die sich sogar bis in die höchsten Instanzen fortsetzen, nämlich in die juristischen Instanzen, die nicht so neutral sind, wie sie vielleicht sein sollten. Besonders toll ist, dass das es drei Teile gibt. Joe Berlinger hat diesen Fall mehrere Jahre begleitet, bis diese drei jungen Männer, die sogenannten West Memphis Three, tatsächlich freigesprochen wurden. Sowas finde ich sehr beeindruckend. Für mich vereint diese Reihe das ganze Potenzial, das ich in True Crime sehe.

Die Kulturdoku Angstlust – Faszination True Crime. Ein Film von Memo Jeftic gibt es hier zu sehen.
 

Literatur:

Kläs, A./Birkner, T.: Listen! Let me tell you a story. True Crime-Berichterstattung in Podcasts. In: kommunikation@gesellschaft, 15.12.2020. Abrufbar unter: www.researchgate.net (letzter Zugriff: 01.11.2023)

Memo Jeftic ist Autor und Produzent. Er war lange als Kulturredakteur bei ZDFkultur und 3sat tätig. Seit 2016 ist er selbstständig mit seiner Produktionsgesellschaft MEMOFILM UG, die unter anderem GIRL CAVE, KINO KANAK und KULTUR KING KOREA produziert hat. Jeftic lebt mit zwei Kindern in Mainz und lernt zurzeit die Geheimnisse der kreolischen Küche.

David Assmann ist freier Filmkritiker, Filmemacher und Filmwissenschaftler. Er ist Mitglied des Auswahlgremiums von Berlinale Generation, der Jury für den Kinder & Jugend Grimme­ Preis und seit 2018 Prüfer bei der Frei­willigen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).