Voyeurismus

Gerd Hallenberger

Dr. habil. Gerd Hallenberger ist freiberuflicher Medienwissenschaftler.

Dr. Gerd Hallenberger über den Kulturwandel vom heimlich-kultivierten Voyeurismus hin zur allgegenwärtigen medialen Bloßstellung.

Printausgabe tv diskurs: 25. Jg., 2/2021 (Ausgabe 96), S. 72-73

Vollständiger Beitrag als:

 

In seiner ursprünglichen Bedeutung bezieht sich der Begriff „Voyeurismus“ auf eine bestimmte Art sexueller Erregung, die sich durch das Beobachten sexueller oder sexuell interpretierbarer Handlungen gewinnen lässt. Die Beobachteten merken in der Regel nicht, dass ihren Aktivitäten zugeschaut wird. Auch – aber nicht nur – im Hinblick auf audiovisuelle Medienangebote hat sich die Begriffsbedeutung deutlich erweitert, meint also mehr und anderes, wobei einzelne Aspekte der ursprünglich erotischen Situation teilweise gewahrt, teilweise zitiert und teilweise abgelöst und rekontextualisiert werden. Im ersten Fall findet eine besondere Aufladung statt, im zweiten wird die Spannung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit genutzt, im dritten der Akt des Zuschauens in etwas anderes verwandelt.

Um als Voyeur bezeichnet zu werden (üblicherweise wird er als männliche Person gedacht, da sexuell interessierte Voyeure in deutlicher Mehrzahl Männer sind), bedarf es heute keines erotischen Interesses mehr, es genügt, dass der Akt des Zuschauens ganz allgemein als moralisch bedenklich gilt. Grund dafür ist zunächst, dass die Beteiligten nichts von der Beobachtungssituation wissen, hinzu kommt oft das Beobachtete an sich, das Zuschauende wahlweise als anstößig, peinlich, unsittlich o. Ä. empfinden. Immerhin schwingt im „Voyeur“ noch ein Rest Kultiviertheit mit, während verwandte Bezeichnungen wie „Spanner“ oder „Gaffer“ ein deutlich härteres Urteil sprechen.

Ist vom Voyeur nicht im realen Alltagserleben, sondern mit Blick auf audiovisuelle Medienangebote die Rede, wird vor allem eine Konstellation zitiert – und zwar in wesentlichen Punkten falsch: Im Unterschied zum Voyeur im ursprünglichen Sinn sieht das Fernsehpublikum etwas, das ausdrücklich und absichtsvoll genau für dieses Publikum hergestellt worden ist. „Voyeur“ ist hier also genau genommen nicht das Publikum, sondern die Kamera – und auch das nur in den Fällen, in denen die Handelnden vor der Kamera nichts von dieser Kamera wissen und nicht für die Kamera spielen. Nur in einem Punkt stimmt das Zitat fast immer: Wer von einer Kamera beobachtet wird, weiß genauso wenig, welche Personen zuschauen, wie die Akteure in klassischen erotischen Konstellationen – im zweiten Fall abgesehen von raren Ausnahmen.
 

Candid Camera Classic: Escalator Trap!



Prototyp des voyeuristischen Fernsehens sind daher die unzähligen Candid Camera-Formate in aller Welt, in denen Streiche mit versteckter Kamera gezeigt werden. Pionier in Deutschland war 1961 Chris Howland mit Vorsicht Kamera, am langlebigsten die große Show Verstehen Sie Spaß?. Ebenfalls der Erheiterung des Publikums sollen Pannenshow-Formate nach Art der America’s Funniest Home Videos dienen, die ab 1989 in vielen Ländern erfolgreich waren. Die voyeuristische Konstellation wird hier dadurch variiert, dass zwar den Akteuren in der Regel die Filmaufnahme durchaus bewusst ist, in einigen Fällen wie bei der filmischen Begleitung von Familienfesten „spielen“ sie sogar geradezu für die Kamera, aber nicht die Erweiterung des Publikums durch mediale Verbreitung der Aufnahmen. Obwohl viele der gezeigten Situationen für die Beteiligten durchaus peinlich (und mitwirkende Kinder kaum um ihre Einwilligung gebeten worden) sein dürften, spielen derartige Formate in Diskussionen über voyeuristisches Fernsehen kaum eine Rolle, ebenso wenig Formate mit versteckter Kamera.

Zwar geht es in beiden Fällen um potenziell ernsthafte Konflikte zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, die jedoch offenbar durch die humoristische Rahmung abgedämpft werden – und in neuerer Zeit auch eine deutlich geringere Rolle spielen. War – mit Blick auf Deutschland – bis zu Beginn der 1990er-Jahre die Grenze zwischen beiden Bereichen noch relativ unstrittig und von medientechnologischen und medienkulturellen Entwicklungen noch kaum bedroht, änderte sich die Lage erst durch den Erfolg privatrechtlicher Fernsehsender sowie ihrer Programmkonzepte, später und noch gravierender durch neue Digitalmedien. Waren es zunächst nur nachmittägliche Talkshows und frühe Formen von Reality-TV, die ehedem strikt Privates und Intimes vor einer Medienöffentlichkeit ausbreiteten, stellen heute Videoportale und Social Media uns alle gleich vor zwei Entscheidungen:

Wollen wir das wirklich sehen? Und: Wollen wir das wirklich hochladen?

Die Gatekeeper von früher, die manchmal mit größerem, manchmal mit geringerem Erfolg die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit bewacht haben, sind verschwunden – die Entscheidung darüber ist in hohem Maße privatisiert worden.

Das Gleiche gilt für die Einschätzung, wo die Grenzen zum Voyeurismus überschritten werden, zumal auch das Gegenstück zum Voyeur, der Exhibitionist, von der digitalen Medienwelt profitiert: Wo dem Sehen zentrale Bedeutung zukommt, ist es wichtig, sichtbar zu sein, um wahrgenommen zu werden. Erotische Aspekte sind dabei nicht erforderlich, selbst wenn an gänzlich unerwarteten Stellen eine begriffliche Sexualisierung des Gezeigten auffällt – so ist die Bezeichnung „Sozialporno“ für die drastische Darstellung ökonomisch und oft auch bildungsschwacher Haushalte in Scripted Reality heute geläufig.

Der Voyeur und mit ihm der Voyeurismus sind längst erfolgreich semantisch entgrenzt worden, und der Blick auf Displays unterschiedlichster Größe hat den Blick durch das Schlüsselloch abgelöst. Die Mediengesellschaft insgesamt ist heute Voyeur, ein ideeller Gesamtvoyeur im Dauereinsatz angesichts eines unüberschaubaren Angebots, allerdings ein Voyeur mit schlechtem Gewissen. Ursache des schlechten Gewissens ist im Gegensatz zu seinen Vorläufern aber nicht die Heimlichkeit seines Tuns und dessen Amoralität, denn alles, was er sieht, wird ja gerade für ihn inszeniert, damit er Publikum wird. Sein schlechtes Gewissen beruht eher darauf, dass er seine Zeit durch extensive Mediennutzung vergeudet. Voyeur ist er dadurch, dass er zwar zuschaut, aber am eigentlichen Geschehen unbeteiligt ist. Vielleicht wäre es besser, Akteur zu werden, statt bloß Zuschauer zu bleiben? Und einfach selbst etwas zu tun?