Uralter Mythos, jugendlich interpretiert

Die Fantasy-Serie „Roswell: New Mexico“ auf sixx

Nils Brinkmann

Nils Brinkmann studierte Publizistik, Kunstgeschichte und Soziologie (M.A.). Seit vielen Jahren prüft Nils Brinkmann als hauptamtlicher Prüfer bei der FSF, ebenso prüft er im Beschwerde- und Gutachterausschuss der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia (FSM).

Programm Roswell: New Mexico
 Fantasy/Mystery, USA ab 2019
Sendersixx, ab 24.05.2022

Online seit 15.06.2022: https://mediendiskurs.online/beitrag/uralter-mythos-jugendlich-interpretiert-beitrag-1124/

 

 


Die „Area 51“ im US-Bundesstaat New Mexico zählt zu den wohl geheimnisvollsten Gegenden der Erde. Von einer geheimen Militärbasis ist zu lesen, aber vor allem ist die Zone rund um die kleine Gemeinde Roswell bekannt für einen vorgeblichen Absturz eines UFOs im Jahr 1947, bei dem es dem US-Militär gelungen sein soll, außerirdisches Leben zu konservieren und damit zu experimentieren.

Dieser Mythos entwickelte sich rasch zu einem popkulturellen Phänomen, das in vielfältiger Art und Weise in nahezu allen Medien über die letzten Jahrzehnte Eingang gefunden hat. Die Darstellung der „Aliens“ hat sich dabei stark gewandelt. Von „kleinen grünen Männchen“ oder Gestalten mit übergroßen Köpfen sind die Produzenten mittlerweile abgekommen. In Roswell: New Mexico sind die Außerirdischen ganz „normale“ junge Erwachsene, die allerdings über besonderer Fähigkeiten verfügen, die in bedrohlichen Situationen effektvoll zum Einsatz kommen.

Die Hauptprotagonistin der Serie, Liz Ortecho, ist kein Alien. Die studierte Biomedizinerin kehrt zehn Jahre nach ihrem High-School-Abschluss in ihre Heimatstadt Roswell zurück. Dort wird sie mit den Schatten ihrer Vergangenheit konfrontiert. Ihre Schwester Rosa starb bei einem Autounfall, bei dem sie weitere Unschuldige mit in den Tod riss. Seitdem ist die mexikanische Einwandererfamilie Anfeindungen diverser Anwohner ausgesetzt; ihr Vater und Restaurantbesitzer Arturo wird regelmäßig Opfer von Anschlägen.

Die außerirdischen Geschwister Max, Isobel und Michael, die 50 Jahre nach dem Absturz des UFOs aus einem „Alien-Ei“ geboren wurden, versuchen lange, ihre Identität zu verbergen und eine friedliche Koexistenz mit den Menschen – so unter anderem auch zu Liz – einzugehen. Allerdings will dies nicht immer gelingen. Verschiedene Beziehungskonstellationen zwingen sie immer wieder, ihre besonderen Fähigkeiten einzusetzen, wie zum Beispiel Tote zum Leben zu erwecken oder sich in Kämpfen zu beweisen. Dabei kommen durchaus einige Spezialeffekte zum Einsatz, die mitunter gewaltgeprägt sind, jedoch die insgesamt dialoglastige Handlung nicht dominieren. 
 

Trailer Roswell: New Mexico, S1 E2: „So Much For the Afterglow“ (HD) (TV-Promos, 16.01.2019)



Soziale Konflikte, Vorurteile, Ausgrenzungen und jugendaffine Themen wie Freundschaft, Liebe, Verlässlichkeit, Abschiednehmen und Identitätsfindung dominieren vielmehr die Handlung, weshalb die Serie insbesondere für ein jugendliches Publikum interessant sein dürfte. Die Prüfausschüsse der FSF hatten deshalb auch keine Einwände gegen eine antragsgemäße Freigabe für das Hauptabendprogramm. Einige Folgen konnten gar weitergehend für das Tagesprogramm freigegeben werden, wenn die Themen rund um die Adoleszenz vorherrschend waren und teils gar als sozialethisch formatierend gewertet werden konnten.

Der Fantasy-Charakter ist zwar durchgängig präsent, jedoch werden die damit einhergehenden Spezialeffekte wohltuend dezent und keinesfalls inflationär eingesetzt. Den Machern von Roswell: New Mexico ist es gelungen, das stereotype Bild des klassischen Aliens abzustreifen und in eine neue, frische Form zu bringen, die vielfältige Anknüpfungspunkte für jugendliche Rezipienten bietet. Daher verwundert es auch nicht, dass bereits weitere Staffeln produziert wurden, die mit Sicherheit ihr Stammpublikum auch in Deutschland finden werden
 

Freigegeben ab …  
 

Die Protagonist:innen der Fantasy-Jugendserie – Aliens in Menschengestalt und Menschen – beschäftigen sich mit der Suche nach der eigenen Identität und weiteren jugendaffinen Fragen. Punktuell müssen sie sich in Kämpfen bedrohlichen Situationen stellen, stellenweise werden gewalthaltige Ereignisse aus der Vergangenheit in Rückblenden aufgearbeitet.

Der FSF lagen die Staffeln 1 und 2 zur Prüfung vor. Ein Großteil der Episoden wurde für das Hauptabendprogramm freigegeben.

Die Ausgestaltung der düster-bedrohlichen oder gewalthaltigen Szenen ist moderat, es sind keine drastischen Darstellungen oder übermäßig ausgespieltes Leid enthalten. Gewaltbefürwortende Tendenzen sind nicht auszumachen. Ab 12-Jährigen bietet der deutlich fiktionale und realitätsferne Kontext Distanzierungsmöglichkeiten; auch agieren die Hauptprotagonist:innen überwiegend souverän und halten zusammen. Die dialogorientierte Erzählweise und die vielen ruhig inszenierten Handlungsstränge um Beziehungs- und Familienthemen sorgen für Entlastung. Dominieren diese dialoglastigen Erzählstränge die Episode und sind nur wenige kurze, zurückhaltend ausgestaltete Gewalt- und Bedrohungsmomente enthalten, konnte eine Freigabe für das Tagesprogramm erteilt werden. Vereinzelt spielt Drogen- bzw. Medikamentenmissbrauch eine Rolle. Dieser wird jedoch zurückhaltend dargestellt und erfährt keine positive oder vorbildhafte Einbettung.

Bitte beachten Sie:
Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Weiterlesen:
Sendezeiten und Altersfreigaben