Gewaltspiralen

Die fünfte Staffel „The Handmaid’s Tale“ bei Magenta TV

Jana Papenbroock

Jana Papenbroock studierte Film an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Neben ihrer freien Prüftätigkeit für die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) arbeitet sie als Dokumentarfilmemacherin.

Programm The Handmaid's Tale
 Drama, USA 2022
SenderMagenta TV, seit 10.11.2022

Online seit 16.11.2022: https://mediendiskurs.online/beitrag/gewaltspiralen-beitrag-1124/

 

 

Die fünfte Staffel von The Handmaid’s Tale, einer Literaturadaption des Romans von Margaret Atwood, spielt überwiegend außerhalb der dystopischen Theokratie Gileads im kanadischen Exil. In Gilead, einem religiös-fundamentalistischen Staat auf dem früheren Territorium der USA, sind infolge von Pestizidgebrauch in der Landwirtschaft und Umweltbelastung die Mehrzahl der Gebärfähigen unfruchtbar geworden. Die Gesellschaft ist durch ein Kastensystem hierarchisiert, das die noch fruchtbaren Frauen versklavt und sie an Herren und ihre unfruchtbaren Ehefrauen als Leibeigene zur Kinderproduktion zuweist. Der totalitäre, patriarchale Staat funktioniert nur durch die aktive Kollaboration diverser Frauen, die das oppressive System in unterschiedlichen Rollen aufrechterhalten.

Eine dieser systemstabilisierenden Kollaborateurinnen ist Tante Lydia, die als eine Art Zuhälterin der Dienstmägde agiert. Eine weitere Kollaborateurin ist Serena Joy, die ehemalige Herrin der Protagonistin und Dienstmagd June, die durch ihren einflussreichen Ehemann Fred Waterford direkten Zugang zur Regierung genießt. Durch den plötzlichen Verlust ihres Mannes, den Peiniger Junes, den diese in einem Racheakt mit Unterstützerinnen ermordet, erlebt Serena nun die Kehrseite des Apparats, den sie so ehrgeizig mitaufzubauen geholfen hat. Als deklassierte Frau ohne Mann, verliert sie ihre Privilegien, wird ausgewiesen und soll im Exil Kanadas als Botschafterin Gileads internationale Beziehungen pflegen. Dort wird sie auf den Radius eines Gästezimmers beschränkt.
 

Trailer The Handmaid’s Tale, Staffel 5 (Magenta TV, 29.07.2022)



Der Fokus der neuen Staffel liegt auf der Schwierigkeit Junes, die keine Dienstmagd mehr ist, in der neu gewonnenen Freiheit in Kanada Orientierung zu finden nach der psychischen und physischen Folter, die sie in Gilead erlebte. In Kanada lebt sie mit ihrem Partner Luke, ihrer jüngsten Tochter und ihrer besten Freundin Moira zusammen. Gedanklich ist sie allerdings noch immer in Gilead verhaftet, wo ihre entführte, 12-jährige Tochter bald verheiratet werden soll. Auch die ungeahndet gebliebene brutale Ermordung Fred Waterfords macht June zu schaffen. Sie begibt sich in Therapie und sieht ein, dass ihre im Zusammenhang mit einer posttraumatischen Störung stehende aggressive Rachelust zum Problem geworden ist. June bedroht Serena, in der sie auch in Kanada noch eine große politische Gefahr sieht, und versucht, ihre Pläne dort ein Fruchtbarkeitszentrum in der Botschaft aufzubauen zu sabotieren. Gemeinsam mit Luke begibt sie sich unmittelbar wieder in Gefahr und versucht, die Grenze zu Gilead zu überqueren, um ihre dort verbliebene erste Tochter zu retten.

Die fünfte Staffel handelt neben den Qualen der Dienstmägde in Gilead (zu denen rituelle Vergewaltigungen, Trennungen von und Entführungen der eigenen Kinder, Entrechtung und Versklavung zählen), von den psychischen Folgen von Gewalt und dem schmalen Grat zwischen Opfertum und Täterschaft, Widerstand und Rache. Eine zentrale verhandelte Frage ist, wann Gewalt legitim sein kann.

Die Serie arbeitet sich differenziert an der Verantwortung und Komplizenschaft der Frauen im misogynen Unterdrückungsregime ab und zeigt auf, welch fatale Folgen eine Spaltung und der Mangel an Solidarität unter Unterdrückten haben kann. Der Widerhall der realen historischen Versklavung Schwarzer Frauen, die – wie die Dienstmägde – verdingt, vergewaltigt, von ihren Kindern getrennt und denen Zugang zu Bildung verwehrt wurde, in einer fiktiven Dystopie weißer Frauen der oberen Mittelschicht wirkt geschichtsvergessen. Die warnende Versuchsanordnung ist in ihrem Kern kein fiktives Horrorszenario, sondern zu großen Teilen reale Geschichte der USA. Die Serie stellt dar, dass Menschenrechte stets umkämpft sind und immer wieder verteidigt werden müssen durch politische Wachheit, kollektive Organisation und eine breite, inklusive Solidarität unter Gefährdeten. Im Hinblick auf historische Sklavinnen wirkt die Botschaft jedoch zweifelhaft, weil sie nicht die Verantwortung der Vergewaltiger und Ausbeuter in den Vordergrund stellt, sondern diejenige der Opfer, die ihre Entrechtung haben „geschehen lassen“ durch einen Mangel an Schwesterlichkeit oder weil sie als Kompliz:innen den Tätern dienten. Die Verantwortung der Männer, die Gilead regieren, oder die historisch Schwarze Frauen versklavten, bleibt seltsam unerforscht.
 


Freigegeben ab …
 

12-Jährigen wird sich der feministische Diskurs um Selbstverantwortung und sexuelle und reproduktive Autonomie nicht in seiner Gänze erschließen. Die wenig jugendaffin gestaltete Serie mit einer starken, beeindruckend spielenden Protagonistin kommuniziert deutlich mit einem erwachsenen, tendenziell weiblichen Publikum. Der FSF-Prüfausschuss diskutierte die Wirkung der Darstellungen von Gewalt und Gewaltfolgen sowie von Rache und Selbstjustiz. Diese Darstellungen sind in der Regel nicht übermäßig drastisch, so dass für ab 12-Jährige keine nachhaltige Ängstigung vermutet wurde. Wird Selbstjustiz gut reflektiert und problematisiert, können Zuschauende ab 12 Jahren diese angemessen einordnen, weshalb in diesen Fällen keine sozialethische Desorientierung vermutet wurde. Distanzierend wirkt die dystopische, deutlich fiktive Genre-Zeichnung und relativierend die ruhigen, dialoggeprägten Handlungsstränge um interpersonelle Konflikte oder andere Ereignisse des Alltags.

Einige Folgen handeln von Lynchjustiz und der Genugtuung der Dienstmägde durch tödliche Racheakte. Diese durch explizite Gewaltdarstellungen wie Hinrichtungen, Erhängungen oder andere intensive physische Versehrungen geprägten Folgen, die teils desorientierende Haltungen zu Selbstjustiz enthalten, wurden für das Spätabendprogramm, verbunden mit einer Altersfreigabe ab 16 Jahren freigegeben. Ab 16-Jährige verfügen bereits über relativ gefestigte sozialethische Wertvorstellungen, können die Sachverhalte kontextualisieren, sich bei Bedarf abwenden und sich relativ kritisch mit dem Dargestellten auseinandersetzen, so dass sie nicht Gefahr laufen, nachhaltig geängstigt oder desorientiert zu werden.
 

Bitte beachten Sie:
Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Weiterlesen:
Sendezeiten und Altersfreigaben

 

Hinweis:
Pay-TV-Anbieter oder Streamingdienste können eine Jugendschutzsperre aktivieren, die von den Zuschauer:innen mit der Eingabe einer Jugendschutz-PIN freigeschaltet werden muss. In dem Fall gelten nicht die üblichen Sendezeitbeschränkungen und Schnittauflagen. Weitere Informationen zu Vorschriften und Anforderungen an digitale Vorsperren als Alternative zur Vergabe von Sendezeitbeschränkungen sind im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (§ 5 Abs. 3 Nr. 1§ 9 Abs. 2 JMStV) sowie in der Jugendschutzsatzung der Landesmedienanstalten (§ 2 bis § 5 JSS) zu finden.

Weiterlesen:
Jugendschutz bei Streamingdiensten